18.04.1994

RadrennenDIE AKTE TELEKOM

Das Arbeitsgericht Bonn wird sich in den nächsten Wochen mit einem beispiellosen Fall beschäftigen: Ein Profi-Sportler verklagt seinen Arbeitgeber, weil er glaubt, ohne sein Wissen gedopt worden zu sein. Beschuldigt wird ein Radrennstall, der das Image eines Staatsunternehmens aufwerten soll: das Team Telekom.
Nach der sechsten Etappe demütigten sie ihn. Weil sein Zeitrückstand auf den Führenden zu groß war, nahmen die Organisatoren des Giro d'Italia den Leipziger Radprofi Uwe Ampler aus dem Rennen.
In fast vier Jahren Profisport hatte der ehedem beste Radfahrer des Sozialismus kaum nennenswerte Resultate geschafft. Und jetzt, im Mai 1993, war Ampler ganz unten. Da half nur ein Wunder - oder ein Wunderdoktor.
"Ich stand am Scheideweg", sagt Ampler, 29. Deshalb habe er sich vom Leiter des Teams Telekom nach Belgien schicken lassen, zu jenem Arzt, der schon das Radsport-Idol Eddy Merckx erfolgreich behandelt habe.
Jules Mertens betreibt seine Praxis in der flandrischen Kleinstadt Wezemaal. Anfang Juni war Ampler das erste Mal zur Blutabnahme dort. Der Doktor, so erinnert sich Ampler, sei in ein Nebenzimmer gegangen, habe das Blut mit einer Substanz "angereichert" und die erste Spritze gesetzt: ins Gesäß. Drei Tage später reiste Ampler wieder nach Wezemaal. "Wenn du nichts machst", habe Mertens gesagt, "hast du keine Chance." Eine "Präparation" sei notwendig - die zweite Spritze.
Wenig später verabschiedete sich Ampler zur Tour de Suisse. Jeden zweiten Tag, berichtet der Radprofi, seien ihm in der Schweiz die Mannschaftsbetreuer mit der Nadel auf den Leib gerückt. Die Prozedur war stets die gleiche: Spritzen ins Gesäß und Spritzen in den Oberarm - Spritzen, die jetzt Anwälte und Richter beschäftigen.
Denn Uwe Ampler sorgt für eine neue Variante in der Doping-Diskussion des Sports. Wurden bislang gedopte Athleten von den Verbänden verfolgt, so verklagt mit Ampler erstmals ein Athlet seinen Arbeitgeber: Er sei, behauptet der Radprofi, von seinem Team "getäuscht und gedopt worden".
Weil Ampler darin einen Vertragsbruch sieht, haben die Bonner Arbeitsrichter ihren wohl ungewöhnlichsten Fall (AZ: 5 C 1861/93) zu entscheiden. Die Hauptbeschuldigten, Teamchef Walter Godefroot und der Arzt Jules Mertens, bestreiten jegliches Doping. "Ich arbeite nur mit biologischen, natürlichen, homöopathischen Mitteln", sagt Mertens.
Wie auch immer das Bonner Urteil ausfallen wird, schon jetzt ist der sportliche Ruf des staatlichen Telefonkonzerns angeschlagen. Über sieben Millionen Mark jährlich hat die Telekom in den erhofften Imagegewinn durch Erfolge ihrer Radlertruppe investiert. Doch die gutdotierten Postboten waren zu langsam. So geriet beinahe jedes Rennen zum Existenzkampf - genau das schafft jenes Klima, in dem im Radsport schon mal Hilfe beim Doktor gesucht wird.
Die Indizienkette erscheint schlüssig: Blutwerte, Behandlungsweise, Abfolge der Spritzen und die strikte Geheimhaltung könnten auf illegales, ja sogar lebensbedrohendes Doping mit der Modedroge EPO hinweisen.
Der einstige Staatsamateur ist davon überzeugt, die kapitalistische Variante des flächendeckenden Dopings der DDR am eigenen Leibe erfahren zu haben. Ehedem finanzierten alle Werktätigen den Erfolg zu Ehren Erich Honeckers; hilft in der Marktwirtschaft womöglich der Gebührenzahler, den Ruhm der Staatsfirma mit allen Mitteln zu mehren?
Zu Beginn der dreiwöchigen Spritzenkur hatte Ampler immer wieder nachgefragt, was ihm injiziert werde. "Aufbaupräparate", sei die stereotype Antwort der Pfleger gewesen. Doch irgendwann, sagt Ampler, höre ein Sportler auf zu fragen: "Wer zu mißtrauisch ist, wird schief angeguckt."
Mertens hatte bei Ampler einen Hämoglobinwert (HGB) von 14,3 (Gramm pro Deziliter Blut) festgestellt. Das ist in einem Laborbericht vom 3. Juni 1993 dokumentiert. Nach drei Wochen wurde der Radprofi von der Universitätsklinik Freiburg, Abteilung Klinische Chemie, erneut untersucht. Das Resultat: "HGB 16,0". Laut "Standard International Unit Conversion Guide", dem US-Standardwerk der Hämoglobin-Forschung, liegt dieser Wert des roten Blutfarbstoffs jenseits des Normbereichs.
"Warst du im Höhentraining?" so ist es Ampler in Erinnerung, hätten ihn arglose Sportärzte angesichts dieses Wertes gefragt. In dem Moment habe er Angst bekommen, Angst vor EPO.
Erythropoietin (EPO) ist ein körpereigenes Hormon, das in der Niere hergestellt wird. Es fördert die Bildung roter Blutkörperchen, die den Sauerstoff in die Muskeln transportieren. Mehr Sauerstoff ist gleich mehr Leistung, so rechnen Spitzensportler und treiben die Zahl ihrer roten Blutkörperchen in Unterdruckkammern oder durch Training im Hochgebirge nach oben - oder sie nehmen EPO.
Kranken Menschen wird das auf gentechnischem Weg hergestellte Medikament gegen Blutarmut bei beidseitigem Nierenversagen verschrieben. Gesunde Athleten führt die Droge mal aufs Siegertreppchen - oder, wenn sich die roten Blutkörperchen zu heftig vermehren, auch ins Grab: Das Blut verklumpt und verschließt die Gefäße. Als Todesursache gilt meist Herzinfarkt.
EPO, erzählen Radfahrer, sei aus Belgien und Holland über den Sport gekommen. Allein in diesen beiden Ländern starben 18 Pedaleure, deren Tod mutmaßlich auf EPO zurückzuführen ist.
Der holländische Profi Johannes Draaijer etwa war eines Morgens mit Herzschmerzen aufgewacht und 60 Minuten später eines angeblich natürlichen Todes gestorben. Erst ein Hinweis der Witwe, ihr Mann habe EPO genommen, führte zu dem riskanten Präparat.
Deutlich steigende Hämoglobinwerte gelten als mögliches Indiz für EPO. Deshalb war Ampler "von den Ergebnissen geschockt"; er beriet sich mit seiner Frau und weihte seinen Manager Werner Rabbel ein.
Schon am 28. Juni 1993 reichte Amplers Berater beim Arbeitsgericht Bonn Klage gegen die Walter Godefroot GmbH ein. Die Sportfirma von Teamchef Godefroot ist der Arbeitgeber der Radfahrer, die unter dem Namen des Hauptsponsors Telekom starten. Vor einigen Wochen reichte Rabbel die ausführliche Klagebegründung nach. Das Team Telekom, heißt es da, habe Ampler "eine illegale EPO-Behandlung" verabreicht.
Die Klage beruft sich auf die "Anlage III", die dem Arbeitsvertrag zwischen Ampler und Godefroot hinzugefügt worden war. "Gediegene Arztbetreuung" wurde darin festgeschrieben, "der Fahrer wird vor Verabreichung jedweder Medikamente grundsätzlich aufgeklärt über Art, Gründe und Zusammensetzung. Gegen oder ohne seinen Willen darf der Fahrer nicht behandelt werden".
Gegen diesen Passus, behauptet Ampler, hätten die Belgier Godefroot und Mertens verstoßen. Godefroot, 50, in den sechziger Jahren selbst einer der weltbesten Fahrer, bestreitet die Darstellung Amplers: Zu Mertens sei Ampler freiwillig gegangen, aus "geographischen Gründen" - er wohnte in Belgien. Und "bei Telekom", so Godefroot, "gibt es EPO sowieso nicht".
Das Hormon gilt im Doping-Dorado Radsport derzeit als Droge Nummer eins. Es hat den unschätzbaren Vorteil, mit den gängigen Methoden der Doping-Fahnder nicht nachweisbar zu sein. Der Gebrauch von EPO, sagt der Kölner Analytiker Manfred Donike, "nimmt zu. Es gibt keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun".
Die Diskussion ereilt den radelnden Telefontrupp zur Unzeit: Mangels Erfolgen ist Godefroots Equipe weit von dem Ziel der Geldgeber entfernt, "High-Tech, Teamarbeit, Flexibilität und Dynamik" zu verkörpern. Dreieinhalb Jahre nach der Gründung steht Team Telekom für Mittelmaß. Immer häufiger diskutiert die Konzernspitze, ob sich die Werbegelder lohnen.
Der Druck, gibt Teamkapitän Olaf Ludwig zu, sei "immens", der Telekom-Sattel ist ein Schleudersitz. Mit wachsender Ungeduld warteten die Firmenmanager auf einen Sieg bei einem der Frühjahrsrennen. Doch mal rutschte Ludwig aus und verursachte einen Massensturz; mal stürzte ein Begleitmotorrad und versperrte ihm den Weg. Viel Zeit bleibt den in Telekom-Pink gewandeten Profis nicht mehr: In wenigen Tagen will das Bonner Unternehmen entscheiden, ob die Mannschaft aufgelöst wird.
Gerade der Radsport ist von der Rezession betroffen. Die Existenzangst, sagt der dreimalige Tour-de-France-Sieger Greg LeMond, führe dazu, daß jeder Stoff ausprobiert werde: "Alle glauben, daß der Gegner über ein Wundermittel verfügt."
Daß auch das Team Telekom auf den Versuch mit der verbotenen Droge verfallen sei, so Ampler, resultiere aus der Kluft zwischen Erwartungshaltung und Wirklichkeit: Die konkurrierenden Teams hätten doppelt so hohe Budgets zur Verfügung. Technische Mängel, vermutet die Ampler-Koalition, hätten schließlich zu Doping als letztem Ausweg geführt.
Team Telekom, klagt Rabbel, habe beispielsweise flüssige Nahrung, im Radsport seit 1991 üblich, nicht bieten können. Auch jene hochwissenschaftliche Vorbereitung, die die internationale Rad-Elite zum italienischen Guru Francesco Conconi treibt, hätten die Post-Sportler vergeblich gefordert. Und vom Schneeregen durchweicht, habe Ampler schon mal eine Viertelstunde vor dem verschlossenen Mannschaftswagen warten müssen und sich erkältet.
Auch Uwe Ampler ist an den überhöhten Ansprüchen gescheitert. Als Amateur hatte der schüchterne Leipziger Weltmeistertitel, olympisches Gold und dreimal die Friedensfahrt gewonnen. "Er ist ein riesiges Talent", so Godefroot, "aber der Wille fehlte."
Wo endete Amplers Ehrgeiz? Es fällt nicht leicht, einem Musterschüler des DDR-Radsports Naivität und Unkenntnis in der Doping-Praxis abzunehmen. Nie, versichert Ampler, habe er wissentlich gedopt.
Ampler will sogar auf 170 000 Mark Gehalt verzichtet haben, damit das Team für eine bessere Vorbereitung der Profis sorgen könne. Dieses Geld wollen er und sein Manager nun mit Hilfe eines Münchner Anwalts eintreiben, eine Schadensersatzklage soll folgen.
Alles Lug und Trug, beteuern hingegen die Telekom-Männer: Ampler übe die Rache des Enttäuschten, der für 1994 nicht weiterverpflichtet wurde. Schon die Interpretation des gestiegenen Hämoglobinwertes sei unzulässig, so der Freiburger Mannschaftsarzt Andreas Schmidt: "Zwei Untersuchungen lassen sich nur bei gleichen Bedingungen vergleichen." Durch die Belastung bei der Tour de Suisse könnten sich Amplers Werte auch auf natürliche Weise verändert haben.
Ampler hat sich inzwischen in Bennewitz bei Leipzig ein Büro eingerichtet. Die Uwe Ampler GmbH will nun Geschäfte mit Immobilien machen. Manchmal, wenn er aus dem Fenster schaut, träumt der Ex-Rennfahrer noch von einem zweiten Versuch als Profi: "Wenn ein gutes Angebot käme . . ."
Doch damit ist nicht zu rechnen. Geht ein Radfahrer vor Gericht, meint Berater Rabbel, könne er kaum mehr Offerten erwarten: "Die Gesetze des Schweigens sind eisern." Y

DER SPIEGEL 16/1994
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