22.08.1994

ProstitutionDer Iwan ist da

Ein Serienmord in einem Frankfurter Edelpuff weckt im Milieu die Furcht vor der Russen-Mafia.
Seit Mittwoch abend lagen die Spezialeinsatzkommandos, 77 Mann stark, in Rettenbach im Ostallgäu auf der Lauer. Im Morgengrauen, als vom Dorf her nur noch Hundegebell zu hören war, schlich sich einer der Polizeitrupps in das Aussiedlerheim am Ortsrand. Um 4.30 Uhr knackten Beamte lautlos die Türen zweier Wohnungen im Erdgeschoß und im ersten Stock und griffen zu. Schlaftrunken ergaben sich fünf Männer und eine Frau aus der GUS. Nach Sonnenaufgang flog ein Hubschrauber die Gefesselten unter höchster Sicherheitsstufe zur Vernehmung. Vier der Männer wurden am Freitag vergangener Woche wieder freigelassen.
Die Frau aber und der fünfte Mann, geben sich Frankfurts Polizeipräsident Karlheinz Gemmer und Oberstaatsanwalt Peter Köhler überzeugt, sind in ein Massaker in einem Frankfurter Edelbordell verwickelt.
Der Verdächtige soll zu den Killern gehören, die in der Nacht zum vorletzten Sonntag in dem Jugendstilhaus im Frankfurter Kettenhofweg 124a den Ungarn Gabor Bartos, 55, seine Frau Ingrid, 48, sowie vier russische Prostituierte erdrosselt haben. "Einen solchen Mord", so ein Gerichtsmediziner, "habe ich in 20 Jahren noch nicht erlebt."
Die Ermittler gehen bisher von einer "Beziehungstat" im Milieu aus. Andere Erkenntnisse deuten darauf hin, daß das Puffpersonal einem Konkurrenzkampf osteuropäischer Frauenhändler zum Opfer gefallen sein könnte. Ein Informant aus der Rotlichtszene hatte die Polizei schon Anfang des Monats gewarnt: "Bei Bartos verkehrt nur noch die Russen-Mafia."
Bei dem Festgenommenen aus Rettenbach fand sich die Rolex, die Bartos getragen hat. Kabel, die im Bordell von Elektrogeräten abgeschnitten worden waren und offenbar als Mordwerkzeug gedient hatten, entdeckten die Fahnder ebenfalls. Die "unwahrscheinliche Brutalität des Vorgehens am Tatort" (Gemmer) läßt auf gekaufte Vollstrecker schließen, die über eine militärische Spezialausbildung verfügen.
Bartos und seine Frauen, die jüngste 18 Jahre alt, waren nachts überrascht worden. Die Strangulation mit Elektrokabeln ließ ihre Gesichter durch den Blutstau bis zur Unkenntlichkeit anschwellen.
Über Spezialisten mit einer derartigen Handschrift verfügt vor allem die Russen-Mafia. Rund 300 GUS-Banden sind nach Informationen, die der russische Generalmajor Anatolij Olejnikow dem Bundeskriminalamt (BKA) gesteckt hat, mit Waffenhandel, Drogengeschäften und Autoschiebereien zwischen Kempten und Kiel aktiv. "15 Führer russischer Gangs", so einer der Olejnikow-Tips an Interpol Wiesbaden, sollen sich ständig in Deutschland aufhalten.
Zu den ertragreichsten Branchen der Ost-Gangster zählt das Tauschgeschäft: Gestohlene West-Limousinen werden mit Ost-Mädels nach Art des Sklavenhandels bezahlt.
Ein Viertel der etwa 200 000 Profis auf dem deutschen Strich kommt inzwischen aus Osteuropa; 15 000 bis 20 000 Frauen, so kalkuliert BKA-Experte Willi Fundermann, wurden "gegen ihren Willen" in Etablissements wie das Frankfurter Sauna-Bordell gelockt.
"Der Typ blonde Finnin, ranke Lettin", weiß Bernhard Kowalski von der Frankfurter Sitte, "ist in dieser Art Wohnungsprostitution besonders gefragt."
Nach einer BKA-Statistik meldeten sich von Anfang 1992 bis Ende 1993 insgesamt 910 Frauen bei der Polizei, die aus dem Ausland in deutsche Bordelle verschleppt worden waren. 219 von ihnen waren Polinnen, 218 Tschechinnen; 147 kamen aus den GUS-Staaten und 111 aus Bulgarien. Doch das Zahlenbild, glaubt Fundermann, spiegele "nur einen Bruchteil" dessen wider, was im Ost-West-Geschäft mit dem Sex "wirklich läuft".
Vor der berüchtigten Brutalität der osteuropäischen Zuhälter fürchten sich selbst abgebrühte Luden aus Deutschland und Ex-Jugoslawien, die sich im Rhein-Main-Gebiet noch den Markt teilen. Einer von ihnen ließ sich vergangene Woche mit deutlich sichtbarer Pistole im Gürtel zu einer Krisensitzung der Alt-Luden chauffieren: "Anders kann man jetzt nicht mehr nach Frankfurt fahren." Denn, so warnen V-Leute der Polizei seit Monaten: "Der Iwan ist da."
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs kaprizierte sich auch Puffbetreiber Bartos zunehmend auf Mädchen aus Osteuropa. Die vier Prostituierten waren erst wenige Tage vor ihrem Tod mit Touristen-Visa eingereist. Womöglich hatte der Hobby-Pilot mit der Beinprothese sie eigenhändig mit zwei Privatflugzeugen vom Typ "Piper Arrow" eingeflogen. Eine Maschine stand für ihn in Egelsbach bei Darmstadt bereit, die andere in Ungarn.
Für Transaktionen auf dem Landweg, so vermuten die Ermittler, hatte der Bordellier zwei weiße Citroen BX mit identischen Kennzeichen (F-CC 15) präpariert. Wenn seine Nummer beim Mädchenschmuggel notiert worden wäre, hätte er der Polizei immer weismachen können, sein Auto habe doch zur fraglichen Zeit in Frankfurt geparkt.
Bartos' Villenbordell im Westend galt bei den Luden im Bahnhofsviertel als "uneinnehmbare Festung". Nur Stammgäste wurden nach Gesichtskontrolle eingelassen. Doch die Frau, die im Allgäu festgenommen wurde, hatte in Bartos' Bordell gearbeitet und war der Mordtat, die ansonsten nur ein Pudel überlebte, entkommen.
"Entweder hat sie Glück gehabt", mutmaßte Oskar Schaub, Chef der Sonderkommission, "war entführt worden oder ist selber in den Fall verstrickt." Wahrscheinlich, so glauben die Fahnder nun, hat sie die Mörder in die Bartos-Festung gelotst.
Auf ihre Fährte brachte die Kripo ein Auto, das zur Tatzeit nahe am Bordell geparkt hatte. Einem Zeugen war das in Frankfurt ungewöhnliche Kennzeichen mit den Buchstaben "OAL" für "Ostallgäu" aufgefallen.
Weil die Polizeibeamten nach diesem Tip schnell zugreifen konnten, fanden sie noch Beute und Werkzeug der mutmaßlichen Täter. Polizeichef Gemmer: "Die haben weiß Gott nicht damit gerechnet, daß wir so früh bei ihnen auftauchen." Y

DER SPIEGEL 34/1994
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