29.03.1993

Ost-West-HandelSylvia 651

Unter Protektion von Politikern machten zwei Fleischkonzerne Millionen. Erhebliche Summen sind verschwunden, Staatsanwälte ermitteln.
Die Vernehmung des Zeugen Manfred Wolf, "geboren am 20. Juli 1928 in Flöha/Sachsen", begann ziemlich unspektakulär. "Ich bin", erklärte er, "seit 1976 Generaldirektor des Außenhandelsbetriebes Nahrung gewesen" - ein Apparatschik im höheren Dienst der alten DDR.
Dann aber raffte sich Wolf auf, über Filetstücke des deutsch-deutschen Fleisch- und Viehhandels zu reden. Ihn störte, daß bei den milliardenschweren Exportgeschäften nur zwei westdeutsche Firmen, die Fleischkonzerne Marox und Moksel, zum Zuge kamen.
Da müsse doch, preschte Wolf bei Alexander Schalck-Golodkowski, dem Chef der DDR-Valutabehörde Kommerzielle Koordinierung (KoKo), vor, eine "Erweiterung der Handelspartner" erörtert werden. Doch Schalck, sagte Wolf aus, habe sofort abgeblockt, seine Antwort: "Jede weitere Diskussion" darüber sei "tödlich".
Das Ost-West-Geschäft mit Bullen, Kälbern und Kühen spielte sich in alten Zeiten auf einem geschlossenen Markt ab, jeder zusätzliche Bewerber hätte die Kreise empfindlich gestört. Riesige Geldbeträge wurden hin- und hergeschoben, Politiker wie Franz Josef Strauß oder Beamte boten - als läge Bayern im Mezzogiorno - Flankenschutz.
Aufmuckende Bauern, die sich um ihre Existenz sorgten, wurden über das wahre Ausmaß dieser Geschäfte glatt belogen, wie der Münchner Ex-Landwirtschaftsminister Simon Nüssel (CSU) zugab.
"Wer die besten Beziehungen hatte", sagt ein Verbandsfunktionär, "der kam zum Zug" - und das waren die christsoziale März-Familie aus Rosenheim mit ihrem Marox-Betrieb (siehe Kasten Seite 118) und der Allgäuer Alexander Moksel, 75, eingeschriebenes SPD-Mitglied.
Beide betrieben ursprünglich Familienunternehmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden waren. Hier wie dort, erzählte Moksel-Vorständler Rodo Schneider, 49, gab es "keine anonyme Masse von Aktionären, sondern eine starke Familie, die den gleichen Dialekt spricht wie wir".
Moksel, dessen Eltern einst eine Großschlächterei in Ostpommern besaßen, hatte es 1946 als Flüchtling ins Allgäu verschlagen. Die Kleinstadt Buchloe sollte eigentlich nur Zwischenstation sein auf dem Weg nach Brasilien.
Doch Moksel, der als Jude fünf Jahre lang im NS-Konzentrationslager verbracht hatte, blieb. In den Kühlräumen einer alten Brauerei richtete er seinen ersten Schlachtbetrieb ein - und erkannte schon bald, daß mit den Kommunisten in der DDR gute, vor allem auch stille Geschäfte zu machen seien.
Der wichtigste Mann zu Beginn der Moksel-Karriere drüben war der gebürtige Österreicher Herbert Rübler, Jahrgang 1921, eine schillernde Figur im Ost-West-Handel. Rübler besaß nicht nur hervorragende Verbindungen zum DDR-Außenhandelsbetrieb Nahrung, er kannte auch Schalck bestens sowie den stellvertretenden Leiter des Spionageapparates Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), Hans Fruck.
Die Kontakte waren offenbar so gut, daß der Bundesnachrichtendienst (BND) Interesse an Rübler fand. Von nun an lebte er nicht ungefährlich - der werde noch mal, zitierte der frühere BND-Agent Raoul Matalon einen Konfidenten aus dem ost-westlichen Dunstkreis, "mit einer Kugel im Kopf enden". Rübler starb, unter nie restlos geklärten Umständen, 1988 im Badezimmer seines Ost-Berliner Hotels.
Ende der sechziger Jahre hatte "Herbert", wie er in den Papieren des Ministeriums für Staatssicherheit hieß, mit Moksel einen Vertrag ausgehandelt, der ihm 0,5 Prozent des Firmenumsatzes mit der DDR als Provision garantierte. "Nach den sich entwickelnden Geschäften", rechnete die Stasi aus, "müßte ,Herbert'' jährlich ca. 1/2 Million Provision erhalten."
Während im Osten die Stasi aufs prosperierende Vieh- und Fleischgeschäft ein Auge warf, interessierte sich im Westen die Oberfinanzdirektion München für Moksel. Zweieinhalb Jahre lang, von Januar 1977 bis Juli 1979, durchforsteten Prüfer alle Geschäftsunterlagen. Das Ergebnis fixierten sie in einem "amtlich geheimgehaltenen" Vermerk: Moksel habe in "zahlreichen Fällen schwerwiegende Zuwiderhandlungen" gegen Bestimmungen im innerdeutschen Handel "und Wirtschaftsstraftaten begangen".
So stellte die Oberfinanzdirektion etwa fest, die Buchloer hätten ungenehmigt und daher illegal Provisionen für Ostgeschäfte in die Schweiz transferiert, ausgerechnet auf ein Konto der Firma Exportcontact. Dieses Unternehmen gehörte dem DDR-Händler Günther Forgber, der vor allem für die und im Auftrag der HVA schaffte.
Die Finanzbeamten zählten, bei einem Handelsvolumen von gut 160 Millionen Mark, insgesamt 179 Verstöße gegen innerdeutsche Vorschriften auf, 27 stuften sie als "schwer" ein. Im August 1980 gaben sie die Akte der Staatsanwaltschaft Augsburg, die ein Ermittlungsverfahren einleitete.
Eine für April 1981 angesetzte Durchsuchung mußte um ein Jahr verschoben werden, weil der zuständige Staatsanwalt entweder überlastet, im Urlaub oder krank war. Längst hatte Moksel von der geplanten Razzia erfahren - er gab freiwillig Unterlagen heraus, der Staatsanwalt war''s zufrieden.
Je länger die Ermittlungen liefen, desto kleiner wurden die Vorwürfe. Schließlich stellte Augsburg 1983 das Verfahren ein - "mangels genügenden Anlasses zur Anklageerhebung", wie die Leitende Oberstaatsanwältin Wilma Resenscheck heute erklärt.
Zur "Ahndung etwaiger Ordnungswidrigkeiten" (Resenscheck) gingen die Akten zurück an die Oberfinanzdirektion - auch die wurde nicht mehr tätig.
Während nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf _(* Vorletzte Woche vor dem ) _(Untersuchungsausschuß des Bayerischen ) _(Landtags. ) solche Ordnungswidrigkeiten erst nach drei Jahren verjähren, machte das Bonner Finanzministerium, damals unter Leitung des Christdemokraten Gerhard Stoltenberg, eine andere Zeitrechnung auf. Im Januar 1984 teilte es in einem Runderlaß allen Oberfinanzdirektionen mit, die Verjährungsfrist betrage lediglich zwei Jahre - die "gegenteilige Auffassung" der Düsseldorfer Richter sei, bitte schön, "nicht mehr zu vertreten".
In Buchloe durfte sich Moksel freuen - Ermittlungen eingestellt, alles andere durch Bonner Großzügigkeit verjährt.
Dennoch hat es Moksel nicht geschafft, sich auf ewige Zeiten die Fahnder vom Leib zu halten. Gegen ihn, seine Vorständler Schneider und Alfred Freibott sowie den Top-Zoni Schalck-Golodkowski ermittelt seit Frühjahr 1991 die Staatsanwaltschaft Berlin - Thema der Untersuchungen: "Geldtransaktionen an und über die Firmengruppe Moksel unter Einbindung des Bereichs Koko".
Die Ermittler interessiert vor allem ein Konto bei der KoKo-Hausbank, der Deutschen Handelsbank (DHB). Es trug den Titel "Sylvia 651", Moksel und Schneider hatten es 1976 eröffnet. Allein zwischen 1984 und 1987 wurden über dieses Konto mehr als 38 Millionen Mark in die Schweiz transferiert. "Herkunft und Verbleib" dieser Gelder seien, so die Staatsanwaltschaft beim Berliner Kammergericht, bislang nicht bekannt.
Zwar ließ Moksel 1991 durch einen Steuerberater erklären, er habe das DHB-Konto und das Korrespondenzkonto 714 078 beim Schweizerischen Bankverein in Küßnacht "für fremde Rechnung" geführt. Den Namen des Auftraggebers gab er jedoch nicht preis.
Redselig war der Fleischmagnat nie. Er habe vier Töchter und sieben Enkelkinder und werde bald 75 Jahre alt - mehr sagte Alexander Moksel nicht, als er Anfang November letzten Jahres vor einem Untersuchungsausschuß des Bayerischen Landtags stand, der die Schalck-Geschäfte und mögliche CSU-Verquickungen aufhellen soll. Ansonsten beschied der Ausschuß-Zeuge Moksel die Abgeordneten, genau 35mal, stereotyp mit derselben Floskel: "Ich verweigere die Aussage."
Auskünfte über seine Firma, die erst 1987 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde und zuvor mehr im verborgenen gedieh, überließ der Seniorchef meist seinem betrieblichen Ziehsohn Schneider. Beispielsweise als sich letztes Jahr überraschend eine Liaison der Moksel AG mit ihrem Rivalen aus alten DDR-Tagen, der Rosenheimer März AG, anbahnte. "Die Not treibt uns künftig enger zusammen", sagte Schneider - aber er meinte die Vergangenheit.
Im September 1992 übernahm die März-Gruppe zum Kaufpreis von rund 300 Millionen Mark ein Drittel des Aktienkapitals von den Allgäuern, die im Gegenzug von den Rosenheimern die Fleischfirma Marox erhielten. Die Gebrüder März (Umsatz 1992: rund zwei Milliarden Mark) erklärten inzwischen unumwunden, sie wollten die Mehrheit bei Moksel (Umsatz 1992: etwa vier Milliarden Mark) erwerben. Und aus Buchloe gaben Mitarbeiter zu verstehen, der Seniorchef, dessen Töchter in fleischlosen Berufen arbeiten, wolle rechtzeitig sein Erbe regeln.
Da es sich aber bei den 33 Prozent, die März von Moksel erwarb, just um das Paket des Firmenchefs handelte, kam ein böser Verdacht auf: Moksel wolle "sich schnellstens von seinem Konzern abseilen", argwöhnte der Abgeordnete Manfred Fleischer (Die Grünen) im bayerischen Schalck-Ausschuß.
Zehn Monate vor dem Verkauf seiner Anteile nämlich hatte Moksel erklärt, er wolle mit seinem Privatvermögen für eventuelle Konsequenzen haften, die sich aus Ermittlungen wegen unkorrekter Geschäfte mit der früheren DDR ergeben könnten.
Moksel ist längst und trotz allem Ehrenbürger von Buchloe, dessen Stadtrat er zeitweilig für die SPD angehörte. Schon jetzt tragen eine Straße und ein Sportstadion seinen Namen. Der Provinzfürst gilt als generöser Spender, der seine Gaben gleichmäßig auf die großen Parteien verteilt. Während die Partnerfirma März, deren Chef Josef März 1988 gestorben ist, den Rosenheimer Eishockeyverein sponsert, fördert Moksel, selber passionierter Herrenreiter, in Buchloe den Pferdesport.
Sein Stall gilt mittlerweile unter Springreitern als Deutschlands feinste Adresse, dem Konkurrenten Paul Schockemöhle im westfälischen Mühlen schon überlegen - Turnierfavoriten und Olympiasieger reiten für Moksel und Deutschland. _(* Mit Rosenheimer Eishockeyspielern. )
Fleischhändler Moksel "Konto für fremde Rechnung"
Ex-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski* "Jede weitere Diskussion tödlich"
Wiegen von Schlachtvieh (in Hamburg): "Die Not treibt uns enger zusammen"
Fleischhändler März (1982)* Beste Beziehungen
* Vorletzte Woche vor dem Untersuchungsausschuß des Bayerischen Landtags. * Mit Rosenheimer Eishockeyspielern.

DER SPIEGEL 13/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1993
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ost-West-Handel:
Sylvia 651

Video 03:54

Videoanalyse zur SPD Der große Knall blieb aus

  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus