21.12.1992

„Wer nicht kämpft, ist tot“

SPIEGEL: Herr Miller, Ihre Verbindung zu Deutschland reicht weit zurück. In Ihrer Autobiographie** beschreiben Sie, wie Sie als Kind mit einem deutschen Soldaten-Helm spielen, den Ihr Onkel aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht hat. Und schockartig wird Ihnen bewußt, daß Sie, im Spiel, "stolz darauf" waren, "ein Deutscher zu sein". Wie erklären Sie sich die Faszination?
MILLER: Mein Großvater sprach ein Deutsch, das in der Gegend von Krakau gesprochen wurde - und in Wien, wo er eine Zeitlang gelebt hat. Er war sehr deutsch. Er hatte einen kleinen Bart und imitierte Kaiser Franz Joseph. Das Deutsche lag sozusagen bei uns in der Luft. Als ich vor Jahren zum erstenmal nach Wien kam, hatte ich das Gefühl, schon einmal dort gewesen zu sein. Ich kannte den Klang der Sprache. Sie dürfen nicht vergessen: Deutschland war vor dem Ersten Weltkrieg der Höhepunkt der Kultur. Die Franzosen - das waren die Antisemiten. Die Deutschen waren es nicht. Sie waren zu intelligent, zu gebildet. Sie waren das zivilisierteste Volk Europas. Das zumindest war der Mythos.
SPIEGEL: Im gleichen Zusammenhang stellen Sie lapidar fest, daß Sie wohl Ihren 30. Geburtstag nicht erlebt hätten, wenn Ihre polnischen Großväter nicht in die Vereinigten Staaten ausgewandert wären. Was empfindet der jüdische Schriftsteller Arthur Miller, wenn er im Fernsehen Bilder von antisemitischen deutschen Ausschreitungen sieht.
MILLER: Ich habe die schreckliche Ahnung, daß die Deutschen immer noch nicht herausgefunden haben, wer sie eigentlich sind. Sie definieren sich meistens darüber, was sie nicht sind. Das tun zwar viele, aber die Deutschen haben ein besonderes Talent dafür. Diese ethnische Rückversicherung, diese Identität durch Abgrenzung, verrät eine Unsicherheit, von der ich hoffte, daß sie überwunden sei.
SPIEGEL: Einigen amerikanischen Kommentatoren gilt selbst die ökonomische Stärke Deutschlands als Anzeichen für einen germanischen Imperialismus. Die nennen Auschwitz und die Bundesbank-Politik der hohen Zinsen in einem Atemzug.
MILLER: Diese Paranoia teile ich nicht. Wenn die Deutschen wirtschaftlich besser dastehen, heißt das doch nur, daß sie besser organisieren können.
SPIEGEL: Als Sie mit Ihrer Frau Inge Morath zum erstenmal das KZ Mauthausen besuchten, begegneten Ihnen ** Arthur Miller: "Zeitkurven". S. Fischer Ver- _(lag, Frankfurt 1987; 816 Seiten; 68 ) _(Mark. Als Taschenbuch 19,80 Mark. * In ) _(seiner Wohnung in Manhattan. Das ) _(Gespräch führte SPIEGEL-Reporter ) _(Matthias Matussek. ) freundliche, friedliche Menschen, von denen Sie wußten, daß sie Jahre zuvor gleichgültig die Transporte in die Lager beobachtet hatten. Die meisten, die heute Nazi-Parolen schreien, waren damals noch nicht einmal geboren. Ist das nicht verwirrend?
MILLER: Soziologisch kann man das leicht erklären. Was mich vielmehr beunruhigt, ist die lange Tatenlosigkeit der Regierung. Sehen Sie, ich brauche Ihnen nicht zu erklären, daß es auch in unserem Lande Rassismus gibt. Auch wir haben eine Rechte, die zu allem fähig ist. Aber es gibt in unserer Gesellschaft eine große Mehrheit, die sich zu Protesten mobilisieren läßt und dafür, ihre Freiheit und ihr Land zu verteidigen. Doch in Deutschland blieb eine mächtige Reaktion lange Zeit aus.
SPIEGEL: Bundeskanzler Helmut Kohl hat inzwischen Versäumnisse eingeräumt.
MILLER: Aber die Frage bleibt doch: Vor wem hatte er Angst? Hielt er die Rechte im Land für so mächtig, daß er es nicht wagte, die simple Feststellung zu treffen, daß da Unrecht geschah?
SPIEGEL: Sie hatten im Mai 1990 in einem Aufsatz Bedenken anläßlich der deutschen Wiedervereinigung geäußert. Halten Sie den Rechtsradikalismus für ein Ergebnis der deutschen Vereinigung?
MILLER: Wissen Sie, jedes Land hat einen rechten Flügel. Die Briten haben ihn, wir haben ihn. Bei uns war er die letzten zwölf Jahre sogar an der Macht. Doch als er schließlich, bei dem letzten Republikanischen Parteikonvent, sein wahres Gesicht zeigte und Buchanan vom "religiösen Krieg" sprach, haben ihn die Leute abgewählt. Bei uns gibt es Leute, die das gleiche tun würden wie die deutschen Neonazis. Aber wir haben nie versäumt, klarzumachen, daß das nicht in Ordnung ist.
SPIEGEL: Sie mißtrauen, wie Sie schreiben, dem "Tiefgang" der deutschen Demokratie, weil Deutschland nie eine gelungene Revolution gehabt hat und "kein deutscher Soldat je für die Demokratie sein Blut vergossen" habe.
MILLER: Von den wenigen Deutschen, die ich kenne, weiß ich, daß sie sehr sensibel auf die Vorgänge reagieren. Und ich glaube immer noch, daß die Mehrheit der Deutschen sich nichts anderes als Demokratie wünscht.
SPIEGEL: Hunderttausende Deutsche gehen mittlerweile auf die Straße und demonstrieren gegen den braunen Abschaum.
MILLER: Das ist wundervoll. Und ein Zeichen dafür, daß ich mit meiner Zuversicht recht hatte. Aber noch einmal: Die politische Führung verhält sich kläglich. Auf diese Leute muß man doch reagieren!
SPIEGEL: So, wie man auf den Linksterrorismus in den siebziger Jahren reagiert hat?
MILLER: Genauso!
SPIEGEL: Sie haben in dem bereits erwähnten Aufsatz einen interessanten, aber bisher kaum diskutierten Bezug zwischen gesundem Patriotismus und Demokratiefähigkeit hergestellt. Sie beobachteten, daß es unter den Deutschen eine verbreitete Abneigung dagegen gibt, sich mit ihrem Land zu identifizieren. Was ich nicht liebe, muß ich nicht verteidigen.
MILLER: Ich kann natürlich nur für die amerikanische Erfahrung sprechen - und auch hier ist einiges schiefgelaufen. Aber Demokratie und Nation sind bei uns von Anbeginn an gleichgesetzt worden. Selbst in Krisen wie dem Bürgerkrieg. Abraham Lincoln hat von diesem Land als "demokratischem Land" gesprochen und nicht von irgendeinem "Vater- oder Mutterland" ohne politische Definition.
SPIEGEL: Aus Ihrer eigenen Erfahrung wissen Sie, daß die Identifikation mit dem Staat, in dem man lebt, sehr schwierig sein kann. "Right or wrong - my country"?
MILLER: Ganz sicher nicht. Ich muß mich auch verweigern können, sonst würde ich zum Gefangenen jeder Art von patriotischer Hysterie, die im Moment an der Macht ist. Ich würde mich hüten, über jedem Schurken, der bei uns an die Macht gekommen ist, die Fahne zu schwenken.
SPIEGEL: Wer war der größte Schurke in der amerikanischen Geschichte?
MILLER: Ich will sie gar nicht zählen. Es gibt so viele. Es gibt keine einfachen Lösungen für lebende Organismen wie den einer Gesellschaft. Wir alle tragen Tuberkulose mit uns herum, und wir kämpfen dagegen, daß sie ausbricht. Wir müssen ständig darum kämpfen, daß die demokratische Seite siegt.
SPIEGEL: In Ihrem Stück "Hexenjagd" haben Sie die Entstehung einer Massenpsychose im 17. Jahrhundert beschrieben . . .
MILLER: Die Manipulationsmöglichkeiten haben sich natürlich im Zeitalter der Massenmedien erheblich erhöht.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung für die Erfolge rechter Gruppen und Parteien nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, in England, Frankreich, Schweden, Ungarn, ja selbst Polen, das unter dem Nazi-Terror am meisten zu leiden hatte?
MILLER: Für mich ist es ein Zeichen, daß diese Gesellschaften zusammenbrechen. Es bedeutet ja, daß nichts anderes mehr funktioniert außer der ethnischen Identifikation, und das ist ein Rückfall auf eine sehr primitive Organisationsstufe. Das amerikanische Beispiel ist insofern ziemlich einzigartig, weil wir, ohne groß darüber nachzudenken, den ersten modernen multinationalen Staat seit Rom geschaffen haben. Und anders als in Rom hat bei uns jeder, zumindest auf dem Papier, die gleichen Bürgerrechte. Der einzige andere Ort, wo das versucht wurde, ist Jugoslawien - und das zerbricht derzeit in seine ethnischen Bestandteile.
SPIEGEL: Weil es ein erzwungenes, künstliches Gebilde war.
MILLER: Die ethnische Zugehörigkeit ist die letzte Bastion der politischen Psyche gegen das Chaos. Deshalb ist sie so mächtig. Schauen Sie sich doch die britische Gesellschaft an! Sie ist bankrott. _(* Mit ihren Schäferhunden auf dem ) _(Miller-Anwesen in Connecticut. ) Sie hat keine Zukunft mehr. Jetzt hoffen sie, von den Japanern gerettet zu werden, weil die ihnen ein paar Autofabriken bauen. Den Franzosen geht es ein wenig besser, weil sie immerhin eine mächtige Landwirtschaft haben.
SPIEGEL: Sprechen wir über das Theater. Haben Sie mal errechnet, wie viele Stunden Ihres Lebens Sie in Proberäumen, auf Bühnen, in den Theatern der Welt verbracht haben?
MILLER: Darüber möchte ich lieber nicht nachdenken. Viel zu viele. Ich hab'' wahrscheinlich zuviel da reingelegt. Aber ich vermute, daß es mir eine Menge Spaß gemacht hat.
SPIEGEL: Sie besuchen oft, wie jetzt auch wieder, die Proben zu Ihren Stücken, auch wenn Sie nicht Regie führen. Ist das nicht langweilig?
MILLER: Das ist es in der Tat. Deshalb gehe ich heute auch früher nach Hause. Aber ganz zu Anfang ist es nicht langweilig. In den ersten drei, vier Tagen kann ich sehen, ob Regisseur oder Schauspieler auf dem Holzwege sind - und kann sie ziemlich schnell zurückbringen. Meistens spürt der Regisseur, wenn etwas schiefläuft. Aber er weiß nicht genau, was. Und da kann ich helfen. Ich kann das Fundament legen, die Situation skizzieren - und dann verschwinden.
SPIEGEL: Vielleicht atmet der Regisseur dann sogar auf.
MILLER: Wenn ich dieses neue Stück selbst inszenieren würde, würde ich mich zu Tode langweilen, weil ich mich nicht endlos wiederholen kann. Aber Schauspieler mögen Wiederholungen. Weil sie die Umrisse einer Figur schaffen und sie nach und nach zum Leben erwecken. Und ich wäre ihnen immer so weit voraus wie dieser kleine Klugscheißer in der Schule, der immer alle Antworten weiß.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich für die amerikanische Premiere Ihres neuen Stückes den relativ kleinen "Manhattan Theater Club" ausgesucht?
MILLER: Es ist ein kurzes Stück. Nur eine Stunde und 15 Minuten. Am Broadway ist für so etwas kein Platz. Es sei denn, ein Wunder passiert, und alle Leute sind so verrückt nach diesem Stück, daß sich der Broadway wirtschaftlich lohnt.
SPIEGEL: Gehen Sie ab und zu ins Theater?
MILLER: Es gibt dort wenig, eigentlich zur Zeit nichts, das mich wirklich interessiert. Aber ich bin auch früher, vor 40 Jahren, nicht sehr oft ins Theater gegangen.
SPIEGEL: Am amerikanischen Theater lassen Sie kein gutes Haar. Die Schauspieler, sagen Sie, seien durchs Fernsehen verdorben, und der Broadway sei ein "Minenfeld". Warum?
MILLER: Sie wissen, daß der Broadway wirtschaftlich eine Katastrophe ist.
SPIEGEL: Die letzte Saison war eine der erfolgreichsten in der Geschichte.
MILLER: Geld spielen nur die Musicals ein.
SPIEGEL: Gehen die amerikanischen Kritiker unfair mit Ihnen um? Etwa, wenn sie Sie als übriggebliebenen Idealisten der vierziger Jahre abstempeln, während die britischen Kritiker viele Ihrer letzten Stücke positiver beurteilt haben?
MILLER: Die meisten Kritiker folgen den Trends. Wenn die Röcke kurz sind und sie sehen einen langen Rock, dann ist er nicht gut. Aber, vom Broadway abgesehen, gibt es zur Zeit mehr Aufführungen meiner Stücke als je zuvor, hier und in Europa. Kürzlich hat mir eine japanische Schauspielerin erzählt, daß es in Japan eine Tournee-Aufführung von "Tod eines Handlungsreisenden" gibt, die seit über einem Jahr läuft.
SPIEGEL: Wovon handelt Ihr neues Stück, "Der letzte Yankee"?
MILLER: Es geht um einen Tischler und seine Frau. Und daneben noch eine andere Frau. Der Mann, der letzte Yankee, ist ein Nachkomme eines der Gründerväter der Vereinigten Staaten, Alexander Hamilton. Seine Frau ist in einem Sanatorium für Geisteskranke untergebracht, weil sie depressiv ist. Sie ist unsicher, und sie zweifelt vor allem an den Werten der Gesellschaft, aus der sie sich zurückgezogen hat. Sie ist in die Depression geflüchtet. Sie wissen, daß Depression die weltweit verbreitetste Krankheit ist.
SPIEGEL: Und die Frage ist, ob die Frau mit ihrer Krankheit nur auf eine kranke Gesellschaft reagiert?
MILLER: Genau darum geht es. Der Mann ist auch ein wenig depressiv, allerdings ist er, aus welchen Gründen auch immer, mehr dem Leben zugeneigt. Aber es geht zentral um die Werte, die die heutige Gesellschaft anbietet.
SPIEGEL: Man hat den Eindruck, daß die Menschen in diesem Lande einen Bedarf an Wahrheit, an ungeschminkten Bilanzen haben. Sie haben die Halluzinationen der Reagan-Ära satt. Glauben Sie, daß sich dieses Bedürfnis in einer Renaissance des politischen Theaters widerspiegeln wird?
MILLER: Ganz sicher. Ich habe vor einigen Jahren ein Stück über die Wirtschaftsdepression der dreißiger geschrieben, "The American Clock". Und daraus machen sie jetzt eine Fernsehproduktion. Das wäre noch vor einiger Zeit undenkbar gewesen. Kein Fernsehproduzent hätte angenommen, daß es ein Publikum dafür gibt.
SPIEGEL: Sie sagten kürzlich, daß Sie sich an keine Zeit erinnern können, in der das amerikanische Volk so illusionslos gewesen sei. Ist der amerikanische Traum ausgeträumt?
MILLER: Im Gegenteil. Denn wenn der Traum nicht mehr existieren würde, wären die Menschen nicht desillusioniert. Es ist ein Paradox, aber es trifft zu. Wenn die neue Regierung klug ist, wird sie es verstehen, die Menschen mit dem amerikanischen Traum erneut zu elektrisieren.
SPIEGEL: Ein Leben ohne Vision, ohne Ideal oder Religion ist nicht möglich?
MILLER: Nein, ich glaube nicht. Ohne einen Sinn im Leben kann keiner existieren. Die Krankenhäuser wären dann überfüllt mit depressiven Menschen. Kein Mensch kann ohne Zukunft leben.
SPIEGEL: Was ist Ihre persönliche Vision? Was gibt Ihnen Sinn?
MILLER: Ich habe, zum Beispiel, ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie. Zu meiner Frau. Das hilft. Und ich lebe auf dem Lande, in der Natur. Ich baue mir meine Möbel selber. Ich habe immer etwas zu tun.
SPIEGEL: Als der "Tod eines Handlungsreisenden" in Philadelphia voraufgeführt wurde, war der Chef des örtlichen Kaufhauses so ergriffen, daß er am nächsten Tag die Anordnung ausgab, daß niemand mehr aus Altersgründen gefeuert werden dürfe. Haben Sie, von diesem Vorfall abgesehen, das Gefühl, daß Ihre Stücke etwas bewirkt, etwas geändert haben?
MILLER: Ich weiß nicht, ob ich etwas erreichen konnte. Aber ich glaube, daß ein gutes Stück die Menschen zur Selbsterkenntnis führen kann. Ob das nun Film oder Theater oder Malerei ist - man vergleicht sich mit den Menschen, die man dort sieht. Und erfährt dadurch etwas über sich selber.
SPIEGEL: Wie sehen Sie heute Ihre eigenen Stücke. Was erfahren Sie über sich selber, wenn Sie, wie vor einigen Monaten in Stockholm, Ihren "Tod eines Handlungsreisenden" inszenieren?
MILLER: Ich glaube nicht, daß ich heute, in meinem Alter, noch so ein Stück schreiben könnte. Ich bin philosophischer geworden. Ich bin verwundert, über was ich mich so ereifern konnte (lacht). Aber ich bin froh, daß ich es konnte.
SPIEGEL: Ihrem Stück "Nach dem Sündenfall" wurde vorgeworfen, es habe Ihre Beziehung zu Marilyn Monroe ausgebeutet. Dabei ging es in diesem Stück vielmehr um die Frage der Schuld, um das Problem, daß jeder zum Mörder werden kann. Hat es Sie überrascht, daß der Mythos der Monroe jede andere Facette Ihrer Arbeit überschattet hat?
MILLER: Ja. Aber das zeigt nur, wie naiv ich war. Natürlich hätte ich nicht überrascht sein dürfen. Es ist erschreckend - meine Tochter hat das Stück gerade in Cincinnati inszeniert, und sie war noch nicht einmal auf der Welt, als ich das Stück schrieb. Sie hat eine wundervolle Inszenierung gemacht.
SPIEGEL: Mit welchen Gefühlen denken Sie heute an Marilyn Monroe?
MILLER: Ich habe Mitleid mit ihr, im wesentlichen.
SPIEGEL: Denken Sie oft an sie?
MILLER: Wie könnte ich nicht! Überall gibt es Bilder von ihr, auf Plakaten, auf Zeitschriften. Sie ist immer da.
SPIEGEL: In Ihrer Autobiographie erzählen Sie, wie Marilyn Monroe von einem Life-Fototermin aus New York mit dem Helikopter wieder bei Ihnen in Amagansett auf Long Island landet. Der Helikopter entschwebt, und Sie sind allein und schauen sich an, und Sie sind beide verlegen.
MILLER: Die ständige Öffentlichkeit war ein großes Problem für unsere Beziehung. Aber ich möchte darüber nicht mehr reden.
SPIEGEL: Madonna hat ihre erstaunliche Karriere mit einer billigen Imitation von Marilyn Monroe forciert. Hat Sie das amüsiert oder verletzt?
MILLER: Für mich gibt es da überhaupt keine Vergleiche. Aber natürlich ist es ein Akt der Ausbeutung. Sie vermarktet. Sie ist eine fleißige, emsige Verkäuferin. Mehr nicht.
SPIEGEL: Es ist natürlich auch ein Statement über unsere Kultur, die immer zynischer nachahmt und ausbeutet.
MILLER: Diese Parodien der Vergangenheit sind ein großer Bestandteil unserer Kultur.
SPIEGEL: Warum sind sie so erfolgreich?
MILLER: Ich glaube, daß die Menschen heute Probleme haben, an ihre eigene Existenz zu glauben. Es gibt eine Ausnahme: die Schwarzen, die Afro-Amerikaner, die immer noch am unteren Ende der sozialen Leiter stehen. Aus dieser Situation heraus kreieren sie wirklich authentische Sachen, wie etwa die Rap-Musik. Ich kann die Texte nicht immer verstehen, aber sie sind interessiert am Heute und beziehen sich auf die Realität. Ich glaube, sie sind die einzigen, die niemanden zu imitieren versuchen.
SPIEGEL: Halten Sie denn zum Beispiel Spike Lees Film "Malcolm X" für authentisch?
MILLER: Nein, aber gleichzeitig glaube ich, daß der Film eine gesellschaftliche Wirkung hat. Und insofern ist er nicht nur irgendein Film. Ich bin froh, daß er ihn gemacht hat.
SPIEGEL: Spike Lee?
MILLER: Daß irgendeiner ihn gemacht hat. Denn die Geschichte von Malcolm X ist die Geschichte seiner Bekehrung zu einem System von Werten. Es reicht nicht, daß man alles kaputtmacht. Und der Film zeigt, daß Rassismus, ob er nun von Weißen oder Schwarzen kommt, falsch ist.
SPIEGEL: Sie sind seit 30 Jahren mit der Fotografin Inge Morath verheiratet. Was muß eine Frau haben, daß sie es so lange mit Ihnen aushält?
MILLER: Unendliche Geduld (lacht). Sie arbeitet ebenfalls sehr viel. Sie hat in den letzten 16 Monaten zwei Bücher gemacht. Und in Deutschland ist soeben eine Monographie ihrer Arbeit erschienen*.
SPIEGEL: Sie wurden 1957 im Prozeß wegen "unamerikanischer Umtriebe" zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil Sie sich geweigert hatten, Bekannte zu denunzieren. 25 Jahre nach Ihrem Prozeß schrieb Ihnen der Neffe des Richters, der Sie verurteilt hatte. Und Sie antworteten ihm, daß Sie dem Richter nichts nachtrügen. Gibt es Menschen, denen Sie nicht verzeihen können?
MILLER: Ich vermute es. Aber ich sehe sie nicht mehr. Ich habe alle meine Feinde überlebt (lacht). Ich würde nicht sagen, daß ich ihnen nicht vergeben kann. Sie lösen nur einfach negative Gefühle aus, die ich nicht haben möchte.
SPIEGEL: Wer?
MILLER: Ich will keine Namen nennen. _(* Kurt Kaindl (Hrsg.): "Inge Morath. ) _(Fotografien 1952-1992". Otto Müller ) _(Verlag, Salzburg 1992; 160 Seiten; 64 ) _(Mark. )
SPIEGEL: Der Filmregisseur Elia Kazan vielleicht, der vor dem McCarthy-Ausschuß viele Kollegen denunziert hat?
MILLER: Wir haben sehr lange zusammengearbeitet. Und das kann man nicht, ohne daß ein Band, eine Beziehung entsteht.
SPIEGEL: Aber er hat Sie enttäuscht.
MILLER: Na klar.
SPIEGEL: Gibt es Dinge, die Sie sich selbst nicht verzeihen können?
MILLER: Ja, ich habe zuviel Zeit auf Dinge verschwendet, die ich nicht hätte tun sollen. Aber am Ende sage ich mir - das war ich nun mal, und um einige gute Resultate zu bekommen, muß man wohl all die anderen unnötigen Sachen auch tun. Das Leben ist ein Kampf. Und solange du kämpfst, bist du nicht tot. Die Toten haben keine Kämpfe mehr. Es gibt niemanden, der völlig zufrieden ist.
SPIEGEL: Was war Ihre größte Zeitverschwendung?
MILLER: Ich habe viel Zeit damit verbracht, Frauen mißzuverstehen. Aber so bin ich nun mal beschaffen, also was soll''s.
SPIEGEL: Sie haben auf Ihrem Land 6000 Bäume gepflanzt. Sie hacken Holz. Sie tischlern. Was machen Sie lieber: Schreiben oder Tischlern?
MILLER: Tischlern (lacht).
SPIEGEL: Macht das soviel mehr Spaß?
MILLER: Na sicher, es ist qualvoll, das Hirn zu gebrauchen. Tischlern ist nicht qualvoll.
SPIEGEL: Sind Theaterautoren für die Kultur noch wichtig, stirbt der Beruf nicht aus?
MILLER: Nein, ich glaube, Theater wird es immer geben. Natürlich gibt es Schwierigkeiten. Es ist zum Beispiel unmöglich, Theaterschauspieler oberhalb einer bestimmten Altersgrenze zu bekommen. Weil die guten zum Film gehen und die schlechten früh aussteigen und in andere Berufe abwandern. Bestimmte Stücke lassen sich also gar nicht mehr besetzen. Aber die Idee des Theaters wird niemals sterben.
SPIEGEL: Wer sind die drei bedeutendsten amerikanischen Theaterautoren des 20. Jahrhunderts?
MILLER: Vor 30 Jahren hätte ich Ihnen sofort ein paar Namen genannt - Namen, an die sich heute keiner mehr erinnert. Im heutigen Theater gibt es Sam Shepard und David Mamet und David Rabe . . .
SPIEGEL: Und auf das Jahrhundert bezogen?
MILLER: Eugene O''Neill wird seinen Rang bewahren. Er hat einige wundervolle Sachen geschrieben.
SPIEGEL: Warum nennen Sie nicht Arthur Miller?
MILLER: Weil ich nicht weiß, was sein wird, wenn ich nicht mehr da bin. Keiner weiß das.
SPIEGEL: Ihre Autobiographie schließt mit den Sätzen: "Die Wahrheit, die erste Wahrheit, ist vermutlich, daß wir alle miteinander verbunden sind und einander beobachten. Selbst die Bäume." Sind Sie zum Buddhisten geworden?
MILLER: Ich bin mir klar, daß es da Übereinstimmungen gibt. Aber ich hänge keiner bestimmten Religion an.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß nach dem Tode noch etwas kommt?
MILLER: Nein, nicht wirklich. Das ist einer der jammervollsten und ergreifendsten Wünsche, den der Mensch je hatte. Aber das einzige Leben nach dem Tode ist die Kunst.
SPIEGEL: Herr Miller, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
** Arthur Miller: "Zeitkurven". S. Fischer Verlag, Frankfurt 1987; 816 Seiten; 68 Mark. Als Taschenbuch 19,80 Mark. * In seiner Wohnung in Manhattan. Das Gespräch führte SPIEGEL-Reporter Matthias Matussek. * Mit ihren Schäferhunden auf dem Miller-Anwesen in Connecticut. * Kurt Kaindl (Hrsg.): "Inge Morath. Fotografien 1952-1992". Otto Müller Verlag, Salzburg 1992; 160 Seiten; 64 Mark.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 52/1992
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