20.12.1993

Pop„Boom boom hat's gemacht“

SPIEGEL: Mr. Hooker, 76 Jahre alt und immer wieder in den Charts. Wie machen Sie das?
Hooker: 1920, Jahrgang ''20.
SPIEGEL: In Ihren Biographien steht 22. August 1917.
Hooker: So manches wird geschrieben, was nicht stimmt.
SPIEGEL: Dann trifft also zu, daß Sie Ihr Geburtsdatum als Jugendlicher gefälscht haben, weil Sie unbedingt Soldat werden wollten?
Hooker: Wollte ich - damals waren die Mädchen nach Uniformen geradezu verrückt, die haben sie geliebt. Aber lange habe ich davon nicht profitieren können. Die haben mich erwischt und rausgeschmissen. Heute brauche ich keine Uniform mehr - die Ladys wissen ohnehin, wer John Lee Hooker ist.
SPIEGEL: Aber Erfolg und Prominenz kamen erst spät.
Hooker: Ja, ich habe lange darauf warten müssen. Viel zu lange. Eines Tages ging es plötzlich los - wie ein Waldbrand. Jetzt liebt die Jugend meinen Sound, meinen Rhythmus. Sie fliegen buchstäblich darauf. Meine Musik bewegt ihre Gefühle, ihre Seele, denn ich singe nicht so wie jene Gitarristen, die dadada didida summen. John Lee Hooker hingegen ist funky. Er hat Gefühl, Seele. John Lee Hooker singt (auch dem SPIEGEL vor): "You know, my Baby has left me. She won''t be back no more, no more. Oh, help me Lord, oh, help me Lord."
SPIEGEL: Für manche Musikexperten sind Sie der Pate des Rock''n''Roll. Gefällt Ihnen dieses Image?
Hooker: Ich bin nicht der Pate. Ich will mir auch nicht selbst anerkennend auf die Schulter klopfen. Ich bin John Lee Hooker, der Topbluesstar. Der Mann mit einem einmaligen, eigenwilligen _(Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur ) _(Helmut Sorge in Hookers Haus in Redwood ) _(City bei Los Angeles. ) Stil. Dieses Talent hat mir Gott oder irgend jemand anders gegeben und mir gesagt, es an die ganze Welt weiterzuvermitteln. Und das tue ich.
SPIEGEL: Van Morrison bezeichnete Sie als das "Fenster zu einer anderen Dimension".
Hooker: Ja, ich bin anders, anders als alle anderen. John Lee Hooker ist der geborene Star, das geborene Talent. Ich verfüge über eine gute Stimme und einen tollen Sound, und so einige haben mich kopiert.
SPIEGEL: Erkennen Sie bei den Beatles, bei Elvis Presley oder den Stones Ihre Rhythmen, Ihre Töne wieder?
Hooker: Die Rolling Stones sind meinen Spuren gefolgt und haben viel von mir übernommen. Aber daraus will ich nicht den Anspruch ableiten, der Pate zu sein. Es reicht mir schon, ich bin bereits glücklich, wenn man mir nacheifert. Gleich, ob es ZZ Top oder die Stones sind.
SPIEGEL: Die sind 1989, damals waren Sie immerhin schon 69 . . .
Hooker: Warum müssen Sie mich immer an mein Alter erinnern?
SPIEGEL: . . . mit Ihnen aufgetreten.
Hooker: Sie haben sich mir gegenüber einfach edel verhalten, wie Silber, wie Gold. Die haben zu mir aufgeschaut. Feine Kerls sind das. Mick Jagger war zwar nie hier, aber Keith Richards hat mich besucht. Er hat seine Flasche mitgebracht, und wir haben gequatscht. Die Stones respektieren mich einfach. Mit Richards habe ich sogar für eine Platte zusammengearbeitet - "Mr. Lucky", da ist er drauf.
SPIEGEL: Entspricht der Stones-Gitarrist Ihrem Stil und Ihren Gefühlen besonders?
Hooker: Sicher, aber ich will auch Eric Clapton nicht vergessen. Ein toller Typ. Blues, Boogie, Balladen - ein Talent. Der steht mir näher als beispielsweise die Beatles. Die waren sehr traditionell, sehr klassisch, und das bin ich nicht. Ich bin ein Mann des Blues, ich bin funky.
SPIEGEL: Als die Beatles erstmals nach Amerika kamen - so die Legende -, antworteten sie auf eine Frage, was sie in den USA sehen wollten: "Muddy Waters." Und ein Reporter fragte: "Wo liegt das?" Der Blues war down and out in jenen Jahren.
Hooker: Können Sie sich das vorstellen? Jemand kannte meinen Freund Muddy nicht. Ich habe übrigens John Lennon getroffen, die Jungs haben mir eine Gitarre geschenkt. In Europa war das anders. Da habe ich für alle gespielt: Engländer, Spanier, Franzosen. Und die haben den Blues mehr geschätzt als die Schwarzen selbst.
SPIEGEL: Vor allem die britischen Bands haben den Blues in den sechziger Jahren wiederbelebt.
Hooker: Ja, die Amerikaner sind erst draufgesprungen, als sie erkannten, welche Goldgrube der Blues sein könnte. Da ging es für uns wieder los. Wie ein Waldbrand. Gänsehaut hast du gekriegt. Boom boom hat''s gemacht. Aber erst einmal mußte es drüben, in Europa, losgehen, bevor Amerika was merkte. Für mich gibt es dafür eigentlich nur die Erklärung, daß es bei uns zu viele Musiker gibt, zu viele Talente. Da werden eine ganze Menge guter Leute übersehen.
SPIEGEL: Von Ihrer ersten, 1948 aufgenommenen Platte "Boogie Chillen" sind immerhin eine Million Exemplare verkauft worden, danach allerdings hat man Sie allmählich vergessen.
Hooker: Mein Stil, meine Art zu spielen war das Beste, was es gab, und die haben es nicht erkannt. Sie haben mich einfach nicht akzeptiert und nicht so behandelt, wie ich es verdient hätte. Aber in Europa war es so, als hätte der Blitz eingeschlagen. Damals war ich wohl so um 43 . . .
SPIEGEL: Vom Alter wollten wir doch nicht mehr reden . . .
Hooker: Wie ein Gott, wie ein Präsident wurde ich überall empfangen. "Yeah, der kleine John Lee kommt." "Hier ist er, John Lee." Und ich war wirklich gut drauf, ich war heiß. Nur - so etwas wie Ruhm kannte ich überhaupt nicht. Drüben, in Europa, mußte ich mich erst von dem Schock erholen. Das hat mich nahezu erschlagen. John Lee Hooker, ein Held. Wie ein neugeborenes Baby, das mit dem Kriechen beginnt, mußte ich lernen, mit dem Erfolg zu leben.
SPIEGEL: Haben Sie sich damals überlegt, nach Europa umzusiedeln, wie andere amerikanische Musiker?
Hooker: Für eine Weile versuchte ich, in England zu leben, so für ein Jahr. Aber ich konnte mich auf den Way of Life einfach nicht einstellen. Nicht, daß wir uns mißverstehen, das sind wirklich feine Leute dort. Nur, meine Wurzeln sind hier.
SPIEGEL: Doch wohl eher im amerikanischen Süden, in Mississippi, als in Redwood City, Kalifornien?
Hooker: Ist dies Amerika oder nicht?
SPIEGEL: Hat die Seele des Blues ihre Wurzeln etwa nicht in den Südstaaten?
Hooker: Der Blues ist überall. Blues, Blues, boom, boom, boom. Selbst wenn die Leute kein Englisch sprechen, die Japaner oder die Chinesen beispielsweise, lieben sie den Blues. Die verstehen die Sprache nicht, aber sie fühlen es.
SPIEGEL: Muddy Waters hat einmal gesagt, daß weiße Musiker zwar jeden mit ihren Gitarren schwindelig spielen können, aber singen wie die Schwarzen, das könnten sie nicht.
Hooker: Meine Erfahrung ist anders. Ich denke da an Stevie Ray Vaughan. Der Mann war ein Killer, der konnte singen. Wenn man ein Talent hat und eine Stimme, dann spielt die Hautfarbe oder der Dialekt keine Rolle. Der Mann da oben im Himmel, der hat das Talent verteilt: Der eine hat''s, der andere nicht.
SPIEGEL: Sie wollen sagen: Blues kann man nicht aus Büchern lernen, das Gefühl dafür muß aus dem Herzen kommen?
Hooker: Man muß nicht Hunger spüren oder nackt herumlaufen, damit man den Blues singen kann. Auch viele der jungen Blues-Musiker haben ordentlich was drauf, obwohl sie den Süden nie gesehen haben. Ich bin ein Profi und sage: Der Blues existiert, seit die Welt existiert. Der Blues ist die Wurzel der Musik, der Ursprung von Rock''n''Roll und Punk oder was sonst noch. Blues und Kirche - alles ist darum herumgebaut, und alles hat seinen Ursprung dort: Blues ist die Geschichte von Mann und Frau. Der Beginn der Welt. Adam und Eva im Paradies.
SPIEGEL: Sie glauben an Gott?
Hooker: Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, es gibt ihn. Ich gehe zwar davon aus, daß ich nur einmal lebe. Es könnte natürlich auch zweimal sein. Nur hat mir das noch niemand bewiesen. Ich bin zufrieden mit dem, was mir Gott gegeben hat.
SPIEGEL: Konnten Sie von Ihrer Musik leben, bevor Ihre Hits wie "Boom Boom", "The Healer" und "Mr. Lucky" vergoldet wurden?
Hooker: Ich habe in den Jahren davor nicht schlecht verdient, aber natürlich nicht soviel wie heute. Ich wußte, daß ich niemals auf die Baumwollfelder zurückkehren mußte, die ich als 14jähriger verlassen habe, weil ich irgendwo gehört hatte, daß im Norden alles besser sei. Ich wollte nie etwas anderes tun als Musik machen, solange ich nur meine Miete zahlen konnte und ausreichend zu essen hatte. Die Schallplattenproduzenten sind durch mich reich geworden, und mich haben sie mit Peanuts abgespeist. Die haben einfach nicht bezahlt, sondern sich das Geld eingesteckt. Irgendwann hatte ich genug von den Methoden und habe wieder angefangen, in Nachtklubs zu spielen.
SPIEGEL: Angeblich haben Sie sich in jenen Jahren angewöhnt, sehr laut zu spielen.
Hooker: Boom, boom, boom - natürlich ist die elektrische Gitarre lauter als meine Stimme. Die Leute wollten es laut. Man muß eben mit der Zeit und dem Geschmack der Leute gehen. Ich fand das am Anfang überhaupt nicht gut, aber jetzt ist es okay. In Nachtklubs ist es laut, die Gäste sind laut, du schaltest den Verstärker ein und drehst ihn auf, und wenn du das nicht tust, hört dich keiner.
SPIEGEL: Ist die elektrische Gitarre das Geheimnis Ihrer späten Karriere?
Hooker: Nein, nein, meine erste elektrische Gitarre hat mir T-Bone Walker geschenkt, ich glaube, das war 1947 in Detroit. Er war mein Idol, mein Gott. Ich bin ihm gefolgt, wo auch immer er auftrat. In jenen Jahren habe ich mich als Hauswart durchgeschlagen, in der Fabrik gearbeitet, aber immer lockte der Blues, und ich wußte: Irgendwann wirst du es schaffen, John Lee. Du wirst Gitarre spielen und berühmt werden.
SPIEGEL: Neun Jahre lang haben Sie es abgelehnt, Platten aufzunehmen. Warum?
Hooker: Weil die Plattenmanager Halsabschneider waren, Diebe.
SPIEGEL: Und nun sind das ehrliche Menschen geworden?
Hooker: Das Geld regnet jetzt vom Himmel, wie warmer Regen. Das sind anständige Leute, die von Rosebud, meiner Plattenfirma. Ich weiß, sie kassieren ihren Teil, aber ich bekomme einen großen Batzen. Ich verdiene einen Haufen Dollars mit meinen Konzerten. Aber um die Wahrheit zu sagen: Eigentlich spiele ich heute lieber in kleinen Klubs.
SPIEGEL: War eigentlich Miles Davis vom Blues, von Ihrer Musik gezeichnet?
Hooker: Das hat er mir zumindest gesagt. Er war ein großer, großer Musiker. Wirklich, ein großartiger Mensch.
SPIEGEL: Das hört man meistens anders.
Hooker: Man mußte ihn einfach näher kennen. Der konnte furchterregend sein und sehr abweisend, der hat sich nicht mit allen Leuten abgegeben. Wir haben gemeinsam an einer Filmmusik gearbeitet, "The Hot Spot". Als ich damals in Detroit spielte, setzte er sich an die Bar und hörte mir zu. Er hat mir einmal gesagt, ich sei der schrägste Bluesman überhaupt, und dann hat er mich umarmt. Der hatte mich wohl in sein Herz geschlossen.
SPIEGEL: Warum enden so viele Musiker im Elend?
Hooker: Alle trinken, nicht nur Musiker.
SPIEGEL: Chet Baker, Jimmy Reed, Charlie Parker - die Liste der selbstzerstörerischen Jazz- und Bluesmusiker scheint unendlich.
Hooker: Viele Leute in unserem Geschäft trinken, aber auch jene, die keine Musiker sind. Sie trinken, trinken, trinken, und das andere Zeugs nehmen sie auch.
SPIEGEL: Sie haben den Alkoholkonsum aufgegeben?
Hooker: Schon lange. Die Leute versuchen ihre Probleme durch Drinks zu lösen. Die ganze Welt ist mit Alkohol und Rauschgift verseucht, es ist eine Schande. Man muß kein Musiker sein - junge Kids, alte Kids, alte Leute, alle. Nur wir, die Musiker, müssen unseren Kopf für andere hinhalten. Wir werden beschuldigt, ein lasterhaftes Leben zu leben, weil wir im Scheinwerferlicht stehen. Rauschgift? Eine Schande, eine Tragödie. Ich wünschte, ich könnte etwas dagegen unternehmen.
SPIEGEL: Denken Sie gelegentlich darüber nach, warum die Gesellschaft in diese Situation geraten ist?
Hooker: Die Bibel hat es prophezeit. Als Kind habe ich diese Schriften und Voraussagungen zuweilen als Witz angesehen, nun aber ist es wahr geworden: Kinder, die ihre Eltern mißachten, Alkohol, Rauschgift, Gewalt: der Niedergang der Menschheit.
SPIEGEL: Reisen Sie nicht mehr, weil die Welt so häßlich ist, oder ist es zu anstrengend geworden?
Hooker: Ich bin zwar erst 73, aber gleichwohl nicht mehr der Allerjüngste. Nein, ich bleibe am liebsten zu Hause und sehe mir im Fernsehen Baseball an.
SPIEGEL: Also keine John-Lee-Hooker-Konzerte mehr in Europa?
Hooker: Das habe ich nicht gesagt, oder?
SPIEGEL: Ihre Schallplattengesellschaft wird Sie schon dazu zwingen, wenn Ihre nächste CD erscheint.
Hooker: Niemand zwingt John Lee Hooker zu irgend etwas. Niemand! Die können mich allenfalls bitten. Ja, die können mich ganz freundlich bitten. Y
Das Interview führte SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge in Hookers Haus in Redwood City bei Los Angeles.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 51/1993
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