31.01.1994

FernsehenLack ab

Der Südwestfunk holt zwei umstrittene Fernsehfilme aus dem Giftschrank.
Die Nachricht klang nach Männerstolz vor Königsthronen: Peter Voß, 53, ehemaliger "heute"-Moderator und seit April letzten Jahres Intendant des Südwestfunks (SWF), entschied vorige Woche, daß Ulrike Meinhofs Fernsehfilm "Bambule" über Mädchen in einem Fürsorgeheim dem TV-Publikum zugänglich zu machen sei.
24 Jahre lang lag das TV-Spiel im Giftschrank des Senders und wurde nicht ausgestrahlt. Die Verantwortlichen hatten 1970, nach der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader durch Ulrike Meinhof, den Film aus dem Programm genommen.
Spätestens nach dem Selbstmord der Terroristin 1976 in Stammheim verwandelte sich das Sendeverbot vollends in ein unrühmliches Zeugnis medialer Beflissenheit gegenüber vermeintlichen Geboten der Staatsräson. Vergessen sollte sein, daß Ulrike Meinhof bis Anfang der siebziger Jahre eine bekannte Journalistin gewesen war.
Die Entscheidung des Intendanten Voß war nicht nur überfällig, sie hätte auch wenig Anlaß zum Eigenlob geboten. Doch der Sender verkündete stolz, die Aufhebung der Selbstzensur sei ein "kritischer und konstruktiver Beitrag zu politischen Entscheidungsprozessen".
Schlimmer wiegt, daß der SWF die allfällige Rehabilitierung des Meinhof-Filmes mit der eines anderen verband, dessen Gegenstand, Machart und unterschwellige Wirkung den totalen Kontrast zu "Bambule" darstellen: Ebenfalls aus dem Giftschrank holte Voß das TV-Spiel "Amok", das seit mehr als einem Jahr unter Verschluß gehalten und nun, an diesem Dienstag um 21.15 Uhr, auf Südwest III gesendet wird.
Anders als bei "Bambule" erscheint hier die selbstauferlegte Reserve der öffentlich-rechtlichen Anstalt verständlich. Denn "Amok", nach dem Buch von Norbert Ehry, wirkt wie eine aus dem Gleichgewicht geratene Einfühlungsübung in rechte Gewalt.
Ein arbeitsloser, sympathischer Ex-Fußballer (Helmut Zierl) greift zu Mitteln der Selbstjustiz gegen ausländische Drogendealer, als er sieht, wie seine Stieftochter Opfer der Rauschgiftsucht wird. Zum blutigen Finale sieht man den durchgedrehten Vater mitten in Frankfurt gezielt Schwarze abknallen.
Die Absicht, rechte Gewalt auf Psycho-Probleme zu reduzieren, erscheint ohnehin schon problematisch. Ein TV-Stück zur Ausländerproblematik nach dem ästhetischen Vorbild des Charles-Bronson-Filmes "Ein Mann sieht rot" einem Millionenpublikum zu zeigen, bleibt nach Hoyerswerda, Rostock und Solingen riskant.
Programmdirektor Kurt Rittig sah dies zunächst genauso, als er im vergangenen Jahr den Film stoppte (SPIEGEL 44/1992). Was den bei der Intendantenwahl Voß unterlegenen Favoriten der SPD nun bewog, seine Bedenken aufzugeben und sich der Meinung seines Vorgesetzten anzuschließen, "Amok" enthalte "kein tödliches Gift, sondern ein heilsames", bleibt sein Geheimnis. Das Verschwinden der Ausländerfeindlichkeit in der Republik kann es nicht gewesen sein.
Verdruckst und heuchlerisch wirkt, wie der Sender versucht, die in so unterschiedlichen historischen Situationen entstandenen Giftschrank-Filme "Bambule" und "Amok" mit der Leerformel gemein zu machen, sie behandelten beide "die Wurzeln der Gewalt". Solches Gerede verbirgt, was dieser Entgiftungsaktion im Doppelpack zugrunde liegt: das anstaltsübliche Denken im Links-Rechts-Proporz.
Als wäre der Meinhof-Film (Regie: Eberhard Itzenplitz) durch die lange Quarantäne - nur das Drehbuch erschien im Wagenbach-Verlag - nicht längst um seine politische Wirkung gebracht. Wenn ihn die Zuschauer am 24. Mai dieses Jahres sehen, hat sich das Interesse an ihm notgedrungen in ein museales verwandelt.
Die Aufmerksamkeit gilt heute weniger den empörenden Zuständen in einem für jene Zeit typischen Fürsorgeheim, wo junge Mädchen aus Verzweiflung einen unkontrollierten Aufruhr (im Jargon: Bambule) veranstalten. Nach 24 Jahren interessiert mehr die Machart.
Und da erwartet den Zuschauer ein Stück, das in der heutigen Medienlandschaft fremdartig und spröde aussieht. Meinhof, die als Ziehtochter der Pädagogin Renate Riemeck aufwuchs und sich als Journalistin immer wieder mit der Heimerziehung beschäftigte, tilgte jeden Hauch von Sentiment.
Als könne die Schilderung von Gefühlen die Botschaft des Films beschädigen, verkneift sich "Bambule" ein längeres Verweilen bei den lesbischen Verwirrungen der Mädchen, ihren Irrungen zwischen gleichgültigen Eltern und ihren Ausbruchsversuchen in die sogenannte Freiheit.
Nur am Ende, als die Anführerinnen der aufsässigen Mädchen erkannt haben, daß die liberale Erzieherin (symbolischer Name: Frau Lack) letztlich die schlimmste Stütze des Heimsystems und das Vorgehen gegen sie der erste und wichtigste Schritt der Revolution ist, gönnt sich dieser authentizitätsversessene Film ein kleines bißchen Schwelgen.
Nach fast einem Vierteljahrhundert darf das endlich besichtigt werden. Y

DER SPIEGEL 5/1994
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DER SPIEGEL 5/1994
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