17.02.1992

„Alle Tassen im Schrank“

Die European Consulting Corporation AG (ECC) ist in Monrovia, der Hauptstadt des afrikanischen Staates Liberia, registriert. Der Chef sitzt in einem kleinen Büro in Mannheim; der Firmenname steht auf einem Pappschild an der Tür. Der Chef nennt sich "President": Rudolf Deichner, 54, Amtsgerichtsdirektor im Ruhestand.
Der Richter a. D. ist hierzulande wohlbekannt. Deichner sieht sich als allerletzte Instanz für hoffnungslose juristische Fälle und verkorkste Verfahren. Seine liebsten Gegner sind Banken, Konzerne und Prominente: Den Bundespräsidenten hat er schon verklagt, den Kanzler ebenfalls. Gern überschüttet er leitende Manager mit leidenschaftlichen Klageschriften. Es läßt ihn kalt, wenn er als Spinner verhöhnt wird. Er hat sich von einem Psychiater bescheinigen lassen, "daß ich in jeder Hinsicht alle Tassen im Schrank habe".
Fast drei Jahrzehnte lang hatte Deichner schon Recht gesprochen, bis ihm selbst, wie er glaubt, 1987 schreiendes Unrecht geschah. Er hatte mit erspartem und geborgtem Geld 45 000 Aktien der Werft Bremer Vulkan gekauft, weil er Gerüchten glaubte, denen zufolge ein neuer Großaktionär, womöglich Daimler-Benz, bei der Vulkan einsteigen würde. Doch der Vulkan-Kurs stürzte lotrecht, angeblich verlor Deichner "über zehn Millionen Mark".
Der gebeutelte Spekulant argwöhnte "kursdrückende Manipulationen" und verklagte Vorstand, Aufsichtsrat sowie die Bremer Landesregierung. Zugleich häuften sich "merkwürdige Dinge", erinnert sich Deichner. Ein Bruder des damaligen Daimler-Benz-Chefs Werner Breitschwerdt habe ihn nächtens heimgesucht, "als Cowboy verkleidet".
Auf seinen Fahrten zum Gericht hätten ihn Wagen "mit den Kennzeichen 111, dann 222, 333 und so fort" überholt, auf dem Rückweg in umgekehrter Reihenfolge. Die Kripo wollte das nicht glauben.
Entnervt entschloß sich der Beamte mit 75 Prozent seiner Dienstbezüge "zum Gang durch die Wüste": Er ließ sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. "Dem Antrag wurde", versichert er, 1988 "gern entsprochen".
Als Deichner von dem prominenten Häftling im co-op-Verfahren hörte, beschloß er spontan, sich "um Herrn Otto zu kümmern". Er will helfen, das angebliche Bankenkomplott gegen die co op aufzudecken. "Wir werden Otto im Prozeß begleiten", sagt der ECC-Präsident. Eine ernste Drohung.

DER SPIEGEL 8/1992
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