27.12.1993

Musik„Ungedeckte Schecks für die Kunst“

Zum „Opernhaus des Jahres“ wurde die Oper Leipzig gekürt - gleichzeitig mußte sie kräftige Etatkürzungen hinnehmen. Intendant Udo Zimmermann will auf teure Prestigeprojekte verzichten, nicht jedoch auf ambitionierte Spielpläne. Paßt die neue Genügsamkeit zum Luxusgeschöpf Oper?
Enttäuscht blickt der Mann drein, gries und grämig. Aus allen Wolken scheint er in die Ecke seiner schwarzen Leder-Couch gefallen zu sein. Ein paar fahrige Bewegungen, dann platzt es aus ihm heraus: "Ist das nicht Kahlschlag, Tabula rasa?" Ohne Antwort läßt er die pathetisch gehobenen Arme wieder sinken.
Kein Qualm seiner Lieblingsmarke "Black Diamond" kringelt an diesem Dezembernachmittag aus dem sonst so hochtourigen Mundwerk des Udo Zimmermann, auch keine Sprechblase, wie früher, voll windigem Eigenlob. Es gibt Wasser statt Wein, Hiobspost statt Lorbeeren, und der Herr Intendant verzieht die Mundwinkel auffallend oft nach unten, zum Abschwung Ost.
Die graue, elegant gestylte Kühle in Zimmer B 351 des Leipziger Opernhauses paßt zur Lage der Nation. Draußen ein Tief, drinnen Kassandra: Im nächsten Jahr sollen hier, aus einem Etat von zuletzt 64 Millionen Mark, über 13 Millionen eingespart werden. Ein Minus von 20 Prozent also, ein Hammer, "und das bei der Kultur".
"Tag und Nacht", bilanziert der einst prominenteste Neutöner der DDR, habe er sich in diesem Raum "immer einem arrivierten Kunstanspruch gestellt". Hier werde "für die wichtigen Innenwelten des Menschen geplant und gearbeitet, mit Fleiß und Phantasie", und dennoch: "Keiner dankt es."
Vor ein paar Jahren noch, nach dem Fall der DDR, hätten die Kulturpolitiker "unsereins das Geld in den Hintern geblasen, jetzt knallen sie einem einfach ihre Sparbeschlüsse auf den Tisch - da, nun macht mal!"
Und wenn er nicht mehr machte? "Dann würde mich keiner halten. Im Gegenteil, alle wären froh: ein Störenfried weniger." Es fände sich ja auch "schnell ein Meier, Müller oder Hanserl, der weiterwursteln möchte", räsoniert der Intendant, der sich wie kaum ein zweiter deutscher Theaterprinzipal stets für erste Wahl und unersetzbar gehalten hat.
"Arme Irre" seien sie heute, die einst so hofierten Intendanten, "keiner nimmt uns mehr ernst", setzt er mit kokettem Tremolo hinzu: "Was haben sie aus uns gemacht? Lächerliche Fatzkes."
Vor zwei, drei Jahren noch klotzte sich Leipzig, die Stadt auch des Thomanerchors und des Gewandhausorchesters, mit allen Mitteln der PR zum sächsischen Mekka der Tonkunst hoch. "Oper im Aufwind", verhießen die Poster, "Leipzig lebt Kultur", tönte es aus den Schaukästen.
Und mit jedem Plakat, auf dem der örtliche Opernchef eine neue Premiere ankündigte, hämmerte er dem Publikum Titel und Namen des großen Zampanos ein: "Intendant: Prof. Udo Zimmermann". Kein Programmheft, keine Druckschrift, keine Verlautbarung ohne diese Insignie des Personenkults. Zimmermann spielte Zar und prahlte.
"An Hamburg und Frankfurt vorbei" wollte er sein Haus auf die Spitze treiben. Lustvoll gab er, wenn er Spielpläne entwarf, "ungedeckte Schecks" aus, lauthals trat er "für die Kunst" und liebend gern fürs eigene Image als "Hochstapler" auf. Er versprach Peter Zadek, Peter Stein, Loriot als Regisseure und, überhaupt, das Blaue vom Himmel.
Dabei hatte er damals, im ersten Halbjahr 1991, gerade mal eine Platzausnutzung von 34 Prozent. Von den 1620 Sesseln blieben mithin in der Regel über 1000 unbesetzt. Dazu, weil auch die avisierten Promis ausblieben, leere Versprechungen. Aber es gab Geld wie Heu: Auf jeden Besucher kamen noch einmal 346 Mark Zuschuß aus öffentlichen Kassen.
"Ich habe seinerzeit den Mund einfach zu voll genommen", reut es den Lautsprecher heute, da er mit viel kleineren Brötchen vorliebnehmen muß. Und in dem Moment, wo das Geständnis raus ist, reckt und rückt sich der Intendant Professor Udo Zimmermann, 50, aus seiner dunklen Sofaecke ins rechte Licht der Verdienste: "Seit meinem Amtsantritt im März 1990 hatten wir 27 Neuinszenierungen, und 10 bis 12 davon waren gut, sogar sehr gut."
Tatsächlich hat Zimmermann bewiesen, "daß man was erreicht, wenn man die Latte höher legt, als man springen kann". In einem virtuosen Schub liftete der gebürtige Dresdner seine Oper in die Beletage der deutschsprachigen Musiktheater.
In den ersten Jahren nach ihrer Gründung 1693 war die Leipziger Oper bloß zu Messezeiten bespielt worden. Dann allerdings verhalfen ihr Komponisten wie Georg Philipp Telemann, Albert Lortzing und, am Ende des 19. Jahrhunderts, Gustav Mahler zu internationalem Ansehen.
Der Leipziger Richard Wagner wurde mit seinen Werken daheim so bemuttert, daß er emphatisch telegrafierte: "Heil Leipzig, meine Vaterstadt, die eine so kühne Theaterdirektion hat!"
Als markanteste Leistung nach dem Zweiten Weltkrieg erwies sich die klassenkämpferische "Ring"-Deutung (1973 bis 1976) des Leipziger Operndirektors Joachim Herz. Dessen Polit-Show nahm Chereaus Bayreuther Bildersturm imposant vorweg.
Danach allerdings setzte sich das traditionsreiche Institut hinter dem Eisernen Vorhang des Arbeiter-und-Bauern-Staates zur hausbackenen Ruhe, und erst mit Zimmermann kam wieder frischer Wind.
Als er im Mai dieses Jahres zum 300jährigen Bestehen der Oper Jubelwochen ausrief, jubelte das vereinigte Feuilleton widerspruchslos mit.
Die Regisseurin Ruth Berghaus bereitete dem Avantgardisten Jörg Herchet und seiner "Nachtwache", einem "Alptraum in neun Bildern" nach Texten von Nelly Sachs, eine grandiose Uraufführung und der zeitgenössischen Szene ein Freudenfest.
Der ungarische Oscar-Preisträger Istvan Szabo inszenierte, als konventionelles Kontrastprogramm der Luxusklasse, Mussorgskis bronzenen "Boris Godunow" in einem 8 Meter hohen und 14 Meter breiten Bilderbuch und schuf mit der Augenweide gleich eine Ikone zeitgenössischer Bühnenmagie.
Schließlich durfte der Sphären-Musiker Karlheinz Stockhausen erstmals "Dienstag aus Licht", ein Teilstück seines monomanischen "Licht"-Spieles (geplante Aufführungszeit dereinst: 30 Stunden), auf eine deutsche Musikbühne bringen und dabei "krepierende Tonraketen", "Knallstrahlen" sowie "Flugklangpulks" aus allen Ecken des Hauses abschießen.
Nach drei Vorstellungen - Kosten: 1,4 Millionen Mark - war der Spuk zwar vorbei. Doch unter dem Kritikerbeifall ging dem innovationsfreudigen Zimmermann gleich wieder der Mund über: Auch Stockhausens nächste "Licht"-Orgie sei ihm herzlich willkommen.
Nun steht nicht nur das Comeback des bergischen Gesamtkunstwerkers, sondern der ganze Leipziger Höhenflug in den Sternen. Kaum hatte die Zeitschrift Opernwelt Leipzig zum "Opernhaus des Jahres" gekürt und die gelobte Stätte eine Auslastung von erstaunlichen 74 Prozent gemeldet, da drehten die Subventionsgeber, vorzugsweise Bund und Stadt, heftig am Geldhahn.
Das Handtuch will Zimmermann dennoch nicht werfen, "das wäre zu einfach". Also läßt er im dämmrigen Ambiente seines Chefzimmers, nach der fast abendfüllenden Jeremiade, Hoffnungsfunken aufblitzen, daß, vielleicht, auch mit "viel weniger Geld noch etwas Gescheites" zu machen sei. Und mit einem Mal tritt aus dem Grauschleier seiner Vorhersagen wieder der Alte, der alte redselige Schwärmer hervor.
Der möchte das Luxusgeschöpf Oper zugleich päppeln und abspecken - Zar Zimmermann beim Vabanquespiel von Glamour und Genügsamkeit. Er will, so das noch tippfrische Fusionspapier, die Spielstätten seines Instituts aufeinander abstimmen und im Rotationsverfahren statt 500 nur noch 300 Aufführungen durchziehen. Oper und Ballett spielen dann bloß 120 Abende - sicher eine Amputation, aber lebensrettend für den Rumpf.
Bis 1995 möchte Zimmermann, "natürlich sozialverträglich, wie das so schön heißt", 150 Planstellen abbauen: "Man muß jetzt jeden Posten auf Pfennige hin abfragen." Schon ist er in Fahrt und steuert mit demselben Vollgas, mit dem er sich und sein Haus während der fetten Jahre ins Gerede gebracht hat, gegen die Leitplanken des Systems und die Säulen des Repertoires, auf das er durchaus große Stücke hält.
"Was bewirkt denn der Bühnenverein?" fragt der Mann der Bühne. "Nichts. Also wofür brauchen wir ihn dann? Wieso haben wir acht verschiedene Tarifverträge, die unseren Betrieb nur ruinieren? Wieso geben wir ständig der Preistreiberei nach, die die Agenten, diese Aasgeier, uns zumuten?"
"Was macht die Opernkonferenz?" sprudelt Zimmermann weiter, der diesem Gipfeltreffen der deutschsprachigen Intendanten selbst regelmäßig beiwohnt: "Sie jammert." Er nicht, sagt er: "Ich wollte dort jüngst eine Gagenkürzung um 25 Prozent durchsetzen. Was war? Wehgeschrei. Was wurde draus? Eingefroren, sonst nichts." Gehandelt werde "nirgendwo, nur reden, reden, reden" - und das aus seinem Munde.
18 zeitgenössische Stücke, sein ganzer Stolz, stehen derzeit auf dem Leipziger Spielplan, "auch das zuviel des Guten". "Die Moderne", sagt ausgerechnet der Tonsetzer Zimmermann ("Die weiße Rose"), "ist bei uns klar überrepräsentiert." Künftig setzt er auf Leipziger Allerlei: "Carmen", "Rigoletto", "La Traviata", die Evergreens, die volle Häuser verheißen.
Natürlich hat auch er seinen "Ring" haben wollen, Wagners und aller Intendanten prestigeträchtiges Kraftpaket. Nun fehlt ihm das Geld für das Stück, und schon rät er den Kollegen, den ",Ring' doch in Ruhe zu lassen", "mal zehn Jahre Pause", "das Ding ist doch völlig abgegriffen".
Das virtuose Wendeohr Zimmermann muß zumindest den Leipziger Oberbürgermeister und Amateur-Bratscher Hinrich Lehmann-Grube beeindruckt haben. Wenn der Intendant so spare wie versprochen, dann werde die Stadt es an Großzügigkeit nicht fehlen lassen - in Maßen, versteht sich.
Zudem hofft Zimmermann, der plötzlich so knauserige Visionär, auch noch auf eine Gabe von Finanzminister Theo Waigel. Der hat zugesagt, zum Wohle der Kultur alte SED-Besitzstände versilbern zu lassen und mit dem Erlös, angeblich 250 Millionen Mark, den "Leuchttürmen" in der deutschen Kulturlandschaft Ost Glanz zu garantieren, fürs erste wenigstens.
Leipzig gilt als ein solches Leuchtfeuer, und Zimmermann dürfte der erste sein, der daraus Kapital und Funken schlägt. Demnächst in seinem Theater, da ist er nicht kleinlich: die kapriziöse Ruth Berghaus mit einer "Fledermaus", George Tabori als Regisseur von Schönbergs "Moses und Aron", Johannes Schaaf inszeniert die "Meistersinger". Und, siehe da, Udo Zimmermann ist auf dem besten Wege, sein Haus schon zur Oper des Jahres '94 hochzureden.
Klaus Umbach
Eine Amputation, aber lebensrettend für den Rumpf
"Die Moderne ist bei uns klar überrepräsentiert"

DER SPIEGEL 52/1993
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