21.12.1992

„Kräftig was auf die Mütze“

Der brasilianischen Fußballkunst war Weltmeister Deutschland bei seiner Südamerika-Tournee nicht gewachsen. Bundestrainer Berti Vogts ist mit der Führung der Nationalelf offensichtlich überfordert. Doch die Krise geht tiefer: Die Bundesligaklubs versagen im Europapokal, die deutschen Profis erstarren in Selbstzufriedenheit.
Zuweilen ist der kleine Mann ganz erschrocken über die Macht seiner Worte. "Dann sucht euch einen anderen . . .", hatte er geblafft, wollte das aber später keineswegs als Rücktrittsangebot verstanden wissen. Aufkeimende Hoffnung im deutschen Fußballvolk wischte er mit dem linksrheinischen Sexual-Konjunktiv beiseite. Er habe nur "formuliert nach dem Motto: Wenn meine Oma ein Mann wäre, wäre es mein Opa".
Wenn der Bundestrainer Hans-Hubert Vogts nicht der Berti aus Korschenbroich, sondern die Queen von England wäre, hätte er nach der vergangenen Woche lateinisch formulieren müssen: "Annus horribilis."
Doch Berti bleibt Berti. Nach dem ärmlichen 1:3 der Deutschen zum Auftakt ihrer Südamerika-Reise am vorigen Mittwoch in Brasilien fühlte sich Vogts lediglich als Lordsiegelbewahrer teutonischer Fußball-Ideale von seinen Kickern im Stich gelassen: "Das war einer deutschen Nationalmannschaft nicht würdig."
Die guten alten Zeiten sind, auch wenn Vogts es nicht wahrhaben will, vorbei. So wurde der Bundestrainer, der in Brasilien seine überkommenen Ansprüche in jedes Mikrofon schnaubte, einmal mehr zum Sinnbild für die Krise des deutschen Fußballs.
Denn nicht nur Bertis Nationalelf hat an spielerischem Glanz verloren. Bis auf Borussia Dortmund sind alle Bundesligaklubs aus den europäischen Pokalwettbewerben ausgeschieden; im DFB-Pokal düpierten Feierabendkicker die Profis. Das Halbfinale erreichten die Amateure von Hertha BSC Berlin und Zweitligist Chemnitzer FC - seit Monaten wird der deutsche Fußballfan fortwährend gequält.
Die einst stärkste Liga der Welt macht schlapp, seit ihre Vorarbeiter als Weltmeister auftreten. Deutschland werde "auf Jahre unschlagbar" sein, hatte Franz Beckenbauer 1990 nach dem WM-Sieg über Argentinien bei seinem Abschied als Teamchef dahingesagt. Doch was dem eleganten Chefbetreuer in der ersten Euphorie über die Lippen gerutscht war ("Jo mei"), verstanden seine Erben als Beginn einer neuen Epoche: der Fußball aus dem neuen großen Deutschland als dauerhafter Maßstab für den Rest der Welt.
Die Nationalelf Weltmeister, die Bundesliga zur selben Zeit im Europapokal so erfolgreich wie seit Jahren nicht, deutsche Profis von europäischen Spitzenklubs umworben - da schien den deutschen Fußballfunktionären die Zeit gekommen, das Kommado über die Nationalelf endlich wieder einem Geistesverwandten zu übertragen. Denn der weltläufige Beckenbauer hatte zwar Erfolg und Glanz zurückgebracht, die unter dem Fußballehrer Jupp Derwall verlorengegangen waren. Aber der launische Hobbygolfer war den DFB-Herren immer suspekt geblieben.
Die Wahl fiel auf Vogts, weil der wie kein anderer Kandidat alle Tugenden aufweist, die der Verband für sich reklamiert: brav, arbeitsam, diszipliniert und verläßlich wie eine Brieftaube.
Doch zwei Jahre Vogts haben gezeigt: Der Mann ist ein großer Irrtum. Mit Bertis eherner Art - schlicht strukturiert, als habe sich seit Sepp Herbergers Zeiten nichts geändert - läßt sich der moderne Profi nicht mehr erreichen.
Protagonisten wie Mannschaftskapitän Lothar Matthäus oder Aufsteiger Stefan Effenberg verlangen von ihrem Trainer klare Entscheidungen. Doch als der vor dem Brasilien-Spiel bekennen mußte, wer von ihnen im Mittelfeld die Hauptrolle spielen sollte, ging Vogts in die Knie. Er bat Effenberg, Verteidiger zu spielen: "Ich habe ein Problem, du mußt mir helfen."
Widerwillig steckte der Mann, der den AC Florenz in dieser Saison auf den zweiten Platz geführt und in den letzten Länderspielen immer der Beste war, zurück. Doch über Nacht schwenkte Vogts um, stellte beide nebeneinander ins Spielzentrum, wo sie sich prompt gegenseitig die Wirkung nahmen. Effenberg verbat sich für die Zukunft solche Schlingerkurse und forderte "einen festen Platz im Mittelfeld" ein.
Die schlichteste Aufgabe eines Bundestrainers - das Finden der jeweils stärksten Formation - stellt Vogts immer wieder vor unüberwindliche Probleme. Der Coach verspürt den Drang, permanent "experimentieren" zu müssen, gerade so, als arbeite er mit einer Schülermannschaft. Im Spiel gegen Brasilien, von ihm selbst zum "Prestigeduell" hochgeredet, besetzte er die Abwehr gleich mit drei unerfahrenen Profis und mußte anschließend feststellen, daß schon wieder ein Experiment mißlungen war: Christian Wörns, Thomas Wolter und Martin Wagner wurden von den trickreichen Brasilianern nach Belieben ausgespielt.
Der Kölner Torwart Bodo Illgner ist das prominenteste Opfer solcher Wechselspielchen. Als der Stuttgarter Vereinspräsident Gerhard Mayer-Vorfelder, im Hauptberuf CDU-Finanzminister von Baden-Württemberg und mithin für Vogts eine Autorität, nach der Europameisterschaft die Leistung des Torstehers bekrittelte, stellte der Bundestrainer eilig den Nürnberger Konkurrenten Andreas Köpke zwischen die Pfosten.
Auf der Ersatzbank machte Illgner, bis dahin ein Freund der Familie Vogts, die neue Erfahrung: "Da sitzen einige, die _(* Bei der 1:3-Niederlage gegen Brasilien ) _(am Mittwoch voriger Woche in Porto ) _(Allegre. ) freuen sich auch mal, wenn der Trainer, der sie nicht berücksichtigt hat, kräftig was auf die Mütze kriegt."
Ist die Not am größten, flüchtet sich "Oberlehrer Vogts" (Mönchengladbachs Manager Rolf Rüßmann) gern in die großen Probleme der Fußballwelt. Mal pfeifen ihm die Schiedsrichter zu kleinlich, mal rügt er die "Machenschaften der Italiener", die seine sensiblen Nationalspieler auf die Tribüne setzen und ihnen so die Psyche knicken.
Dann wieder sind es durch viele Fernsehübertragungen leergefegte Stadien, die dem deutschen Kicker die Motivation rauben. Und schließlich ist Vogts das Gute im Fußballer ebenso wichtig wie die Taktik. Wenige Stunden vor dem ersten Spiel in Südamerika verlangte er den Verzicht auf einen im Profigeschäft längst üblichen Trick, das absichtliche Sich-Fallenlassen im Strafraum: "Wer bei mir eine Schwalbe macht, den hole ich vom Platz."
Öffentliche Bewertungen derart unprofessioneller Verirrungen trauen sich - nach guter deutscher Fußballerart - nur solche, die nicht mehr von der Gunst des Chefdenkers abhängig sind. Der beim DFB wegen seiner kapriziösen Art in Ungnade gefallene Frankfurter Torhüter Uli Stein mochte sich "nur noch an den Kopf fassen". Wenn "das Aushängeschild des DFB" so daherrede, "das ist schon bitter".
Derart zugeschüttet von ungelösten Problemen, gleicht sich Vogts immer mehr dem martialischen Sprachgebrauch deutscher Bundesligatrainer an, die von Entlassung bedroht sind. Einen "deutlichen Schnitt" etwa wollte der Bundestrainer nach der verkorksten Europameisterschaft in Schweden vollziehen - doch bis auf die freiwilligen Rücktritte von Andreas Brehme und Rudi Völler passierte nichts.
Zuletzt gab sich Vogts hemdsärmelig wie einst Jupp Derwall. Mit der Ankündigung "Wer nicht mitzieht, fliegt" glaubte er vor dem Abflug nach Südamerika seine schon gegen Mexiko (1:1) und Österreich (0:0) müden Spieler auf Trab bringen zu können.
Die verbale Kraftmeierei soll von eigenen Fehlern ablenken, die Vogts, wenn überhaupt, nur unfreiwillig bekennt. Etwa dann, wenn er versichert, er habe "eine Reihe guter Einzelspieler" zur Verfügung, wenig später aber lamentiert, das allein ergebe bei ihm "noch keine gute Mannschaft". Selbst Ex-Kapitän Karl-Heinz Rummenigge, in Kolumnen und Fernsehkommentaren bislang ein vehementer Verteidiger von Vogts'' Theorien, stöhnte angesichts des spielerischen Chaos vergangene Woche: "Mein Gott, dabei hat der Berti so viele Klassespieler zur Auswahl."
Doch die Selbstzufriedenheit der DFB-Oberen hat längst auch die Basis erfaßt. Die deutschen Nationalspieler, die in Italien auf die Tribüne abgeschoben wurden, lassen eigene schwache Leistungen als Ursache nicht gelten: Karlheinz Riedle von Lazio Rom schmollt stellvertretend für alle: "Immerhin bin ich der Mittelstürmer des amtierenden Weltmeisters." Und in der Bundesliga registrierte Frankfurts Vizepräsident Bernd Hölzenbein nach dem Europapokal-Aus bei Galatasaray Istanbul verwundert, daß seine Profis auf dem Rückflug Karten spielten, als ginge sie der gerade verursachte Millionenschaden nichts an.
Erst als Trainer Dragoslav Stepanovic den Eintracht-Spielern vorwarf, sie dächten "nur noch an Weihnachtsgeld und Urlaub", regte sich der Mannschaftsgeist: Die Fußballer verwahrten sich gegen "diese Frechheit".
13 Bundesligaprofis machte Berti Vogts in den letzten zwei Jahren zu neuen Nationalspielern. Doch bis auf Effenberg erwiesen sich alle nur als bedingt tauglich. Kein Wunder: So wie die italienische Liga wird auch die deutsche Eliteklasse längst von ausländischen Fußballern dominiert.
Die drei besten Angreifer kommen aus Ghana (Anthony Yeboah), Rußland (Sergej Kirjakow) und der Schweiz (Stephane Chapuisat). Der beste Mittelfeldspieler, Andreas Herzog, ist ein Österreicher, der beste Außenverteidiger ein Brasilianer, Jorginho. Deutsche, die in den Nationalkader berufen werden, sind mithin auf ihren Positionen bundesligaweit meist nur zweite oder dritte Wahl.
Beinahe wie selbstverständlich wird aber in den Klubs seit dem Weltmeistertitel das Preis-Leistung-Verhältnis ignoriert. Obwohl mit fast 100 Millionen Mark verschuldet, zahlen die Vereine auch deutschen Durchschnittskickern _(* Mirko Votava, Dieter Eilts mit Trainer ) _(Otto Rehhagel nach der Niederlage am 4. ) _(November gegen Sparta Prag. ) immer neue Rekordgagen. Denn auch in den Chefetagen fühlt man sich Beckenbauers starkem Schlußwort verpflichtet.
Besonders augenfällig wurde das in der Hochstimmung, die sich in der Liga breitmachte, als mit Thomas Berthold, Stefan Reuter und Lothar Matthäus gleich drei nach Italien abgewanderte Weltmeister heimgeholt wurden. Doch was als Demonstration der neuen Stärke gedacht war, geriet zum teuren Flop: Matthäus und Reuter erweisen sich in München und Dortmund als Mitläufer, und in Berthold haben die Bayern einen Kostgänger, der sie pro Tag 2166 Mark kostet - aber nicht spielt.
Auch das Debakel im Europapokal werten die Vereinspräsidenten insgeheim nur als dummen Betriebsunfall. Denn der vor zwei Jahren erworbene gute Ruf wurde eilig verkauft: 60 Millionen Mark garantierte der Rechteverwerter Ufa dem DFB für die Fernseh-Übertragungen vom Europapokal. Die Funktionäre drückt derzeit nur ein Problem: Wie kann dieses Geld gerecht unter den Versagern verteilt werden?
Doch auch in diesen schweren Zeiten weist der Traditionalist vom Niederrhein unbeirrt den Weg. "Die Situation ist alarmierend", hat Hans-Hubert Vogts erkannt. Mag aber die Sehnsucht des deutschen Fußballanhangs nach einem Weltmann wie Beckenbauer auch noch so groß sein (in einer Bild-Umfrage votierten 90 Prozent für eine Ablösung von Vogts) - der Fußballehrer will die Krise einfach wegtrainieren: "Auch Nationalspieler müssen elementare Dinge wie sauberes Abspielen, Flanken, Doppelpässe oder das Zweikampfverhalten täglich verfeinern."
* Bei der 1:3-Niederlage gegen Brasilien am Mittwoch voriger Woche in Porto Allegre. * Mirko Votava, Dieter Eilts mit Trainer Otto Rehhagel nach der Niederlage am 4. November gegen Sparta Prag.

DER SPIEGEL 52/1992
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