24.01.1994

TschechienGenie oder Gangster

Ein unbekannter junger Mann ist zum einflußreichsten Finanzmann der tschechischen Republik aufgestiegen.
Etwa 3000 Dollar hatte Viktor Kozeny in der Tasche, als er vor knapp vier Jahren aus dem westlichen Ausland nach Prag zurückkehrte. Mit seinen ökonomischen Kenntnissen wollte der junge Investmentbanker Karriere in der gerade vom Kommunismus befreiten Heimat machen.
Das ist ihm gelungen. Der einstige Nobody ist inzwischen der bekannteste und einflußreichste, aber auch umstrittenste Finanzmann der tschechischen Republik.
Seine Investmentfonds halten Aktienpakete von über 50 der wichtigsten Industrieunternehmen und Banken in Tschechien und der Slowakei. Den Gesamtwert der Papiere taxiert Kozeny, 30, selbst auf über eine Milliarde Dollar.
Kein Wunder, daß dieser kapitalistische Katapultstart fast allen Kennern der tschechischen Wirtschaftsszene nicht geheuer ist. "Ich hoffe, daß Kozeny kein zweiter Bernie Cornfeld ist", erinnert Prinz Jiri Lobkowicz, ein ebenfalls im Westen ausgebildeter Investmentbanker, an Aufstieg und Fall des einstigen US-Finanzartisten. Cornfeld hatte vor fast drei Jahrzehnten in Europa ein riesiges Fonds-Imperium namens IOS aufgebaut, das 1970 zusammenkrachte.
Wie alle Emporkömmlinge setzt auch Tschechiens Starkapitalist Kozeny auf ungehemmte Expansion. Mit ganzseitigen Zeitungsannoncen und teuren TV-Kampagnen wirbt er um Investoren für seine Fonds. In der jetzt laufenden Privatisierungswelle will er seinen Einfluß auf die tschechische Wirtschaft noch beträchtlich steigern.
Noch Größeres hat Kozeny jenseits der Grenzen _(* Mit Coupon-Heften. ) vor. Mit Investmentfonds und anderen Finanzdienstleistungen möchte er auch russische, chinesische und brasilianische Kunden ködern.
Vor allem für Finanzgeschäfte im Reich der Mitte rechnen sich Kozeny und seine Helfer beste Wachstumschancen aus. "In China sind die Leute nicht so neidisch wie hier", begründet Petra Wendelova, Präsidentin einer Kozeny-Firma, die Fernostpläne.
Kozenys Gegner - und die hat er reichlich in Prager Polit- und Wirtschaftskreisen - werfen dem Jungunternehmer vor, daß er die noch unerfahrenen tschechischen Kleinanleger mit übertriebenen Profitversprechungen locke. So behauptet Kozeny beispielsweise, daß ein Fonds-Anteil, der vor zwei Jahren 1000 Kronen kostete, nun 34 100 Kronen wert sei.
"Das ist Quatsch", widerspricht Unternehmensberater Vratislav Slajer, der selbst einen kleinen Investmentfonds kontrolliert. Denn für die meisten Aktien, die von tschechischen Fonds gehalten werden, läßt sich wegen zu geringen Börsenhandels noch gar kein Marktwert ermitteln.
Alle Wirtschaftsexperten rätseln zudem, woher die vielen Millionen stammen, mit denen der vor wenigen Jahren noch fast mittellose Jungunternehmer den raschen Aufbau seines Imperiums finanziert hat. Denn bevor ein Fonds für seinen Gründer Gewinn abwirft, muß der zunächst einmal eine Menge Geld für das Anwerben von Investoren und die Verwaltung des Fonds ausgeben. Nur Banken und andere große Finanzinstitutionen betreiben daher normalerweise dieses Geschäft.
Kozenys wundersamer Aufstieg zum Fonds-König begann im Dezember 1991 - kurz nach dem Start der sogenannten Coupon-Privatisierung.
Zum Preis von 1000 Kronen (etwa 60 Mark) konnte damals jeder erwachsene Tscheche und Slowake Coupons erwerben. Die Wertmarken sollten, in der anschließenden ersten Privatisierungswelle, zum Kauf von Anteilen an fast 1000 tschechischen und knapp 500 slowakischen Großbetrieben dienen.
Der Coupon-Inhaber durfte seine Gutscheine entweder zur direkten Order nutzen oder sie einem Investmentfonds anvertrauen. Die Manager des Fonds entschieden dann über den Aktienkauf.
Trotz des sehr niedrigen Coupon-Preises griff zunächst kaum einer zu. Die Privatisierungsaktion schien ein Riesenflop zu werden.
Da sorgte auf einmal der bis dahin völlig unbekannte Victor Kozeny für Furore. In Fernsehspots und auf Hunderttausenden von Flugblättern versprach der Gründer einer Investmentgesellschaft namens Harvard Capital & Consulting, jedem Coupon-Inhaber, der sich seinen Fonds anvertraue, werde ein Jahr nach Abschluß der Aktion der zehnfache Betrag ausgezahlt.
Kozenys Gewinngarantie löste so etwas wie einen nationalen Taumel aus. Der rotblonde, pausbäckige junge Mann wurde binnen weniger Wochen zum Champion des Volkskapitalismus in Böhmen, Mähren und der Slowakei.
Die über 800 000 Investoren, die ihre Coupons den Harvard-Fonds überließen, machten Kozeny zum stärksten Einzelspieler im großen Prager Privatisierungsmonopoly. Nur die Fonds der Ceska Sporitelna, der tschechischen Sparkasse, und einer großen Geschäftsbank sicherten sich noch größere Coupon-Pools als der Harvard-Mann.
Beim Erwerb von Aktien war Kozeny geschickter als die Fonds-Manager der Banken. Die kauften sich ziemlich wahllos in Hunderte von Unternehmen ein. Kozeny dagegen beschränkte sich auf 51 Firmen.
Diese Unternehmen aber sind meist die mächtigsten und profitabelsten ihrer Branche. So halten Kozenys Fonds 17,5 Prozent der KomercnI banka, der größten Geschäftsbank Tschechiens, und 13 Prozent der Ceska Sporitelna, der landesweit aktiven Sparkasse.
Gewichtige Anteile sicherte sich Kozeny auch an strategisch wichtigen Gesellschaften wie CEZ, dem größten tschechischen Stromerzeuger, an Slovnaft, der größten Ölraffinerie der Slowakei, oder an Sklo Union, dem führenden Glashersteller Böhmens.
Im Portefeuille der Harvard-Fonds liegen zudem Aktienpakete von großen Brauereien wie etwa der Pilsener Brauerei, von Nahrungsmittelfabriken, Bauunternehmen, Papierfabriken und Zementherstellern. In 35 Schlüsselunternehmen des Landes zählt die Fonds-Gruppe zu den größten Aktionären oder ist gar der stärkste Anteilseigner.
"Er hat am cleversten investiert", lobt ein in Westeuropa geschulter Prager Unternehmensberater.
Die Zahl der Unternehmen, in denen Kozeny-Statthalter mitregieren, wird nach Abschluß einer weiteren Privatisierungswelle noch erheblich steigen. Bis Ende des Jahres will die tschechische Regierung Anteile an über 700 weiteren Großbetrieben mit der Coupon-Methode von Staats- in Privathand übergeben.
Über sechs Millionen Tschechen - fast 200 000 mehr als beim ersten Durchgang vor zwei Jahren - wollen diesmal beim großen Coupon-Monopoly mit dabeisein. Seit Mitte Dezember läuft die sogenannte Vor- oder Nullrunde dieses Spiels, in der die Teilnehmer ihre neuen Coupons auf einen Fonds übertragen können.
Schon in den ersten Tagen der voraussichtlich bis Ende Februar oder März laufenden Vorrunde drängten sich Tausende von Pragern vor Kozenys Firmenzentrale im Süden der tschechischen Hauptstadt. Sie wollten ihre Coupons so rasch wie möglich persönlich abliefern.
Eine Gewinngarantie hatte Kozeny zwar diesmal nicht gegeben. Die Regierung untersagte solche Profitzusagen. Aber der fixe Finanzmann fand einen Dreh, mit dem er dieses Verbot umgeht. Er verspricht jedem Coupon-Kunden die Auszahlung von 3000 Kronen (180 Mark), sobald die neue Privatisierungsaktion abgeschlossen ist.
Schon seit Monaten läßt Kozeny zudem bekannte Sportler, Musiker oder andere Prominente für seine Fonds werben. "Ich vertraue Harvard", versichern die für insgesamt mehrere hundert Millionen Kronen angeheuerten Sport-Cracks oder Pop-Stars in Fernsehspots oder Zeitungsanzeigen.
Kozenys Geschäfte würden womöglich nicht mehr so glänzend laufen, hätte er nicht inzwischen auch die Rückendeckung wichtiger Politiker. Überraschend sprang ihm kürzlich sogar Ministerpräsident Vaclav Klaus in einer Schmuddelaffäre bei.
Ein früherer Agent des Geheimdienstes hatte ausgeplaudert, Kozeny habe ihm Dossiers über das Sexleben hochgestellter tschechischer Politiker und vertrauliche Unterlagen über tschechische Staatsbetriebe abgekauft. Der Geheimdienstler wurde daraufhin wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen und wegen Amtsmißbrauchs angeklagt.
Kozeny selbst beteuert, daß er von dem Geheimdienstler erpreßt worden sei. Der habe so getan, als besitze er kompromittierende Unterlagen über Kozenys Firma.
Aus Angst, Opfer einer Rufmordkampagne zu werden, so Kozeny weiter, habe er dieses Material angekauft. "Die Informationen hatten den gleichen Wert wie die Erzählungen des Barons Münchhausen", sagt er, "ich habe die Papiere die Toilette hinuntergespült."
Noch vor Prozeßbeginn bezeichnete Klaus die Anschuldigungen des Agenten gegen Kozeny als "absurd". Dahinter verberge sich eine "ideologische Attacke" von Gegnern der Coupon-Privatisierung.
Die meisten Prager Finanzprofis urteilen vorsichtiger über Fonds-Tycoon Kozeny als Regierungschef Klaus. "Man wird abwarten müssen", meint Unternehmensberater Lobkowicz, "ob er ein Genie oder Gangster ist." Y
* Mit Coupon-Heften.

DER SPIEGEL 4/1994
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