25.07.1994

AutobiographienBayreuth von hinten

Bayreuth dräut, zum 83. Male, und wieder sind die Plätze im erfolgreichsten Theaterbetrieb aller Zeiten zu knapp.
Natürlich hat dieses traditionsreiche Familienunternehmen - die Festspiele wurden bis heute nur von Wagners und deren Frauen geleitet - auch eine Schattenseite. Sie wurde 1944 von der Enkelin Friedelind Wagner in New York aufgeschrieben und dieses Jahr neu aufgelegt*. Friedelind war keine ganz unproblematische Person. Mir schien sie oft genug mittelpunktsüchtig, geradezu geschwätzig zu sein.
Bis heute gilt Friedelind, die 73jährig in Herdecke starb, als das schwarze Schaf der Familie. Ich erinnere mich noch an eine Begegnung mit dieser Wagner-Enkelin. Ich hatte für eine Festspiel-Aufführung keine Karten und sollte daher in der Familienloge Platz nehmen. "Los, komm mit rein", sagte ich zu Friedelind. "Das darf ich nicht", entgegnete sie zu meiner Überraschung. "Das Betreten dieser Weihestätte ist mir verboten." Auch Haus "Wahnfried" durfte sie nicht betreten.
Sie war das zweite Kind und die erste Tochter von Siegfried und Winifred Wagner. Den Vater vergötterte sie ins fast Olympische, von der Mutter fühlte sie sich verfolgt. Winifred war in England geboren. Nachdem ihre Eltern gestorben waren, wurde sie von dem deutschnationalen Ehepaar Klindworth adoptiert. 18 Jahre alt, heiratete sie den Sohn Richard Wagners, den damals 46jährigen Siegfried. Das Paar bekam vier Kinder, dann zog Siegfried sich in sein früheres Junggesellenleben zurück. Friedelind erwähnt es in ihren Aufzeichnungen _(* Friedelind Wagner: "Nacht über ) _(Bayreuth". Dittrich Verlag, Köln; 368 ) _(Seiten; 42,80 Mark. ) nicht ausdrücklich, aber er war schwul.
Der von ihr mehr als geliebte Vater Siegfried scheint Hitler zwiespältig vertraut zu haben. Er schrieb an seine Freundin Rosa Eidam: "Sollte die deutsche Sache wirklich erliegen, dann glaube ich an Jehova, den Gott der Rache und des Hasses." Und: "Meine Frau kämpft wie eine Löwin für Hitler! Großartig."
Als Siegfried 1930 starb, übernahm Winifred die Leitung der Festspiele. Die stattliche Frau in der Blüte ihrer Jahre brauchte nun dreierlei: einen Liebhaber, einen Intendanten und Geld. War Siegfried Wagner kein Judenhasser gewesen, so fühlte sie sich als Führerbraut.
Winifred habe die Achse Berlin-Bayreuth dynastisch festigen wollen, sagte Hitlers Halbschwester Angela Raubal einmal. Hitler, von der Familie liebevoll "Onkel Wolf" tituliert, hielt nichts von einer solchen Dynastie, ihn konnte man nicht heiraten. "Mei Mudder mecht scho, aber der Onkel Wolf mecht halt net", kommentierte Schulmädchen Friedelind. Zum Reichskanzler aufgestiegen, spendierte Hitler allein im Jahr 1933 dem Wagner-Unternehmen 364 000 Mark. Er besorgte auch den künstlerischen Leiter Heinz Tietjen, den von Göring protegierten Generalintendanten der Preußischen Staatstheater. Tietjen wurde Winifreds Liebhaber.
In diesem Dreieck bewegte sich von nun an Friedelind, allgemein "Mausi" geheißen. Winifred und Tietjen hatten eine gemeinsame Sorge, nämlich die, der Führer und Reichskanzler könnte sich in die Belange Bayreuths einmischen. Schließlich hatte er schon das Nürnberger Opernhaus umbauen lassen.
Jener Architekt, der auf Hitlers Wunsch die Nürnberger Oper umgebaut hatte, Paul Schultze-Naumburg, fiel beim Führer zeitweise in Ungnade, angeblich irgendwelcher Intrigen halber. Er blieb aber begeisterter Nazi und schrieb ein Buch, in dem ein Kapitel den "nordischen Brüsten" gewidmet war. Tenor: In Deutschland wird eine Frau, deren Brustwarzen nicht das wahre nordische Rosa aufweisen, keine Zukunft mehr haben. Die dazugestellten Fotografien arischer und nichtarischer Brüste waren sehr populär.
Als er nach Erscheinen dieses Buches mit seiner streng nordischen, vierten Ehefrau in Bayreuth zum Tee war, wurde er von Wieland und Wolfi (dem heutigen Festspielleiter Wolfgang) gnadenlos verulkt, indem die beiden zum Entzücken der anderen Gäste Satz auf Satz über die Brustwarzen zitierten.
Der Geist Hitlers schwebte in Friedelinds Kindertagen nicht nur über Bayreuth, auch über der Familie.
Als Mausis Schwester Verena, "Nickel" geheißen, vor Ablauf der Festspiele nach Dresden zur Schule sollte, will Friedelind Hitler selbst als Fürsprecher eingespannt haben. Von Mausi instruiert, soll Onkel Wolf sich vor Winifred aufgebaut und sie im Volksrednerton angeherrscht haben: "Ein für allemal möchte ich hiermit klarstellen, daß es für jedes Mitglied der Familie Wagner heilige Pflicht ist, während der Festspiele in Bayreuth zugegen zu sein. Es kommt also überhaupt nicht in Frage, daß Nickerl in die Schule zurückgeht."
Seiner gutturalen Sprechweise folgend, nannte er die Wagner-Tochter nur "Nickerl", nie Nickel. Mutter Winifred schluckte, schließlich sagte sie, "eine Terz über ihrem natürlichen Ton": "Natürlich, wenn Sie das so auffassen, gewiß." Nickel bekam ihre Ferien und Mausi ihre Schelte. Sie liebte es, den Sündenbock abzugeben.
Als Eduard VIII., späterer Herzog von Windsor, 1936 den englischen Thron bestieg, wollte Hitler ihm ernsthaft eine "Lohengrin"-Aufführung in Covent Garden zum Geschenk machen. Alle in Bayreuth rangen die Hände, nur Winifred machte sich ergeben an die ungeliebte Aufgabe. Es kam aber nicht zur Aufführung, weil der König wissen ließ, nichts langweile ihn mehr als Opern. So platzte das Projekt. Dem neuen englischen König Georg VI. wurde daraufhin kein "Lohengrin" mehr angedient.
Statt dessen kam der berühmte englische Dirigent Sir Thomas Beecham nach Bayreuth, und Friedelind mußte oder durfte ihn in den Aufführungspausen unterhalten. Sicherlich erwartete ihre Mutter von ihr, daß sie den Nazismus im rosigsten Licht aufscheinen ließe. Befohlen aber hat sie es ihr nicht. Sir Thomas hätte ohnehin nicht zugehört, er wußte, was er von Hitler zu halten hatte.
Friedelind war nun 18 Jahre alt und Tietjens Assistentin. Diese Phase scheint wohl ihre glücklichste Zeit in Bayreuth gewesen zu sein. Sie hielt Tietjen zunächst für einen ausgezeichneten Regisseur, auf Dauer aber konnte er den Vergleich mit Vater Siegfried nicht bestehen. Die Tochter stellte schließlich fest, daß Tietjen "vom Geiste der Werke" abweiche. Sie fühlte sich als Erbin ihres Vaters und suchte dessen Bedeutung als Komponist hochzuspielen.
Mutter und Tochter standen nach wie vor auf schlechtem Fuß, wobei nicht immer die Mutter die schlechtere Figur war. Nahm die Abneigung der Mutter gegen den Dirigenten Wilhelm Furtwängler zu - der in Bayreuth auf seine berühmten turnerischen Übungen verzichtet haben soll, weil er ja ohnehin vom Publikum nicht gesehen wurde -, gefiel er Friedelind immer mehr.
Friedelind gibt nicht vor, damals schon gegen die Nazis gewesen zu sein. Sie schönt ihre eigene Rolle aber doch, denn sie war im BDM und wie ihre Geschwister ein Günstling des Regimes. Von Hitlers Unrechtsregime will sie im idyllischen kleinen Bayreuth nichts gemerkt haben.
Man glaubt Friedelind aber, wenn sie beteuert, der Antisemitismus habe sich in Bayreuth erst spät und allmählich entfaltet. So fand Mutter Winifred nichts dabei, jüdische Geschäfte aufzusuchen und ihre jüdische Schneiderin zu behalten. Als Führerbraut hatte sie es nicht nötig, _(* Verena ("Nickel", l.), Friedelind ) _(("Mausi", r.) Wagner. ) den Parteigrößen zu schmeicheln. Onkel Wolf, das wußte sie, würde sie schon verstehen.
Eigentlich hätten im Jahre 1938 keine Festspiele stattfinden sollen. Doch waren die Steuern, laut Friedelind, so hoch, daß "Mutter die Ausgaben nur noch bestreiten konnte, wenn sie jedes Jahr Spiele veranstaltete". Der Gedanke, daß Winifreds Freundschaft mit Hitler die Verstaatlichung der Festspiele verhindert hatte, war der Tochter nicht fremd. Ihr Bruder Wolfgang hingegen findet es "seltsam und paradox", daß seine Mutter, "die als geborene Engländerin demokratisch dachte und in keiner Weise autoritätsgläubig war, einem Diktator aufsaß". Und: "Winifred Wagner und Adolf Hitler - das ist etwas von eigener Art."
Friedelind will damals schon erwogen haben, notfalls illegal die deutsche Grenze zu überschreiten, sei es in die Tschechoslowakei oder in die Schweiz. Als geborene Provokateurin hatte sie aus London eine Platte mit falschem Label mitgebracht, auf der die "Internationale" zu hören war. Winifred erzählte es Hitler, der aber war noch voller Eindrücke seines Besuches bei Mussolini in Italien und reagierte nicht darauf.
Hitler erschien in diesem Jahr wieder einmal zu den Festspielen. Wie immer ließ er an die Besucher kleine Karten verteilen, daß er sich Demonstrationen im Theater verbitte. Seine Loge betrat er erst, wenn die Lichter im Festspielhaus erloschen waren (wie Ludwig II.).
Wie abartig Hitler war, geht aus den nächtlichen Aufzeichnungen der "Tischgespräche" vom 28. Februar 1942 hervor, als er sich an einen Bayreuth-Besuch in den zwanziger Jahren erinnerte: "Daß dieser Jude Schorr den Wotan gesungen hat, das hat mich so geärgert! Für mich war das Rassenschande!" Er scheint seinen Hokuspokus wirklich geglaubt zu haben.
Sosehr Winifred damals flehen mochte - Hitler in den "Tischgesprächen": "Frau Wagner war ganz unglücklich, hat zwölfmal geschrieben, fünfundzwanzigmal telefoniert" -, Onkel Wolf ließ sich auf dem Grünen Hügel jahrelang nicht mehr blicken.
Winifred trug ihm nichts nach. Selbst 1975 sagte sie vor Syberbergs Kamera: "Wenn er zur Tür hereinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich, ihn zu sehen, als wie immer." Wieland Wagner reiste noch 1945 zu Hitler, um ihn von der Notwendigkeit einer Neuausgabe des Wagner-Werkes zu überzeugen.
Vergebens bemühte sich Winifred während des Krieges, ihre ungezogene Tochter Friedelind noch einmal nach Berlin zu schaffen, damit sie dort zusammen im Hotel Bristol gesehen würden. Friedelind fiel auf diese gefährliche Posse nicht herein, denn sie hatte sich inzwischen mit Toscanini angefreundet und war ihm nach Argentinien gefolgt. Von dort aus emigrierte sie in die USA. Erst 1953 kehrte sie nach Bayreuth zurück.
In ihrem Exil hatte sie gehofft, hundert Aufführungen des "Tristan" produzieren zu können. Kritischer Kommentar ihres Bruders Wolfgang, nachzulesen in der rechtzeitig zu den diesjährigen Festspielen erscheinenden Autobiographie des Bayreuther Hausvaters: "Wie so oft, früher und auch später noch, zeigte sich hierbei leider einmal wieder ihr Unvermögen, zwischen einer Utopie und den realen Möglichkeiten exakt zu unterscheiden."*
Wolfgang Wagner scheint auch sonst nicht viel von den Lebenserinnerungen seiner Schwester zu halten. "Sie irrt", sagt er wie Hans Sachs über Beckmesser, "wie dort, so hier. Seien es im Buch beschriebene Sachverhalte oder auch später zum Beispiel öffentlich über mich gemachte unflätige Äußerungen."
Wie mein Kollege Joachim Kaiser von der Süddeutschen Zeitung bin auch ich der Meinung, daß Wagners Werke aufgeführt werden können, ohne dessen Antisemitismus anklingen zu lassen. In Richard Wagners Schriften natürlich ist dieser nicht zu übersehen. "Es ist viel Hitler in Wagner", meinte 1991 beispielsweise der Journalist Bernhard Wördehoff.
Friedelind gab ihre Schwärmerei für den Vater nicht auf. Zur britischen Erstaufführung seiner Oper "Der Friedensengel" lud sie ihre Familie 1975 nach London ein. Fotos der glücklich wiedervereinten Mutter und Tochter gingen um die Welt.
Mit Wieland stand Friedelind sich besser als mit Wolfgang. Aber die beiden Brüder hatten sich auf dem Grünen Hügel in die Hand versprochen, dort niemals mehr eine Frau an die Werke ihres Großvaters heranzulassen. Daß es den beiden gelungen ist, "Neu-Bayreuth" zu schaffen, so erklärt es Wolfgang Wagner in seinen Aufzeichnungen, "beruhte auf der Einsicht der Notwendigkeit, die gesamte Wagnersche Hinterlassenschaft und Bayreuth keineswegs wie lästigen Ballast abzuschütteln, sondern im weitesten und gründlichsten Sinne zu bewältigen". Und: "Wir sind nicht gescheitert, wir hatten Erfolg." Y _(* Wolfgang Wagner: "Lebens-Akte". ) _(Albrecht Knaus Verlag, München; 512 ) _(Seiten; 58 Mark. )
Winifred Wagner, Hitler: "Das ist etwas von eigener Art"
Familie Siegfried Wagner
ULLSTEIN
Wagner-Enkelinnen, "Onkel Wolf" in "Wahnfried"*
SÜDD. VERLAG
Wagner-Nachfahren: "Glücklich, ihn zu sehen"
* Friedelind Wagner: "Nacht über Bayreuth". Dittrich Verlag, Köln; 368 Seiten; 42,80 Mark. * Verena ("Nickel", l.), Friedelind ("Mausi", r.) Wagner. * Wolfgang Wagner: "Lebens-Akte". Albrecht Knaus Verlag, München; 512 Seiten; 58 Mark.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 30/1994
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