21.12.1992

BrasilienHure und Heilige

Mit einer Mischung aus Erotik und Unschuld gaukelt ein Showstar den Lateinamerikanern die heile Welt vor.
Jeden Morgen um 9.30 Uhr schwebt die gute Fee in die Kinderstuben ein. Sie kommt mit dem Raumschiff aus einem Land, wo die Menschen blond sind und blaue Augen haben, wo es keine schmuddeligen Straßenkinder gibt und keine Schwarzen. Zwei Stunden lang küßt und umarmt sie die Kleinen und verwandelt alles in Schönheit und Wohlgefallen, bevor sie zur Mittagszeit wieder entschwindet.
Die Fee heißt Maria da Graca Meneghel - für die Kinder schlicht Xuxa (gesprochen: Schuscha) - und ist der populärste Star der brasilianischen Fernsehanstalt Globo, der viertgrößten TV-Kette der Welt. Von Nicaragua bis Argentinien, von Puerto Rico bis Peru schwärmen Lateinamerikas Kinder - und ihre Eltern - von der Blondine aus Brasilien.
Was Xuxa, 29, anfaßt, wird zu Gold: In ihren täglichen Shows wirbt sie für Orangensaft und Tütensuppen, Kinderkleidung, Lippenstift und Coca-Cola. Ihr Firmen-Imperium mit Sitz auf den Caymans-Inseln und in Rio de Janeiro vertreibt das Markenzeichen Xuxa für Sandalen und Puppen. Boutiquen, Schmuck und Spielzeug heißen nach dem Showstar.
Das Wirtschaftsmagazin Forbes reihte die Schauspielerin vergangenes Jahr in die Liste der bestbezahlten Entertainer ein - mit Einnahmen von 19 Millionen Dollar pro Jahr. Außer in Brasilien wird die Show in 17 weiteren lateinamerikanischen Ländern sowie in Spanien ausgestrahlt; die spanischsprachigen Programme zeichnet Xuxa in Buenos Aires und Barcelona auf.
Jetzt drängt sie auf den nordamerikanischen Fernsehmarkt. Von Januar an wird sie in Los Angeles auf englisch eine tägliche Kindershow für den US-Fernsehsender MTM produzieren.
Das Debüt in den USA ist eine Herausforderung für die Brasilianerin. Denn Xuxas Image ist bislang vollkommen auf den Kulturkreis ihrer Heimat abgestimmt. Kein anderer Star hat sich so sorgfältig die Vorlieben und Illusionen der lateinamerikanischen Massen zunutze gemacht.
Im überwiegend katholischen, von Armut und Gewalt geplagten Lateinamerika verkörpert Xuxa Unschuld und Makellosigkeit: Als "schöne Muse in den Zeiten der Rezession" bezeichnet sie der Anthropologe Gilberto Vasconellos in einer Studie. "Xuxa ist unsere moderne Jungfrau Maria", sagt der brasilianische Soziologe Roberto da Matta.
Die Obsession der Lateinamerikaner für Blondinen hat ihren Aufstieg gefördert. "Unsere Kultur ist zutiefst rassistisch", meint der Soziologe Herbert de Souza. "Wir leben in einer Nation, die zur Hälfte braun- oder schwarzhäutig ist, aber das Nationalsymbol hat blonde Haare." Führer der Schwarzen-Bewegung in Brasilien beklagen, daß "unsere kleinen schwarzen Mädchen nur mit blonden Xuxa-Puppen spielen wollen".
In ländlichen Regionen, wo viele Menschen weder lesen noch schreiben können, ersetzt das Fernsehen die Schulbildung, prägt Wünsche und Illusionen. Die Stars aus Serien und Shows sind oft bekannter als der Staatspräsident, in den meisten Hütten flimmert der Fernseher von morgens bis abends. Viele Kinder plappern den Namen Xuxa, bevor sie Mama oder Papa sagen können.
Nächtelang harren Eltern vor dem Globo-Studio in Rio de Janeiro aus, um eine Eintrittskarte zu ergattern. Bis zu tausend Kinder schleusen die Xuxa-Helfer an einem Tag durch das Studio, vier bis fünf Sendungen werden täglich produziert.
Hinter den Kulissen zieht Managerin Marlene Mattos die Fäden. Sie hat das einstige Filmsternchen und Fotomodell lanciert, sie bestimmt und vermarktet das Image. Xuxas Affäre mit dem Fußballidol Pele schlachtete sie geschickt aus, um die beiden als Brasiliens Traumpaar zu präsentieren. Der Formel-1-Rennfahrer Ayrton Senna, John F. Kennedy junior und Argentiniens Präsident Carlos Menem wurden ebenfalls als Xuxa-Liebhaber gehandelt - zum Wohl der Klatschpresse und des Medienkonzerns.
In ihrer Show ruft Xuxa die Kinder zu Gewaltlosigkeit und Drogenverzicht auf. Managerin Mattos verkauft ihren Schützling als moralische Instanz der Nation - dabei sollte die attraktive Blondine anfangs nicht nur die Kleinen fesseln, sondern auch die sexuellen Wunschträume ihrer Väter anregen.
Erotische Anspielungen waren seit Xuxas erstem Fernsehauftritt vor sechs Jahren ein fester Bestandteil ihrer Show. 16jährige Lolitas in Miniröcken standen dem Star zur Seite; auch Xuxa, die einst als Pornodarstellerin begonnen hatte, zeigte gern viel Bein. Die Kombination kam bei dem lateinamerikanischen Publikum gut an, Xuxa beherrschte das Rollenspiel als Hure und Heilige perfekt.
Den Karriereplänen im puritanischen Amerika könnte die erotische Ausstrahlung allerdings entgegenstehen. "Xuxa ist zu heiß für unsere Söhne", empörten sich Frauenrechtlerinnen in dem Fernsehmagazin "A Current Affair". Sie werde einen Boykott der Xuxa-Show organisieren, verkündete Janice Weber von der Frauenorganisation "Women for Women": "Ich werde meinen Kindern auf jeden Fall verbieten, diese Art von Programm zu sehen."
Die Managerin hat schon vorgesorgt: Xuxas Röcke sind länger geworden, sie tritt inzwischen hochgeschlossen auf, und auch die Lolitas werden für das US-Programm entschärft.
Nur mit der Sprache hapert es noch. Statt mit sanften "abracos" und "beijinhos", den brasilianischen Umarmungen und Küßchen, soll sie sich zukünftig mit einem "Kiss, kiss, bye, bye" vom Publikum verabschieden: "Dafür reicht ihr Englisch gerade schon aus."

DER SPIEGEL 52/1992
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