25.04.1994

PolemikSchlacht für das Gute

Mögen die Rechten auch noch so laut dröhnen, der aufrechte deutsche Links-Intellektuelle wiederholt unverdrossen seine Betroffenheitsformeln. Dabei ist ihm kein Sprachkitsch zu blöd.
Kitsch ist vor allem eines, nämlich gut gemeint. Das ist seit Gottfried Benns arroganter Definition eine Binsenwahrheit. Und wenn der konservative Kritiker seufzt: "Ach wäre es doch wie früher!", malt er sich ein Früher aus lauter rotwangigen, gütigen, naturverbundenen Menschen aus, bei denen die Männer stark, die Frauen treu, die Kinder gehorsam waren und die bellenden Hunde nicht bissen, weil sie Sprichwörter noch achteten.
Die Linke, stets der Chimäre "Fortschritt" zugetan, die auf das Adjektiv "sozial" hörte, hatte da gut lachen. Sie schien gegen den Kitsch gefeit, weil der ja was (so hatte es ihr die "Frankfurter Schule" beigebracht) mit "falschem Bewußtsein" zu tun hatte. Und links wohnte ja das richtige Bewußtsein, das goldrichtige.
Heute, wo wir mit schmerzhafter Deutlichkeit ahnen, daß auch der falsche Geist weht, wo er will, und keine Himmelsrichtungen kennt, kommt ein Buch gerade recht, das unter dem Titel "Das Blöken der Lämmer" linken Kitsch versammelt hat**. Der Titel, etwas ** Gerhard Henschel: "Das Blöken der Lämmer. _(Die Linke und der Kitsch." Mit einem ) _(Nachwort von Eckhard Henscheid. Edition ) _(Tiamat, Berlin; 176 Seiten; 26 Mark. * ) _(1982 in Nicaragua mit Kollegen Johano ) _(Strasser und Franz Alt. ) angestrengt humorig, macht deutlich, daß Gerhard Henschel, der Verfasser und Sammler, sein Zuhause in der Blödelschule der Titanic hat.
Jetzt, wo der Schmerz allmählich nachläßt, können wir vielleicht endlich auch über den linken Kitsch lachen. Gequält zwar vielleicht noch, aber auf jeden Fall befreit. Vieles wird durch das Buch endlich unklar. Bis jetzt war ja alles so klar. Ernst Jünger, das war für Linke martialisch rechter Kitsch, Stahlgewitter, stählendes Fronterlebnis, offiziersmäßig mit Sekt (inkl. Erdbeeren) den Bomberfliegern zuprosten.
Und die Linke? Sie war friedlich. Doch schon fällt einem ein: "kämpferisch friedlich", so hieß das doch, oder? Und "Friedenskämpfer" und "Kampf für den Frieden". Und schon hilft uns das Buch mit einem Che-Guevara-Zitat weiter (das war diese bärtige Ikone mit dem entschlossenen Kinn und dem Militärbarett, die bei fast allen Demos getragen wurde): "Vor dem machtvollen Beginn unseres Kampfes erzittern die (bolivianische) Regierungsclique und ihr Herr, der Yankee-Imperialismus."
So weit, so gut, so kampfesfreudig darf man in der Schlacht, zumal für das Gute und zumal in der Minderheit, schon mal sein. Aber dann geht es weiter: "Es ist das fiebererregende Beispiel eines Volkes" (nämlich des bolivianischen), "das bereit ist, sich im Atomkrieg zu opfern, damit noch seine Asche als Zement diene für die neue Gesellschaft." Es ist immer schön, wenn Helden großzügig sind, aber dann, bitteschön, doch nur auf eigene Rechnung.
Natürlich ist der linke Kitsch meist gutartiger, friedlicher, eben gut gemeint, sogar besser gemeint. Und wenn sich der rechte Kitschier die Heimat gern mit Kuhglocken und Kuckucksuhren, mit röhrenden Hirschen und Alpenhörnern volldröhnt, sucht der Linke eine stille Utopie: _____" Wenn jeder eine Blume pflanzte, jeder Mensch auf " _____" dieser Welt, und, anstatt zu schießen, tanzte und mit " _____" Lächeln zahlte statt mit Geld - wenn ein jeder einen " _____" andern wärmte, keiner mehr von seiner Stärke schwärmte, " _____" keiner mehr den andern schlüge, keiner sich verstrickte " _____" in der Lüge, wenn die Alten wie die Kinder würden, wenn " _____" dies WENN sich leben ließ, wär''s noch lang kein Paradies " _____" - bloß die Menschenzeit hätt'' angefangen, die in Streit " _____" und Krieg uns beinah ist vergangen. "
Das "beinah" ist gut, ist tröstlich, in der letzten Zeile ein Lächeln der Versöhnung, mit dem der Lyriker Peter Härtling gern statt mit Geld bezahlen möchte. Wir sollten ihn nicht so billig davonkommen lassen und ihn lächelnd abbilden; nur um zu zeigen, daß Lächeln manchmal kein geeignetes Zahlungsmittel ist. Oder er sollte auch seinen Tantiemen zulächeln, statt sie sich ausbezahlen lassen: die Tantiemen grinsen zurück.
Für andere, zum Beispiel die Emma-Herausgeberin und Ratefüchsin Alice Schwarzer, ist es mit dem Lächeln allein nicht getan - noch dazu, igitt, wenn es ein anzügliches Männerlächeln ist, das von einer Frau immer nur das eine will. In ihrem Liebesüberschwang kennt Alice Schwarzer jedenfalls keine Grenzen: "Respekt vor dem anderen ist unteilbar. Wer diesen Respekt nicht vor dem Tier hat - und zwar vor jedem Tier! auch vor Ratten und Kakerlaken! -, der hat ihn auch nicht vor dem Menschen."
Ist das nicht geradezu entsetzlich gut gemeint? Und wäre Frau Schwarzer andererseits nicht wenigstens ein bißchen sauer, wenn man ihr sagte, man bringe ihr Respekt entgegen? Und zwar den gleichen wie einer Kakerlake. Oder einem Band-, Regen- oder Spulwurm?
Das Elend, das weiß Schwarzer, kommt nicht erst vom Penetrieren. Nein, es beginnt bereits mit dem Saugen. Und zwar mit dem Säuglingssaugen. Allerdings ist offenbar nur der männliche Säugling schon eine alte Sau: "Als Kind beginnt er damit, das Selbst der Mutter auszusaugen - was immer sie davon hat, steht nur ihm zu. Er nährt sich von ihrer Arbeit und ihren Fähigkeiten. Er verzehrt sie." Alice Schwarzer ist, so muß man nach diesen Sätzen annehmen, mit Kakerlaken-Milch großgezogen worden.
Kitsch, ob rechts ob links, ob blond, ob braun, ist immer auch ein geistiges Händchenhalten mit Gleichgesinnten, oder besser: mit gutmeinenden Gutgemeinten. Dabei kann es nicht, ohne sich zuzulächeln, nicht, ohne sich selber auf die Schulter zu klopfen, bleiben. Walter Jens, beispielsweise, Professor für neuere deutsche Betroffenheit und Ciceros Statthalter auf Erden, hat sich selbst eine "fontanesche Heiterkeit" bescheinigt und nachgesagt (wenn schon kein anderer drauf kommt, muß er sich gedacht haben). Und auf einen Fontane setzt er noch, als Sprachfontäne, einen Erasmus: "Ja, das alles auf Ehr'', das kann ich und noch mehr", sang da, Jens vorwegnehmend, der Zigeunerbaron.
Doch wieder zum O-Ton Jens: "Erasmus wollte nicht bekehren, sondern überzeugen - und zwar mit Methoden, die ihm der platonische Dialog, die spätantike Diatribe, die Kommunikations-Kunst Ciceros oder das heitere Parlando Senecas an die Hand gaben." Von der Hand (Senecas) in den Mund (Jensens). Wir können hier lernen (oder uns erinnern): Kitsch bläht. Und zwar sich selbst auf. Und Jens sollte mal im Sprachkonfektionsgeschäft fragen: "Haben Sie''s nicht eine paar Nummern kleiner?"
Überhaupt muß der Kitschier sich fragen lassen, warum es denn immer gleich die ganze Menschheit, die ganze Geschichte, die gesamte Entwicklung sein muß. Kitschgebärden sind umfassend, Kitschphrasen säkular. Mindestens.
Umarmt werden immer alle. Wenn es um Nicaragua geht, das Günter Graß zusammen mit Franz Alt (Erinnern Sie sich? Ja?) bereiste, dann duzt Graß sogar den Papst, da kennt er nichts:
"Papst, polnischer, vielgereister, sichtbar an dieser Welt und ihren Mißständen leidender, Wojtyla! Darf man Du zu Dir sagen? Ist von Dir noch zu erhoffen, daß Dir, wie Du in Polen bewiesen hast, die Armen, die Leidenden, die Verfolgten nahestehen . . .?"
Ist das nun eine Prosa, zu der man Sie sagen muß? Oder handelt es sich, mit Jens zu sprechen, um das "heitere Parlando Senecas"? Oder Ciceros oder beider? Sicher ist: Es handelt sich schlicht und einfach um Kitsch. Um linken Kitsch. Und der ihn in der Skrupellosigkeit seiner guten Gesinnung absondert, hat immerhin einmal "Die Blechtrommel" geschrieben.
Aus dem Beispiel kann man lernen, Schriftsteller sollten es nicht gut meinen, sondern sollten genau hinhören, genau hinschauen, genau formulieren.
Aber mit den Plagen der Genauigkeit hält sich der Kitsch nicht auf - er muß fort, weg ins Ganze, ins Unendliche. So stellte sich eines Tages Luise Rinser, die Vorgängerin Christa Wolfs im Gemütshaushalt der Nation, die bange Frage: "Was ist der eigentliche Sinn des ,Geschlechtsverkehrs''?"
Na? Da sind wir aber neugierig. Obwohl Luise R. den Geschlechtsverkehr in Anführungszeichen setzte wie die sogenannte. Ja, die frühere. Die DDR. Doch zurück zum sogenannten GV und seinem eigentlichen Sinn. Also:
"Also: der Sinn der Umarmung ist weder nur das Kind noch auch die flüchtige Lust, sondern das Einswerden mit einem als Person erfahrenen Du, und in diesem Du und durch es hindurch und über es hinaus das Einswerden schlechthin, nämlich mit dem All-Einen."
Da haben wir es wieder, das "durch es hindurch", das von Alice Schwarzer mit Recht so gerügte Penetrieren - "und über es hinaus". Da haben wir sie: die "flüchtige Lust" und den ewigen Kitsch, der sich auch bei garantiert bester Gesinnung einstellt und wohlfühlt. Gerade da und eben dort!
Hellmuth Karasek
** Gerhard Henschel: "Das Blöken der Lämmer. Die Linke und der Kitsch." Mit einem Nachwort von Eckhard Henscheid. Edition Tiamat, Berlin; 176 Seiten; 26 Mark. * 1982 in Nicaragua mit Kollegen Johano Strasser und Franz Alt.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 17/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Polemik:
Schlacht für das Gute

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"