18.07.1994

FernsehenGier in den Augen

Eine Familie richtet den blutschänderischen Vater hin. Das beklemmende TV-Spiel „Angst“ schildert einen authentischen Fall.
Ein Mann wie ein Messer. Die tätowierten Arme stemmen Hanteln. Die Gefängniszelle ist ein Raubtierkäfig. Der Kerl riecht nach Schweiß und Haß. Da öffnen sich dem schnauzbärtigen Klotzkopf die Knasttore, der Mann stiefelt in die Freiheit, und seine trotzige Miene verrät: Wehe euch!
Wie ein Hollywoodfilm vom großen Rächer hebt das Fernsehspiel "Angst" (Sendetermin: Sonntag, 22.10 Uhr, ZDF) an. Doch es sind keine Heldentaten, die der Entlassene vollbringen wird. Zuerst schlägt er den Geliebten seiner Frau zusammen, dann prügelt er auch auf sie ein. Wenig später reißt er seiner Tochter die Kleider vom Leib und vergewaltigt sie. _(* Mit der Angeklagten Manuela Bolz, ) _(1990. )
Hinter einem Tisch voller Bierflaschen sieht der Zuschauer den Blutschänder vor sich hindösen. Ein kleines Kind schreit. Es ist der Sohn, den er mit seiner Tochter gezeugt hat. Die Gesichter der gequälten Frauen spiegeln Angst, Wut und Verzweiflung.
Die Drehbuchautoren, Fred Breinersdorfer und Bernd Schadewald, haben nichts erfunden. Die schreckliche Geschichte von Mutter, Tochter und deren Mann, die den blutschänderischen Vater gemeinsam erschlagen, ist vor vier Jahren vor einem Gericht im westfälischen Arnsberg verhandelt worden. Das Verfahren endete mit Haftstrafen zwischen dreieinhalb und viereinhalb Jahren für die Angeklagten.
Doch "Angst" will kein Gerichtsfilm sein. Das Spiel setzt auf die realistische Erzählung, auf den Schrecken des Zuschauers, der sieht, wie Menschen hoffnungslos ihrem Schicksal ausgeliefert sind und keine andere Lösung finden, als die erlittene Brutalität mit Brutalität zu beantworten.
Bedingungslos verschreibt sich der TV-Film der Sinnlichkeit der bösen Tat: ein mitleidsloser Bilderbogen aus Suff, Schlägen, Kindergeschrei, berstendem Glas, primitiver Macho-Männlichkeit und dem Weinen gequälter Frauen.
Regisseur Schadewald baut vor allem auf die schauspielerischen Fähigkeiten von Christian Redl. Der ist ein Meister, wo es gilt, den Wahnsinn des Bösen wie eine Selbstverständlichkeit darzustellen. Wenn er nach seiner Tochter mit den Worten greift: "Du gehörst mir", gibt es kein Entrinnen, auch für den Zuschauer nicht: Denn die Gier in seinen Augen kennt nur das Hier und Jetzt. Sie mag aus Abgründen seiner pathologischen Seele kommen, doch die verschwitzten, versteinerten Züge Redls lassen keine Blicke dorthin dringen. Seine Triebhaftigkeit hat deren Vorgeschichte getilgt.
Im "Hammermörder", dem preisgekrönten Breinersdorfer-TV-Spiel vom Polizeimeister, der aus Geldnot zum Mörder wird, konnte sich Redls Kunst noch bedrohlicher entfalten, weil seine Verstocktheit ihren ganzen Irrsinn im angsterfüllten Gesicht seiner Frau (Ulrike Kriener) offenbarte, die ihrem Mann nach und nach auf die Schliche kommt.
Diesmal findet Redls großartige schauspielerische Besessenheit nicht den entsprechenden Widerschein. Die dahinrasenden sexuellen Jagdszenen lassen Renate Krößner als Mutter und Antje Westermann als Tochter keine Zeit, die Zerstörung ihrer Persönlichkeiten durch Erniedrigung zu entwickeln. Wie gehetzte Tiere flüchten die Frauen von einer Einstellung zur nächsten. Aber das zeigt nicht den gesamten Teufelskreis des sexuellen Mißbrauchs.
Den liefern die Autoren nur in der Theorie, wenn sie im Begleitmaterial zum Stück einen Fachartikel zitieren. Er handelt von der Isolation des sexuell ausgebeuteten Opfers, das befürchten muß, sich noch mehr zu bestrafen, wenn es sich der Außenwelt offenbart.
Hier, im innersten Kreis der familiären Hölle, geht es um die Scham des Opfers, besonders, wenn die angetane Gewalt Lustgefühle auslöste; um die Rolle der Mutter, die durch Verschweigen zur Zuhälterin wird.
An der Schilderung dieser psychischen Pein wollten Breinersdorfer und Schadewald nicht vorbeigehen. Aber die Szenen, welche die innere Not der Frauen beschreiben, wirken schwächlich. Redls körperliche Wucht dominiert. So bemächtigt sich - unbewußt - der Vergewaltiger des Films über den Vergewaltiger. Der drastische Realismus hat einen hohen Preis. Y
* Mit der Angeklagten Manuela Bolz, 1990.

DER SPIEGEL 29/1994
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