21.12.1992

RußlandMeister der Planziffer

Der neue Ministerpräsident Tschernomyrdin setzt wieder auf die Schwerindustrie - zur Freude der Rüstungsdirektoren.
Die Kinder auf der Straße fielen mit blutenden Nasen in Ohnmacht, es war wie ein Giftgasangriff, berichtete Untersuchungsführer Konstantin Kiwwa. Am Unterlauf der Wolga war 1986 eines der größten Erdgaslager der Welt angebohrt worden, allen Warnungen zum Trotz: Das Gas dort besteht zu einem Drittel aus Schwefelwasserstoff und Giften.
Statt das halbe Hundert Bohrlöcher sofort stillzulegen, entließ das zuständige Ministerium für Gasindustrie die Ingenieure, die gewarnt hatten, und fälschte Meßdaten. An die Dörfler in der Umgebung wurden 3000 Gasmasken ausgegeben.
Der verantwortliche Minister hieß Wiktor Tschernomyrdin, 54. Seit voriger Woche ist er Ministerpräsident Rußlands.
Der Gasfachmann steht für die brutalste Industrialisierung Rußlands, er hat eine Bilderbuchkarriere der Breschnew-Ära hinter sich.
Der Schlosser aus dem Ural trat nach dreijährigem Wehrdienst 1961 der Partei bei, was ihm ein Ingenieurstudium und einen Schreibtisch im lokalen Parteiapparat eintrug. Er übernahm den Direktorenposten der Gasfabrik von Orenburg und diente weitere vier Jahre in der Moskauer ZK-Zentrale, mit Zuständigkeit für die Grundstoffindustrie.
Als sich das Ende Breschnews abzeichnete, wechselte Tschernomyrdin in die Gasindustrie als Vizeminister; einen Monat vor Gorbatschows Machtantritt wurde er 1985 Minister. Nach Umwandlung seines Ministeriums in einen Konzern ("Gasprom") nannte er sich Generaldirektor, seit Mai wieder Minister und Vizepremier - bis zur vorigen Woche: ein gestandener Repräsentant jener Direktoren von Staatsbetrieben, die unter Tschernomyrdin-Vorgänger Jegor Gaidar um ihre Macht samt Privilegien bangen mußten.
Vor allem möchten sie keinesfalls ihre zwölf Millionen Rüstungsarbeiter in 4000 Waffenfabriken, Stolz und Garantie der Großmacht Rußland, der Arbeitslosigkeit überantworten.
Nun haben sie gesiegt. Ihre Lobby, die Mehrheit des russischen Volksdeputiertenkongresses, ließ nach zwölf zermürbenden Debattentagen mit Beschimpfungen und Protestgebrüll dem russischen Präsidenten Boris Jelzin kaum noch Entscheidungsspielraum.
Aus einer Dreier-Liste durfte Jelzin seinen Premier aussuchen. Den vom Parlament Erstplazierten, Jurij Skokow, vormals Rüstungsdirektor, hielt der Präsident für unentbehrlich auf seinem gegenwärtigen Sekretärsposten im Sicherheitsrat. Dritter auf der Liste war Jegor Gaidar, dem 492 Abgeordnete (gegen 400) ihr Mißtrauen bekundet hatten.
Jelzin forderte den Reformer, dessen Politik er ein Jahr lang unterstützt hatte, zum Verzicht auf. Gaidar lehnte ab. Der 36jährige rückt aufs Altenteil, an die Spitze eines Wirtschaftsinstituts "für Probleme der Übergangsperiode".
Gaidar hofft, der Erdgasförderer werde nicht vollends zur alten Planwirtschaft zurückkehren, wie die Waffenproduzenten gefordert haben, also "privaten Landbesitz aufgeben, die Privatisierung stoppen, Löhne und Preise einfrieren, das staatliche Plankomitee wieder einführen und von den früheren Unionsrepubliken Gehorsam verlangen".
Der neue Regierungschef kommt immerhin aus einer Erfolgsbranche, die zudem devisenträchtig ist. Großzügig konnte er für eine Freigabe der Energiepreise plädieren - wozu sich nicht einmal Gaidar durchringen mochte. Rechtzeitig in der vorigen Woche meldete die Firma "Gasprom" eine Förderung von 628 Milliarden Kubikmetern Erdgas, genug für heimischen Bedarf und Export. Und die Produktion steige weiter an.
Tschernomyrdin ("Dank der Energievorräte sind wir eine Supermacht") ist allerdings ein dubioser Meister der Planziffernspiele. 1985 versprach er (für die ganze UdSSR), bis 1990 die Gasförderung auf 850 Milliarden Kubikmeter zu steigern. Das Ziel wurde nie erreicht.
Bei Förderung, Transport und Verbrauch des Erdgases gehen große Mengen durch rückständige Technologie und Schlamperei verloren. Auf einen Vorschlag der deutschen Gasindustrie, das ganze System zu modernisieren und die Sanierer dafür mit den Gaseinsparungen der nächsten zehn Jahre zu bezahlen, antworteten die Gasprom-Funktionäre: "Und was gewinnen wir dabei?"
Den Kredit- und Subventionsforderungen der Staatsbetriebe wird sich Tschernomyrdin noch weniger verschließen können als sein Vorgänger. Mehr als 7,5 Milliarden Mark hat er schon versprochen. Gibt er der Begehrlichkeit der unrentablen Betriebe weiter nach, galoppiert die Inflation.
Tschernomyrdin meint, nur die Schwerindustrie könne Rußland "aus der Krise retten, nicht Bauchladenverkäufer, Kioskhändler und ein orientalischer Basar". Das gefällt den Rüstungsleuten. "Wir waren ein sowjetischer Orden", befand einer aus der Industriefraktion, "und um das zu bleiben, brauchen wir weder Partei noch Regierung."
Aber Partner. Wie man sie verprellt, führte Tschernomyrdin den deutschen Begleitern des Jelzin-Besuchers Kohl vergangene Woche vor. Industrieverbands-Präsident Tyll Necker drängte den neuen Premier, die offenstehenden Rechnungen für längst nach Rußland gelieferte Ware zu bezahlen - wenigstens teilweise.
Der Schuldner gestand die Vertragsbrüche ohne weiteres ein: So sei nun mal die Lage, "schwierig für uns und unangenehm für Sie".
Der Experte Kiwwa, der den Bohrskandal an der Wolga untersucht hatte, war zu dem Schluß gekommen: "Verantwortung, so etwas gibt es in diesem System nicht." Es wird weiter gebohrt. Wenn eines der Löcher in Brand gerät, würde das laut Kiwwa "einem Vulkanausbruch" gleichen.

DER SPIEGEL 52/1992
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