17.01.1994

TerrorismusVon Hand zu Hand

Stasi und arabische Terrorgruppen wirkten bei Anschlägen eng zusammen. Ein Berliner Prozeß sorgt für internationale Verwicklungen.
Der korpulente Herr mit dem struppigen Vollbart deponierte sein Schweizer Offiziersmesser, aus Furcht vor Kontrollen, in einem Papierkorb des Vatikans. Dann strebte er im Pulk der Gläubigen in den Petersdom zum Empfang des päpstlichen Segens.
Die liturgische Weihestunde in der Grabkirche des Apostels Petrus war 1991 für Helmut Voigt, heute 51, Zwischenstation einer Flucht vor bundesdeutschen Strafverfolgern.
Im September 1992 wurde der Gesegnete in Athen festgenommen. Seit Mittwoch voriger Woche steht Voigt, früher Oberstleutnant des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin, vor seinen weltlichen Richtern. Voigt war seit 1980 in der MfS-Hauptabteilung XXII für die Beobachtung von "Linksterrorismus und internationalem Terrorismus" zuständig. Er betreute auch die in der DDR mit neuer Stasi-Identität untergetauchten Kader der Roten Armee Fraktion. Die 29. Große Strafkammer des Landgerichts soll nun klären, wie weit er sich selber, durch Paktieren mit seiner weltweiten Klientel, strafbar gemacht hat.
Kern der Vorwürfe gegen Voigt ist ein Anschlag auf das französische Kulturzentrum "Maison de France" in Berlin am 25. August 1983. Unter den Augen der Stasi hatten die Täter ihr Terrorstück vorbereitet, das den Maler Michael Haritz, 26, das Leben kostete und 22 Verletzte forderte.
Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Voigt, er habe den Terroristen, durch Duldung und aktive Unterstützung, "vorsätzlich" die Basis für die Tat geliefert. Das Verfahren ist damit einer der wenigen Prozesse, in denen Stasi-Führern die direkte Beteiligung an Mordplänen nachgewiesen werden soll.
Die Täter waren nicht irgendwer, sondern Angehörige der "Organisation Internationaler Revolutionäre" um den gebürtigen Venezolaner Ilich RamIrez-Sanchez, genannt "Carlos".
Die Blutspur von Carlos, des meistgesuchten Terroristen der Welt, reicht vom Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz (1975, drei Tote) bis zu den Anschlägen auf den französischen Schnellzug Le Capitole bei Limoges (1982, fünf Tote) und auf den Marseiller Hauptbahnhof (1983, vier Tote).
Die Stasi, so zeigte sich, war über Terrorakte in Berlin gut informiert. So haben etwa Inoffizielle Mitarbeiter bei dem Bombenanschlag auf die Berliner Diskothek "La Belle" im April 1986 (3 Tote, mehr als 200 Verletzte) das MfS über die Vorbereitungen auf dem laufenden gehalten.
Zum Prozeßauftakt gab sich der einstige Terroristen-Spezi Voigt, inzwischen mit gestutztem Bart und Stoppelhaar, gelassen und wendeerprobt. Er sei "Ingenieur, Diplom-Jurist und Oberstleutnant a. D.", antwortete er auf die Richterfrage nach dem Beruf, und er wolle derzeit zur Sache schweigen.
Doch auch ohne Voigts Zutun ist das Verfahren zum weltweiten Politikum geworden. Wenige Tage vor dem Prozeß meldete sich der syrische Staatsbürger Nabil Chritah, 43, wie Voigt der Beihilfe zum Mord verdächtig, in der deutschen Botschaft zu Budapest. Vorletzten _(* 1986 auf dem Flughafen von Prag. ) Sonntag wurde er nach seiner Landung in Berlin-Tegel verhaftet.
Der Beschuldigte war zuletzt als Botschaftsrat enger Mitarbeiter des syrischen Vizepräsidenten und Ex-Außenministers Abd el-Halim Chaddam. Sagt er als Kronzeuge über Terrorverflechtungen seines Landes aus, könnte er für diplomatische Verwicklungen sorgen.
Der syrische Präsident Hafis el-Assad machte sich gerade auf, bei Treffen mit westlichen Spitzenpolitikern neue Friedfertigkeit zu demonstrieren. Ausgerechnet jetzt steht sein Land, nach Ansicht des Oberstaatsanwalts Detlev Mehlis "Hauptsponsor" der in Damaskus lebenden Carlos-Truppe, vor Gericht.
Assad-Vertraute streuen denn auch, Zeuge Chritah sei von westlichen Geheimdiensten geködert worden, um dem syrischen Präsidenten die Tour zu vermasseln. Dagegen sagte der Diplomat in ersten Vernehmungen, er sei freiwillig nach Berlin gekommen, um einen Schlußstrich zu ziehen.
Schon fürchten Berliner Ermittler Racheakte der Syrer. Repressionen gegen Chritahs Angehörige könnten ebensowenig ausgeschlossen werden, sagt ein Fahnder, wie "Anschläge auf den Beschuldigten im Gerichtssaal".
Wie Voigt in diese Terrorszene verstrickt war, zeigen ehedem geheime Papiere aus den Stasi-Kellern. Manches ist zwar, so Mehlis, nach dem Mauerfall beseitigt worden. Doch die restlichen Dokumente geben Auskunft über ein ambivalentes Verhältnis des DDR-Ministeriums zu den Terrortätern.
Die Carlos-Fighter genossen, ebenso wie andere arabische Bombenwerfer, in der DDR großzügiges Gastrecht. Andererseits wurden sie mit allen geheimdienstlichen Mitteln ausgespäht.
Mit dieser Doppelstrategie, so das Kalkül der SED-Regierung damals, sollte der verhaßte Westen destabilisiert und die DDR von internationalen Terroranschlägen freigehalten werden.
Bis 1980 konnten der häufige DDR-Gast Carlos und dessen rechte Hand, der Westdeutsche Johannes Weinrich (Deckname: "Heinrich Schneider"), ungestraft ganze Waffenarsenale in die DDR einschmuggeln.
Auch im Mai 1982 kam Weinrich, eingereist mit syrischem Diplomatenpaß auf den Namen Joseph Leon, mit großem Gepäck: 24,38 Kilogramm Plastiksprengstoff Nitropenta, der "im wesentlichen für militärische Zwecke als Sabotagesprengstoff" (Stasi-Vermerk) taugte.
Nach den Ermittlungen ließ Voigt den Sprengstoff zwar beschlagnahmen, gab ihn aber nach Drängen Weinrichs am 16. August des Folgejahres an die Carlos-Truppe zurück. Ein Untergebener, der Stasi-Hauptmann Wilhelm Borostowski, will einzig auf "strikten Befehl" Voigts das Sprenggut "von Hand zu Hand" weitergereicht haben.
Laut Stasi-Akten deponierte Weinrich das explosive Zeug dann bei Chritah, damals III. Sekretär der syrischen Botschaft in Ost-Berlin. Ihn hatte das MfS bereits 1980 als Geheimdienst- und Kontaktmann zur Carlos-Truppe erkannt. Chritah soll auch den späteren Bombenleger, den Libanesen Mustafa Ahmed el-Sibai, am Tatmorgen mit seinem Daimler, Zollkennzeichen 893 Z 2952, zum Tatort gefahren haben.
Das bestreitet Chritah zwar. In anderen Punkten aber packt der Insider aus.
So seien die syrischen Botschafter in Ost-Berlin seit Anfang der achtziger Jahre über Waffendepots von Carlos stets mitinformiert gewesen. Das Außenministerium in Damaskus habe angeordnet, dem Terroristen aus Venezuela "jede mögliche Hilfe" zu gewähren. Über die Lagerung der 24 Kilo Sprengstoff für den Anschlag auf das "Maison de France" soll der damalige syrische Botschafter Feisal Sammak, laut Chritah, genau im Bilde gewesen sein.
Nach der Explosion registrierte die Stasi akribisch, daß die Rückkehr der Täter 23 Minuten dauerte. Dann ließen die Terrorhelfer im MfS alle Beteiligten außer Landes fliegen. Noch vom Fluchtort Belgrad aus erstattete Weinrich Rapport an Carlos: Die "Operation Berlin" habe "eine größere Wirkung" gehabt "als von mir erwartet".
Fast vier Monate vor der Tat hatte Voigt in Berlin Weinrichs Hotelzimmer filzen lassen. Die Ergebnisse belegten, daß zwei Wochen lang das Maison de France als "Zielobjekt für einen terroristischen Anschlag" ausgewählt worden war. Selbst der "Personenverkehr" zur geplanten Tatzeit war, "einschließlich Putzfrauen", in den Stasi-Akten genau festgehalten.
Die Stasi hinderte die Carlos-Truppe dennoch nicht, ihrem blutigen Handwerk nachzugehen. Und Weinrich hatte sich zusätzlich offenbar sogar auf Auftragstaten der DDR eingestellt. "Wo bleiben die Aktionen, die ihr vorhabt, uns vorzuschlagen", notierte er sich für ein Treffen mit der Stasi, "oder seid ihr biblisch geworden?" Y
"Operation Berlin hatte größere Wirkung als erwartet"
* 1986 auf dem Flughafen von Prag.

DER SPIEGEL 3/1994
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