14.02.1994

Terrorismus„Die haben mich gelinkt“

SPIEGEL: Herr Steinmetz, sind Sie stolz darauf, erster Spitzel im Kern der Roten Armee Fraktion, der RAF, gewesen zu sein?
Steinmetz: Stolz? Davon kann keine Rede sein. Ich fühle mich so beschissen wie noch nie in meinem Leben. Ständig muß ich aus Sicherheitsgründen den Ort wechseln.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor der Rache der RAF und Ihrer früheren Gesinnungsgenossen?
Steinmetz: Die Behörden gehen offenkundig davon aus, daß ich in Gefahr bin. Richtig ist, daß ich mich an gewissen Orten im Moment nicht blicken lassen kann.
SPIEGEL: Sie meinen, in der Wiesbadener Autonomen-Szene, wo Sie herkommen?
Steinmetz: Auch da.
SPIEGEL: Tag und Nacht sind Polizisten in Ihrer Nähe. Werden Sie von den Beamten bewacht oder beschützt?
Steinmetz: Das ist irgendwie ein Mittelding. Ich persönlich habe wirklich _(* Hans Leyendecker, Felix Kurz in einem ) _(Ferienpark nahe dem Nürburgring. ) nichts gegen die Leute, die ihren Job tun. Aber trotzdem geht es mir auf die Nerven. Meine Vorstellung ist halt eine andere. Ich möchte raus und eine neue Lebensperspektive aufbauen.
SPIEGEL: Welche Erinnerung haben Sie an den Ablauf des Polizeieinsatzes auf dem Bahnhof in Bad Kleinen, bei dem der mutmaßliche Terrorist Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella ums Leben kamen?
Steinmetz: Mit Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld bin ich in die Unterführung gegangen. Birgit blieb am Zugfahrplan stehen. Wolfgang und ich waren rund zehn Meter vorgelaufen. Wir haben uns umgedreht und geschaut, wo sie bleibt. Das war kurz vor dem Aufgang zum Bahnsteig 3/4. Am Ende des Ganges schrie plötzlich ein Mann - ein Wort, eine Losung vielleicht. Keine Ahnung mehr.
Dann stürmte ein größerer Trupp brüllend auf uns zu. Ich war wie geschockt. Wolfgang rannte die Treppe hoch. Da ging die Ballerei schon los. Mir sind die Kugeln um die Ohren geflogen. Als Wolfgang oben war, hat er offenbar in die Unterführung geschossen. Und genau am Treppenende war ich.
SPIEGEL: Haben Sie ihn schießen sehen?
Steinmetz: Nein, das ließ mein Blickwinkel nicht zu. Mein Kopf war in die andere Richtung gedreht. Ich wurde sofort zu Boden gerissen. Ein Beamter hielt mir eine Pistole an den Schädel, Gesicht an die Wand. Dann wurde ich gefesselt. Die haben mich genauso behandelt, als wäre ich ein Mitglied der RAF. Später bekam ich sogar eine Kapuze über den Kopf.
SPIEGEL: Es gab Spekulationen, die Beamten hätten Sie mit Grams verwechselt.
Steinmetz: Quatsch. Alle waren hinter Wolfgang her. Bei mir war nur ein Beamter. Dem wollte ich etwas sagen, aber der knurrte: "Freundchen, Klappe halten, sonst knallt es." Die waren alle durchgedreht. Die Beamten versuchten, sich durch Zeichen zu verständigen. Aber die Aufregung hat man auch so gemerkt. Die werden psychologisch scheinbar so aufgeheizt, daß sie bei einem solchen Einsatz gar keinen kühlen Kopf behalten können, auch wenn sie noch so viele Jahre dafür trainieren.
SPIEGEL: Was dachten Sie, als die Knallerei losging?
Steinmetz: Ich war geschockt, mir war klar, daß es Tote geben würde. Im nachhinein kapiere ich nicht, wieso die so viele Leute brauchen, um zwei Personen festzunehmen. Das konnte nur schiefgehen.
SPIEGEL: Ermittler und Gutachter gehen inzwischen davon aus, daß Grams durch eigene Hand ums Leben gekommen ist.
Steinmetz: Selbstmord schließe ich aus.
SPIEGEL: Die Gutachter sind anderer Meinung. Und gesehen haben Sie nichts.
Steinmetz: Das hat mit einer grundsätzlichen Einstellung zu tun. Auch in der Szene würde sich niemand umbringen, wenn er für fünf oder zehn Jahre in den Knast käme. Ich traue weder Birgit noch Wolfgang noch sonst jemandem, der in der Illegalität ist, einen Selbstmord zu. Mit dem Risiko, geschnappt zu werden, muß man als Guerilla immer leben. Sonst kann man so was ja nicht anfangen. Es wäre eine Illusion zu glauben, das ginge ewig gut. Im Knast kann man doch auch politisch weiterkämpfen.
SPIEGEL: Haben Sie mit den beiden mal über Schußwaffen gesprochen?
Steinmetz: Einmal mit Birgit. Sie sagte, daß sie in einer aussichtslosen Situation keine Waffe mehr ziehen würde.
SPIEGEL: Nach Angaben der Behörden waren Sie über einen Zugriff in Bad Kleinen nicht informiert. Stimmt das?
Steinmetz: Ja. Die Behörden haben mich gelinkt. Nie und nimmer hätte ich da mitgemacht.
SPIEGEL: Haben Sie denn nicht mitbekommen, daß Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und GSG 9 längst informiert waren?
Steinmetz: Null, null, null. Kurz vorher hieß es noch, daß sonst niemand von dem Treffen weiß. Die rheinlandpfälzischen Behörden haben immer beteuert, daß es in Bad Kleinen nicht zu einer Festnahme kommen wird. Dafür garantiere auch der Mainzer Innenminister Walter Zuber mit seinem Kopf, hat man mir gesagt. Ich war naiv genug, das zu glauben.
SPIEGEL: Wie sind Sie von Bad Kleinen weggekommen?
Steinmetz: Etwa 20 Minuten nach Ende der Schießerei hat mir ein Beamter zugeflüstert: "Wir schaffen dich jetzt raus." Ich wurde auf einen Parkplatz gebracht. Dort wartete, für mich völlig überraschend, ein Mitarbeiter des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes, den ich kannte. Der sagte den Beamten erst einmal, man solle mir die Handschellen abnehmen.
Ich war emotional und psychisch völlig fertig und brüllte herum, daß ich sofort weg wollte. Der Verfassungsschützer versuchte zwar, mich zu beschwichtigen, aber schließlich brachte er mich nach Lübeck zum Bahnhof, und ich fuhr mit einem Zug weg.
SPIEGEL: Der Beamte hat Sie nicht zurückgehalten?
Steinmetz: Nein, das konnte er gar nicht. Wie denn? Er hatte keine rechtliche Handhabe.
SPIEGEL: Wohin sind Sie gefahren?
Steinmetz: Ich bin ziellos durch Deutschland gefahren, und ich war auch im Ausland. Einmal habe ich sogar in einem Vorzelt auf einem Campingplatz übernachtet.
SPIEGEL: Wie lange hat das gedauert?
Steinmetz: Auf den Tag genau kann ich das nicht sagen. Vielleicht drei Wochen. Irgendwann Mitte Juli hatte ich wieder Kontakt mit den Behörden. Von da an war ein Verfassungsschützer an meiner Seite. Später kam ich ins Zeugenschutzprogramm, das heißt also Wohnen in wechselnden geheimen Objekten, ständige Bewachung durch Beamte.
SPIEGEL: In der Szene tauchten damals Briefe von Ihnen auf, die für viel Verwirrung sorgten. So beteuerten Sie: "Die Zukunft wird beweisen, daß ich kein Verräter bin." Oder: "Ich würde solchen Mördersäuen noch nicht mal ein Kochrezept verraten." Am 2. Juli trafen Sie sich sogar mit Bekannten und erzählten denen die abenteuerliche Geschichte, Sie seien im Durcheinander von Bad Kleinen entkommen. Welchen Sinn hatten diese Aktivitäten?
Steinmetz: Ich wollte unbedingt zurück und alles erklären.
SPIEGEL: War es nicht so, daß der Verfassungsschutz Sie wieder in die Szene der RAF-Unterstützer einschleusen wollte?
Steinmetz: Nein, nein, der wollte das nicht. Alles, was ich an Briefen geschrieben habe, geschah ohne Wissen der Behörden.
SPIEGEL: In der Szene wird das zumindest bezweifelt. War Ihnen denn nicht klar, daß es kein Zurück mehr gab?
Steinmetz: Damals nicht. So was kann man erst im nachhinein beurteilen. Da habe ich mit Sicherheit Fehler ohne Ende gemacht.
SPIEGEL: Von Ihnen kursieren verschiedene Versionen zum RAF-Bombenanschlag auf den Neubau des Gefängnisses in Weiterstadt, bei dem im März vorigen Jahres ein Schaden von über 100 Millionen Mark entstanden ist. Nach dem Einsatz von Bad Kleinen erklärten Sie plötzlich, Sie hätten von dem Anschlag vorher gewußt. Ihnen sei ein Kassiber zugespielt worden, Sie sollten über den Sinn oder Unsinn einer solchen Aktion befinden. Später haben Sie diese Aussage widerrufen. Wie lautet Ihre derzeit gültige Einlassung?
Steinmetz: Ich habe vorher davon nichts gewußt.
SPIEGEL: Wer einmal lügt . . .
Steinmetz: Die Kassibergeschichte habe ich erfunden. Ich wollte den Beamten klarmachen, welches große Vertrauen ich in der Szene genossen habe. Nur so, glaubte ich, könnte ich die Einwände des Verfassungsschutzes gegen eine Rückkehr abblocken. Ich wollte zurück in mein Leben.
SPIEGEL: Ihre früheren Weggefährten hätten sich über ein Wiedersehen gefreut. Die haben einen Steckbrief verfaßt, der europaweit in der Szene verschickt worden ist und in dem eine sogenannte Recherchegruppe dringend vor Ihrer Person warnt.
Steinmetz: Ich kann die sogar verstehen. In früheren Zeiten hätte ich unter Umständen mitgemacht. Meine Geschichte war von denen nicht zu begreifen. Die haben die Befürchtung, ich hätte jedes Detail zu jeder Person zu jedem Zeitpunkt irgendwie dem Verfassungsschutz zugetragen. Man geht einfach davon aus, daß jedes Telefon abgehört wird und daß hinter jedem Baum ein Beamter steht. Die machen den Gegner größer, als er tatsächlich ist. Dieses Phänomen gilt aber auch für die andere Seite.
SPIEGEL: Für den Verfassungsschutz?
Steinmetz: Ich rede von der Polizei und den Spezialeinheiten, die sich ein Bild von RAF und Szene machen, das irreal ist. Der Gegner soll größer, mächtiger und gefährlicher wirken, um die eigene Bedeutung zu erhöhen. In beiden Lagern findet eine Dämonisierung statt.
SPIEGEL: Seit wann kooperieren Sie mit dem rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz?
Steinmetz: Das ist eine verrückte Geschichte. 1983 oder 1984 habe ich mit ein paar Freunden in Kaiserslautern Mitarbeiter des Verfassungsschutzes enttarnt und diverse Bilder von Treffs mit Spitzeln geschossen. Bei einer dieser Observationen wurde ich durch einen dummen Zufall selbst entdeckt. Irgendwann holten die mich von der Arbeit ab. Ich jobbte damals als Student in einem Schreibwarengeschäft. Die redeten irgend etwas von Geheimnisverrat. Die haben mir vorgeworfen, ich hätte sie ausspioniert.
SPIEGEL: Stimmte der Vorwurf?
Steinmetz: Das war damals nichts Ernsthaftes. Ich habe denen ein paar, aber längst nicht alle Bilder herausgerückt. Dann war eine relativ lange Zeit Funkstille. Ich hatte mir in der Zwischenzeit überlegt, ob es nicht sinnvoll sein könnte, mehr über die herauszukriegen. Deshalb ließ ich mich zum Schein auf eine Zusammenarbeit mit denen ein.
SPIEGEL: Aus dem Schein ist Ernst geworden. Nach Darstellung rheinland-pfälzischer Sicherheitsexperten haben Sie seit 1985 Berichte über die autonome Szene und die RAF-Unterstützer geliefert.
Steinmetz: Das stimmt nicht. Von mir stammt kein einziger Bericht. Ich habe mit denen immer nur diskutiert.
SPIEGEL: Worüber diskutiert ein Anarcho mit der Staatsmacht?
Steinmetz: Die wollten hauptsächlich etwas über die politische Situation wissen. Wie sind die politischen Entwicklungen in der nächsten Zeit einzuschätzen? Wo sind für den Staat potentielle Gefährdungspunkte? Personen waren eher von nebensächlichem Interesse.
SPIEGEL: Wie oft haben Sie sich getroffen?
Steinmetz: Ein- bis zweimal im Monat. Wir haben uns dann in einer Kneipe getroffen. Ich kannte die Kontaktperson und habe zu ihr im Laufe der Jahre ein relativ freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Mit dem Mann habe ich sogar über persönliche Probleme gesprochen.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit Ihrer Doppelrolle, hier Autonomer, dort Informant des verhaßten Staatsapparates, zurechtgekommen?
Steinmetz: Ich empfand das nicht als Doppelleben. Wenn man in der Szene lebt, dann tut man hundert konspirative Dinge am Tag. Mitunter durfte auch meine Wohngemeinschaft nicht wissen, wohin ich gerade gehe. Außerdem war das, was ich für den Verfassungsschutz getan habe, einfach zu gering im Vergleich zu dem, was ich für die Szene getan habe.
SPIEGEL: Das sagen Sie heute. Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten, Sie hätten nichts und niemanden verraten.
Steinmetz: Ich habe keine Details weitergegeben, die in Strafverfahren Verwendung finden können. Manchmal habe ich denen erzählt, daß jemand lange Zeit krank ist oder daß ich eine Person ab und zu treffe. Mehr war nie drin.
SPIEGEL: Der Top-Spitzel, mit dem die Beamten erstmals an den Kern der RAF herangekommen sind, war nur ein kleines Licht? Soviel Bescheidenheit nimmt Ihnen niemand ab.
Steinmetz: Es war so. Auch nach meinem heutigen Verständnis war ich kein Spitzel.
SPIEGEL: Wie hätten Sie''s denn gern?
Steinmetz: Ich verstand meine Rolle als Mittler. Mein Interesse war, den Behörden einen Einblick in die Szene zu ermöglichen und dort für diese Verständnis zu entwickeln. Die haben doch gar keine Ahnung gehabt, wie wir dachten. Das kann man nicht in Büchern nachlesen. Und wenn man das kann, wird man das als Fremder nicht unbedingt verstehen. Da habe ich ihnen bei der Übersetzung geholfen. Die Zusammenarbeit war begrenzt. Ich habe vom Verfassungsschutz nie einen Auftrag angenommen.
SPIEGEL: Die Behörden stuften Sie 1987 als Top-Quelle ein. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Steinmetz: Die hatten offenbar niemanden sonst. Außerdem hatten die wohl das Interesse nach der Panne in Bad Kleinen, mich noch aufzuwerten, damit sie selbst in einem besseren Licht dastehen.
SPIEGEL: Umsonst werden Sie Ihren gefährlichen Dienst auch nicht verrichtet haben.
Steinmetz: Ich habe in meinem Leben noch nie etwas für Geld getan. Richtig ist, daß ich Geld bekommen habe. Aber das waren eigentlich nur Auslagen, die beglichen wurden. Die Riesensummen, die da durch die Medien geistern, sind völlig überzogen.
SPIEGEL: Nennen Sie uns mal eine Größenordnung?
Steinmetz: Es war wenig, und das habe ich in die Szene investiert. Oder halten Sie ein fast zinsloses Darlehen für ein gebrauchtes Auto für so bedeutend?
SPIEGEL: Neun Jahre lang haben Sie mit den Behörden kooperiert. Wenn Sie schon nichts dafür bekommen haben wollen, wenn Sie schon keinen Lustgewinn aus der Kooperation mit dem in der Szene bestgehaßten Geheimdienst gezogen haben, was hat Sie dann getrieben? Sind Sie ein Abenteurer, ein Zocker?
Steinmetz: Ja und nein, aber das trifft den Kern nicht. Ich habe mich tatsächlich als Vermittler gefühlt. Das hat scheinbar doch nicht so funktioniert.
SPIEGEL: Wer hatte denn die Idee, Sie an die RAF ranzuspielen?
Steinmetz: Ich habe mir mein Handeln nie vorschreiben lassen. Es war meine Entscheidung, den Kontakt zur RAF zu suchen. Das hatte eine Vorgeschichte.
Innerhalb der Autonomen gab es seit der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental 1985 massive Kritik an der Politik der RAF. Das war ein völlig sinnloser Mord. Doch aus bestimmten Gründen wurde diese Kritik nicht offen vorgetragen. Ein Grund war das Dogma, daß nur der die Guerilla kritisieren kann, der selbst Guerilla ist. Ich wollte mit denen diskutieren. Es gab auch von der RAF genug Signale für Gespräche mit der Szene.
SPIEGEL: Wo, bitte, trifft man denn die RAF?
Steinmetz: Wie das vonstatten ging, möchte ich jetzt nicht sagen. Aber die haben doch einen großen Diskussionsbedarf. Wenn man die Papiere der RAF genauer gelesen hat, wird eines deutlich: Die Illegalen wissen, daß sie mit ihrer Politik des bewaffneten Kampfes nicht mehr weiterkommen. Der Tod des Bankiers Alfred Herrhausen 1989 hat beispielsweise keinem Arbeitslosen und keinem Wohnungssuchenden irgend etwas gebracht.
Die RAF hat erkannt, daß sie isoliert ist. Birgit redete sogar mal davon, daß die RAF sich eine neue Aufgabe in der Gesellschaft suchen müsse. Von mir wollten die Illegalen deshalb mehr über die Probleme in der Szene und der Gesellschaft erfahren. Ich habe mit Birgit sogar über die Kalikumpel in Bischofferode debattiert.
SPIEGEL: Waren RAF-Leute wie Grams und Hogefeld Helden für Sie?
Steinmetz: Für mich gibt es keine Helden. Natürlich erkenne ich einen solchen Schritt, in die Illegalität zu gehen, an. Wenn sich jemand der RAF anschloß, hatte er mit seinen bisherigen politischen Mitteln nicht weitergewußt. Da hatte ich schon eine gewisse Hochachtung dafür, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden war.
SPIEGEL: Das erste Treffen mit Birgit Hogefeld dauerte drei Tage. Was haben Sie gemacht?
Steinmetz: Ganz normale Sachen. Wir saßen in Cafes und in Kneipen und gingen im Park spazieren. Solche Leute führen auch, wenn es geht, ein halbwegs normales Leben. Die hocken doch nicht den ganzen Tag zusammen und diskutieren nur über den bewaffneten Kampf.
SPIEGEL: Sondern?
Steinmetz: In Cochem waren wir zu dritt im Schwimmbad. In Bad Kleinen haben wir im Bahnhofscafe auch über Boris Becker geredet. Birgit ist ein großer Fan von Boris, und Wolfgang hat vom Kochen erzählt. Die versuchen schon, die ganz normalen menschlichen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen. Nach unserem Treffen wollten die beiden erst einmal ein paar Tage Urlaub machen. Ich bin mit Birgit samstags an die Ostsee nach Boltenhagen gefahren. Wir sind dort spazierengegangen . . .
SPIEGEL: . . . und die Fahnder waren immer hinter Ihnen her . . .
Steinmetz: Davon hatte ich wirklich keine Ahnung. Ich ging fest davon aus, daß wir unbeobachtet blieben, wie bei allen Treffs vorher.
SPIEGEL: Das klingt ziemlich unglaubwürdig. Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, daß der Verfassungsschutz nach Ihrer ersten Kontaktaufnahme mit der RAF wie elektrisiert war?
Steinmetz: Die waren begeistert und haben mich gedrängt, immer weiterzumachen. Für die war das wohl eine sensationelle Angelegenheit. Dauernd wollten die wissen, wann das nächste Treffen sein sollte. Aber die haben gleichzeitig immer versichert, daß es zu keiner Festnahmeaktion komme.
SPIEGEL: Wie dicht waren Sie denn an der Kommando-Ebene der RAF dran?
Steinmetz: Was heißt denn Kommando-Ebene? Ich weiß gar nicht, ob es so etwas überhaupt gibt. Die Behörden glauben immer noch, die RAF sei irgendwie hierarchisch strukturiert. Das ist doch alles Spekulation.
SPIEGEL: Als V-Mann sind Sie verbrannt, Beruf und Job haben Sie auch nicht. Wie geht es denn mit Ihnen weiter?
Steinmetz: Jetzt muß ich erst mal wieder umziehen. Y
"In beiden Lagern findet eine Dämonisierung statt"
"Ein größerer Trupp stürmte brüllend auf uns zu"
"Solche Leute führen auch ein halbwegs normales Leben"
"Ich habe vorher davon nichts gewußt"
"Es gab massive Kritik an der Politik der Guerilla"
* Hans Leyendecker, Felix Kurz in einem Ferienpark nahe dem Nürburgring.
Von H. Leyendecker und F. Kurz

DER SPIEGEL 7/1994
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