18.04.1994

Knechte im Amigo-Land

Nachdem er Abstand vom Job als Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks (BR) gewonnen hatte, schrieb Heinz Burghart ein Enthüllungsbuch darüber, wie die Politik das Fernsehen verdirbt. Seine Kollegen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk empfand Pensionär Burghart in der Rückschau als "Medienknechte" im Dienste von Parteien.
Sein Nachfolger Gerhard Fuchs, 46, den die stabile Unionsmehrheit im BR-Rundfunkrat ins Amt gehievt hat, liefert einen neuen Beleg für Polithörigkeit. Sein erstes Konzept für eine ARD-Sondersendung ("Brennpunkt") zur Zwick-Affäre, geplant für diesen Mittwoch, kam ohne die Schlüsselbegriffe CSU, Stoiber, Tandler und Strauß aus. Dafür erwähnte der promovierte Volkswirt gleich zweimal Zwicks Verbindungen zum Saarland.
Das Münchner Papier (Titel: "Die Affäre Zwick: Die Politik im Strudel des Schuldenkönigs") sorgte vergangene Woche für Ärger im ARD-Verbund. Gegen die zuständigen Bayern setzte der Norddeutsche Rundfunk (NDR), überraschend und unbotmäßig, einen eigenen Entwurf: "Die CSU im Zwick-Strudel". Dem NDR schwebte - Gott mit dir, du Land der Bayern - eine ausführliche Würdigung des "Amigo-Lands" vor.
Der Streit um den richtigen Strudel stellte einen ehernen Grundsatz der ARD in Frage, das "Regionalprinzip". Danach gilt es als sakrosankt, daß jede Landesanstalt das Zugriffsrecht auf die Themen in ihrem Gebiet hat.
Die aufgestaute Spannung entlud sich vorigen Donnerstag um 14 Uhr in der Schaltkonferenz zwischen den ARD-Anstalten. Der BR sei beim Zwick-Skandal weit hintendran, moserten die Kritiker. Schon zu Ostern, als der SPIEGEL die Affäre aufdeckte, habe das Ereignis in der ARD so gut wie gar nicht stattgefunden; der "Brennpunkt" komme viel zu spät.
Die bedrängten Bayern verteidigten sich matt mit Hinweisen auf ihre aktuellen Zulieferungen an "Tagesschau" und "Tagesthemen". Schon tags zuvor hatten sie Prügel bezogen; mit neun zu zwei Stimmen verfügten die ARD-Vertreter, daß NDR-Mann Joachim Wagner, und nicht der geschmeidige CSU-Freund Sigmund Gottlieb, den Fall in den "Tagesthemen" kommentieren durfte.
Die Runde vertagte sich noch mal um 24 Stunden. Am vorigen Freitag schließlich legten die BR-Vertreter ihr Konzept in "ausführlicher Form" vor, diesmal mit zwei Hinweisen auf die CSU. Erneut waren dem BR die Zwick-Verbindungen ins Saarland besonders wichtig; auch angebliche Zwick-Spenden an die SPD fehlten nicht in der Liste.
Chefredakteur Fuchs, als Moderator der sonntäglichen Diskussionssendung "Presseclub" im Formulieren von Schlußbemerkungen geübt, resümierte präzise, der NDR wolle eine CSU-Geschichte, der BR aber eine Zwick-Story. Es handele sich noch lange nicht um eine CSU-Affäre, nur weil der eine oder andere Politiker darin verwickelt sei, argumentierten die linientreuen BR-Mannen.
Die Kampfabstimmung, wer denn nun diese Woche die Hintergründe zum Fall Zwick senden darf, gewann Fuchs mit 6:5 Stimmen. Freilich hatte der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) nur aus "formalen Gründen", wegen des Regionalprinzips, den Bayern recht gegeben. Hessischer Rundfunk, Südwestfunk, Westdeutscher Rundfunk und Radio Bremen votierten mit dem NDR.
"Das ganze Theater", bilanziert ein ARD-Mann, "hätte den Laden beinahe gesprengt."

DER SPIEGEL 16/1994
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