21.12.1992

„Den Preis hochschrauben“

Dugan, 55, hält im Gegensatz zu den meisten Washingtoner Militärs einen Einsatz des Westens zugunsten der Bosnier für erfolgversprechend. Seinen Posten als ranghöchster Soldat der US-Luftwaffe mußte der selbstbewußte Strategie-Experte vor zwei Jahren aufgeben, weil er öffentlich die - später verwirklichten - Einsatzmöglichkeiten seiner Luftstreitkräfte gegen den Golfaggressor Saddam Hussein angepriesen hatte.
SPIEGEL: Die Nato erwägt, das von der Uno verhängte Flugverbot über Bosnien militärisch durchzusetzen. Würde das die Serben wirklich einschüchtern?
DUGAN: Zunächst wäre es nur ein Symbol, aber ein erster Schritt in die richtige Richtung. Symbolik ist sehr wichtig - politisch wie militärisch. Praktisch würde ein solcher Einsatz bedeuten, daß die USA, Europa und die Welt dem Geschehen in Bosnien nicht länger den Rücken kehrten.
SPIEGEL: Könnte die Nato das Flugverbot auch ohne amerikanische Hilfe erzwingen?
DUGAN: Technisch wäre das möglich. Aber die Nato ist eine Organisation, in der bei jeder wichtigen Entscheidung jedes einzelne Land zustimmen muß. Noch scheinen nicht alle Mitgliedstaaten zu einer festen Haltung in der Bosnien-Frage bereit zu sein. Deshalb brauchen wir wohl eine eigens zu diesem Zweck gebildete Koalition.
SPIEGEL: Was für Streitkräfte bräuchten Sie für eine solche Operation?
DUGAN: Nicht viele. Wenn Stützpunkte in Italien benutzt werden könnten, wäre die Aufgabe natürlich viel einfacher zu lösen. Von See aus wären ein bis zwei Flugzeugträger notwendig. Es würden weniger Maschinen gebraucht, wenn Awacs-Spähflugzeuge den Luftraum kontinuierlich überwachen könnten. Es wäre denkbar, daß die Nato ihre Awacs zu einem solchen Einsatz freigibt.
SPIEGEL: Sie fordern aber auch Luftangriffe gegen Bodenziele. Was wollen Sie bombardieren?
DUGAN: Einige Jagdbomber-Geschwader könnten Ziele in Serbien und Bosnien angreifen, die für die Kämpfe in Bosnien besonders wichtig sind. Damit würde die Auseinandersetzung an die Machtbasis getragen, der Hebel an den Schwerpunkten angesetzt. Wir sollten den Preis so hochschrauben, daß es für Serbien weder politisch noch wirtschaftlich vertretbar wäre, Bosnien weiter zu bedrängen.
SPIEGEL: Wären Luftangriffe auf serbische Artillerie und Panzerkräfte erforderlich?
DUGAN: Ich kann mich für solche taktischen Angriffe nicht begeistern. Für ein schnelles Ende der Feindseligkeiten wäre es weit wirksamer, wenn wirklich bedeutende Ziele in Serbien selbst angegriffen würden. Ein Militäreinsatz führt schneller zum Erfolg, wenn er sich gegen den feindlichen General richtet, nicht gegen den Feldwebel.
SPIEGEL: Könnten Bosniens Serben nicht auch ohne Hilfe aus Serbien weiterkämpfen?
DUGAN: Da geht es ihnen wie den Bosniern selbst: Sie brauchen Nachschub, Verpflegung, Munition. Wichtiger noch: Sie brauchen Weisungen und Anleitung von ihrer militärischen Führung. Die aber wäre ein Schwerpunkt für die Angriffe.
SPIEGEL: Wie schnell könnte der Westen eine solche Auseinandersetzung gewinnen?
DUGAN: Das hängt davon ab, welche Ziele gesetzt werden. Wenn Sieg heißt, die Bosnier zur Selbstverteidigung zu befähigen, ihnen das Gefühl zu verschaffen, daß sie nicht allein sind, dann ist der Erfolg schnell sichtbar. Ich glaube nicht, daß die Europäer oder die USA dort einmarschieren und eine politische Lösung durchsetzen können. Das würde kaum Spannungen auflösen, unter denen die Region seit Jahrhunderten leidet. Aber genausowenig können wir untätig zusehen, wie ein ganzes Land ethnisch gesäubert wird.
SPIEGEL: Sehen Sie die Gefahr, daß in Bosnien am Ende doch Bodentruppen eingesetzt werden müßten?
DUGAN: Es mag sein, daß in kleinerem Umfang Spezialeinheiten tätig werden müssen, die bei der Bewaffnung und der Ausbildung der Bosnier helfen. Aber ich würde dort unter keinen Umständen Hunderttausende Soldaten einsetzen.
SPIEGEL: Es scheint viel einfacher zu sein, Alliierte für einen Einsatz in Somalia zu gewinnen als für eine Intervention in Bosnien. Sollten die Amerikaner auf dem Balkan notfalls auch ohne Verbündete eingreifen?
DUGAN: So wie die Welt heute aussieht, sind Alleingänge kaum noch vorstellbar. Doch schon mit demonstrativer Führungsinitiative könnten die USA eine Koalition zusammenbringen.
SPIEGEL: Jedes militärische Eingreifen würde vermutlich die Uno-Friedenstruppen in Bosnien gefährden und ihre Hilfseinsätze beenden. Könnte dann der Tod von Tausenden Zivilisten überhaupt noch verhindert werden?
DUGAN: Mit ein klein wenig Unterstützung könnten die Bosnier vieles von dem, was die Blauhelme heute erledigen, selbst übernehmen. Voraussetzung dazu wäre eine Änderung des Waffenembargos, das in der Praxis bislang ausschließlich Bosnien trifft. Um langfristig Stabilität zu schaffen, müssen die Bosnier in die Lage versetzt werden, sich selbst verteidigen und sich darauf verlassen zu können, daß wenigstens einige ihrer Nachbarn mehr als nur symbolische Hilfe leisten.
SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben US-Soldaten am Golf gekämpft, vor zwei Wochen sind sie in Somalia gelandet. Hat das Ende des Kalten Krieges die Schwelle für militärisches Handeln gesenkt?
DUGAN: Die Gefahr eines existenzbedrohenden Krieges ist für den Westen heute weitaus geringer, andere Gefahren hingegen sind gewachsen. Wir haben einen vertrauten Feind verloren, dessen Verhalten wir in einem gewissen Umfang vorhersagen konnten. Langfristig ist das natürlich nur vorteilhaft, zunächst vergrößert es aber die Unsicherheit. Das ist der Preis des Wandels, und ohne Wandel gibt es keinen Fortschritt.
SPIEGEL: Sollte Washington Uno-Generalsekretär Ghali beim Aufbau einer multinationalen Eingreiftruppe der Weltorganisation unterstützen? Oder kann die Supermacht USA Militäreinsätze nur unter eigener Führung wagen?
DUGAN: Es besteht Bedarf für eine schnelle Eingreiftruppe der Uno. Gleichwohl muß eine gewisse Kontrolle jener Länder gewährleistet bleiben, die Soldaten für eine solche Truppe stellen.
SPIEGEL: Muß also Washington weiterhin jeden Einsatz leiten, an dem Amerikaner beteiligt sind?
DUGAN: Nein. Die Amerikaner müssen Zusammenarbeit lernen. Natürlich wird es auch künftig viele Fälle geben, in denen der US-Beitrag unerläßlich ist. Aber das sollte nicht den Anspruch begründen, das einzige Land zu sein, das so etwas leisten kann.

DER SPIEGEL 52/1992
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