21.12.1992

In eigener Sache

Am 30. Juli 1945 erschien in dem von den Briten verantworteten Hannoverschen Nachrichtenblatt meine Besprechung der Oper "Carmen", die zwei Tage zuvor im Galeriegebäude des zerstörten Schlosses Herrenhausen zur Aufführung gekommen war. Ich gehörte damals als "Sub-Editor" einer zweiköpfigen Redaktion an, "Editor" war Dr. Friedrich Rasche, Freund des von den Nazis mit Schreibverbot belegten Erich Kästner.
Diesen "Editor" hatten die Engländer ausgewählt, weil er, wie sich von selbst versteht, ein Gegner des Nazi-Regimes gewesen war. Unglücklicherweise hatte er aber eher lyrisch-schöngeistige Interessen. Also brauchte er jemanden fürs Handfeste, und das war ich.
Friedrich Rasche kannte mich, denn nach meinem Kriegsabitur - "Der Führer schenkt euch ein Jahr", hieß es damals - im April 1941 hatte ich, um dem obligatorischen Arbeitsdienst zu entgehen, im Hannoverschen Anzeiger volontiert, bei dem Friedrich Rasche Feuilletonchef war und bei dessen H. A. Jugendfreund, einer von Rasche initiierten und geleiteten Jugendseite, ich als Schüler mitgearbeitet hatte. Um gegen die Diskriminierung seiner Frau, einer Halbjüdin, zu protestieren, ließ Friedrich Rasche bei Theaterpremieren stets demonstrativ den Platz neben sich frei.
Insgesamt, den nunmehr verkürzten Arbeitsdienst vom November 1941 bis Februar 1942 abgerechnet, war ich fast ein Jahr beim Hannoverschen Anzeiger tätig, ehe ich im April 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde.
Die Engländer legten nach Kriegsende bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter sehr strenge Maßstäbe an. NSDAP-Mitglieder und Mitarbeiter des Völkischen Beobachters fielen durch den Rost und wurden nicht berücksichtigt. Bei der Überprüfung verließen sich die Briten nicht nur auf die Angaben der Bewerber, sondern informierten sich auch bei den Alliierten und bei ihrem Intelligence Service, ehe sie jemanden als "clean" einstuften. Bloße Fürsprache, in meinem Fall also durch Friedrich Rasche, reichte ihnen durchaus nicht. Als sie mir 1946 die vorläufige Lizenz für den SPIEGEL gaben, hatten sie zuvor drei Mitbewerber aus zum Teil nichtigen Gründen abgelehnt.
Wie ist nun mein Text, den wir nebenstehend abdrucken, damit ein jeder sich ein Urteil darüber bilden kann, in die Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters geraten? Als Volontär beim Hannoverschen Anzeiger mußte ich jene Artikel vorsortieren, die für einen Abdruck im Feuilleton in Frage kamen. Eine wichtige Lieferantin solcher Texte war die Wiener Feuilleton-Agentur RO-MI des Schriftstellers und Übersetzers Robert Michel.
Die Agentur RO-MI wurde von uns mit Wohlwollen bedacht, weil sie harmlos-unpolitische Texte anbot. Ein paar Mal versuchte ich, einen eigenen Artikel in die Auswahl zu schmuggeln, doch mein Chef Rasche kam mir stets auf die Schliche und ermahnte mich mit den Worten: "Könnten wir mit derlei Spielchen nicht aufhören?" Also schickte ich ein oder zwei eigene Texte mit der Bitte um Vermittlung an die RO-MI.
Ich war inzwischen Soldat geworden und hörte nichts mehr von der Agentur, bis mir jetzt die Wiener Zeitschrift Forum die Maske vom Gesicht riß und mich zum Mitarbeiter des Völkischen Beobachters erklärte.
Ich blätterte daraufhin in alten Papieren und fand ein Belegexemplar der Metzer Zeitung am Abend (siehe Faksimile Seite 77), die es zwischen 1940 und 1944 gegeben hat, von deren Existenz ich aber bis heute nichts wußte. Es muß der Agentur damals also tatsächlich gelungen sein, ein und denselben Text von mir gleich zweimal unterzubringen. Vom Völkischen Beobachter aus Wien ist mir kein Belegexemplar zugegangen, Geld habe ich von keinem der beiden Blätter erhalten. Lediglich von der RO-MI bekam ich 25 Mark.
Kann man mich nun also als Mitarbeiter jenes Kampfblattes der NSDAP bezeichnen? Ich muß das den Lesern zur Beurteilung anheimgeben. Den Text, den ich mit 17 oder 18 Jahren geschrieben habe, finde ich gar nicht so schlecht, für den Völkischen Beobachter habe ich ihn nicht geschrieben. Das höchste Honorar bis Kriegsende strich ich für einen Leserbrief an Das Reich ein, in dem es um ein angeblich neues Nietzsche-Bild ging (er ist übrigens bekannt). Das waren 35 Mark, damals viel Geld für mich; beim Hannoverschen Anzeiger verdiente ich 75 Mark im Monat. Auch das war mehr als nichts.
Wenn der SPIEGEL Verdienste um unser Land hat, so waren es nicht meine, sondern unsere Verdienste. Die Strauß-Affäre nehme ich allerdings für mich in Anspruch. Sie bescherte dem Freistaat Bayern einen voluminösen Ministerpräsidenten und ersparte den Bonnern einen unberechenbaren, einen auf Atomwaffen erpichten Kanzler. Auch in der Ostpolitik gehörte ich zu den ersten, die halfen, das Eis zu brechen.
Alles übrige - die Flick-Affäre samt Selbstamnestie der Parteien für illegal kassierte Spendengelder, die Gewerkschaftskumpanei im Zusammenhang mit der Neuen Heimat und der co op, die kriminellen Machenschaften des Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel, die preisgekrönten Arbeiten von Redakteuren und Reportern -, das alles sollte durch ein jünglingshaftes Feuilleton, das man heute noch unbeanstandet in jeder mittleren Zeitung abdrucken könnte, in irgendeiner Weise berührt werden?
Die beiden von Deutschen verursachten Weltkriege sind von Historikern dieses Hauses gründlich aufgearbeitet worden wie kaum sonstwo. In umfangreichen Serien hat der SPIEGEL den Deutschen ihre Vergangenheit nahegebracht. Ein heuchlerisch-nazistisches Magazin ist er nie gewesen. Das Gegenteil ist der Fall.
PS: Zum Schluß nur noch soviel: Wer ernsthaft meint, ich hätte den SPIEGEL 46 Jahre lang autoritär leiten können, versteht nichts von unserem Gewerbe.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 52/1992
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