25.04.1994

„Warum lügen alle?“

König, 25, war als Kraulsprinterin 1985 zweimal Europameisterin und Mitglied einer DDR-Weltrekordstaffel. Die Berlinerin studiert Literaturwissenschaften.
Was in den letzten vier Jahren über die Doping-Praxis im Schwimmsport der DDR enthüllt wurde, stimmt. Ich kann das beurteilen, denn auch ich habe Anabolika bekommen.
Es macht mich richtig wütend, wenn ehemalige Kolleginnen, Trainer, Ärzte und Funktionäre das DDR-Doping immer noch abstreiten. Warum lügen die alle? Warum sagt Kristin Otto, die sechsmalige Olympiasiegerin, nicht endlich die Wahrheit? Diese Verlogenheit bewirkt doch nur, daß Trainer und Ärzte, die bereitwillig mitgedopt haben, überall weiterarbeiten können, statt endlich zur Verantwortung gezogen zu werden.
Es ärgert mich, Zuschauer und einige ungedopte Sportlerinnen betrogen zu haben. Der Ruhm, die Auszeichnungen und meine erzielten Leistungen haben deshalb für mich keinen Wert mehr.
Meine klassische Karriere als DDR-Leistungssportlerin begann mit zehn Jahren. Weil ich zu den drei besten Schwimmerinnen im Trainingszentrum zählte, durfte ich in die fünfte Klasse der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Berlin-Prenzlauer Berg. Das war etwas Tolles für mich, jeder wollte dahin.
Schon bald empfand ich die KJS aber als Last. Aus Spiel wurde knallhartes Training. Vom Sommer 1980 an war mein ganzes Leben dem Sport untergeordnet. Oft kämpften die Lehrer um mehr Zeit für die Schule, doch die Trainer, die nur ihre Ziele im Kopf hatten, haben sich stets durchgesetzt. Wir Sportler standen auf seiten der Lehrer.
Von den anfangs 14 Schwimmerinnen in meiner Klasse wurden immer mehr aussortiert. Die letzten drei Jahre auf der KJS hatte ich Einzelunterricht. Das war einerseits angenehm, weil ich zu meinem Lehrer ein sehr persönliches Verhältnis entwickelte, doch andererseits war ich völlig isoliert, abgetrennt von den Gleichaltrigen und dem normalen Leben "da draußen".
Ab der sechsten Klasse bekamen wir vom Trainer Aufbaumittel zu trinken, unter anderem Dynvital von Jenapharm, angeblich ein Vitamin-Gemisch. Dynamit nannten wir das.
Wir sind aus dem Wasser raus, haben unsere Bademäntel übergezogen und gingen zum Trainertisch. Dort stand ein Becher mit Namen, jeder Schwimmer mußte unter Aufsicht trinken. Anfangs war das Getränk noch angenehm, weil wir Durst hatten nach der Anstrengung. Später haben wir das Zeug kaum noch runtergekriegt, weil es durch immer höhere Konzentration dickflüssiger wurde. In einem kleinen braunen Glas standen daneben Tabletten. Weil auch deren Anzahl immer weiter zunahm, haben wir einige davon verschwinden lassen und ins Wasser geworfen.
Irgendwann, als ich 14 oder 15 Jahre alt war, an den genauen Termin kann ich mich nicht mehr erinnern, kamen zu den normalen Tabletten neue, blaue hinzu. Die haben wir persönlich, fast versteckt in die Hand bekommen. Wir mußten sie sofort vor den Augen des Trainers herunterschlucken.
Wir wußten damals schon, daß die blauen Tabletten etwas Besonderes, Geheimnisvolles waren. Wir haben den Trainer gefragt, wozu sie gut seien. "Das sind KMA", hat der nur geantwortet, Kalzium-Magnesium-Tabletten. Wir waren jahrelang daran gewöhnt, Unmengen Medikamente runterzuschlucken, so haben wir nicht weiter nachgefragt. Erst sehr viel später wurde mir klar, daß die Blauen Oral-Turinabol waren, das DDR-übliche Anabolikum.
Weil unsere Hände noch naß waren, hinterließen die Tabletten einen blauen Schatten auf unserer Haut. Ich erhielt zwei Tabletten. Schwimmerinnen, die etwas schlechter waren, haben nur eine oder gar keine bekommen. So makaber es klingt: Wem die größte Menge zugeteilt wurde, stand in der Gunst der Trainer am höchsten.
Wenn mein Heimtrainer im Trainingslager fehlte, hat er mir die Tabletten, exakt abgezählt, mitgegeben. Kannte er einen der mitfahrenden Trainer gut, hat er sie ihm überreicht. Ich habe oft die Tabletten von Stefan Hetzer bekommen, dem Trainer von Kristin Otto.
Das System war überall das gleiche: raus aus dem Wasser, Ration abholen. Auch in der Nationalmannschaft war das gängiges Ritual. Geredet haben wir nie darüber. Nicht, weil das ein Tabuthema war - die Einnahme war für uns einfach selbstverständlich. Unsere Eltern wußten nur, daß wir irgendwelche Vitamintabletten bekommen, Details haben wir ihnen nie erzählt. Die Trainer hatten uns suggeriert, daß das, was wir einnehmen, niemanden etwas angehe.
Wir haben natürlich die Fälle der Schwimmerinnen gekannt, die eine tiefe Stimme hatten. Und wir sahen auch, daß einige von uns extrem muskulös waren. Gedanken haben wir uns darüber nicht gemacht. Uns wurde von den Funktionären eingeredet, daß es Doping nur im kapitalistischen Westen gibt, und das haben wir geglaubt.
Körperlich gespürt habe ich die Wirkung der Doping-Mittel nicht. Erst im nachhinein ist mir bewußt geworden, daß ich zwischen 1983 und 1984 einen wahnsinnigen Leistungssprung gemacht habe: mehr als zwei Sekunden über 100 Meter.
Bei den DDR-Meisterschaften kam ich als Unbekannte plötzlich über 200 Meter Kraul auf den dritten Platz hinter Kristin Otto und Birgit Meineke. Alle waren darüber verblüfft. Bei der Siegerehrung war es mir fast unangehmen, daß ich eine so bekannte Schwimmerin wie die Weltrekordlerin Astrid Strauß hinter mir gelassen hatte.
1984 war mein Klub sehr zufrieden mit mir. Als Ersatz für die boykottierten Olympischen Spiele in Los Angeles schwamm ich bei den Wettkämpfen der Freundschaft in Moskau mit der 4x100-Meter-Kraulstaffel _(* Kristin Otto, Birgit Meineke, Heike ) _(Friedrich, Karen König in Moskau. ) Weltrekord. Danach durfte ich zu Empfängen, Ordensverleihungen und als Belohnung nach Kuba.
Doch so angenehm das alles war, der Druck auf mich ließ nicht nach. Sobald etwas schieflief, haben mir die Trainer und Funktionäre sofort die Schuld gegeben. Das Schlimmste für mich war aber die Einsamkeit, das Fehlen jeglicher menschlichen Wärme. Beim Sieg feierten mich alle, in der Niederlage machten sie mich fertig - das konnte ich als Kind nicht verkraften.
Nach den Moskauer Ersatzspielen wurde ich immer unzugänglicher, die Trainer wechselten deshalb häufig. Die Doping-Praxis war bei allen die gleiche, nur die Dosen variierten minimal. Jeder glaubte, ein Patentrezept zu haben, wie er uns schneller machen kann.
Meine Karriere war vorgezeichnet: Wohnung, Auto, Geld, ein guter Beruf, alles stand mir offen. Daß ich dennoch aufhören wollte, verstanden die Trainer und Funktionäre nicht. Weil ich damals die einzige Schwimmerin war, die dem TSC Berlin im DDR-internen Wettbewerb Pluspunkte brachte, haben sie immensen Druck ausgeübt. Bis November 1986 habe ich noch halbherzig weitergemacht.
Dann wurde ich in Unehren entlassen. Auf meinem Sperrkonto hatten sich 30 000 Mark an Prämien angesammelt, das Geld behielt der Verband ein. Vergeblich schaltete meine Mutter die Anwälte Gregor Gysi und Lothar de Maiziere ein; erst 1990 habe ich einen kleinen Teil bekommen.
Nach der Wende traf sich unsere ehemalige Schwimmgruppe im Berliner Nikolaiviertel bei unserem Trainer Klaus Klemenz. Eher zufällig kamen wir auf das Thema Doping. Wir juxten, daß ich doch wieder mit dem Hochleistungstraining anfangen könnte. "Dann kommst du zu mir, und wir zeigen es allen noch einmal", hat Klemenz darauf gesagt, er habe auch noch "ein paar von den Blauen im Schrank".
Ich war richtig geschockt. Bis dahin hatte ich nicht realisiert, wie abartig das ganze System war. Sicher hatte ich mich gewundert über meine extreme Gewichtszunahme und die Pickel zu bestimmten Zeiten. Aber damals hatte ich gar kein Verhältnis mehr zu meinem Körper.
"Ja, das habt ihr auch bekommen", sagte Klemenz. Er tat so, als sei Doping das Natürlichste der Welt. Er war sogar stolz, daß wir gar nichts davon gemerkt hatten. Und er erzählte, daß unsere Klubärztin Dorit Rösler stets am Beckenrand gewesen sei, um sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen.
Die Bestätigung, gedopt worden zu sein, traf mich wie ein Hammer. Ich habe gedacht: "diese Schweine." Gleichzeitig kam ich mir ohnmächtig vor, weil ich keine Beweise hatte, um gegen die Leute, die mir männliche Hormone gegeben hatten, vorzugehen.
Mein Freund, ein Mediziner, hat mich über die Nebenwirkungen der Anabolika aufgeklärt. Er berichtete von Krebsstudien und hat mir das Doping-Buch von Brigitte Berendonk geschenkt. Weil ich dort meine eigene Vergangenheit wiedergefunden habe, nahm ich mit ihr Kontakt auf.
Heute kann ich sportliche Spitzenleistungen nur noch mit Skepsis sehen. Wenn Dagmar Hase, die zu meiner aktiven Zeit nie auch nur den Ansatz von Weltspitze zeigte, Olympiasiegerin wird, denke ich mir meinen Teil.
Meine Zweifel bestehen auch deshalb, weil vier Jahre nach dem Zerfall der DDR die Doping-Vergangenheit noch nicht richtig aufgearbeitet ist. Als jetzt die Diskussion durch Veröffentlichungen neu entfacht wurde, mochte ich die Lügen einfach nicht mehr ertragen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie Kristin Otto, die die Tabletten neben mir in der Hand hatte und sie geschluckt hat, heute immer noch sagen kann, sie wisse nichts.
Ich habe darauf gewartet, daß auch mein Name in Listen auftaucht, so daß ich endlich Klarheit habe, was mit mir alles angestellt wurde. Ich habe gehofft, daß ich in meiner Stasi-Akte Informationen finde. Doch da wird von drei IM nur berichtet, daß ich ein Mensch mit "charakterlichen Schwächen" bin, "launisch" und "muffig" sein soll.
Ich will wissen, warum Ärzte und Trainer dies getan haben: Alles nur aus Macht- oder Profitstreben? Meine damalige Ärztin hat selbst drei Kinder. Denen hätte sie die Doping-Präparate sicherlich nicht so leicht gegeben. Noch heute betreut sie Sportler des TSC Berlin. Allein die Vorstellung, daß sie vielleicht in alter Gewohnheit Tabletten verteilt, finde ich ungeheuerlich.
Wenn man die Wahrheit wissen will, ist man auf sich allein gestellt. Trainer und Ärzte bangen um ihre Posten. Westdeutsche Funktionäre glauben, nur diese Leute bringen Erfolge. Ich habe in Berlin an die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung geschrieben, damit diese Organisationen sich ihrer Verantwortung bewußt werden und Stellung beziehen. Eine Antwort habe ich bisher noch nicht erhalten.
Auszeichnungen wie den Vaterländischen Verdienstorden in Gold, auf die ich zur DDR-Zeit stolz war, empfinde ich heute nur noch als Last, weil ich sie einem perfekten Betrugssystem zu verdanken habe. Übriggeblieben von meinen Erfolgen ist allein die Angst vor den Langzeitwirkungen der Doping-Mittel. Y
"Ich habe noch ein paar von den Blauen im Schrank"
* Kristin Otto, Birgit Meineke, Heike Friedrich, Karen König in Moskau.
Von Karen König

DER SPIEGEL 17/1994
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