10.10.1994

FilmEIN TROTTEL MIT TRICKS

Wer Hollywood dort besucht, wo es sich als Museum selbst feiert und unbekümmert ausstellt, in den Universal Studios im Valley, erlebt, wie die Filmindustrie mit ihren Muskeln spielt, indem sie mit ihren Tricks prahlt, mit ihren "special effects".
Es ist wahr, sie kann Erdbeben, Feuersbrünste, Wasserstürze simulieren; sie kann waschechte Saurier selbst so, wie sie nie gelebt haben, aus der kollektiven Erinnerung zum Leben erwecken; sie kann Zeichentrickfiguren mit Menschen aus Fleisch und Blut kreuzen, und beide leben auf der Leinwand ein gleichberechtigt kino-echtes Leben: _(* Mit Sally Field und Tom Hanks (M.). )
Die Animation, die Belebung kennt keine Grenzen; selbst echte Lebewesen kann man so echt abfilmen, daß sie im Film nicht weniger echt als Roboter wirken - der Kunst sind keine Schranken gesetzt, mit Spielzeugautos fährt man zurück in die Zukunft, der Weltraum ist eine Frage des Studio-Designers.
Das Kino aus der Zaubertüte ist stolz auf sich selbst - hat es dem Film nicht gegen das nüchterne Fernsehen mit seinen flimmernden Zwergen auf überlebensgroßer Leinwand das Leben gerettet? Haben Spielberg und Lucas und Zemeckis nicht gezeigt, daß man mit Tricks a la Copperfield das Fernsehen austricksen kann?
Plötzlich im letzten Sommer kam in den Vereinigten Staaten ein Film in die Kinos, dem niemand eine große Chance einräumen wollte: "Forrest Gump", ausgerechnet von dem Spielberg-Günstling und Zauberlehrling Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft", "Falsches Spiel mit Roger Rabbit") gedreht, ist ein simpler Film, eine simple Geschichte. Keine Tricks - das heißt, so gut wie keine.
Forrest Gump, was für ein Held, was für ein Filmheld. Der Mann, in dessen Südstaatengesicht sich die spärlichen Gedanken langsam bewegen wie Schnecken auf einem feuchten Feld, hat einen Intelligenzquotienten knapp über der Debilitätsgrenze.
Schon als Kind sieht er notgedrungen (als Schwachkopf ist er das Ziel grausamer jugendlicher Aggressionen) sein Heil in der Flucht: Er rennt, was das Zeug hält, wenn die anderen hinter ihm her sind. Und das ist immer.
Überzeugungen, mein Gott!, und das, was man dafür hält und ausgibt, hat er so gut wie keine. Er hat ein paar Sprüche auf Lager, Binsenweisheiten, Faustregeln - wie sie einem liebende Mütter beibringen oder in Nachttischdeckchen sticken.
Aber er ist ein guter Kerl und hat das Glück, daß seine Kindheit nicht nur von nach ihm Steine werfenden Mitschülern umgeben ist. Nein, den Beschränkten (gebildete Europäer würden ihn einen Parzival nennen, zumindest einen tumben Toren) liebt nicht nur seine gute Mama. Auch ein wildes Mädchen, ausgestoßen wie er, obwohl lange nicht so doof und so plump, bietet ihm eine Schutz-und-Trutz-Freundschaft an.
Sie lebt am Rande der Gesellschaft in Chaos und Armut, und es ist nicht sicher, ob sie zu Hause nicht sexuell mißbraucht wird. Es ist eher wahrscheinlich. So sucht und findet sie die Freundschaft zu Forrest Gump - und der Halbidiot und die Halbwilde gehen eine zärtlich-ruppige Zweckbeziehung ein.
So wird er stark durch eine seltsame Liebe, wo die anderen sich in kollektiven Gedanken und Rudeln suhlen, ein Außenseiter, zu naiv, sein Außenseitertum zu bemerken.
Der Film und seine Geschichte haben diesen anrührenden eckigen Dummbeutel und Naivling, dessen Lächeln selbstgefällig eitel wäre, wenn es nicht von totaler Unschuld zeugte, mitten in Amerikas bewegte Jahre gestellt: als Widerstand, als Spielball, als Opfer, als Reagens spiegelt Forrest Gump, der Fast-Dorftrottel aus Alabama, Amerikas unsicherste Zeit, ein seltsam ruhiger Kompaß einer durchgedrehten Epoche.
Also die Zeit, als die Rassenkrawalle in Little Rock eskalierten; die Jahre, als mit den integrierten Schulbussen die Bürgerrechte für Schwarze mehr schlecht als recht, aber immerhin durchgesetzt wurden.
Damals erlebte Amerika (und der Film zeigt das mit unangestrengten witzigen Verkürzungen) aggressive Verwerfungen zwischen Welthegemonie und Hinterwäldlertum. Konflikte, um nur die wichtigsten aufzuzählen, von der Kuba-Krise über den Vietnamkrieg und die Studentenrevolte bis zu Reagans Rückkehr zu den alten (morschen?) Werten. Und Forrest Gump immer mittendrin.
Er ist ständig am Rand der Ereignisse. Und doch im Zentrum; er kriegt nichts mit, und er kriegt alles ab. Forrest Gump versteht kaum etwas und kapiert doch alles. Wer Kanzler Kohl oder seinen Herausforderer Scharping in den öffentlichen Auftritten beim ständigen Wiederholen von Binsenweisheiten erlebt hat, weiß, daß der Film nicht übertreibt - Forrest Gumps selbstgenügsame Gemeinplätze haben nur deshalb eine größere Unschuld, weil er nicht weiß, was er will. Er ist ein Gemeinplatz ohne Ambitionen.
Forrest Gump jedenfalls geht ebenso unverletzt, unversehrt, seelisch unbeschädigt den rechten Weg des konservativen Amerika wie seine Kindheitsgespielin, verstört durch die alptraumartigen Erfahrungen ihrer frühen Jugend, den linken Weg durch Studentenprotest, Woodstock-Erlebnis, Anti-Vietnam-Bewegung, Drogen- und Promiskuitätsszenerie.
Die Tragödie ist, daß die beiden sich mögen und immer wieder verlieren. Für sie ersetzt die Ideologie die fehlenden Bindungen, sie lebt, obwohl es weh tut, nach Programm. Er versteht davon glücklicherweise nichts und wird deshalb von ihr unglücklicherweise immer wieder stehengelassen.
Es ist eine (scheinbar) einfache Geschichte, die der Film erzählt, eine simple Zeitgeschichte von bewegter Zeit: "Und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen."
Aber hinter der schlichten Treuherzigkeit verbirgt sich mehr: Ein scheinbar Unverwundbarer macht dem Zuschauer klar, wie zerstörerisch Amerikas Geschichte auf Leute eingetrümmert hat, die nicht über das naiv unverwundbare Hirn dieses Naivlings und glücklichen Trottels verfügten. Er jedenfalls, der das Wegrennen gelernt hat, rennt als umwerfender und nicht umzuwerfender Footballspieler durch die Universitätsjahre. Was braucht, wer so rennen und rempeln kann, Einsichten und politische Ansichten!
Er kommt, ganz Brustkorb und Muskelpaket, zum Militär, als Vietnam ruft. Sein gutmütiger Kopf übersteht den Drill, den Sumpf, den Dschungel. Er rettet seinen Offizier, der von ihm nicht gerettet werden will. Hätte Amerika einen böhmischen Schwejk, dieser Alabama-Bursche wäre es.
Und nach dem Sprichwort (das so deutsch ist, daß zweifelhaft scheint, ob Hollywood es kennt), daß die dümmsten Bauern die größten Kartoffeln haben, hat Forrest Gump immer wieder Glück. Als Footballstar im Frieden, als Vietnam-Held im Krieg, als Pingpong-Meister in der US-Ära der Annäherung an China.
Nur in der Liebe nicht, aber wer weiß? Als er seine Freundin (Robin Wright), die er immer wieder an scheinbar Klügere, dem jeweiligen Zeitgeist Näherstehende verliert, endlich gewinnt, nachdem sie sich in den Poprevolutionen und Bürgerbewegungen müde gerieben hat, ist sie todkrank. Die Aids-Sterbende kann ihm gerade noch ein Kind hinterlassen.
Was nur beweist, daß dieser wunderschöne Film mit dem wunderbaren Tom Hanks (wenn er als Aids-Opfer in "Philadelphia" einen Oscar bekommen hat, hätte er hier mindestens drei oder vier verdient) und seiner anrührenden Geduld eins nicht kann: ein Ende finden. Und so hat er statt dessen drei bis sieben. Oder so.
Aber das macht nichts. Denn es triumphiert die schöne hinterlistige, ja, hinterfotzige Naivität des Themas und des Hauptdarstellers, der nicht nur die Wartenden an der Busstation mit seinen geduldig breiten Geschichten, die in Spruchweisheiten münden, niederredet, sondern auch den Zuschauer.
Und jetzt muß man doch gestehen, daß dieser scheinbar unschuldige Film in aller Unschuld auch nicht ohne technische Tricks, ohne Computer-Zauberei auskommt.
Denn um Forrest Hanks und Tom Gump zum wahren Zeitgenossen und Beteiligten jener Jahre von Little Rock über Woodstock bis Donald Trump zu machen, benutzt der Film doch einen der raffiniertesten Tricks aus Hollywoods Special-effects-Kiste:
Forrest Gump, alias Tom Hanks, spricht mit John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson, Richard Nixon, mit John Lennon (in einer Talkshow des inzwischen legendären Dick Cavett). Er wird, mittels raffinierter Digitaltechnik, völlig überzeugend und lebensecht in die historischen Dokumente einkopiert.
Was Woody Allen in "Zelig", seiner Geschichte des totalen menschlichen Chamäleons, angefangen hatte, ist hier zur Perfektion getrieben. Ein scheinbarer Dümmling wird in den Highlights dokumentarischer Berichterstattung ein wichtiger Zeitzeuge und Gesprächspartner der Großen dieser Erde. Die Zeit der dokumentarischen Treue und Beweiskraft im Film ist endgültig passe. Manipulationen sind echter als die Wirklichkeit. Bilder lügen.
So benutzt ein Film, der mit den traditionellsten Mitteln des Erzählkinos eine aufregend-bewegende Geschichte erzählt, doch Hollywoods teuerste Tricks.
Eines Tages, wer weiß?, wird man beim Sightseeing in den Geisterbahnen der Universal-Studios die teuren Digital-Tricks von "Forrest Gump" vorführen. Und auf ihre naiven Wirkungen stolz sein. Mit Recht. Y
* Mit Sally Field und Tom Hanks (M.).
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 41/1994
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