04.07.1994

ArgentinienIm Rausch des Ruhms

Diego Maradona glaubte unantastbar zu sein. Nach seinem Doping-Ausschluß gefällt er sich in der Märtyrerrolle.
Die Mannschaft hockt schon in der Kabine, da steht Diego Armando Maradona noch vor der Tribüne, küßt die argentinische Fahne und widmet sich seinem Volk. Voller Stolz dankt er "Gott, daß er mir diese wunderbaren Beine gegeben hat".
Dann verläßt er, als wäre noch ein letztes Zeichen von Bürgernähe nötig, Hand in Hand mit einer Krankenschwester die Arena. Oder wird er abgeführt? Maradona, 33, weiß, daß sie ihn zur Dopingprobe bringt, und er lächelt doch. Glaubt er, daß wissenschaftliche Analysen sich seinen Wünschen fügen?
Er ist viel gerannt beim 2:1-Sieg der Argentinier über Nigeria. Doch es waren keine himmlischen Mächte, die Maradonas Lungen und Muskeln stärkten. Es wirkte die irdische Pharmaindustrie _(* Im Spiel gegen Nigeria am 25. Juni in ) _(Boston. ) mit Cocktails voller Ephedrine. Fünf illegale Substanzen waren Teil von Maradonas Abmagerungskur und dienten, so berichtet der Fifa-Arzt Michel D''Hooghe, "der Leistungssteigerung".
Mitten hinein in sein spektakuläres Comeback wurde Argentiniens Nationalheld am vergangenen Donnerstag als eine Art Ben Johnson des Fußballs enttarnt: Nach seiner erst vor zwei Jahren abgelaufenen Sperre wegen Kokain-Mißbrauchs steht das Idol erneut als Doper da. So hat die Weltmeisterschaft ihren "Schock für alle" erlebt, sagt der deutsche Stürmer Jürgen Klinsmann - den Wiederaufstieg und endgültigen Fall des ehedem weltbesten Fußballers binnen einer Woche.
Wie Johnson den Olympischen Spielen 1988, so verschafft Maradona der WM ihr Desaster und zugleich den Heiligenschein vermeintlich ernsthafter Dopingbekämpfung. Wie Johnson ist auch Maradona ein Beispiel für die mitunter verheerenden Folgen der Vergötterung von Athleten im Zeitalter der globalen Stars. Und im selben Moment zeigt der Sturz des Argentiniers die Kälte, mit der Funktionäre Heroen zum Abschuß freigeben, wenn das keimfreie Image beschädigt und der Held wertlos erscheint.
Zwischen dem Mannschaftsquartier der Argentinier und dem Four Seasons Resort von Dallas, der Turnier-Schaltzentrale des Weltverbandes Fifa, wurde am vorigen Donnerstag morgen viel telefoniert. Nach altem Funktionärsbrauch wurde ein Kuhhandel schon beschlossen, bevor die offiziellen Beratungen über Maradonas Schicksal begannen.
Fifa-Generalsekretär Joseph Blatter, so berichten seine Mitarbeiter, riet dem argentinischen Verband, Maradona aus dem Turnier vorauseilend zurückzuziehen; dafür würden die drei Punkte, die der Gedopte gegen die Nigerianer miterkämpft hatte, nicht aberkannt; den armen Verband Nigerias zu überzeugen, daß ein Protest nicht angemessen sei, fiel nicht schwer.
Alle Schuld dem Erwischten: Kein zweiter Argentinier, so einfach lassen sich Wirklichkeiten schaffen, habe von dem kunstvoll gemixten Chemietrunk gewußt. Schon mit dem Schuldspruch begann das Vergessen: "Der König ist tot", sagte Blatter, "wir spielen weiter." So erlebten 200 Journalisten, die sich bei der Urteilsverkündung um die Plätze schlugen, eine Hinrichtung ohne Leiche. Der Superstar der WM war verschwunden, als hätte er nie existiert.
Allein Maradonas Gefolgschaft in amerikanischen Stadien und daheim in Buenos Aires empörte sich. "Pele seras el rey pero Diego es un dios" - Pele, du magst der König sein, aber Diego ist ein Gott -, war auf einem Fan-Transparent in der Cotton Bowl in Dallas zu lesen.
Die argentinische Zeitung Pagina/12 füllte die Titelseite mit dem Wort "Schmerz" und spürte einer Verschwörung Marke Dallas nach: "In dieser Stadt, wo vor 30 Jahren Kennedy ermordet wurde, wird jetzt der Fußballtod von Maradona erklärt." Wurde er zufällig zur Dopingprobe ausgelost?
Der Mann mit der Nummer 10, den sie in Buenos Aires zärtlich El Pibe, den Kurzen, nennen, ist wieder dort angelangt, wo er bereits vor seiner Rückkehr ins WM-Team gesteckt hatte: im Gestrüpp der Selbstvernichtung, im Kerker der eigenen Legende.
Schon immer hatte Maradona Charisma mit Eskapaden verwechselt. Vom Volk, nach dessen Anerkennung er strebte, hatte er sich durch ständig neue Aussetzer zunehmend entfernt. Verträge galten für einen wie ihn nicht; trainieren mußten die anderen; Drogen, Sexorgien und Steuerschulden leistete sich meist nur einer: Diegito.
Maradona glaubte unantastbar zu sein, weil seine gleichsam himmlischen Fußballkünste alle Skandale überstrahlten. Mit einem kleinen Dreh seines rechten Fußes hatte er noch immer alle Probleme lösen können. Ein Paß, ein Freistoßtor - schon wurde aus der größenwahnsinnigen, geistig verwirrten Skandalnudel wieder der Heilsbringer, dessen Abbild die Fans in Schreine klebten und anbeteten.
Kann einer wie Maradona noch nüchtern bleiben, wenn er, der als einzige Begabung das Ballgefühl besitzt, in den Mittelpunkt der Menschheit gerückt wird, scheinbar wichtiger als Papst und Staatspräsident? Immer wieder verfallen Showstars im Rausch des Ruhms dem Glauben an die eigene Einzigartigkeit. Wie etwa der Pop-Sänger Michael Jackson erlag auch Maradona der Selbsttäuschung, er sei im ganzen ein besserer Mensch, ein Auserwählter.
Über ein Jahrzehnt lang wurden Maradona gottgleiche Fähigkeiten attestiert. Folgerichtig bildete er sich die Welt nach seinen eigenen Regeln neu - im Leben, wenn er Luftgewehrsalven auf mißliebige Journalisten feuerte; und im Stadion, wenn er den Ball ins Tor faustete und nachher von der "Hand Gottes" sprach.
Unrecht tut er nicht, Unrecht wird ihm getan. Was ihm, dem Messias des Fußballs, zusteht, hat die Laienschar noch lange nicht verdient. Als Rudi Völler im WM-Endspiel 1990 in bester Maradona-Manier den siegbringenden Elfmeter herausholte, weinte Diego kindliche Tränen.
Knapp vier Jahre später hat Argentinien eine mittelmäßige Fußballmannschaft, und Maradona allein, so wird ihm eingeredet, bis er es glaubt, kann sein Volk ins Gelobte Land führen: zum Weltmeistertitel. _(* Oben: nach seiner Verhaftung wegen ) _(Kokain-Mißbrauchs in Buenos Aires; ) _(unten: nach der Gerichtsanhörung in ) _(Buenos Aires. Maradona hatte ) _(Journalisten mit einem Luftgewehr ) _(verletzt. ) Auf dem Weg achtet er nur die eigenen Gesetzestafeln - auf denen liest er, daß er auch in den Medikamentenkoffer greifen darf, um den erschlafften Körper auf Vordermann zu bringen. Er habe, sagt Maradona, und nur er glaubt es wirklich, "nie etwas genommen, was mit Doping zu tun hat".
Als Maradona, den die Fußballwelt schon abgeschrieben hat, seine Inspiration wieder dem Vaterland schenkt, gerät Argentinien ins Taumeln. 20 Polizisten sollen im WM-Trainingslager im Babson College vor den Toren Bostons rund um die Uhr eine neue Maradonia im Zaum halten. Die Fans, die sich dennoch durchschlagen, verwirren die Ordnungshüter. "Was wollen die von ihm?" fragt fassungslos ein Wächter.
Gekommen sind sie, um den Mythos Maradona zu bewundern, denn der Fußballer Maradona hat seine Strahlkraft weitgehend eingebüßt. In nur zwei Spielen bei der WM hat er die Regel außer Kraft gesetzt, wonach ein Star vor allem mit Leistung überzeugen muß. Schon bei Maradonas infernalischem Torschrei in das Objektiv eines amerikanischen Kameramanns will Franz Beckenbauer "an den Augen" erkannt haben, "daß da etwas nicht stimmt".
15 Kilo hat Maradona abgenommen, mit zunehmendem Alter aber auch die Kondition verloren. 85 von 90 Spielminuten wirkte er wie der Eunuch, der sehr wohl weiß, wie es geht, die Theorie aber nicht mehr in die Praxis umsetzen kann. Und doch war er in den USA die Seele des Teams, halb väterlicher Anführer, halb Maskottchen, das vor allem psychologischen Wert hat.
500 Reporter und Fotografen drängelten sich täglich im Quartier, um das Neueste von Maradona zu erfahren. Sie sahen nicht viel. Meist gab er seinem Spieltrieb freien Lauf und zeigte dem staunenden Plenum, daß er einen Tennisball und gar einen zusammengeknüllten Tapeverband minutenlang mit Spitze, Hacke, Kopf in der Luft halten kann, während die Mannschaft in der Hitze von Massachusetts malochte.
Kaum verschwitzt, widmete er sich danach den Medien, die seine Wahrheiten zu den Fans transportierten. 100-, 200mal erklärte er nach dem Spiel gegen Nigeria, daß ihm ein Schlag des Gegenspielers den Kiefer zertrümmert habe; noch in der Nacht müsse er zum Röntgen.
Exklusivverträge, Traum eines jeden Fußballers, weil sie Geld bringen und vor Kritik schützen, hatte er natürlich - doch er selbst setzte sie außer Kraft. Eine Million Dollar kassierte er vom TV-Sender Canal 13. Solointerviews aber gab er nicht, "denn Diego", verkündete er, "ist für euch alle da". Die erlösende Meldung vom über Nacht geheilten Kieferbruch diktierte er in jedes Mikrofon, das sich ihm stellt.
Maradona sog die Aufmerksamkeit auf, als habe er, das Slumkind aus Fiorito, noch nie welche bekommen. Er genoß und plauderte. "Diego wird hier von Tag zu Tag glücklicher", beobachtete Mittelfeldspieler Leonardo RodrIguez.
Die Nationalspieler empfanden es als Zeichen der Unterordnung, daß Maradona keinen Extra-Dollar mehr forderte. Als aber die Mannschaft zur Vorbereitung in Japan spielen sollte und ihm wegen seiner Drogendelikte das Einreisevisum verweigert wurde, ordnete er die Absage der Reise an.
Bewundernde Blicke folgten ihm, als Maradona in Segeltuchschuhen am Tage vor seiner Entlarvung vom Quartier zum Trainingsplatz schlenderte, um den Reservisten bei der Arbeit zuzuschauen. Auch die eigenen Mannschaftskameraden begegneten ihm ehrfürchtig. Plötzlich brach das zappelige Kind im Manne durch. Diego wollte balgen - sofort stürzte sich eine ganze Horde Profis auf ihn, als suche jeder die göttliche Unnahbarkeit durch Körperkontakt aufzulösen.
Schockiert vom Verlust ihres guten Geistes, verloren seine Kollegen gleich das erste Spiel ohne Maradona gegen Bulgarien. Dem Sünder selbst, der die Niederlage am Fernsehgerät verfolgte, schien, "als spielte dort nicht Argentinien". Maradona sieht seinen Lebenstraum zerstört: "Die Fifa hat mein Glück zerbrochen."
Um der Legende die abschließende Kontur zu geben, konnten ihm die Funktionäre nichts Besseres antun. Der argentinische Verbandspräsident Julio Grondona, der Maradona aus dem Wettbewerb nahm und so dem Team die Punkte erhielt, wurde auf Buenos Aires'' Straßen von wütenden Demonstranten als "Hurensohn" beschimpft.
Die Fernsehsender jedoch gedenken Maradonas, indem sie seine Tore, Kindheitsbilder und Hochzeitsvideos zusammenschneiden und mit Trauermusik unterlegen. Dauerhaften Ruhm eines Heiligen garantiert erst der Märtyrertod. Y
"Die Fifa hat mein Glück zerbrochen"
* Im Spiel gegen Nigeria am 25. Juni in Boston. * Oben: nach seiner Verhaftung wegen Kokain-Mißbrauchs in Buenos Aires; unten: nach der Gerichtsanhörung in Buenos Aires. Maradona hatte Journalisten mit einem Luftgewehr verletzt.

DER SPIEGEL 27/1994
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