21.12.1992

„Da helfen nur Grenzpfähle“

SPIEGEL: Sind Sie glücklich, Norditaliener zu sein?
MIGLIO: Ich bezeichne mich selten als Italiener. Ich bin Lombarde und stolz darauf. Meine Familie lebt seit dem 11. Jahrhundert am Nordufer des Comer Sees. Wir haben uns seit jeher mehr den Schweizern, den Deutschen, den Österreichern verbunden gefühlt als den südlichen Italienern.
SPIEGEL: Und mit denen wollen Sie nichts gemein haben?
MIGLIO: Die Unterschiede zwischen dem mediterranen und dem europäischen Italien sind fundamental. Am deutlichsten zeigen sie sich im Verhältnis zur Macht, zum Staat . . .
SPIEGEL: . . . von dem es angesichts der anarchischen Zustände im Süden immer heißt, es gebe ihn dort gar nicht.
MIGLIO: Zumindest nicht in der Form des mitteleuropäischen Rechtsstaats. Im Süden ist die Macht personalisiert. Sie verkörpert sich im Politiker als dem Beschützer, dem starken Bruder; der wiederum sieht seine Macht als Patronat, als Klientel-Beziehung zu seinen Wählern. Wenn es im Süden von jemandem heißt, er habe starke Brüder, so ist das auch immer als eine Warnung gedacht. Auf dieser Art Einschüchterung gründet die unerschütterliche Macht der Mafia.
SPIEGEL: Im Norden Italiens zählen persönliche Beziehungen und Protektion doch auch.
MIGLIO: Der Norden richtet sich mehr nach objektiven Normen, die nicht an eine Person gebunden sind. Das ist die Grundlage des Rechtsstaats, wie er sich jenseits der Alpen entwickelt hat. Das ist auch eine Folge der Reformation, des Calvinismus, der die gottgesetzte, persönliche Autorität abgeschafft hat. Im Süden dagegen herrscht die katholische Kultur vor, in der ein Priester verlangen kann, daß ihm die Gläubigen folgen wie die Schäfchen. Eine fürchterliche Vorstellung!
SPIEGEL: Nun lieben gerade die Nordeuropäer diese südliche Welt besonders innig. Der Liga Nord dagegen wird eine geradezu rassistische Einstellung zu Süditalien vorgeworfen.
MIGLIO: Mit Rassismus hat das nichts zu tun. Die Unterschiede sind keine Sache des Bluts oder der Genetik. Es sind historische, soziale und kulturelle Umstände, welche diese anthropologischen Gegensätze zwischen Nord und Süd in Italien geformt haben.
SPIEGEL: Warum aber wird die Abneigung gegen den Süden gerade jetzt so heftig?
MIGLIO: Wir haben viele unangenehme Erfahrungen gemacht. Immer wenn ein Bürger der Lombardei auf ein Amt geht, trifft er auf unfähige, arrogante, rechthaberische Beamte, alle aus dem Süden, die oft nicht mal unsere Sprache sprechen.
SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht?
MIGLIO: Die überwältigende Mehrheit der staatlichen Angestellten stammt aus dem Süden - zum einen, weil das Vorschrift war, zum anderen, weil die Politiker ihre Schützlinge am liebsten mit einem sicheren Job im staatlichen Sektor versorgen. Die Folge ist, daß unsere Kinder teilweise von Lehrern unterrichtet werden, deren Idiom sie nicht verstehen können. Der Erfolg der Liga Nord erklärt sich ganz wesentlich aus der Ablehnung der südlichen Mentalität, mit der die Bewohner der Lombardei täglich konfrontiert werden.
SPIEGEL: Und worin besteht diese Mentalität?
MIGLIO: Wer im Süden die Wahl hat, sucht Zuflucht im Staatsdienst und in der Verwaltung; die Unsicherheit eines Jobs in der freien Marktwirtschaft lehnen die meisten ab. Deshalb ist es so schwierig, ja fast unmöglich, im Süden Industrien aufzubauen. Die Liga Nord fordert, daß die Unkündbarkeit im Öffentlichen Dienst abgeschafft und durch Zehnjahresverträge ersetzt wird. Das würde die Beamten motivieren, sich ein wenig anzustrengen.
SPIEGEL: Sie tun so, als ob alle fleißigen, ehrlichen Italiener aus dem Norden stammten. Dabei spielen die großen Korruptionsskandale doch überwiegend in Ihrem hochgelobten Norden.
MIGLIO: Die Politiker, die mit den Pfoten im Geldsack erwischt wurden, sind alle mit dem System der römischen Parteienherrschaft verbunden. Wenn die Richter alle verhaften würden, die Bescheid wußten, säße die gesamte römische Führungsspitze der Parteien im Gefängnis. Die Unternehmer der Lombardei haben dagegen geradezu mit Erleichterung reagiert. Sie haben sich scharenweise bei dem Untersuchungsrichter Di Pietro gemeldet, um auszusagen. Sie sind froh, daß ein wirtschaftlich untragbares System - die Zahlung von Provisionen an die Parteien - nunmehr zusammenbricht.
SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß sich unter dem Eindruck der Skandale einiges ändern wird in Italien?
MIGLIO: Im Süden sicher nicht. Da helfen nur Grenzpfähle zwischen denen und uns.
SPIEGEL: Wollen Sie im Ernst die Einheit Italiens zerstören, die der Präsident der Republik, Scalfaro, gerade für heilig erklärt hat?
MIGLIO: Der Begriff heilig paßt nicht zu einer laizistischen Republik. Für uns ist Italien eine multinationale Republik, in der Sarden, Sizilianer, Lombarden mehr schlecht als recht zusammenleben. Der Begriff der Nation ist ein Mythos des 19. Jahrhunderts, der für unsere Zeit nicht mehr taugt. Die Lösung für Italien liegt in einer Föderation der drei Makroregionen des Nordens, des Zentrums und des Südens. Jede soll eigene Polizeistreitkräfte haben, für sich selber wirtschaften und die Steuern im eigenen Land verbrauchen können - unbeschadet der Pflicht, einander zu helfen. Gemeinsam wären nur die Außen- und die Verteidigungspolitik. Was wir vorhaben, ist eine friedliche Revolution.
SPIEGEL: Und wie stellen Sie sich das vereinigte Europa vor?
MIGLIO: Das wird es nicht geben. Seit der Vereinigung Deutschlands ist die gesamte Konstruktion unsinnig geworden. Pygmäen können sich nicht mit einem Riesen vereinigen. Was es vielleicht geben wird, ist ein Europa der Regionen.
SPIEGEL: Und wie wird darin Italien in fünf Jahren aussehen?
MIGLIO: Fünf Jahre können zuwenig oder zuviel sein. Für die Umwandlung Italiens in eine Föderation von drei überwiegend unabhängigen Makroregionen wird die Zeit nicht reichen. Machbar wäre eine Zwischenlösung: der Einheitsstaat mit föderativer Gliederung. Aber wenn wir dieses Ziel nicht konsequent ansteuern, wird es den italienischen Staat in fünf Jahren gar nicht mehr geben.

DER SPIEGEL 52/1992
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