06.12.1993

PhilosophenSchlaucherls Triumph

Der riesige Nachlaß des Jahrhundert-Denkers Wittgenstein soll vollständig gedruckt werden - als Pfründe eines dubiosen Herausgebers.
Manchmal kommen die Einfälle so rasch, daß ich das Gefühl habe, mein Füllhalter werde von außen gelenkt", ächzte der Philosoph 1948. Zufrieden war Ludwig Wittgenstein mit seiner Arbeit nie. Unerbittlich ergänzte und verdichtete der Denker aus Wien seine geistigen Experimente, schrieb sie um und um; doch das geplante Grundsatzwerk - über Fragen von der Art, weshalb überhaupt die Welt in Wörtern erkennbar wird - wollte einfach nicht Gestalt annehmen.
Wie es aussehen könnte, darüber rätseln Kenner noch immer. Von den etwa 30 000 Seiten Text, die sich im Nachlaß des rasch legendär gewordenen Philosophen fanden, ist bis heute, 42 Jahre nach Wittgensteins Tod, nur ein Bruchteil zwischen Buchdeckeln verfügbar. Der mag zwar repräsentativ sein - aber wie der einsame Denker dachte, wie er seine Notizen variierte und unentwegt gegeneinander abglich, blieb verborgen.
Das könnte nun anders werden. Jüngst ist im Wiener Wissenschaftsverlag Springer eine "Einführung" zur geplanten "Wiener Ausgabe" erschienen: 15 großformatige Textbände sollen vorerst herauskommen, dazu Register und Index-Hilfen**.
Die sperrigen Folianten würden indes gerade mal Wittgensteins Notizen von 1929 bis 1933 umfassen. Allein das sogenannte "Big Typescript", ein Gedanken-Arsenal, das der Philosoph selbst aus Vorarbeiten zusammentrug, korrigierte und erweiterte, müßte, wenn die Ausgabe so weit käme, in insgesamt vier Fassungen hintereinander erscheinen. Welche Unzahl weiterer Bände am Ende nötig wäre, um Nachlaß oder gar Gesamtwerk des Philosophen vollständig abzudrucken, weiß keiner.
Verwegene Pläne, vor allem, weil ihr Initiator Michael Nedo, 53, weder Editions-Fachmann noch Philosoph noch überhaupt ein Gelehrter ist. Nicht einmal in deutscher Interpunktion ist der angegraute Bohemien sattelfest. Dafür kennt Nedo sich bestens im Leben seines Idols aus - und in der Kunst, Fördermittel zu beantragen.
Anfang der siebziger Jahre hatte Nedo, gelernter Werkzeugmacher mit nachgeholtem Abitur und damals Physikstudent in Tübingen, durch einen interessierten Brief die Gunst von Rush Rhees, einem der drei Erben Wittgensteins, der "Trustees", gewonnen. Erstaunlich schnell brachte Nedo bis 1975 in Tübingen Mitarbeiter und Geldgeber für ein "Wittgenstein Archiv" zusammen, wo der Nachlaßwust aufgearbeitet werden sollte.
Immerhin sechs Jahre lang wurde beraten und getippt, ein paar tausend Seiten lagen schon transkribiert (in computerlesbarer Umschrift) vor, dann hatten sich die Wissenschaftler gründlich mit Nedo zerstritten. Wurde es fachlich ernst, so der damalige Mitarbeiter Joachim Schulte, kam der Projektleiter regelmäßig ** Ludwig Wittgenstein: "Wiener Aus- _(gabe - Einführung / Introduction". ) _(Springer Verlag, Wien; 148 Seiten; 20 ) _(Mark. * In seinem Haus in Cambridge. ) "ins Schwimmen"; laut dem enttäuschten Abschlußbericht der Archiv-Mitglieder glänzte Nedo sowieso durch "permanente Abwesenheit". Dann kam auch noch heraus, daß er den Doktorgrad, den er zu führen pflegte, gar nicht besaß.
Trotz alledem wußte Nedo, virtuos in Gefälligkeiten, sich das Vertrauen der Nachlaßhüter zu erhalten. Mit ihrem Segen richtete er sogar ein Wittgenstein-Büro im Cambridger Trinity College ein, dort, wo die meisten Nachlaßoriginale lagern. Schulte: "Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt." Der Tübinger Rest-Gruppe, bei den Wittgenstein-Erben in Ungnade gefallen, blieb nur ein "geordneter Rückzug" übrig.
In den vergangenen Jahren hat Nedo, der in Cambridge ein idyllisches Haus bewohnt, die begonnene Umschrift von zehn Manuskriptbänden abschließen können, nicht ohne vielerlei Entzifferungs- und Korrekturhilfen. Seine Tübinger Jahre sind ihm natürlich "in guter Erinnerung", als "Gewinn für meine eigene Entwicklung" - schließlich zehrt er kräftig von den Ideen der einstigen Gruppe.
Mittlerweile hat er sogar einen ergebenen Computerkenner aufgetrieben, der alle Formeln und Skizzen des Philosophen bis zum letzten Gedankenkringel drucktechnisch nachzubilden weiß. Vom Computer errechnete Querverweise in vielen Zusatzbänden sollen den Leser zu den zahlreichen Doppel-Versionen desselben Gedankensplitters lotsen.
Solche Schnitzeljagd hatten die übrigen Tübinger durch Konzentration verhindern wollen - Nedo aber, jetzt Allein-Editor, ist nicht gründlich, sondern ein Gigantomane. Regale voller Entwürfe, Formulierungs-"Partituren" sollen den "Denkprozeß" des Genies ergründen helfen; daß er damit einen Lebenszeit-Job für sich selbst anpeilt, verschweigt Nedo taktvoll.
Inzwischen wäre er tatsächlich der Konkurrenz voraus, selbst wenn von seiner "Wiener Ausgabe" nur die Textbände erschienen. Norwegische Wittgenstein-Forscher, die nach dem Scheitern des Tübinger Projektes ein ähnliches Institut in Bergen gegründet hatten, werden noch Jahre allein für die Transkription der Manuskripte brauchen.
Nedos Text hingegen könnte zumindest den Appetit ausgehungerter philosophischer Spurenleser stillen. Längst schon wünschten viele Interessierte die geistige Landschaft, die Wittgenstein nach eigenen Worten vor sich sah, überblicken zu können, ohne sich auf die Bevormundung durch seine Erben verlassen zu müssen.
Doch die Nachlaßhüter blieben trotz immer lauterer Mahnungen aus der Fachwelt unschlüssig, ja nahezu untätig. Mittlerweile ist die Sehnsucht nach einem Ende der verzwickten "Editions-Operette" (Die Zeit) unter den Forschern so groß, daß jede Wittgenstein-Neuigkeit als Hoffnungszeichen gefeiert wird. Ungenauigkeiten, wie sie bei Nedo des öfteren vorkommen, werden in Kauf genommen - und auch, daß er vielfach bloße Verschreiber des Denkers in Fußnoten vermerkt, als seien sie erhabenste Gedankenlyrik.
Goldsucherstimmung war bei jüngeren Wittgenstein-Enthusiasten spätestens ausgebrochen, als 1985 auf dem Umweg über eine spanische Zeitschrift erstmals "Geheime Tagebücher" des Philosophen auftauchten, Bemerkungen, die er inmitten seiner übrigen Notizen nach einem simplen Alphabet-Code verschlüsselt hatte. Enthüllend fanden freilich nur Laien die Texte. Meist begrübelte Wittgenstein seine "eitlen Gedanken" oder hielt Einfälle fest wie: "Ich glaube, das gute Österreichische ist besonders schwer zu verstehen."
Österreicher hören dergleichen gern - und so hat Nedo es auch geschafft, sein monströses Vorhaben beim Wiener Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung als Prestigeobjekt unterzubringen. Er und sein Cambridger Büro werden "mit Sicherheit" - so Rudolf Haller, Wittgenstein-Experte aus Graz - auch fürs nächste Jahr ihre Fonds-Gelder bekommen. Verlagschef Rudolf Siegle, von seiner historischen Sendung überzeugt, nahm sogar in Kauf, daß die Hälfte des Honorars als Tantieme an die Wittgenstein-Trustees geht.
Schon jetzt also ist an der "Goldader" Wittgenstein (Nedo) zu verdienen - wie sehr das auch der Haltung des asketischen Wiener Denkers widerspricht, der 1919 sein väterliches Millionenerbe an die Geschwister weggegeben hatte. Der Frankfurter Suhrkamp Verlag, Stammhaus fast aller bisherigen Wittgenstein-Ausgaben und von den Erben mit der Option auf eine zukünftige Gesamtausgabe vertröstet, hat jedenfalls einstweilen das Nachsehen.
"Wäre ich ein Heiratsschwindler, welche Relevanz hätte das bezüglich der von mir vorgelegten Ausgabe?" erwidert Nedo heute keck auf alle Vorbehalte. Rudolf Haller, der mit Nedos Arbeitsstil schon mehrfach zu tun hatte, nennt den neuen Allein-Herausgeber "ein richtiges Schlaucherl, wie wir in Österreich sagen". Und auch der Linguist Hans Jürgen Heringer, damals in Tübingen mit Nedo Projektleiter und hernach für die Bereinigung des Schlamassels zuständig, bezeichnet den wendigen Organisator nur als "Phänomen".
Einen Rat für alle, die mit der "Wiener Ausgabe" nicht glücklich werden können, hat Heringer auch. Sie sollten abwarten bis zum Jahr 2021 - dann erlischt das Copyright der Wittgenstein-Erben. Y
** Ludwig Wittgenstein: "Wiener Ausgabe - Einführung / Introduction". Springer Verlag, Wien; 148 Seiten; 20 Mark. * In seinem Haus in Cambridge.

DER SPIEGEL 49/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Philosophen:
Schlaucherls Triumph

  • Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Amal Clooney vor der UN: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool