25.04.1994

Bundespräsident„Großer Stolz“

Der vorige Mittwoch begann für Walther Leisler Kiep mit einer "großen Überraschung". In der Foxhall Road 2500, der Residenz des deutschen Botschafters in Washington, wo der Amerikareisende Quartier genommen hatte, erreichte ihn ein Anruf.
Der Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen, Leo Wieland, war am Apparat und begehrte zu wissen, ob Kiep denn wirklich der nächste Bundespräsident werden wolle. Da erst habe er erfahren, begeisterte sich Kiep, "daß mein Name im Zusammenhang mit der Bundespräsidenten-Wahl gefallen ist".
Zuletzt war sein Name prominent im Zusammenhang mit der Parteispendenaffäre gefallen; da war Kiep noch Schatzmeister der CDU.
Der Urheber der seltsamen Idee, Kiep nun in den Stand eines Kandidaten für die Weizsäcker Nachfolge zu erheben, ist leicht auszumachen. Die Publikation blieb dem News Service der New York Times vorbehalten. Als Kronzeuge diente jemand, der sich im Scheitern bei dieser Kandidatur auskennt: Steffen Heitmann, der sächsische Justizminister.
Er schätze Kiep als eine "herausragende Persönlichkeit", durfte der ehemalige Bewerber amerikanischen Journalisten in den Block diktieren. Dieser Ansicht ist ganz gewiß auch der nunmehr promovierte Kiep selber, und zwar schon geraume Zeit. Schon im Februar hatte er die freundliche Würdigung seiner Person auf dem Hamburger Parteitag der CDU durch andere Vertraute verbreiten lassen, leider vergeblich.
"Großer Stolz" überkomme ihn, gestand Kiep einigen geladenen Journalisten beim Frühstück im Embassy House; in seinem Leben habe es ja schon viele Tiefs und Hochs gegeben.
Gern antwortete er, der als Vorsitzender der deutsch-amerikanischen "Atlantik-Brücke" zu Vorträgen in Übersee weilte und sich passend zur eigentlichen Ambition als "Sonderbotschafter von Bundeskanzler Helmut Kohl" betitelte, auf neugierige Fragen, wo er denn Schwerpunkte als Bundespräsident setzen werde. Da war es, als wäre er schon, was er gewiß nie wird.
Denn zu Hause im fernen Deutschland löste Kieps Kunde beileibe keinen Feuersturm der Erleichterung aus, daß da endlich ein weiterer Kandidat jenseits von Roman Herzog und Johannes Rau gefunden ist.
Die FDP, die ihn ja wählen müßte, dementierte mit hinreichender Deutlichkeit sehr gesetzt und sehr ernsthaft durch ihren Fraktionsvorsitzenden Hermann Otto Solms: "Abenteuerlicher Gedanke." SPD-Bundesgeschäftsführer Günter Verheugen, der bekanntlich alles für möglich hält in der Politik, adelte die Posse als "Latrinenparole". Das Kanzleramt wußte wie üblich von nichts.
Da blieb es wiederum des Kanzlers Sprachrohr, der Frankfurter Allgemeinen, überlassen, die Dinge autoritativ zurechtzurücken. Der sich selbst hochlobende Kandidat könne "höchstens mit zehn Prozent CDU-Stimmen und null CSU-Stimmen" rechnen, schrieb das Blatt, das ehedem den Kandidaten Heitmann wohlwollend bedacht hatte. Und Helmut Kohl werde sich die Kiep-Bewerbung keineswegs zu eigen machen, denn er habe nicht die Absicht, "unter dem Spott seiner Partei als CDU-Vorsitzender zurückzutreten".

DER SPIEGEL 17/1994
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