16.05.1994

HochzeitenMagischer Klatsch

Die Medienehe ist die modernste Form der Zugewinngemeinschaft. Erinnerungen an alte Fürstenbräuche werden wach.
Hollywood-Stars müssen glücklich sein. Wenn sie im Film den Liebhaber spielen, dann sollen sie auch im Privatleben Erfolg bei Frauen haben; wenn sie auf der Leinwand die große Liebe finden, dann soll die Traumfrau ihnen auch tatsächlich begegnen. Und weil erfolgreiche Drehbücher ein Happy-End haben, ist das Eheglück auch für das wahre Leben vorgesehen.
So war es bei Rudolph Valentino und seinen zwei Frauen, bei Errol Flynn und seinen drei Gattinnen und auch bei Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe. Daß sie homosexuell und die Ehen inszenierte Zweckgemeinschaften gewesen sein sollen, gehörte zu den unwiderlegbaren Vermutungen der Zeit, aber die Klatschblätter sahen höflich darüber hinweg. Die Zeiten sind härter, das Publikum gieriger und die Medien penetranter geworden.
Bei Richard Gere und Cindy Crawford, der Traumpaarung aus Filmschauspieler und Fotomodell, hörten die Gerüchte nicht auf, er sei schwul und sie lesbisch und die Ehe nur eine Farce. Aus dieser Kombination zog die Beobachterschar den Schluß, daß die Scheidung bevorstehe.
Seit einer Woche weiß die Welt endlich mehr über Richard und Cindy. Sie sind für Leukämietherapie, beispielsweise, und für Demokratiebewegungen. Für Ökologie sind sie auch.
Das alles haben sie der Öffentlichkeit in einer ganzseitigen Anzeige in der Londoner Times bekanntgegeben; kein Zweifel, der Hollywood-Star und das Top-Model sind gute Menschen.
Und obendrein lieben sie sich und führen eine gute Ehe und freuen sich auf Kinder. Und um klarzumachen, daß sie es bitterernst meinen, sieht die "persönliche Erklärung" aus wie eine Todesanzeige.
Ob sie nun homosexuell sind oder hetero, sich lieben oder nicht, ist sowieso egal. Denn in erster Linie leben Cindy und Richard in der modernsten Form der ehelichen Zugewinngemeinschaft: der Medienehe. Gemeinsam kommen sie doppelt so oft in den Zeitungen vor, denn in Berichten über den einen wird der andere immer gleich mitgenannt.
Cindy und Richard sind Meister der Eigen-PR. Wenn keiner fragt, bringen sie sich selbst ins Gespräch: Mal zieht sie über die Hochzeitsnacht her, mal betont er sein Engagement für die Aids-Forschung, mal läßt sie sich in zweideutiger Pose mit der lesbischen Sängerin K. D. Lang fotografieren, mal verteidigt er Homosexuelle.
Der Zusammenhang ist klar: Wer im Gespräch ist, ist gefragt, wer gefragt ist, verdient viel Geld - das moderne Machtmittel. Die Medienehe hat mithin eine ältere Eheform ersetzt, die ebenfalls der Ausweitung von Macht diente: Früher heirateten Prinzen und Fürsten notfalls die häßliche Tochter des anderen Potentaten, um die Ländereien zu vermehren und den politischen Einfluß zu vergrößern. Oder: Marie Antoinette mußte auf Geheiß ihrer Mutter, der österreichischen Kaiserin Maria Theresia, im Alter von 15 Jahren den späteren französischen König Ludwig XVI. heiraten. Der Ehebund stabilisierte nicht nur das politische Bündnis der Staaten - Maria Theresia wurde zudem bestens über französische Staatsgeheimnisse informiert.
Heute, im Zeitalter des Narzißmus, bemißt sich Bedeutung nach der Zahl der öffentlichen Auftritte, und wer nicht erwähnt wird, ist tot. Geld allein nützt da gar nichts.
So zauberte der amerikanische Magier David Copperfield zeitgünstig zu seiner Deutschlandtournee eine Liebelei mit Claudia Schiffer in die Klatschkolumnen und versuchte außerdem, geschäftsschädigende Gerüchte über seine angebliche Homosexualität zu widerlegen. Da wurde, eng umschlungen, getanzt, demonstrativ Händchen gehalten, und lanciert, daß die beiden zwar in einer Suite mit zwei Schlafzimmern abgestiegen seien, aber nur ein Bett benutzt hätten. Die PR glückte, die Tournee war ein Riesenerfolg.
Als im Publikum Zweifel aufkamen, legte das Paar vergangene Woche nach. In Monaco turtelten sie kameragerecht. Die Fotos hatten sogar jenen Hauch von Unschärfe, den vermeintlich besonders intime Bilder haben.
Das Phänomen ist verbreitet: Der auf Platz 18 der Weltrangliste abgerutschte Tennisspieler Andre Agassi flirtete zunächst mit Barbra Streisand, die gerade ihr Comeback versuchte, und wandte sich dann Brooke Shields zu, die wiederum früher mit Michael Jackson aufgetreten war.
Rollengerecht sprechen die Medienpaare von Liebe, wenn auch nicht immer völlig überzeugend (Claudia über David: "Ich bin fasziniert von seinen Augen"; David über Claudia: "Es waren ihre Augen . . .").
Die Liebesehe, Ideal des 19. Jahrhunderts, durchläuft derzeit eine Krise. Sie ist ihrer ökonomischen Zwänge beraubt und definiert sich nur über die romantischen Gefühle - eine bröckelige Basis. Mit dem Verschwinden der Zuneigung löst sich die Legitimation auf; ein Drittel aller Ehen enden in Scheidung.
Kühle Zweckverbindungen dagegen, bei der beide Partner ihrer eigenen Wege gehen und sich nicht mit einem Gefühlschaos belasten, haben eine viel bessere Prognose: Der Erwartungsdruck ist geringer, Enttäuschungen ersparen sich die Partner so von vornherein. Und für den Spaß sorgen, wie es beim Hochadel Tradition ist, wechselnde Liebhaber und Mätressen.
Richard Gere jedenfalls war bereits in seinen Filmen Avantgardist des modernen Zweckbunds. In "Ein Mann für gewisse Stunden", wo er einen Callboy spielt, und in "Pretty Woman", wo er eine Prostituierte zum Geschäftemachen engagiert, verbanden sich Business und Liebe auf das angenehmste und aufs erfolgreichste. Ganz wie im wahren Leben. Y

DER SPIEGEL 20/1994
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