21.12.1992

KonzerneSchnell und solo

Die Deutsche Bank will das Problem Klöckner endgültig bereinigen. Tausende von Arbeitsplätzen sind bedroht.
Der Konkursverwalter Jobst Wellensiek, 61, gilt als Profi seines Gewerbes. Er hat die bayerische Maxhütte am Leben erhalten und den DDR-Kamerahersteller Pentacon abgewickelt.
Er sei "ein sozial denkender Mensch", sagt der freundliche Herr, sein oberstes Ziel sei die Rettung der Arbeitsplätze.
Das Motto gilt auch in Wellensieks jüngstem Fall: dem Vergleich der Klöckner-Werke. Doch ob er es auch durchsetzen kann, hängt wesentlich von Karl-Josef Neukirchen, genannt Kajo, ab.
Neukirchen, 50, ist schon rein äußerlich der Gegentyp zu Wellensiek: kantig und forsch. Im Auftrag der Deutschen Bank soll er die Krise bei Klöckner bereinigen, und zwar endgültig.
Seit einigen Wochen berät Neukirchen den Duisburger Vorstand unter dem Vorsitz von Hans Christoph von Rohr. Am Freitag vergangener Woche wählte ihn der Aufsichtsrat zu seinem Vorsitzenden.
Ulrich Cartellieri, das für das Industriegeschäft zuständige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, entwickelte den Vergleichsplan, seiner Ansicht nach die "einzige Überlebenschance". Neukirchen entwarf ein industrielles Konzept für die Zeit danach.
Für die Deutsche Bank steht viel auf dem Spiel, Cartellieri soll den Schaden begrenzen. Seit Gründung des einstigen Familien-Imperiums ist die Deutsche Bank Hausbank. Miterbe Jörg Henle saß bis vor vier Jahren sogar in ihrem Aufsichtsrat.
Die Henle-Brüder sind die Hauptschuldigen am Niedergang der Firmen-Gruppe. Der jüngere Christian Peter brachte durch mangelnde Aufsicht das Handelshaus Klöckner & Co und den Maschinenbau-Konzern Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) kurz vor den Konkurs.
Jörg Henle hat als Stahlvorstandsmitglied der Klöckner-Werke den überdimensionierten Ausbau der Stahlwerke in Bremen zu verantworten. Der Komplex ist eine wesentliche Ursache des langen Siechtums der Firma.
Neukirchen spielte für die Deutsche Bank Feuerwehr bei KHD. Er strich 6300 Arbeitsplätze und brachte das Unternehmen nach drei Jahren in die Gewinnzone.
Die Bank schickte ihren Mann für alle Fälle anschließend zu Hoesch. Als dort der Konkurrent Krupp die Macht übernahm, ging Neukirchen. Jetzt braucht die Bank ihn wieder.
Nun muß Neukirchen bei Klöckner zeigen, was er bei KHD schon vorexerziert hat. Wieder geht es um Tausende von Arbeitsplätzen.
Bis es dazu kommt, muß Cartellieri den Vergleich geregelt haben. Auf 60 Prozent ihrer Forderungen wollen die rund 70 Großgläubiger, Banken und Lieferanten, verzichten. Einige sind verärgert, andere wollen eine höhere Vergleichsquote fordern.
Er habe alle Möglichkeiten durchgespielt, beteuert Cartellieri. Ein dritter Kapitalschnitt mit gleichzeitigem Geldeinschuß, nach 1980 und 1987, sei den Anteilseignern nicht zumutbar gewesen und hätte nicht viel in die Kasse gebracht. Auch eine brutale Zerschlagung des Konzerns durch Konkurs der Stahlsparte oder Verkauf des gewinnbringenden Maschinenbau- und Kunststoffbereichs (geschätzter Wert: 800 Millionen Mark) hätte zuwenig Liquidität und Entlastung gebracht.
Im November habe sich die Vertrauenskrise so zugespitzt, sagt Cartellieri, da habe die Bank "schnell und solo" handeln müssen. Nur die beiden Großbanken Westdeutsche Landesbank und Dresdner Bank wurden zu diesem Zeitpunkt über die Pläne informiert.
In einer solchen Notlage, so Cartellieri, müsse jeder für sein Verhalten Verständnis haben. Da gehe es "nicht mehr um Formen, sondern um Inhalte".
"Wenn alles gutgeht", meint Jobst Wellensiek, könne er den Vergleich in vier Monaten über die Runden haben. Er hat sich bereits ein Büro im Klöckner-Haus herrichten lassen.
Doch der Vergleich gilt erst dann als angenommen, wenn die Mehrheit der Gläubiger mit drei Viertel der Forderungen dem Vorschlag zustimmt. Die ersten Beschwerden hat Wellensiek bereits erhalten.
Wortführer unter Cartellieris Kritikern sind Sparkassen, der Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) und die Ruhrkohle AG. Sie vertreten knapp eine Milliarde von insgesamt 2,7 Milliarden Mark Forderungen.
Die PSV-Kontrolleure staunten nicht schlecht, als sie die Pensionskasse inspizierten. Es fehlten elf Millionen Mark.
Der PSV, ein Feuerwehr-Verein der Wirtschaft, hat sich verpflichtet, für alle unverfallbaren Pensionsansprüche von Arbeitnehmern in Vergleichs- und Konkursfällen geradezustehen. Der Klöckner-Vergleich kostet ihn rund 350 Millionen Mark.
Der PSV wäre von einem Vergleich am stärksten betroffen. Erst dann käme die Deutsche Bank mit 140 Millionen Mark Forderungsverzicht, WestLB und Dresdner Bank müßten jeweils rund 100 Millionen Mark abschreiben.
Bei der Ruhrkohle haben die Klöckner-Werke 165 Millionen Mark Schulden. Die Kohlemanager trauen den Kollegen nicht mehr. Sie verlangen bereits Vorkasse für neue Lieferungen.
Nach Plänen der Klöckner-Strategen ist die Ruhrkohle in Bremen ohnehin bald nicht mehr im Geschäft. Die Zukunft Klöckners nach dem Vergleich soll möglichst ohne den Stahl stattfinden.
Wunschpartner ist Hoogovens. Der niederländische Konzern soll als Kooperationspartner Rohstahl liefern, den Klöckner in Bremen weiterverarbeitet.
3000 Stahlarbeiter an der Küste müssen um ihre Jobs bangen. Klöckner hätte nicht nur die Personalkosten drastisch gekappt, der Konzern wäre auch noch um rund 70 Millionen Mark entlastet, die er jetzt noch für die Verfeuerung der teureren Ruhrkohle bezahlen muß. Nach dem Hüttenvertrag sind die deutschen Stahlkocher zur Abnahme der heimischen Kohle verpflichtet.
"Wir lassen uns nicht einfach hinschlachten", schimpft Stahl-Betriebsratschef Peter Sörgel. Er setzt auf Wellensiek.
Die Deutsche Bank setzt auf Neukirchen.

DER SPIEGEL 52/1992
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