25.04.1994

NachrufRichard M. Nixon

Comeback Kid" nannte sich Amerikas Präsident Bill Clinton, als er im Frühjahr 1992 aus einem nahezu aussichtslosen Wahlkampftief an die Spitze der demokratischen Präsidentschaftsbewerber zurückkehrte. Wenn es je einen US-Präsidenten gab, auf den das Bild vom Stehaufmännchen noch besser paßte, dann war das Richard Milhous Nixon.
Dem 1913 in Kalifornien geborenen Quäker schien eine steile politische Karriere vorgezeichnet. Nach der Wahl ins Washingtoner Repräsentantenhaus 1946 rückte der als Kommunistenjäger bekannt gewordene Nixon, dessen Finsterblick so gar nichts Wählerwirksames zu versprechen schien, bereits vier Jahre später für seinen Heimatstaat in den Senat.
Schon 1952 gelang dem überaus ehrgeizigen Jungsenator der Einstieg in die ganz große Politik - als Vize von Präsident Dwight Eisenhower. Fragwürdige Wahlkampfspenden brachten dem republikanischen Nachwuchstalent den ersten schweren Rückschlag. Nur seine melodramatische öffentliche Selbstkritik in der berühmten Checkers-Rede bewahrte Nixon vor dem drohenden Amtsverlust. Fortan erwarb sich der Vizepräsident Anerkennung vor allem in der Außenpolitik.
Ganz selbstverständlich galt Nixon als sicherer Nachfolger Eisenhowers - und wurde doch 1960 von seinem demokratischen Gegner John F. Kennedy knapp geschlagen. Nachdem der gescheiterte Präsidentschaftskandidat zwei Jahre später auch im Kampf um den Gouverneursposten seines Heimatstaats Kalifornien unterlegen war, schien seine Karriere am Ende. Der Jurist zog als Anwalt nach New York.
Dann aber trat 1968 der vom Vietnamkrieg zermürbte Lyndon B. Johnson nicht mehr zur Wiederwahl an, die Republikaner brauchten eilends einen Kandidaten mit nationaler Statur. Sie nominierten Nixon, der 1969 nach einem Lawand-Order-Wahlkampf doch noch ins Weiße Haus einziehen konnte.
Es wurde die Zeit seiner größten Triumphe und bittersten Niederlagen. Der engagierte Außenpolitiker besuchte 1972 als erster Präsident der USA das kommunistische China. Beraten von seinem außenpolitischen Guru Henry Kissinger, leitete der Kalte Krieger dann Amerikas Ausstieg aus dem Vietnamkrieg ein. Dessen Ende, für das Kissinger mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, erlebte Richard Nixon nicht mehr im Amt.
Ein Einbruch während des Wahlkampfs 1972 in ein Büro der Demokraten im Washingtoner Watergate-Komplex zwang ihn zwei Jahre nach seiner Wiederwahl zum Rücktritt - ein einmaliger Fall in der Geschichte der Präsidentschaft. Nicht so sehr der Ausspähversuch, den Mitarbeiter aus dem Weißen Haus gesteuert hatten, wurde Nixon zum Verhängnis, sondern das mit Lug und Trug gespickte Verschleierungsmanöver, das der Präsident und seine Männer anschließend starteten.
Endgültig besiegelt wurde der Untergang Nixons durch die Tonbänder, auf denen der notorisch mißtrauische Präsident brisante Gespräche mit engsten Vertrauten heimlich aufgezeichnet hatte. Am 8. August 1974 trat der vom Impeachment bedrohte Nixon zurück. Einen Monat später rettete ihn das Pardon seines Vize und Nachfolgers Gerald Ford vor weiterer Strafverfolgung.
Der Gescheiterte mied lange das Rampenlicht. In den achtziger Jahren trat er wieder auf die öffentliche Bühne - und schaffte ein erstaunliches Comeback als Buchautor und Elder statesman.
Seither beriet Nixon seine Nachfolger und ging sogar immer wieder auf halbamtliche Mission, wie vor wenigen Wochen mit seinem Moskau-Besuch.
Von einem Schlaganfall, der ihn Anfang voriger Woche ereilte, erholte sich Richard Nixon nicht mehr. Der Ex-Präsident starb, 81 Jahre alt, vergangenen Freitag in einem New Yorker Krankenhaus.

DER SPIEGEL 17/1994
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