17.10.1994

FilmKrachen und Bersten

„Speed“. Spielfilm von Jan De Bont. USA 1994.
Manchmal bringt das sonderbare, im maschinellen Rhythmus stampfende Hollywood-System einen Film hervor, der es genau abbildet - und gerade dadurch einen Zustand absoluter Klarheit und Vollkommenheit erreicht. Einen Film, so pur und perfekt, daß seine industrielle Fertigung unverkennbar ist. Ein solcher Film ist "Speed".
Sein Drehbuch beruht auf einer teuflisch schlichten Vorgabe: Ein psychopathischer Erpresser (wie immer: Dennis Hopper) hat eine Bombe in einem Linienbus in Los Angeles angebracht. Die Bombe wird losgehen, sobald das Tempo des Busses unter 50 Meilen pro Stunde fallen sollte.
Das weiß der Erpresser Payne, und das läßt er, aus einer perversen Spielfreude heraus, den jungen, grimmigen Cop Jack Traven (zum erstenmal als Action-Held: Keanu Reeves) wissen, der Payne schon einmal in die Quere gekommen war.
Jack kann nicht verhindern, daß der Bus losfährt. Aber einmal an Bord des Fahrzeugs, kann er - mit Hilfe einer jungen Frau (Sandra Bullock), die das Lenkrad übernimmt - versuchen, den _(* Mit Keanu Reeves, Sandra Bullock. ) Bus in voller Fahrt zu halten und die Bombe zu entschärfen. Jacks Kampf richtet sich gegen den wahnwitzigen Determinismus des Erpressers: "A bomb is made to explode." Eine Bombe hat nur einen Zweck: ihre Detonation.
Und ein Action-Film hat nur ein Ziel: die Spannung. Nichts anderes zählt in "Speed". Der Film ist reine Geschwindigkeit, ganz wie sein Titel verheißt, der zweifellos die gleichnamige Droge mitmeint: die Sucht, den Rausch und jenes High, das ein gelungener Trip - auch im Kino - auslösen kann. Die einzigen Koordinaten von "Speed" sind Raum und Zeit und die Staus von Los Angeles.
In einer gewaltigen, alles vereinnahmenden Bewegung prescht der Film, gedreht vom Regiedebütanten Jan De Bont, durch seine Handlung. Ihn treibt ein unerbittlicher Drang nach vorn, eine gnadenlose Dynamik. Nur fahren, fahren - der Film darf nicht innehalten, nicht nachdenken, seinen Thrill nicht in Frage stellen.
Daß er auf der Leinwand Bewegung vortäuschen kann, ist das Hauptmerkmal des kinematographischen Apparats - und sein wichtigster Reiz. Seit die Gebrüder Lumiere vor knapp einem Jahrhundert einen Zug in ihr Lichtspieltheater einfahren ließen und die Besucher angstzitternd vor der dampfenden Filmlok davonrannten, hat sich die Zuschauerpsyche nicht allzusehr entwickelt.
Nur muß sich heute Bewegung an einen Beweggrund koppeln, um Spannung zu schaffen: Einer rennt, rettet, flüchtet, weil auf ihn geschossen wird, weil er die Welt vor dem Untergang bewahren will oder weil ihn zu Unrecht das Gesetz verfolgt. Oder eben: Ein Bus donnert durch die Straßen, weil eine Bombe neben seinem Motor klemmt.
Das Drehbuch von "Speed", geschrieben vom fernseherfahrenen Autor Graham Yost, liefert den einfachsten, aber wirkungsvollsten Anlaß für eine Hetzjagd, den es seit langem auf der Leinwand gegeben hat. Der Film hat denn auch den Anstand, seinem heimlichen Hauptdarsteller, dem silbergrauen Linienbus 2525, am Ende auf dem Flughafen eine filmische Beerdigung erster Klasse auszurichten.
Regisseur De Bont nimmt das Action-Genre vollkommen ernst, die Kunst der Explosionen und Stunts, und er macht sich trotz seiner vergleichsweise knapp bemessenen Mittel - 30 Millionen Dollar - daran, seine Vorbilder zu übertrumpfen.
Schon in einem Vorspiel, bei dem Held Jack einen Lift vor dem freien Fall in den Abgrund bewahren darf, demonstriert De Bont alle Tricks, die er in langen Dienstjahren als Action-Kameramann ("Die Hard", "Basic Instinct") verfeinert hat. Und nach dem Ende der Busfahrt setzt er noch einen Trip in einer rasenden U-Bahn hintendran: Mehr ist im Action-Film meistens mehr.
Doch trotz aller Liebe zum Genre spart sich "Speed" manche Konvention. Sein Held bringt keine Vergangenheit mit, keine private Geschichte, wie fast alle anderen Action-Filme, voran die Trauma-Oper "Rambo", sie schamhaft herbeiflunkern, um ihre bombenhaltige Handlung zu beglaubigen.
Jack ist nichts als ein Cop, der seinen Job macht. Und ob der Schurke eine schwere Jugend hatte: Wen schert das?
Nur Tempo hat Wert. Es ist diese Kunst des konsequenten Weglassens, der "Speed" seine geradlinige, konzentrierte und reine Industrie-Eleganz verdankt. Er heuchelt nicht, er beschränkt sich auf das Wesentliche. "Speed" ist die Abstraktion eines Action-Films.
Daß er dennoch einen herben, bodenständigen Charme hat, der nicht nur auf Cineasten wirkt, verdankt er ausgerechnet Bus, Aufzug und U-Bahn. "Speed", der in den USA überraschend rund 120 Millionen Dollar einspielte, holt seine Handlung aus jener irrealen High-Tech-Welt, in der sich Action-Helden gewöhnlich tummeln, in die Alltagswirklichkeit zurück: Schwarzenegger fährt nicht Autobus. Aber Keanu Reeves. Und die Zuschauer. Eine Bombe im Bus - das kann jeder erleben.
Und jeder kann lustvoll durchatmen, wenn sich der Bus brachial seinen Weg durch die Staus bahnt: Endlich kein nervenzermürbendes Stop-and-Go. Die Zerstörungsfreude des Films - in dem nur wenige Menschen sterben - richtet sich darauf, Verkehrsmittel zu zerlegen; er zelebriert das Krachen und Bersten von Metall.
So ist "Speed" auch die beste Therapie gegen den Frust über den öffentlichen Nahverkehr. Y
* Mit Keanu Reeves, Sandra Bullock.

DER SPIEGEL 42/1994
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