21.12.1992

„Nieder mit der Grenze“

Zweimal am Tag unternimmt Nikolai Worodin mit seinem klapprigen Lastwagen die nervenzehrende Fahrt: Im Niemandsland gleich hinter der russischen Grenze, noch weit vor dem Schlagbaum der Esten, hängt er regelmäßig mitten auf der Brücke im Stau fest - 20 Meter hoch über dem brodelnden Narwa-Fluß.
"Tschjort poberi", hol''s der Teufel, schimpft Worodin, stellt die Zündung ab und gerät ins Politisieren: "So war es schon unter der Sowjetmacht: Erst wird gehandelt, dann über die Folgen nachgedacht." Bis zu fünf Stunden trödele er jeden Tag "an dieser komischen Grenze" herum. "Eesti Vabariik" (Republik Estland) steht dort neuerdings auf der Festungsmauer, der massiven Hinterlassenschaft aus der Schweden-Zeit.
Seither haben sich Worodins alltägliche Transporte von Baumaterial aus dem russischen Iwangorod in die Schwesterstadt Narwa auf der anderen Flußseite, früher keine zehn Minuten Fahrt, in komplizierte Auslandsreisen verwandelt. Nach dem mißlungenen Moskauer Putsch im vorigen Jahr hatten die Balten die fast vergessene Grenze zum Reich _(* Zwischen Estland und Rußland bei ) _(Narwa. ) der einstigen Besatzungsmacht eine Zeitlang sogar ganz zugesperrt.
Was dem Russen Worodin ein ärgerliches Hindernis ist, gilt den Esten als Heiligtum ihrer Unabhängigkeit - kläglich provisorisch noch, doch mit allen Chancen, die Perfektion der alten Grenzschutzanlagen sowjetischen Typs zu erreichen: Die Brückenauffahrt unterhalb der Festung ist mit rissigen Betonblöcken verstellt; Grenzpolizei und Immigrationsbehörde sind in ausrangierte Waggons gezwängt; der Zoll residiert in einem Loch im Burggemäuer. Eifrig und zeitraubend wird jeder Ankömmling aus dem slawischen Nachbarland überprüft.
Auch die andere, die russische Seite mauert. "Monatelang stand Rußland offen wie ein Scheunentor", schaudert es einen Patrioten aus Iwangorod. Das erste russische Grenzaufgebot aus den Reihen der Sonderpolizei (Omon) wurde zum Kampf gegen die Georgier an die abchasische Bürgerkriegsfront abgezogen. Inzwischen haben Grenztruppen am Stadtausgang Posten bezogen.
Die Wehrpflichtigen des russischen Majors Sergej Schischin sind wie früher der Moskauer Staatssicherheit unterstellt. Sie haben zuallererst das Schild mit der Aufschrift "Brücke der Freundschaft" abgebaut. Jetzt steht ein grüngestrichenes Wachhäuschen an der Zufahrt zum Fluß.
Die schiefe Bude mit mobilem Kanonenöfchen bietet drei frierenden Soldaten Schutz. Mit Maschinenpistolen bewaffnet, bilden sie den wichtigsten Vorposten der Großmacht Rußland westlich von St. Petersburg.
Oben auf der Festung von Iwangorod weht die russische Trikolore wie zur Erinnerung an bessere Zeiten: Nur ein paar Büchsenschüsse von hier, auf dem Eis des Peipus-Sees, schlug Fürst Alexander Newski vor 750 Jahren die deutschen Ordensritter. Zar Iwan III. setzte anderthalb Jahrhunderte später Wehranlagen auf den Berg, als Symbol russischer Hegemonieansprüche im Baltikum.
Durch Iwangorod zogen die Kaufleute der Hanse auf ihren Handelsreisen zwischen Ost und West. Von der Zeit Peters des Großen bis zum letzten Zaren (und dann wieder unter Stalin) gehörte sogar der Brückenkopf jenseits des Flusses, das deutsch-estnische Narwa, zum Moskowiter-Reich. Das ist nun verloren.
Die Moskauer Herren von heute suchen zusammenzuhalten, was ihnen noch an russischer Erde geblieben ist. Anfang November erhoben sie den Streifen am Schilderhäuschen von Iwangorod samt weiteren 755 Kilometern Demarkationslinie zum Baltikum in den Rang einer "Staatsgrenze". Damit hat Rußland den Landverlust im Nordwesten der ehemaligen Union hingenommen.
Oberst Alexander Baranow vom Stab der russischen Grenztruppen amüsiert sich über den Beschluß des Parlaments im fernen Moskau: "Niemand weiß bis jetzt, was unter einer Staatsgrenze zu verstehen ist."
Seit die von 260 000 Grenzern einst rigoros abgeriegelte UdSSR in Liquidation ging, zerbröckelt sie an äußeren und inneren Grenzen. Zwischen den Unionserben gibt es bislang kaum Grenzverträge. Im Auftrag des Nachfolgevereins GUS operieren russische Grenzwächter tief im fremden Nachbarland, beispielsweise in der Bürgerkriegsregion von Tadschikistan, 2000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, wo sie gegen den Schmuggelstrom von Waffen und Rauschgift aus Afghanistan kämpfen.
Undurchschaubar ist die Lage an Rußlands Grenzen schon deshalb, weil oft niemand weiß, wo sie eigentlich verlaufen. Moskaus Landkartenzeichner vom führenden Unternehmen "Kartografija" haben zwar eilends einen GUS-Atlas fertiggestellt. Doch einen Plan von Rußland herzustellen ist weit schwieriger: "Wir können nicht einmal sagen, wie lang unsere Landesgrenze derzeit ist", klagt Generaldirektor Wladimir Filatow.
Dafür haben die neuen Nachbarrepubliken an der vermuteten Linie meist schon ihre eigenen Regeln festgelegt und Zollorgane etabliert, um die knappen Versorgungsgüter und wackligen Währungen zu sichern. Im Fernzug Charkow-Moskau konfiszieren ukrainische Kontrolleure den größten Teil der von russischen Passagieren mitgeführten Hamsterwaren: Fernseher, Radios, Butter, Würste; die Lebensmittel werfen sie mitunter, nach altem Sowjetbrauch zur Demütigung der Gefilzten, einfach zu den Waggontüren hinaus. Und an der Außengrenze zu Polen, im Gebiet Kaliningrad, schützen Stacheldraht und deutsche Schäferhunde den russischen Staat.
Die Balten hindern niemanden an der Ausreise. Sie interessiert nur als Symbol neu gewonnener Souveränität der eigene Sichtvermerk. Ausländer, die früher pauschal als Sicherheitsrisiko betrachtet und deshalb peinlichst kontrolliert wurden, können jetzt ganz ungehindert ins unüberschaubare Landesinnere Rußlands vordringen, weshalb dort Furcht um sich greift, vom Baltikum her wandere allerlei unerwünschtes Volk ein.
Der Untergang der Union hat alte Gebietsansprüche wiederbelebt. 25 Millionen Russen, mehr als die Bevölkerung Jugoslawiens vor dem Bürgerkrieg, wachten über Nacht im Ausland auf. Was sich den Bürgern als ein friedlicher Völkerfrühling darstellte, ist inzwischen an den Grenzen zu miefiger Kleinstaaterei verkommen.
In einer grünen Wellblechbude unterhalb der Iwangoroder Festung hockt Alexander Imenow, 43, entlassener Major der Luftabwehr aus dem nahen Pskow (Pleskau). Die Armeeuniform hat er gegen grüne Zöllnerkluft vertauscht. Imenow entscheidet über die Ein- und Ausreise von 3000 Autos und rund 500 Lastzügen, die jeden Tag an sein stickiges Gehäuse heranrollen.
Seine Männer drehen wortkarg und schlecht gelaunt die Papiere eines Lkw-Fahrers kaukasischer Herkunft hin und her, der Durchlaß nach Estland begehrt. Die Entscheidung wird nur per Kopfbewegung mitgeteilt: "Raus" - aus der Bude, nicht aus Rußland.
Ergeben trollt sich der Abgewiesene und macht sich auf den Rückweg nach St. Petersburg. Seine 15 Tonnen Mehl waren nicht deklariert.
Der Kontrolleur Imenow kämpft wider die Warenflucht nach Westen, ein mühseliger Kleinkrieg. Ohne russische Ausfuhrgenehmigung und Zoll in Höhe von 25 Prozent des Warenwerts darf er nichts aus dem Land lassen. Allein drei Laster haben seine Männer seit dem Morgen nach St. Petersburg zurückeskortiert: Unter unverfänglichem Gut hatten die Absender, laut Imenow "irgendwelche Strohmänner", mehrere Tonnen wertvoller Buntmetalle versteckt.
Vor der Zollstation stehen - längst eingeschneit, mit platten Reifen - 15 Lastwagen nebeneinander. Imenow hat den Fahrern eine Gnadenfrist zur Beschaffung ordentlicher Papiere gewährt und sie ins Hinterland zurückgeschickt. Zur Sicherheit schraubt einer der Zöllner mit klammen Fingern noch die polizeilichen Kennzeichen ab.
Der Transport aus Rußland nach Estland ist ein Bombengeschäft, weil die dort geltende Währung, die Krone, konvertierbar ist. In Tallinns Hafen läßt sich der Gewinn vervielfältigen, Rußlands Privathändler tauschen den einzigen Landesreichtum - Rohstoffe - jenseits der Grenzen in klingende Münze um: Stahl, Nickel, Benzin.
"Wie ein gewaltiger Staubsauger" wirke das von Rußland abgekoppelte Baltikum, beschwert sich der für Schmuggel zuständige Michail Waninoi vom Moskauer Zollkomitee. Wegen fehlenden Personals würden lediglich sieben Prozent der Güter an den neuen Grenzen kontrolliert: Für sechs Millionen Rubel verliere Rußland täglich Waren.
Da die Tonne Kupferschrott, in Moskau derzeit für rund 800 Dollar gehandelt, an der Londoner Metallbörse fast das Dreifache bringt, hat sich das rohstoffarme Baltikum einen beachtlichen Weltlistenrang als Buntmetallexporteur erhandelt. In den ersten neun Monaten 1992 waren es 27 500 Tonnen (1989: null Tonnen).
Estlands Grenzer wiederum möchten ihren jungen Staat vom Warenstrom profitieren lassen. Die nötige Härte übt auch Oleg Galizki, der seiner Nationalität nach Russe ist, aber seit 26 Jahren in Narwa lebt. Nun ist er Zolloberinspektor der Esten, obwohl ihm die estnische Staatsbürgerschaft noch fehlt. Seine Loyalität gehört dennoch den neuen Herren.
Morgens zehn vor sechs hält oben an der Eisenbahnbrücke über die Narwa der Nachtzug aus Moskau. Decken- und Bodenplatten werden abgeschraubt, Toilettendeckel gelüftet, die Waggonverkleidung wird abgeklopft: Wer mehr als einen Liter Wodka oder 200 Zigaretten für die Verwandten nach Estland über die Grenze schmuggeln will, muß bis zu 300 Kronen (37 Mark) Strafe zahlen.
Ein Schmuggelpfad führt flußaufwärts durch das flache Felsbett der Narwa, an einer schon von Hansehändlern im Mittelalter genutzten Furt. Ursus, 19, für ein Jahr zum patriotischen Dienst an die Heimatgrenze abkommandierter Traktorfahrer, drückt sich unterhalb einer halbzerfallenen Wäscherei ins Gebüsch. Hilflos starrt der Junge aufs russische Ufer hinauf, doch heute, gottlob, bleiben die "Kontrabandisty" aus. Nachts peitschen mitunter Salven aus Maschinenpistolen über den Fluß.
Seine Vorsicht ist verständlich. Er hält zwar Wacht auf estnischem Boden, doch ist er von Feinden umgeben: In Estlands Nordostzipfel Narwa wohnen seit Jahrzehnten überwiegend Russen, die nach dem Einmarsch der Roten Armee 1940 und 1944 in dem Industriegebiet angesiedelt wurden. Um für sie Platz zu schaffen, wurden 22 000 Einheimische als "Weißgardisten, Spione und Ausbeuter" nach Sibirien deportiert. Heute leben nur noch 3500 Esten in der Stadt, sie stellen vier Prozent der Einwohner.
Nach Proklamation der estnischen Unabhängigkeit fanden sich die Russen plötzlich selbst zur Randgruppe degradiert, mit weniger Rechten als die Esten und ohne Staatsbürgerschaft. Um einen einheimischen Paß zu erhalten, müssen die "Okkupanten", wie die Esten sie schimpfen, wenigstens ein bißchen die Landessprache sprechen. Kaum einer von ihnen hielt es je für nötig, Estnisch zu erlernen - sie waren die Herren. Vorbei.
Von den Wahlen im September schlossen die Esten die ungeliebten Mitbewohner aus. Die 475 000 Russen seien allesamt "illegal hierhergekommene Kolonisatoren", befand Außenminister Trivimi Velliste, da hätte ja auch "die Gestapo in Paris ihre Uniformen ausziehen, den Status einer deutschen Minderheit beanspruchen und die französische Staatsbürgerschaft fordern" können.
In Narwa herrscht Empörung: 90 Prozent der 84 000 Einwohner waren vom Votum ausgeschlossen. In der Stadt wird Arbeit immer knapper, weil Rußland keine Rohstoffe mehr schickt und Estland die Produkte der von den Russen aufgebauten Industrie kaum braucht.
"Nieder mit der Grenze", schallt es allabendlich um halb sechs vor dem Haus des Stadtrats. Aktivisten bilden ihre Streikkette rund um den örtlichen Regierungssitz. "Sie als Russe", stachelt ein Handzettel die Demonstranten auf, "sind rechtlos und ohne Zukunft in diesem Land." Die Forderungen der Russen: Abtrennung Nordost-Estlands und Proklamierung Narwas zur "Freien Stadt".
Die Esten sind überzeugt, daß der 26köpfige Stadtrat den Unmut des Volkes selbst organisiert hat. Ratsvorsitzender Wladimir Tschuikin bestreitet das zwar, aber die drohende Sprache des ehemaligen KP-Funktionärs ist verräterisch: "Chaos wie in Belfast" prophezeit er, oder wie in der Dnjestr-Republik - jenem Kunstgebilde im moldawischen Osten, wo Russen seit dem Frühjahr blutigen Widerstand gegen die Unabhängigkeitsregierung in Chisinau leisteten.
Tschuikin überweist, "um den 7000 Arbeitslosen zu helfen", keine Steuern mehr an den estnischen Fiskus. Die Regierung in Tallinn wertete diese Eigenmächtigkeit als "Anschlag auf Estlands Souveränität".
Seinen Landsmann Sergej Gorochow hatte Tschuikin aus dem Stadtparlament gefeuert, weil der - ein Sozialdemokrat - sich den Autonomie-Plänen für das Narwa-Gebiet widersetzt; die Esten haben Gorochow dafür "ehrenhalber" mit ihrer Staatsbürgerschaft ausgezeichnet. Der hält den Widerstand gegen Tallinn für ferngesteuert. "Drei, vier Leute kommandieren die gesamte Bevölkerung", glaubt auch der Este Ahto Siig von der Nationalen Unabhängigkeitspartei.
Einer aus dem Quartett heißt Jurij Mischin. "Glauben Sie den Esten nicht", warnt er seine Besucher: "Sie kriegen nie deren Staatsbürgerschaft." Vor ihm sitzt ein Dutzend verzweifelter Rentner aus der Stadt.
Vier Kronen koste eine Telefonminute nach St. Petersburg, nur noch mit dem Paß komme er ins Schwitzbad nach Iwangorod - "unglaublich", entrüstet sich ein Alter mit einer Monatsrente von 250 Kronen. "Totalitär" seien die Esten und "inhuman".
Der arbeitslose Mischin bestärkt ihn darin. Er hat sich zum Chef eines vom Stadtrat finanzierten "Russischen Bürgerkomitees" ernannt und residiert in einem Dachstübchen 200 Meter von der Grenzbrücke entfernt.
Nach dem KP-Verbot und anschließendem Karriereknick hat Mischin es zum Ehrenkonsul Moskaus gebracht: Als rechte Hand des gerade in Tallinn eingetroffenen russischen Botschafters vermittelt Mischin den Staatenlosen von Narwa die russische Staatsbürgerschaft. "Ich gratuliere Ihnen dazu", schüttelt er einem Alten so kräftig die Hand, als stünde wie einst die Parteipresse zum Protokollieren bereit. Alexej Iljuschenkow bekommt als 2614. Antragsteller einen russischen Paß.
Die nächste ist Diana Jeremejewa, 62. Vor 20 Jahren begleitete sie ihren aus Leningrad abkommandierten Mann nach Narwa. Kommt heute ihr Sohn aus Rußland zu Besuch, braucht er dafür Visum und Einladung, 11 Kronen kostet das Amtspapier, "aber 260 kriege ich nur als Rente. Das geht alles für Miete, Strom und Brot drauf", klagt die Frau. "Und eine Krone fürs Übersetzen der Einladung ins Estnische", legt Agitator Mischin nach.
Auch Diana Jeremejewa nutzt den kleinen Grenzverkehr. Regelmäßig zieht sie im Strom der Narwaer Hausfrauen über die Grenzbrücke Richtung Iwangorod. An der zentralen Kreuzung der Stadt, in der die Uhr nach Moskauer Zeitrechnung eine Stunde weiter vorgerückt ist als in Narwa, stehen allmorgendlich Händler aus dem St. Petersburger Gebiet bereit.
Auf den dreckverkrusteten Motorhauben der Autos sind Würste, Fleischbatzen und Wodkaflaschen aufgereiht. Mit der Kelle wird Mayonnaise von offenen Lastwagen aus gereicht, geschlachtete Hähnchen recken ihre Beine in die Luft.
Geduldig schiebt sich die Hausfrauenschlange über den bunten Markt: In Narwa sind die Grundnahrungsmittel dreimal teurer. Der Andrang vom estnischen Ufer macht das kleine Iwangorod zur ersten Stadt Rußlands, die Brotmarken austeilen muß. "Auf einen von uns", so Bürgermeister Wiktor Dmitrijew, "kommen sieben Leute aus Narwa."
Nun machen auch die Russen ihre Seite dicht. Unten am Flußufer planiert eine Raupe bereits den Boden für eine große Grenzstation. Vorigen Mittwoch wurde auf Beschluß des Gebietsparlaments von St. Petersburg eine Fünf-Kilometer-Schutzzone eingeführt, obwohl noch die Unterschrift der Esten unter das vorbereitete Grenzabkommen fehlt.
Jedes Mal, wenn Iwangorods Bürgermeister Dmitrijew in der Grenzkommission mit Emissären aus Tallinn über Verwandtenbesuche und Austausch kommunaler Dienstleistungen verhandelt, erlebt er, daß "die Esten stur schweigen". Grund: In estnischer Sicht muß die Grenze zwölf Kilometer weiter östlich verlaufen - wie vor 1945.
"Glatter Raub", wehrt Dmitrijew den Rückerstattungsanspruch der Esten ab. Wenn nur noch in der Sprache der Ultimaten verhandelt werde, "dann geht hier der Teufel los".
"Narwa und Iwangorod waren immer eins", hämmert Ratsvorsitzender Tschuikin der russischen Landsmannschaft auf seinen Kundgebungen ein. Der in Narwa aufgewachsene Sergej Gorochow wiederum befindet, eigentlich habe der estnische Westen nie etwas mit dem russischen Ostufer zu tun gehabt: "Wir waren schon immer Europa", zieht er seine eigene kontinentale Grenze am Narwa-Fluß gegen Asien.
Immerdar wurden alle verstorbenen Russen von Narwa auf den Gottesacker von Iwangorod gebracht, während Esten, Deutsche und Schweden gemeinsam auf dem Johannisfriedhof am Westufer ruhen. Zu Lebzeiten aber kannten sie keine Schranken. *VITA-KASTEN-2 *ÜBERSCHRIFT:
Die Leiden der Russen *
enden nicht mit dem Kollaps des Kommunismus. In Momentaufnahmen der russischen Wirklichkeit beschreibt der SPIEGEL, auf welche Widernisse das weltgeschichtliche Experiment stößt, ein neues Gesellschaftssystem für 150 Millionen Menschen zu finden. Der zweite Teil der Berichte, die in lockerer Folge erscheinen, schildert den Wirrwarr der neuen Grenzziehungen nach dem Untergang der Union.
[Grafiktext]
_138_ Rußland: Grenzübergang Iwangorod/Narwa
[GrafiktextEnde]
* Zwischen Estland und Rußland bei Narwa.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 52/1992
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