02.05.1994

DopingTeure Medaillen

Sportopfer der DDR ziehen vor Gericht. Sie fordern Schadensersatz - auch von Bonn.
Für seinen unermüdlichen Einsatz als Spitzensportler der Deutschen Demokratischen Republik erntete Roland Schmidt am Ende seiner Karriere nur noch Spott. Weil der Gewichtheber aus Nossen bei Dresden nicht nur tonnenweise Eisen stemmen, sondern auch als Minderjähriger dutzendweise Anabolikapillen schlucken mußte, wuchsen dem damals 19jährigen weiblich wirkende Brüste.
Der Hormonhaushalt des starken Mannes war durch die Dopingmittel derart durcheinandergeraten, daß sein Körper die Produktion des männlichen Hormons Testosteron reduziert hatte und statt dessen vermehrt die weiblichen Östrogene produzierte. Als Schmidts Frauenbrust die Körbchengröße B erreichte und erhöhtes Krebsrisiko bestand, wurde ihm die Brust wegoperiert.
Jetzt klagt Schmidt, 32, wegen Körperverletzung gegen seine früheren Sportärzte. Der Fall aus dem Monsterkabinett des DDR-Sports ist richtungweisend. Hat Schmidt mit seiner Klage Erfolg, könnten sich ihr viele Sportopfer der sozialistischen Medaillenproduktion anschließen.
Schmidts Aussichten auf eine Entschädigung sind gut. Sein Fall ist in den einst geheimen DDR-Akten ungewöhnlich präzise dokumentiert. Verbandschefarzt Hans-Henning Lathan gibt nicht nur Schmidts Jahresdosis an Anabolika (3445 Milligramm) an, er berichtet auch über Brustvergrößerungen, "Mastopathiezeichen", die "bei zwei Sportlern besonders auffällig" seien.
Die juristische Konstellation im Fall Schmidt hält sein Heidelberger Anwalt Michael Lehner für "höchst spannend". Adressaten der Anklage sind zunächst die Ärzte des Gewichthebers. Da die aber womöglich die Verantwortung fürs Dopen auf die nächst höhere Instanz abschieben, wird Lehner, der seit der gerichtlichen Vertretung der Buchautorin Brigitte Berendonk ("Doping-Dokumente") über reichlich Erfahrung in Dopingprozessen verfügt, vorsorglich auch die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin der DDR mit verklagen.
Daß Doping in der DDR staatlich gelenktes Unrecht war, geht aus den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit hervor. Manfred Höppner, der stellvertretende Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR, warnte die Stasi, so steht es in den Akten, sogar vor Regreßansprüchen. Um die Opfer des DDR-Sports heute zu unterstützen, hat Brigitte Berendonk einen Fonds gegründet, aus dem Schadensersatzprozesse finanziert werden sollen.
Weitere Gerichtsverfahren sind schon in Vorbereitung. So will ein mehrfacher Ruder-Weltmeister aus Sachsen klagen, der nach ärztlichen Kunstfehlern nur knapp an einer Gliedmaßen-Amputation vorbeikam. Eine Volleyball-Nationalspielerin aus Berlin, die sich wegen vollständiger Zystendurchsetzung der Eierstöcke einer Totaloperation unterziehen mußte, erwägt ebenso juristische Schritte wie eine Berliner Ruderin. Die ehemalige Jugendmeisterin fordert Schadensersatz wegen langjähriger Menstruationsprobleme und schwerer neurologischer Störungen, die auch nach Absetzen der Anabolika anhielten. Y

DER SPIEGEL 18/1994
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