10.10.1994

JugendInfernus und Opferblut

Anhänger des Satanskultes verbrüdern sich mit Rechtsradikalen. Motto: „Recreate Auschwitz!“
Nachts, in einem alten Steinbruch, traf sich die Clique zu einem makabren Ritual. Der Anführer, ganz in Schwarz, pries mit ausgebreiteten Armen den Engel Luzifer. Dann, so schildert eine 17jährige, die dabei war, ergriff er die Hand des Täuflings, zückte ein Messer und schnitt in den Arm des Opfers. Der Meister schlürfte das Blut und leckte das Messer ab. Danach erklärte er die Zeremonie für beendet.
Die Satanstaufe von Sondershausen war das Vorspiel zu einem grausigen Mord: Am 29. April 1993 brachten drei Gymnasiasten, die sich "Kinder Satans" nannten und als Black-Metal-Band "Absurd" auftraten, in der thüringischen Kleinstadt einen 15jährigen Mitschüler um.
Die Täter erhielten Jugendstrafen zwischen sechs und acht Jahren - und stiegen im Untergrund einer verwirrten Jugendszene zu Idolen auf. Das Black-Metal-Magazin Infernus feiert sie seither als "Märtyrer", Anhänger rühmen ihre "mutige Tat" als Fanal, sie sei "eine Fackel ins morsche Kirchengebälk".
Aus dem Knast senden die Täter unter satanischen Pseudonymen wie "Dark Mark Doom" oder "Flagg Nidhögg" neue Botschaften an ihre Fans. Auch das Tape "Death from the forest" mit Musik der Gruppe "Absurd" können Interessenten immer noch offen von einem bayerischen Black-Metal-Vertrieb beziehen. In ihren Songs machten die Thüringer Satanisten um die beiden Anführer Sebastian S. und Hendrik M. aus ihrer Mordlust keinen Hehl.
Zwei Berliner Autoren haben seit dem "Satansmord" (Super Illu) von Sondershausen die Spuren der Clique weiterverfolgt.
Aus einer Fülle von Briefen, Tagebuchnotizen, offiziellen Dokumenten, Gesprächen und Interviews setzten die Journalisten Liane von Billerbeck und Frank Nordhausen das Bild einer Jugendgruppe zusammen, die für ihre Mitglieder "genauso faszinierend wie zerstörerisch war"*.
Der Satanismus - zusammengesucht aus Bravo, Bibel und Brockhaus - war, so das Fazit der Autoren, das zufällige Bindemittel für die Sondershausener Jugendlichen wie anderswo Fußballschlägereien oder S-Bahn-Surfen.
Die Teufelsszene von Sondershausen ist, glauben Billerbeck und Nordhausen, eine Fundgrube für Jugendforscher und Kinderpsychologen. Die schwarzen Messen und Blutrituale in der Kleinstadt seien "ein wilder Mix aus den anhaltenden Sorgen der Nach-Wende-Zeit, pubertärem Imponiergehabe und dem Willen, sich von Eltern, Lehrern und sonstigen ,Spießern'' untergrundmäßig abzusetzen". Die Sondershausener Teenager pflegten eine einzigartige _(* Liane von Billerbeck, Frank ) _(Nordhausen: "Satanskinder. Der Mordfall ) _(Sandro B.". Christoph Links Verlag, ) _(Berlin; 336 Seiten; 29,80 Mark. ) "Briefkultur". Oft kursierten unter den Schülern mehrfach am Tage zahlreiche Schreiben gleichzeitig. Sie belegen: Der in der Gemeinde grassierende Satanismus lag anfangs zwischen Spaß und Ernst und hätte gestoppt werden können.
Doch "weil kaum einer in der Stadt gegensteuerte", so die Autoren, "wurden die Gewaltphantasien immer wichtiger".
Die Jugendlichen schauten sich Hunderte von Horrorvideos an. Manche Brutalfilme sahen sie so oft, daß sie die Dialoge auswendig nachsprechen und nachspielen konnten. Zwei Videos drehten sie selbst. Wichtig dabei waren ihnen besonders die "special effects": Wie quillt das Blut, bricht das Genick, röchelt das Opfer?
Manchmal zogen sie dann los und randalierten, zuerst auf Friedhöfen und in Kleingärten; schließlich lockten sie den 15jährigen Sandro B. in den Wald und brachten ihn um.
Nach dem Prozeß von Sondershausen ist der Spuk nicht verschwunden, im Gegenteil: Im Harzort Sülzhayn, einem adretten Fachwerkdorf, trafen sich vor wenigen Monaten im örtlichen Kulturzentrum rund 150 Jugendliche zu gewaltverherrlichender Black-Metal-Musik.
Auf ihrer Kleidung prangten Totenköpfe, Skelette, Pentagramme. Einige trugen Hakenkreuze und SS-Runen auf dem schwarzen Hemd, andere T-Shirts der norwegischen Kultband "Burzum". Attraktion des Abends: die norwegische Gruppe "Immortal" mit ihrem Song "Pure Holocaust".
Norwegen gilt als Zentrum der europäischen Black-Metal- und Satansszene. Kenner beschreiben sie als gewalttätig und gefährlich. Der Sänger der Kultband "Mayhem", der sich "Euronymus" nannte und sich als "Satanistenführer" bezeichnete, wurde im August 1993 in seiner Wohnung in Oslo erstochen. Seine Leiche wies über 20 Messerstiche in Kopf, Hals und Brust auf. Verurteilt für den Mord wurde Varg Vikernes, Bandboß der Gruppe "Burzum".
Vikernes gehörte der militanten rechtsradikalen Gruppe "Weißer arischer Widerstand" an, die versucht, Satanismus und Faschismus miteinander zu verbinden. Ihre Botschaft: "Make war, not love!" Ihre Methoden: Brandanschläge, Bomben und Mord.
Seit etwa einem Jahr, so recherchierten Billerbeck und Nordhausen, verbrüdern sich norwegische Satanisten mit radikalen Rechten in Deutschland. Bei gemeinsamen Treffen mischen sie - wie in Sülzhayn - satanische Symbole mit faschistischen Emblemen.
Auch in Deutschland verschicken Satanisten inzwischen wie in Norwegen Morddrohungen, etwa an Musikredakteure des Magazins Rock Hard; die Journalisten hatten nach einer Artikelserie über Black-Metal-Musik Drohbriefe erhalten. In deutschen Black-Metal-Kreisen soll sogar eine regelrechte Mordliste kursieren.
Gegenüber der in Schleiz erscheinenden Tageszeitung Thüringenpost identifizierte sich der Boß einer Band namens "Opferblut" unter dem Decknamen "Leichenschrei" mit einem Mord. In dem Harzort Wolfshagen war im vergangenen Jahr ein 16jähriger Lehrling mit mehr als hundert Messerstichen umgebracht worden. "Der Täter", so "Leichenschrei", "war unser Gitarrist." Der Mann drohte: "Wenn uns jemand bei unseren Aktivitäten stört, stoppen wir ihn."
In Infernus, das im deutschen Untergrund produziert wird, fordert ein Autor unter dem Pseudonym "Hellsturm" zum Abbrennen von Kirchen auf und schwärmt von den norwegischen Satanisten. Textprobe: "Man möchte soviel ,Gutes'' tun, zum Beispiel Leute abschlachten, die einem nicht gefallen . . . Es ist ein schönes Gefühl, zu foltern und zu töten. Recreate Auschwitz!"
Das Pseudonym "Hellsturm" hat der ältere Bruder eines der "Satansmörder" von Sondershausen, Ronald M., einst Manager der Band "Absurd", benutzt. Y
* Liane von Billerbeck, Frank Nordhausen: "Satanskinder. Der Mordfall Sandro B.". Christoph Links Verlag, Berlin; 336 Seiten; 29,80 Mark.

DER SPIEGEL 41/1994
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