01.08.1994

OzonUmdenken unter Tränen

Kopfweh, Atembeschwerden, Augenreizungen - die Folgen hoher Ozonbelastung haben bei den Deutschen die Bereitschaft erhöht, aus Umweltgründen Tempolimits zu akzeptieren. Ausgerechnet Umweltminister Töpfer hat die Lernfähigkeit der Bürger unterschätzt.
Von seinen Medienberatern hat Klaus Töpfer, 56, Bundesminister für Umwelt und Reaktorsicherheit, eines gelernt: Auf Pressekonferenzen solle er locker, in kurzen Sätzen parlieren und Blickkontakt mit den Journalisten suchen. Wenn er aber zum Kern seiner Botschaft gelange, müsse er den Blick direkt in die Fernsehkameras richten.
An diese Regieanweisung hielt sich der Unionschrist auch Mittwoch voriger Woche. Die Verminderung des Reizgases Ozon, erläuterte er mit Rundumblick vor der Bundespressekonferenz, sei eine vordringliche Aufgabe. Aber der Ozonalarm und die Tempolimits im rot-grün regierten Hessen, tags zuvor erstmals angeordnet, seien - die Ministeraugen suchten die Kameras - "reine Symbolpolitik".
Medientechnisch war der Auftritt in Ordnung, politisch hingegen lag der Minister voll neben dem Trend. Sein Urteil, Hessens Ozonalarm sei "nur ein Kurieren am Symptom" und beseitige keine der Ursachen, kam im Volk nicht mehr an.
"Die in Bonn", sagte ein hessischer Autobahnpolizist unter dem Eindruck vieler Gespräche mit einsichtigen Autofahrern, "reden Unsinn." Töpfer war nicht der einzige, der die Einsichtsfähigkeit der Bevölkerung unterschätzt hatte.
Auch der Sozialdemokrat Klaus Matthiesen, 53, Umweltminister in Nordrhein-Westfalen, bewertete den hessischen Ozonalarm abfällig als "Schnellschuß"; die Hessen-CDU sah gar nur einen "mißglückten PR-Gag".
Die meisten Kritiker glaubten nicht, daß sich die deutschen Schnellfahrer an die Tempolimits von 90 Sachen auf Autobahnen und 80 auf Bundesstraßen halten würden. Schließlich drohten Rasern in Hessen ja keine Sanktionen - der einschlägige Strafkatalog ist Bundessache und wird erst auf den Weg gebracht.
Die Kritiker mußten ihr vorschnelles Urteil allerdings rasch bedauern: Die Bürger reagierten gänzlich anders als erwartet. Auch ohne Strafandrohung nahmen die meisten den Bleifuß vom Gaspedal.
Anfangs waren es 80 Prozent, gegen Ende der Woche, kurz vor der Aufhebung des Tempolimits am Freitag nachmittag, sogar an die 90 Prozent aller Autofahrer, die sich an die empfohlenen Geschwindigkeiten hielten. Dabei hatten die Behörden in ganz Hessen an Autobahnbrücken gerade mal 35 Spruchbänder montiert, die auf die Tempolimits hinwiesen. Selbst Urlauber gingen vom Gas, als Radiosender begannen, den Ozonalarm auch auf Englisch und Holländisch zu verbreiten.
Die Bereitschaft zum Umdenken, die viele Politiker so nachhaltig verkannt hatten, war abzusehen gewesen. In jenen Regionen Süd- und Ostdeutschlands, die schon seit vielen Wochen unter einer Hitzewolke mit Tropentagen von ständig mehr als 30 Grad Celsius leiden, hatte das ätzende Reizgas längst den Alltag und die Stimmung in der Bevölkerung verändert.
Spielende Kinder waren an den Hundstagen nachmittags kaum noch auf den Straßen, selbst die schattigen Parks blieben weitgehend verwaist. Statt dessen quollen die Wartezimmer der Arztpraxen über. Immer häufiger, so ein hessischer Allgemeinarzt, kämen Patienten "mit Kopfschmerzen, tränenden Augen und Atembeschwerden" und fragten, "ob das vom Ozon kommt".
Die Sorgen sind begründet. Bei Kindern, die sich eine Stunde im Freien aufhalten, so ergaben deutsche Tests, wird schon bei Belastungen von 100 bis 150 Mikrogramm Ozon je Kubikmeter Luft die Lungenfunktion beeinträchtigt. Alte Menschen und Asthmatiker sind bereits bei Konzentrationen gefährdet, die noch weit unter den hessischen Alarmwerten liegen.
"Ich habe etwas dagegen", empört sich Niedersachsens Umweltministerin Monika Griefahn (SPD), selbst Mutter, "daß Kinder in die Garage gesperrt werden, während die Autos draußen spielen dürfen. Appelle und Warnungen reichen nicht mehr."
Das "Bürgertelefon Ozon", in vielen süddeutschen Gemeinden installiert und in Hessen landesweit eingerichtet, ist seit Wochen ständig besetzt. Eine ARD-Sondersendung zum Thema Sommersmog fand mehr Zuschauer als Fernsehkrimis. Das meistgesehene Programm im Hessischen Fernsehen machten allerdings nicht Redakteure, sondern Ingenieure vom Meßdienst der Landesanstalt für Umwelt: Auf Tafel 167 im Videotext erschienen stündlich die aktuellen Daten aller 33 Ozonmeßstationen im Lande. Eine Seite weiter folgten Verhaltenstips: keine "anstrengenden Tätigkeiten im Freien", "kein Ausdauersport".
Selten zuvor waren die Deutschen über eine Umweltgefahr so gut informiert wie über das Reizgas Ozon, das Schleimhäute und Lungenbläschen angreift und dessen unsichtbare Schwaden sich unter starker Sonneneinstrahlung überwiegend aus Autoabgasen nähren (siehe Schaubild).
Weil die Sonnenstrahlung wegen der Luftverschmutzung über Großstädten weniger intensiv als auf dem Lande ist, beginnt der fotochemische Prozeß zur Bildung von Ozon oft erst richtig, wenn der Wind die Abgaswolken aus den Städten herausgeweht hat. So entstehen die höchsten Ozonkonzentrationen meistens an Stadträndern und in der vermeintlich guten Luft, etwa im Spessart oder in der Nähe der nordhessischen Meßstation Witzenhausen-Wald, wo schon fast 400 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft gemessen wurden. Derlei Werte kannten Wissenschaftler jahrzehntelang nur aus dem autoreichen Los Angeles.
Daß der überbordende Autoverkehr die Hauptursache der seit Jahren steigenden Ozonbelastung ist, leugnet auch Umweltminister Töpfer nicht. Der CDU-Politiker streitet mit Hessens grünem Umweltminister Joschka Fischer und Niedersachsens SPD-Regierung, die für nächstes Jahr eine deutlich schärfere Smog-Verordnung auch mit Fahrverboten einführen will, jedoch über den richtigen Weg zur Ozonverminderung.
Großflächige Tempolimits hält Töpfer, im Gleichklang mit der Automobilindustrie, für weitgehend wirkungslos. Solche Schritte verminderten, wie ein Versuch in der Schweiz gezeigt habe, die Gasbelastung "um höchstens zwei Prozent". Der Umweltminister verschwieg allerdings, daß der "Groß"-Versuch in der Schweiz, bei geringfügigen Tempoverminderungen, nur Teilstücke von Autobahnen und Landstraßen betraf.
Töpfer setzt darauf, europaweit den Anteil des giftigen Benzols im Benzin von 2,5 auf ein Prozent herabzusetzen. Damit werde die Ozonbildung - was Wissenschaftler bestätigen - um 30 bis 40 Prozent reduziert.
Wenn Europa nicht mitmacht, will Töpfer das weniger giftige Benzin später im deutschen Alleingang einführen - Ergebnisse könnte der Ankündigungsminister also frühestens in einigen Jahren vorweisen. "Daß seit fünf Jahren eine wirksame Sommersmog-Verordnung verschleppt wird", klagt die Umweltschutzorganisation Greenpeace, "grenzt an vorsätzliche Körperverletzung."
Töpfers Benzin-Plan, urteilt Hessens sozialdemokratischer Ministerpräsident Hans Eichel, sei "eine gute Sache, das begrüße ich". Nur, fragt Eichel, "was machen wir bis dahin?" Es gehe darum, "jetzt" die Gesundheitsgefahren "für Kinder und alte Menschen" herabzusetzen, deshalb "auch jetzt" die Tempolimits.
Die Hessen fanden vergangene Woche vielerorts Nachahmer. Wegen hoher Ozonbelastung verhängte das rotgrün regierte Sachsen-Anhalt auf einem Teilstück der Autobahn Berlin-Hannover Tempo 80. Etliche Großstädte Nordrhein-Westfalens wollten sich anschließen, scheiterten allerdings an ihrem Umweltminister Matthiesen. Der Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes schlug vor, das sogenannte Athener Modell zu importieren: "Heute fahren nur die Autos mit geraden Autonummern, morgen die mit ungeraden."
Bremens grüner Umweltsenator Ralf Fücks will mit Niedersachsen die erste länderübergreifende Ozonverordnung zimmern. Der Stuttgarter Umweltminister Harald Schäfer (SPD) bereitet städtische Fahrverbote an Tagen mit hohen Ozonkonzentrationen vor. "Warten auf Töpfer", applaudiert der Bund für Umwelt und Naturschutz, "ist vergeblich."
In Hessen sanken gegen Ende letzter Woche die Ozonwerte im Schnitt um 20 Prozent, während sie in Nachbarländern weiter stiegen. Die Tendenz gilt Wissenschaftlern noch nicht als letzter Beweis für die Wirkung des Tempolimits, aber, so das Umweltministerium, "als Indiz".
Daß Tempolimits und Verkehrsbeschränkungen geeignet sind, in der Luft zumindest den Anteil der Ausgangsstoffe zu senken, die zur Bildung des Reizgases führen, hat bereits im Juni ein badenwürttembergischer Versuch im Großraum Heilbronn/Neckarsulm bewiesen.
Vier Tage lang durften dort bei heißem Sommerwetter nur Autos mit geregeltem Katalysator in die Innenstädte rollen, auf den Autobahnen wurde die Geschwindigkeit auf bis zu 60 Kilometer in der Stunde gedrosselt.
Die Folge: Stickoxide und Kohlenwasserstoffe in der Luft der Städte gingen fast schlagartig zurück - um 40 Prozent. Y
[Grafiktext]
__21_ Entstehung von bodennahem Ozon
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DER SPIEGEL 31/1994
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