21.12.1992

Wille zur Schönheit

Südwest III zeigt die Turgenjew-Verfilmung „Rauch“. Die Entstehung dieser deutsch-russischen Koproduktion war ebenso spannend wie der Film selbst.
Das Kino ist unsere einzige gemeinsame Sprache in Europa", meinte Wim Wenders bei der Verleihung des europäischen Filmpreises "Felix" - vermutlich ein wahres Wort. Doch der Weg zur Leinwandgemeinschaft ist weit; er führt - so ist der Stand der Dinge - durch Babylon und jede Menge Mißverständnisse.
Für internationale Koproduktionen im Fernsehen gilt dies erst recht - besonders, wenn das Kunstverständnis eines öffentlich-rechtlichen Senders in Deutschland auf den cineastischen Ehrgeiz russischer Filmemacher trifft. An den beiden Weihnachtsfeiertagen läuft in Südwest III (jeweils um 19.30 Uhr) ein deutsch-russisches TV-Projekt: die Verfilmung des Turgenjew-Romans "Rauch".
Wer die erhabenen Landschaftsaufnahmen, das Schwelgen in schönen Gesichtern, prachtvollen Stoffen und gleißendem Licht sieht, der käme nie auf die Idee, daß furchtbare Kämpfe, Erniedrigungen, Mißverständnisse zwischen Deutschen und Russen dem nun zu besichtigenden Ergebnis vorangingen. Kein Rauch und erst recht kein Turgenjew-"Rauch" ohne Feuer - aber hier hätte es beinahe nur noch verbrannte Erde gegeben.
Zwischen 1863 und 1867 schrieb Iwan Turgenjew in Baden-Baden "Rauch", seinen vorletzten Roman. Der verwebt eine tragische Liebesgeschichte mit der Schilderung politisierender Exilrussen, die sich, fern der finsteren Heimat, im deutschen Modebad den von Roulett und Müßiggang vernebelten Kopf über die Zukunft ihres Landes zerbrechen.
Turgenjew beschreibt die Irrungen der Liebe und die Wirrungen der Politik. Da ist die Geschichte des jungen Gutsbesitzers Litwinow, der seine landwirtschaftlichen Studien in Deutschland abgeschlossen hat und sich in Baden-Baden mit seiner Verlobten treffen will, aber in dem Kurort in eine Affäre mit seiner Jugendfreundin Irina verstrickt wird. Und da sind die Hohlköpfe und Nihilisten, die Gottsucher und atheistischen Rationalisten und jene slawophilen Fanatiker, die den Westen für Teufelswerk halten und Mütterchen Rußland mit Mystik vor der Moderne bewahren wollen.
Kein Wunder, daß "Rauch" im niedergehenden Sowjetimperium die Filmemacher anzog. Die in Baku geborene Regisseurin Ajan Schachmalijewa, 60, überzeugte 1989 Sojustelefilm, das Filmstudio des sowjetischen Fernsehens, davon, ihr "Rauch"-Projekt zu verfilmen. In der für Rußland typischen Klassiker-Verehrung, der jedes Dichter-Komma heilig ist, enthielt das Drehbuch jede Dialogzeile des Turgenjew-Romans.
So breitete das Skript nicht nur die Liebesgeschichte aus, sondern auch die langen Erörterungen der russischen Intelligenzija. Und als ob das nicht genug wäre, sollten vor Beginn des Films eine halbe Stunde lang Turgenjew-Briefe vorgelesen werden.
Doch aus der wörtlichen Verfilmung wurde nichts. Die Sowjetunion brach zusammen, das Geld ging aus. Der Südwestfunk sprang als Finanzier ein, und mit den Deutschen kam - knallhart - die Liebe: Die SWF-Vertreter präsentierten einen Drehbuch-Entwurf, der den Amour fou und nicht Gespräche über Rußlands Zukunft in den Mittelpunkt stellte.
Die Russen verzweifelten. So etwas könnten sie in ihrem Lande nicht zeigen, wo die Menschen ihren Turgenjew auswendig kennten. Die Deutschen blieben hart, die Politisiererei sei "Dallas"-dressierten TV-Konsumenten hierzulande nicht zuzumuten, wohl aber die Affäre. Wer zahlt, schafft an - die Petersburger mußten nachgeben.
Tief gekränkt fuhr Regisseurin Schachmalijewa mit der jungen SWF-Redakteurin Cornelia Ackers auf einen Petersburger Friedhof, zum Grab eines adligen Herrn. Die Regisseurin nahm die Hand der überraschten Deutschen und fuhr auf ihrem hervorgeholten Paß die russischen _(* Mit Larisa Menschowa als Irina. ) Schriftzüge ihres Namens ab - sie entsprachen denen auf dem Grabstein. Die merkwürdige Übung sollte nicht nur der geschichtsvergessenen Deutschen bedeuten, daß sie es mit einer Adelsdame zu tun habe, sondern auch, daß Rußland einst tief verbunden gewesen sei mit dem Geist der Belle Epoque; daß seine politischen Pobleme damals ganz Europa interessiert hätten.
In Baden-Baden, wo vor allem die Außenaufnahmen gedreht wurden, gab es erneut Schwierigkeiten. Auf den entwickelten Mustern entdeckten die Kontrolleure des SWF, daß sich die Kamera - russischer Filmästhetik folgend - rastlos durch die Szene bewegte, viele Totalen zeigte und oft nicht die redenden Personen ins Bild brachte, wie das der deutsche Fernsehkonsument verlangt. Unnachsichtig forderte der Südwest-Sender den Nachdreh bestimmter Szenen, damit die im hierzulande üblichen Schnitt-Gegenschnitt-Rhythmus auf den Schirm kämen.
Der Kameramann Sergej Jurisdizki, der immerhin schon die Erfahrung von 20 Kino- und Fernsehfilmen mitbrachte, sollte Nachhilfeunterricht von einem deutschen Kollegen erhalten. Jurisdizki brach in Tränen aus, lieferte aber die deutsche Schnittigkeit.
Nachts streifte das Team durch den Kurort an der Oos, um das Baden-Baden der armen Leute zu entdecken. Es sollte der Handlung soziale Tiefenschärfe geben und zeigen, was der Bourgeois Turgenjew in seinem Roman nicht hatte beschreiben wollen. Doch dieser sozialistische Realismus geriet zur Farce: Als Elendsquartier suchten die Russen sich ein Bauernhaus aus, das reiche Deutsche auf alt restauriert hatten.
Unterschiedliche Auffassungen gab es über die Liebesszenen. Mit Pferdeleibern im Vordergrund setzte Frau Schachmalijewa leidenschaftliche Annäherungen nur schwer erkennbar in den Hintergrund. Die Deutschen wollten statt dessen bei der Erotik optische Nähe.
Der Länder-Punkt ging an die Russen: Die erste erotische Wiederbegegnung Litwinows mit der verführerischen Irina kommt als Nacherzählung auf den Schirm: Das Zimmermädchen pflückt Kletten aus dem Saum ihrer Herrin, Irina und Dienerin weinen - ein Symbol für die Tragik ihrer Liebesbeziehung zu Litwinow.
So ist trotz russischer Prüderie und deutschem Hang zur Einheitsoptik etwas Ansehenswertes entstanden: eine Liebesgeschichte mit Bildern, die wie Gemälde aussehen. Schönheit hilft über Mißverständnisse hinweg, und Wenders irrt womöglich doch: Es wäre schade, wenn all die russischen Eigenheiten von einer gemeinsamen Filmsprache verdrängt würden.
* Mit Larisa Menschowa als Irina.

DER SPIEGEL 52/1992
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