04.07.1994

UmweltSteiler Kegel

Eine radioaktive Halde in Sachsen kann nicht saniert werden, weil sie unter Denkmalschutz steht.
Die Sachsen, sofern die Verallgemeinerung erlaubt ist, haben von ihresgleichen eine hohe Meinung. Schöpferkraft wissen sie vor allem dann zu schätzen, wenn sie sich landestypisch ausprägt. Als einziges Bundesland haben sie sich im ersten Artikel ihrer Verfassung "der Kultur verpflichtet".
Das hat Folgen. Mit Akribie und Eifer erfassen sächsische Denkmalpfleger seit zwei Jahren Gründerzeithäuser und Fabrikhallen, Schloßruinen und Postmeilensäulen. Insgesamt wird die Registratur, die 1996 vollständig vorliegen soll, rund 100 000 Zeugnisse schutzwürdigen Kulturschaffens auflisten.
Um eine Eintragung, die noch aus vergangenen DDR-Zeiten stammt, wird jetzt heftig gestritten. Der Gegenstand des Zwists erhebt sich bei Aue im Erzgebirge, ist rund 150 Meter hoch und ungefähr 7,5 Millionen Kubikmeter groß.
"Halde 366", so der unspektakuläre Name des umstrittenen Kulturguts, präsentiert sich weithin sichtbar als gewaltiger Überrest des regionalen Uranbergbaus. Der steil aufragende, von einigen wenigen dürren Birken bewachsene Kegel war von 1955 an aus dem Schutt unterirdischer Grabungen aufgetürmt worden.
Eigentümerin der Abraumhalde ist die bundeseigene Sanierungsfirma Wismut, ein Nachfolgeunternehmen der gleichnamigen Sowjet-Gründung, die im Südosten der DDR den Rohstoff für Atombomben gefördert hat. Jetzt will die Wismut den riesigen Schuttberg sanieren. Deshalb hat sie Ende vergangenen Jahres beantragt, die "Halde 366 von der Denkmalliste zu streichen".
Geschehen ist bisher nichts - obwohl die Wismut darlegt, "daß von der Halde in ihrem jetzigen Zustand eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht". Insbesondere sei das Geröll "hochgradig radioaktiv kontaminiert".
Als Beleg führt das Sanierungsunternehmen Wismut an, daß die sogenannte Ortsdosisleistung 40 Prozent über dem von der Strahlenschutzkommission empfohlenen Grenzwert liege. Um den Austritt von Radon in die Luft und von strahlenverseuchtem Sickerwasser in den Boden zu stoppen, will die Wismut den Schuttberg zunächst teilweise abtragen und dann mit Planen bedecken.
Viele Anwohner der Halde in Aue, Lößnitz und Schlema sind auch aus ästhetischen Gründen gegen den Erhalt des Bergbaumonuments. Gotthard Troll, parteiloser Bürgermeister von Lößnitz, drängt darauf, "das schwarze Ungetüm unserer Erzgebirgslandschaft anzupassen".
Daß die Abraumhalde 1987 unter Schutz gestellt wurde, kam unter anderem auf Betreiben von Heinrich Douffet zustande. Der Geologe war damals an der Bergakademie Freiberg beschäftigt und kümmerte sich, wie er sagt, "viele Jahre ehrenamtlich um den Denkmalschutz".
Heute ist Douffet Referatsleiter im sächsischen Wissenschaftsministerium und verdient sein Geld unter anderem mit der Aufsicht über die Denkmalpflege. Laut Gesetz sind "historische Landschaftsformen" wie "Dorffluren" und "Haldenlandschaften" schützenswerte Kulturleistungen.
Halde 366 ist Douffet ein besonderes Anliegen. Zahlreiche Wismut-Hinterlassenschaften seien bereits "sinnloserweise eingeebnet worden". Den verbliebenen Schuttkegel sieht Douffet nicht nur als "Ausdruck moderner Technik", sondern auch als "letzten Zeugen, daß von der Region Aue aus einmal Weltpolitik gemacht wurde".
Sachsens Umweltminister Arnold Vaatz (CDU), der seine Kindheit in der Wismut-Region verbrachte, reagiert heftig: "Mir kommt die Galle hoch." Als Denkmal für Uranförderung und Bombenbau genüge schließlich, sagt der Unionspolitiker, "ein großes Kreuz auf einer alten Schachtanlage". Y

DER SPIEGEL 27/1994
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