25.07.1994

SPIEGEL-Gespräch„Alle vermissen mich“

SPIEGEL: Frau Krabbe, wie schnell laufen Sie denn jetzt die 100 Meter?
Krabbe: Meine WM-Strecke trainiere ich gar nicht. Ich drehe einfach Runden im Stadion hinter meiner Wohnung; manchmal laufe ich auch nur durch den Wald.
SPIEGEL: Wann haben Sie denn das letztemal trainiert?
Krabbe: Vor ein paar Tagen.
SPIEGEL: Mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie früher?
Krabbe: Natürlich nicht - früher war das Training auf eine bestimmte Meisterschaft ausgerichtet. Jetzt bin ich bis August 1995 gesperrt. Deshalb trainiere ich locker, meist für mich allein. Einmal in der Woche trifft sich unsere alte Gruppe - Grit Breuer, Manuela Derr, unser Trainer Thomas Springstein und ich - zum Fußballspielen.
SPIEGEL: Das hört sich nicht nach einem großen Comeback an. Können Sie jemals wieder an Ihre alten Leistungen anknüpfen?
Krabbe: Ich glaube nicht, daß ich den Höhepunkt meiner Karriere bereits hinter mir habe. Mein Fernziel sind die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta. Körperlich in Hochform zu kommen ist nicht das Problem. Die Frage ist, ob ich das Comeback mental packe.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Krabbe: Wenn eine Katrin Krabbe wieder auf der Bahn steht, werden Fernsehen und Presse in Hundertschaften anrücken. Der große Name ist wieder da, dahinter steht eine Leistung - und die wird wieder erwartet. Davor habe ich große Angst.
SPIEGEL: Das Publikum pflegt Dopingsünder mit Pfiffen zu empfangen.
Krabbe: Nur wenige werden pfeifen, die Mehrzahl wird sich freuen, daß ich zurück bin. Früher hatte ich öfter als heute das Gefühl, daß die Leute abwehrend reagierten und dachten: Die Krabbe kriegt die fette Kohle, und dabei schuften wir doch genauso. Heute sind die Menschen traurig und wünschen mir, daß ich bald wieder laufe. Sie bringen mir Blumen in das Sportgeschäft, das ich in Neubrandenburg führe. Sie sehen im Fernsehen Leichtathletik, und ihnen fehlt etwas - Katrin Krabbe.
SPIEGEL: Da zimmern Sie sich doch wieder ein Weltbild nach Wunsch. Die Wahrheit ist: Ihr Klub, der SC Neubrandenburg, stand vor dem Ruin, die Leute bleiben aus Verärgerung über die uneinsichtige Dopingsünderin Krabbe weg, und Ihre ehemaligen Teamkollegen sind sauer.
Krabbe: Was wäre denn mit dem Klub passiert, wenn unsere Sprintgruppe zu einem Verein in den alten Ländern gegangen wäre? Angebote gab es genug. Hinter dem Namen Krabbe konnte man sehr viel verstecken: Probleme im Verein, in der deutschen Leichtathletik, beim Zusammenwachsen von Ost und West. Jetzt scheint es offenbar opportun, einen Sündenbock zu haben - aber das bespreche ich mit meinem Verein im persönlichen Gespräch selbst.
SPIEGEL: Leichtathletikexperten behaupten, daß Ihre Comeback-Ambitionen nur ein PR-Gag seien, um Ihren Marktwert zu stabilisieren. _(* Klaus Brinkbäumer, Udo Ludwig am ) _(Münchner Flughafen. )
Krabbe: Wer weiß, was ich bei den ganzen Dopingprozessen mitgemacht habe und daß ich gerade eine Fehlgeburt hinter mir habe, kann leicht den Glauben an mein Comeback verlieren.
SPIEGEL: Die Überlegungen setzen eher am anderen Ende an: Niemand glaubt, daß Sie ohne Doping schneller als 11,3 Sekunden laufen können.
Krabbe: Ich kann''s. Aber der Beweis wird mir schwerfallen. Laufe ich schnell, werden einige fragen: Was nimmt sie nun wieder? Laufe ich langsam, wird es heißen: Ohne Doping schafft sie''s nicht.
SPIEGEL: Die Leistung kann Ihnen doch egal sein. Wie einst Ben Johnson steht Ihnen das große Geld auch so ins Haus.
Krabbe: Nicht für alles Geld der Welt werde ich mich mit läppischen 11,3 Sekunden von Sportfest zu Sportfest reichen lassen. Schon ein zweiter Platz bei der Deutschen Meisterschaft wäre mir zuwenig.
SPIEGEL: Da würden Sie lieber wieder zu ein paar Mittelchen greifen?
Krabbe: Die Dinge, die als verbotene Substanzen auf der Liste stehen, sind für mich Doping. Was nicht auf der Liste steht, kann ich einnehmen.
SPIEGEL: Ganz ohne Medikamente läuft eine Katrin Krabbe nicht?
Krabbe: Spitzensport ist ohne Medikamente nicht möglich. Wenn wir beispielsweise viel Sprinttraining gemacht haben, habe ich immer eine Knochenhautreizung bekommen. Deshalb habe ich schon vor dem Training eine _(* Manuela Derr, Katrin Krabbe und Grit ) _(Breuer nach der Entscheidung des ) _(DLV-Rechtsausschusses am 31. März 1993. ) Schmerztablette genommen. Nach dem Training in großer Hitze nehme ich zwei, drei Magnesiumtabletten, damit ich, wenn ich nachher in der Badewanne sitze, keine Krämpfe bekomme.
SPIEGEL: Sie verniedlichen eines der brisantesten Probleme des Sports. Das Leichtathletikpublikum fühlt sich durch die ewigen Dopinglügen von der Leichtathletik bereits abgestoßen.
Krabbe: Vielen Leuten ist egal, ob gedopt wird oder nicht - sie wollen gute Leistungen sehen. Stellen Sie sich vor: In einem Stadion laufen die Gedopten und im anderen die Ungedopten. Was glauben Sie, wo mehr Zuschauer sein werden?
SPIEGEL: Sie fordern die Freigabe aller Mittel?
Krabbe: Da verstehen Sie mich absolut verkehrt. Ich plädiere nicht für eine Freigabe. Aber die Tatsache, daß die Athleten verschiedener Länder unterschiedlich oft getestet werden, ist ungerecht. Die Verbände tun nichts, um einheitliche Regeln zu schaffen: Wir sind wegen der Einnahme von Clenbuterol gesperrt, während bei den Olympischen Spielen 1992 in Albertville solche Präparate benutzt wurden. Der moderne Sport ist nicht fair.
SPIEGEL: Noch ungerechter wäre es, wenn fehlende Kontrollen alle Sportler zum Mitdopen zwingen würden.
Krabbe: Ohne Kontrollen geht es nicht, davon bin ich auch überzeugt. Manche sind so ehrgeizig, daß sie alles ohne Sinn und Verstand reinschmeißen. Ohne Kontrollen lägen Tote auf der Laufbahn, und das ist auch nicht Zweck der Sache. Ich fürchte, es gibt keine Lösung.
SPIEGEL: In der Grauzone tasten sich die Athleten so weit wie möglich vor. Auch Sie haben Präparate eingenommen, um Ihre Leistung zu steigern.
Krabbe: Wenn man total groggy ist und eigentlich Regeneration braucht, dann nimmt man eben Dinge, die einem das ein bißchen erleichtern. Ich habe das nicht als schlimm angesehen.
SPIEGEL: Mit dieser Einstellung ist es einem auch egal, daß Clenbuterol ein Kälbermastmittel ist?
Krabbe: Wir haben damals in Zinnowitz ein Aufbautraining mit sehr vielen langen Läufen gemacht; und dann haben wir etwas Neues ausprobiert: Läufe im Sand, ein echtes Schweineprogramm. Da hat Springi . . .
SPIEGEL: . . . Ihr Trainer Springstein . . .
Krabbe: . . . gesagt: Ich gebe euch dieses Mittel, damit ihr viel Sauerstoff in die Lungen bekommt und besser atmen könnt. Mit diesem Asthmapräparat sei das Training leichter und angenehmer. Er hat ausdrücklich gesagt, das Mittel stünde nicht auf der Dopingliste. Daß in den Tabletten ein Wirkstoff war, der ein paar Jahre zuvor im westfälischen Kälbermastskandal eine Rolle gespielt hatte, konnten wir aus dem Osten nicht wissen.
SPIEGEL: Was läßt Sie glauben, daß Ihnen soviel Unbedarftheit immer noch abgenommen wird?
Krabbe: Wir haben das Zeug ja nicht einfach in uns reingeschaufelt. Wir haben nachgefragt und nie mehr Tabletten eingenommen, als auf dem Beipackzettel stand. Springstein hat betont, daß er sich beim Arzt informiert hat. Wir haben ihm vertraut.
SPIEGEL: Dann hat sich herausgestellt, daß Clenbuterol in den USA ein gängiges Dopingmittel war. Aber selbst das hat Ihr Vertrauen nicht zerstört.
Krabbe: Grit Breuer und ich haben am Anfang eine Stinkwut auf ihn gehabt. Wir haben in der Wohnung gesessen und total geheult. Wir dachten: Jetzt ist alles zu Ende. Weil es unser zweiter Dopingfall war, hatte ich Angst vor der Reaktion der Leute. Das Verhältnis zu Springstein hat sich mit der Zeit normalisiert, denn wir haben eingesehen, daß wir auch zu gutgläubig waren.
SPIEGEL: Ein Trainerwechsel hätte Einsicht signalisiert.
Krabbe: Ich bin mit Springstein Welt- und Europameisterin geworden. Er war der ideale Trainer für mich. Ihn wegzustoßen, um meine Sperre zu verkürzen, kommt für mich aus menschlichen Gründen nicht in Frage. Sollte ich wieder ernsthaft trainieren, kann ich immer noch über einen Wechsel nachdenken.
SPIEGEL: Springstein gilt als Dopingfachmann, der auch noch einen Keil zwischen Ost und West getrieben hat, indem er behauptete, Sie als letztes Ostidol seien von Wessis absichtlich plattgemacht worden.
Krabbe: Diesen Eindruck mußten wir doch bekommen. Angeblich werden Dopingkontrollen ausgelost - aber wir waren jede Woche dran, während bei anderen Athleten ein halbes Jahr lang kein Kontrolleur auftauchte. Ich bin mir sicher, daß sich der Kölner Analytiker Manfred Donike heftig auf die Schulter geklopft hat, als er uns erwischte.
SPIEGEL: Ihre Rolle ist immer noch: Katrin Krabbe - die verfolgte Unschuld.
Krabbe: Donike war zu fanatisch, vom Jagdfieber besessen. Er ist doch Kontrolleur, Ankläger und Richter in einem. Vor dem Trainingslager in Zinnowitz sind wir fünfmal untersucht worden, und immer war alles in Ordnung. Und plötzlich, bei der sechsten Probe, stand das Präparat, das wir eingenommen haben, auf der Liste.
SPIEGEL: Deshalb wollen Sie jetzt den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) auf Schadensersatz verklagen?
Krabbe: Wir werden die Klage in den nächsten zehn Tagen beim Landgericht München einreichen. Wir müssen nur noch die Höhe entgangener Startgagen und Werbeverträge berechnen, um unseren Anspruch geltend zu machen. Primär geht es uns um unser Startrecht. Um das zu bekommen, betreten wir juristisches Neuland, weil wir gleichzeitig den Weltverband und den DLV verklagen werden.
SPIEGEL: Die Erfolgsaussichten sind dürftig, die Prozesse werden endlos dauern. Warum warten Sie nicht einfach das Ende Ihrer Sperre ab?
Krabbe: Es kann doch nicht sein, daß wir zunächst vom DLV für ein Jahr und später ohne Verhandlung vom internationalen Verband für das gleiche Vergehen noch einmal zwei Jahre gesperrt werden. Wir wollen unser sofortiges Startrecht, damit wir selbst entscheiden können, ob wir schon morgen wieder laufen werden.
SPIEGEL: Wenn es je dazu kommen sollte - gibt es dann einen neuen Kult um Ihre Person? Glauben Sie wirklich an eine triumphale Rückkehr der "Grace Kelly der Tartanbahn", wie Sie zu Glanzzeiten verherrlicht wurden?
Krabbe: Ich habe mich daran gewöhnt, nicht nur als Spitzensportlerin gesehen zu werden, sondern längst als Person des öffentlichen Lebens. Dieser Rummel ist bescheuert und übertrieben. Anfangs habe ich es genossen. Doch inzwischen habe ich gemerkt, daß ich Glanz und Glamour nicht brauche.
SPIEGEL: Viele Sportstars werden irgendwann abhängig vom Ruhm und glauben selbst an ihre Einzigartigkeit.
Krabbe: Ich bin doch keine Göttin. Ich suche den Kontakt zur Basis. Wenn ich eingeladen werde, fahre ich gerne nach Paderborn zur Landesgartenschau oder auch zur Eröffnung eines Fitneßstudios nach Chemnitz.
SPIEGEL: Für eine Frau, die früher für die Weltfirma Nike geworben hat, ist das ein gewaltiger Abstieg.
Krabbe: Daß meine großen Sponsoren wegen der Dopingvorwürfe abgesprungen sind, habe ich verstanden - ohne Leistung gibt''s kein Geld. Acht-, neunmal im Jahr trete ich bei kleineren Veranstaltungen auf. Das macht mir sogar mehr Spaß als große Galas.
SPIEGEL: Immerhin galten Sie einmal als erstes gesamtdeutsches Idol.
Krabbe: Die Deutschen suchen immer jemanden, den sie in den Himmel loben können. Ich war nun einmal etwas ganz Besonderes, ein unverbrauchter Mensch aus der DDR, der sich in der westlichen Welt mit den Medien überhaupt nicht auskannte.
SPIEGEL: Diese Unbedarftheit hat doch nicht dazu geführt, daß Sie zweimal des Dopings bezichtigt wurden.
Krabbe: Das nicht gerade. Aber daß den Deutschen Erfolgreiche immer verdächtig sind, hat mir gerade erst Showmaster Blacky Fuchsberger bestätigt. Wenn ich Amerikanerin wäre, wäre ich nie gesperrt und 1992 möglicherweise Olympiasiegerin geworden - was mir hier passiert ist, wäre mir in keinem anderen Land passiert. Ich mache mir jetzt schon Sorgen um Franziska van Almsick. Was bei mir mit 20 Jahren losging, fing bei ihr schon mit 14 an.
SPIEGEL: Bisher scheint sie erstaunlich gut mit dem Rummel fertig zu werden.
Krabbe: Sie hat doch keine Wahl. Niemand kann sich vorstellen, wie das ist, wenn ich lesen muß, daß mir jemand an die Brust gefaßt hat, weil die angeblich knabenhaft sei. Die Medien haben doch mit Menschen und nicht mit irgendeiner Sache zu tun. Da ist jemand, der fühlt, der denkt und der auch Schmerzen hat. Was Zeitungen mit mir gemacht haben, war menschenunwürdig.
SPIEGEL: Nur Sie selbst haben keine Fehler gemacht?
Krabbe: Ich habe einen Riesenfehler gemacht, als ich die Mittel ohne Rezept einnahm. Doch das ist für mich alles Vergangenheit. Wichtiger ist für mich das Gefühl, daß ich jetzt viel intensiver lebe und einfache Dinge achte.
SPIEGEL: Das klingt, als hätten Sie mit dem Sport abgeschlossen.
Krabbe: Was im Moment in den Stadien passiert, interessiert mich nicht mehr so stark. Wer in zwei Wochen meine Nachfolgerin als Europameisterin wird, ist mir eigentlich egal.
SPIEGEL: Frau Krabbe, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y
"Was nicht auf der Liste steht, kann ich einnehmen"
"Wichtig ist, daß ich jetzt viel intensiver lebe"
* Klaus Brinkbäumer, Udo Ludwig am Münchner Flughafen. * Manuela Derr, Katrin Krabbe und Grit Breuer nach der Entscheidung des DLV-Rechtsausschusses am 31. März 1993.
Von K. Brinkbäumer und U. Ludwig

DER SPIEGEL 30/1994
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