18.04.1994

Der Tod im Herbstlaub

Der Mann, seit wenigen Stunden in der Arrestzelle des Düsseldorfer Polizeipräsidiums eingebuchtet, tobte wie ein Berserker. "Idiot", fuhr er seinen Vernehmer an, "warum sitze ich hinter Gittern?"
Marwan Khreesat, 49, geboren im Königreich Jordanien, eröffnete dem Beamten von der Staatsschutzabteilung des Bundeskriminalamtes (BKA) eine erstaunliche Geschichte: "Ich bin doch einer von euch", behauptete der Araber, der unter Terrorverdacht festgenommen worden war. Mit den deutschen Behörden sei doch ausgemacht gewesen, lamentierte er, daß er Gelegenheit zur Flucht bekommen sollte.
Der Bundeskriminaler verstand die Welt nicht mehr. Er protokollierte alles mit, auf drei Seiten. Auch dem zuständigen Staatsanwalt dämmerte bei den weiteren Ermittlungen, daß der Eingesperrte offenbar unter besonderem Schutz stand: Das Vernehmungsprotokoll jedenfalls wanderte, auf einen Wink westdeutscher Geheimdienstler hin, zerrissen in den Abfall. Auch sonst genoß der sistierte Jordanier auffallendes Entgegenkommen. Von einem Büro der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft aus wurde eine Telefonleitung zur deutschen Botschaft in der jordanischen Hauptstadt Amman geschaltet - Khreesat durfte mit einem Landsmann sprechen, der dort im Zimmer des Militärattaches saß. Der machte ihm klar: "Hab Vertrauen in die deutschen Behörden."
Deutschland, im Herbst 1988, zwei Monate vor dem Attentat auf den Lockerbie-Jumbo: Nach Hinweisen des israelischen Geheimdienstes Mossad und aufgrund eigener Ermittlungen kreisten die deutschen Sicherheitsbehörden eine Zelle der terroristischen Palästinensergruppe PFLP-GC (Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando) in Neuss bei Düsseldorf ein.
Die Israelis meldeten, PFLP-GC-Kämpfer wollten amerikanische Ziele in Mitteleuropa angreifen. Der Verfassungsschutz wußte vorerst nur, so ein interner Bericht, daß die Palästinenser hierzulande "neue Mitglieder werben".
Drahtzieher war der syrische Ober-Terrorist Hafez Kassem Hussein, heute 48, Mitglied im Zentralkomitee der PFLP-GC und Leiter des europäischen Netzes. Sein Kampfname: "Dalkamoni". Wo er auftauchte, merkten die Späher schon bald, ging es um mehr als nur Mitgliederwerbung: Die Gruppe plante mehrere Bombenattentate.
Im Juli 1988 hatte der amerikanische Kreuzer "Vincennes" versehentlich einen iranischen Airbus über der Straße von Hormus abgeschossen, alle 290 Insassen wurden getötet. Arabische Gruppen schworen Rache - möglicherweise sollten drei Flugzeuge gleichzeitig vom Himmel geholt werden.
Die deutschen Sicherheitsbehörden planten deshalb einen großen Coup gegen die arabischen Terroristen auf deutschem Boden. Deckname der Aktion: "Operation Herbstlaub".
Dalkamoni bestellte den Top-Spezialisten Khreesat, Deckname "Safi", nach Neuss. Der Parteigänger der PFLP-GC hatte sich in der Terrorbranche schon einen Namen gemacht, Fachgebiet: Attentate auf Airlines. So wird Khreesat verdächtigt, er habe 1970 und 1972 zwei Anschläge, auf Jets der Swissair und der israelischen El Al, mit vorbereitet.
Was Dalkamoni nicht wußte: Khreesat war im Nachrichtendienst- und Terrorgeschäft gleich dreifach tätig. So hatte das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit aus "zuverlässiger Quelle" im Bereich des Bundesnachrichtendienstes, so ein Vermerk, Anfang Oktober erfahren, der Araber sei Agent der Westdeutschen. Der Bundesnachrichtendienst habe Khreesat "im Zusammenwirken mit dem jordanischen Geheimdienst angeworben", um beispielsweise Kommandos der PFLP zu unterwandern.
Die große Aktion gegen den arabischen Terrorismus endete jedoch in einem Desaster, das bis heute von den Behörden lieber totgeschwiegen wird: *___Ein deutscher Polizist starb, als er eine PFLP-Bombe ____entschärfen wollte; *___ein V-Mann westlicher Dienste, den der ____Verfassungsschutz in die Neusser Gruppe eingeschleust ____hatte, ist vermutlich liquidiert worden; *___den zweiten V-Mann, Khreesat, ließ ein Karlsruher ____Ermittlungsrichter laufen, obwohl er für vier ____Bombenkonstruktionen verantwortlich war.
Von Mitte Oktober 1988 an, so die Erkenntnisse der Stasi, hatte Khreesat voll in der "Operation Herbstlaub" mitgefingert. Wenn er oder Dalkamoni telefonierten, lief stets ein Aufzeichnungsgerät des Verfassungsschutzes mit, ständig wurden beide observiert.
Am 20. Oktober besprachen sie, "drei große schwarze Dosen mit Deckel" zu beschaffen, dazu "Handschuhe" und "Paste". Tags darauf ging es um sieben "spitze Knöpfe aus Aluminium", von denen vier "elektrisch" sein sollten. Am 24. Oktober, so ein Protokoll, _____" wurde festgestellt, daß Dalkamoni drei mechanische " _____" Wecker und möglicherweise " _____" einen Digitalwecker . . . kaufte. Anschließend besorgte " _____" Khreesat . . . in Begleitung von Dalkamoni sechzehn " _____" 1,5-Volt-Batterien (Gerätezellen, fingerdick), diverse " _____" kleine Schalter, Schrauben und eine große Tube Pattex. "
Khreesat meldete nach Damaskus, er habe am "Medikament" Änderungen vorgenommen, es sei "jetzt besser und stärker als zuvor". Was Khreesat meinte, war den Lauschern klar: Sprengstoff.
Seine Kontaktleute in Amman ließ er wissen, bis zu seiner Rückkehr werde es "noch zwei bis drei Tage" dauern. Auch _(* Mit Kollegen auf einem Übungsplatz. ) Dalkamoni meldete sich telefonisch in der Heimat und bei einem Verbindungsmann im Restaurant "King''s Take Away" auf Zypern. Der Job, teilte er mit, sei "ungefähr" erledigt.
Daraus schlossen die Beobachter, das Neusser Terror-Duo Dalkamoni/Khreesat wolle verschwinden und solle durch ein neues Team ersetzt werden - bei solchen Operationen durchaus üblich.
Klaus Grünewald, Abteilungsleiter im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), schlug Alarm: "Zur Abwehr drohender Gefahren" sei "ein exekutiver Zugriff unabweisbar".
Am 26. Oktober 1988 nahmen Spezialeinsatzkommandos der Schutzpolizei 16 Personen der Neusser Palästinenser-Truppe vorläufig fest. Ganze Arsenale von elektronischem Gerät und Waffen wurden sichergestellt. Zu den Festgesetzten gehörte auch Ramzi Diab, geboren 1959 im israelischen Akko. In den deutschen "Herbstlaub"-Papieren kommt Diab nur beiläufig vor. Ein Sachbearbeiter vermerkte "n.p.u.", soll heißen: nähere Personalien unbekannt.
Doch das ist alles andere als die Wahrheit. Diab war als Geheimdienst-Mitarbeiter an Dalkamoni herangespielt worden, worüber das BfV Bescheid wußte - ein gefährliches Doppelspiel. Diab soll später von der PFLP-GC enttarnt und umgebracht worden sein.
Die Leichtfertigkeit, mit der deutsche Behörden die "Operation Herbstlaub" betrieben, kostete auch einen deutschen Polizisten das Leben. Er hatte mehr als vier Jahre lang mit der Gefahr gelebt. Am 20. März 1989 tippte der Oberkommissar Hans-Jürgen Sonntag vom BKA auf seiner Dienst-Schreibmaschine eine Art Entlassungsgesuch: _____" Widerruf meiner Bereitwilligkeitserklärung. " _____" Hiermit ziehe ich meine Freiwilligkeitserklärung zum " _____" Entschärfen von unkonventionellen Spreng- und " _____" Brandvorrichtungen zurück. "
Daß sein Chef keinerlei Einwände haben würde, schien ihm klar: Sportskanone Sonntag, Fallschirmspringer, Bodybuilder, Schwimmer und Fußballer, war Tennispartner des damaligen BKA-Präsidenten Heinrich Boge. Und einen neuen Job hatte der Junggeselle längst in Aussicht: Sicherheitsbeauftragter der deutschen Botschaft in Teheran.
Die letzte Bombe, die er delaborieren sollte, brachte Sonntag, 35, den Tod. Auf einem Spezialtisch im Keller des Amtes lag am 17. April 1989 ein Stereo-Tuner, harmlos anzusehen, aber in Wirklichkeit eine teuflische Sprengfalle - ein Stück aus Khreesats Produktion.
"Komm, Thomas", sagte Sonntag noch zu einem jüngeren Kollegen, "wir gehen erst in die Kantine und machen das dann schnell. Wenn''s knallt, sind wir im Himmel." Die gefährliche Arbeit war fast erledigt. "Es ging", weiß Sonntags Vater, "um die letzte Schraube." Eine ungewollte Drehung des Schraubenziehers aktivierte den Zündmechanismus - Sonntag überlebte die mächtige Explosion nur um einige Stunden, der andere Beamte wurde schwer verletzt.
Drei Tage später, auf dem kleinen Friedhof des Fleckchens Erfweiler-Ehlingen zwischen Saarbrücken und der französischen Grenze: Staatsbegräbnis für Oberkommissar Sonntag, gestanzte Reden auf den braven Polizisten, der im Dienst fürs Vaterland sterben mußte.
Niemand will sagen, wie absurd Sonntags Tod im Dschungel der Geheimdienste war: Der Beamte starb durch eine Bombe, die der Vertrauensmann einer anderen deutschen Sicherheitsbehörde gebastelt hatte. In dieses Trauerspiel paßt, daß die deutsche Justiz gegen Khreesat erst im Herbst 1990, als der Täter nicht mehr greifbar war, wegen fahrlässiger Tötung des Polizisten Sonntag einen neuen Haftbefehl erließ.
Auch der 5. Strafsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt, der am 3. Juni 1991 nach achtmonatiger Verhandlungsdauer den Terroristen Dalkamoni und einen Komplizen wegen anderer Anschläge zu 15 und 12 Jahren Haft verurteilte, erwähnte den Skandal nur am Rande: _____" Im Oktober 1988 ließ Dalkamoni den Mitbeschuldigten " _____" Marwan Khreesat als Fachmann für die Herstellung von " _____" Sprengsätzen in die Bundesrepublik kommen. Khreesat " _____" sollte . . . Radiogeräte . . . zu Bomben umbauen. Mit " _____" diesen sollten Flugzeuge zum Absturz gebracht werden. "
Die "Operation Herbstlaub" kam in die Registratur. Y
* Mit Kollegen auf einem Übungsplatz.

DER SPIEGEL 16/1994
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