16.05.1994

Vereinigte StaatenHexenjagd auf dem Campus

In den Salons der Kolonialvilla ist der Geistesadel der Universität von Virginia zusammengekommen, um die extravagante Gastgeberin zu feiern und die eigene Kultiviertheit. Zunächst also ein Vortrag über tibetanische Schriftkunst, doch dann kehren die Gespräche rasch zu einem Thema zurück, das in den letzten Wochen allen exegetischen Eifer beansprucht hat: die neue Verordnung. Auf Druck des Frauenbüros an der Hochschule sind "amouröse Beziehungen" zwischen Professoren und ihren Studenten fortan illegal.
"Man kann doch Liebe nicht regulieren", sagt die schwarze Lyrikerin, deren schöne Gedichte von der Liebe sprechen. Sie klingt resigniert. Was soll's: In diesen Zeiten, in denen der politische Diskurs im läppischen Privaten verschwunden ist, ist das Allerprivateste längst ein Politikum. Wo selbst an einem Präsidenten nur noch dessen Affären interessieren, wird jede Affäre zum Staatsakt. Es ist besser, man schützt sich.
Was vor Jahren als Kampf gegen sexuelle Gewalt begann, ist mittlerweile zum aufregendsten Volkssport deformiert, den das Fernsehzeitalter bieten kann: die Denunziation. Auch auf dem Campus. Die Anklage wegen "sexual harassment", sexueller Belästigung - eine Wunderwaffe, die immer gewinnt. Entweder erledigt sie die Beschuldigten vor Gericht oder durch den Skandal.
Die Frauenbüros des Landes haben den Puritanismus zu neuen Hexenjagden wachgeküßt. Mit den TV-Evangelisten sind sie sich darüber einig, daß die Frau schwach ist, der Mann ein Tier und Sex Sünde. "Widernatürlich" findet Feministin Andrea Dworkin den Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau.
Die Klagedrohung hat sich wie ein stalinistischer Frost über alle Bereiche der amerikanischen Öffentlichkeit gelegt, über Parlamente, Firmen, Schulen. Im akademischen Milieu sorgt sie für Zensuren und Kontaktsperre-Gesetze.
Die Beratungsprotokolle über die neue Verordnung an der Universität von Virginia lesen sich wie Dispute der Scholastiker. Sie versuchen, die irrationale Herausforderung "Liebe" aktenfähig zu machen. Da wird etwa das Wort "romantisch" durchgestrichen und durch "amourös" ersetzt. Was unterscheidet die beiden? Was ist unter einer "Annäherung" zu verstehen? Ist eine Umarmung erlaubt, ein Klaps auf die Schulter, ein Blick in die Augen?
"Das hängt immer auch vom Adressaten und seinen Pathologien ab", sagt Tom Hutchinson anderntags in seinem Büro, "und das ist das Problem bei diesen Gesetzen."
Hutchinson, bärtig und klein, ein jovialer, nicht uneitler Akademiker-Star, hatte vehement gegen die neue Verordnung protestiert. Er ist Computerwissenschaftler. Er weiß, was meßbar ist und was nicht.
Er ist mit einer Studentin verheiratet. Seit 30 Jahren. "Es begann als das", meint er sarkastisch, "was die Feministinnen heute als schmutzige kleine Affäre bezeichnen würden."
Da es beim Tatbestand der "sexuellen Belästigung" genügt, wenn eine Situation auch nur als kränkend empfunden wird, ist der Paragraph eine Einladung an die Paranoiker dieser Welt.
Da fühlte sich eine Studentin "sexuell belästigt", weil der Professor ein Foto seiner Frau im Badeanzug auf dem Schreibtisch stehen hatte. Auf einem anderen Campus forderte eine Professorin ihren Kollegen auf, Manets "Olympia" von der Wand zu nehmen, weil es "die Frau als Objekt" darstelle.
Prominentestes Opfer des linken McCarthyismus ist Hutchinsons Kollege Professor Silva von der Universität New Hampshire. In einer Literatur-Klasse erklärte Silva eine Schreibtechnik mit Sex: "Du und der Gegenstand werden eins."
Einige Studentinnen fühlten sich durch diese Metapher "erniedrigt". Sie meldeten Silva, der noch vor drei Jahren als Pädagoge ausgezeichnet worden war, beim universitären Büro für "Prävention von sexueller Belästigung und Vergewaltigung". Wenn auch orthographisch nicht ganz auf der Höhe, waren sie in der Sache doch kompromißlos. Der "Proffessor" habe sich noch "fiele" andere derartiger "Dinger" erlaubt.
Das "Vergewaltigungsbüro" half nicht nur beim Erstellen der Anklageschrift, sondern auch bei der Auswahl des "unabhängigen" Richtergremiums.
Silva wurde gefeuert, zu einer Geldbuße verdonnert und einer Sexualtherapie, deren Kosten er selber zu tragen hat. "Ein Leben", sagt Hutchinson, "ist vernichtet."
Auf dem Weg durch das Gelehrtendorf trifft er kurz darauf auf eine seiner Lieblingsstudentinnen. Für die Kamera des Fotografen umarmt er sie. Er sieht albern dabei aus, trotzig, wie ein Kind, das sich über ein Verbot hinwegsetzt. Eine Umarmung als Mutprobe - im freiesten Land der Erde?
Hutchinsons Nemesis, Ann Lane vom "Department of Women's Studies", sitzt am anderen Ende des Campus in einem romantischen, weinüberwucherten Häuschen. Auf dem Honda vor der Tür der Aufkleber: "Mein anderes Auto ist ein Besenstiel."
Was eigentlich ist gegen romantische Beziehungen einzuwenden? "Das ist mir zu verwaschen", sagt Ann Lane. "Es geht um Geschlechtsverkehr, ums Vögeln." Sie spricht diese Worte aus, als wäre sie in einen Hundehaufen getreten.
Sie fährt fort: "Es geht um Professoren, die Sex für gute Noten erpressen wollen." Aber gibt es gegen solche Fälle nicht bereits Gesetze und universitäre Ethik-Codes? "Die reichen nicht aus."
Ann Lanes Büro ist doppelt so groß wie das von Hutchinson. Sie ist ein schlanker, leicht altjüngferlicher Typ Mitte 50. Ihr rechtes Ohr wird zusammengekniffen von vier schmalen Goldringen. Wie zum Ausgleich trägt sie einen goldenen Anhänger um den Hals, eine kleine Hand, von der sie bei jeder Bewegung gestreichelt wird. Im Büro hängt ein Poster der geharnischten Jeanne d'Arc. Daneben ein Plakat mit einer Puppe, die durch eine Wäschemangel gequetscht wird. Ein Symbol-Bild. Sie hat dasselbe Motiv ihrem Therapeuten zur Abschiedssitzung geschenkt.
Ann Lane lebt allein. Sie ist unverheiratet. Den Vater ihrer Tochter hat sie auf einem Universitätscampus kennengelernt. Er ging später zur Polizei. Vor zwei Jahren haben sie sich getrennt. Die gemeinsame Tochter studiert.
Warum ihrer Ansicht nach in erster Linie die Studenten gegen die neue Verordnung protestiert haben? "Was wissen die schon von den Gefahren", sagt Ann Lane bitter, "die ficken früh heutzutage, aber von Liebe haben die doch keine Ahnung." Sie habe früher die Verbote ihrer Mutter auch nicht immer verstanden. "Später war ich klüger."
Ihr Gesicht wird leidend, als sie von einer 70jährigen erzählt, die vor 40 Jahren durch ihr Verhältnis zu ihrem Professor "ein Leben lang traumatisiert" worden sei. "Ist das nicht furchtbar?!"
Es gibt die Welt, und es gibt Antioch. Das kleine College im Westen Ohios ist die Avantgarde des amerikanischen Bildungssystems. Noten werden hier ungern vergeben. In Antioch wird nicht gepaukt - hier wird der Neue Mensch geformt.
Im Tanzsaal über der Kantine steht Alan Richardson, schlank und düster, mit schwarzer Tunika und Zylinder. Er versteht sich als Außerplanetarischer. Seine Abschlußarbeit handelt von halluzinogenen Drogen, Maya-Kalendern und Computerrealitäten. Er schaut von seiner Sanduhr auf, die er immer bei sich trägt, und sieht in die Halle. Die Graffiti an den Wänden zeigen Feminismus-Zeichen und Sprüche wie "Leg ihn flach". Alan sagt: "Hier hat es sich zugetragen." Was? "Na, die Sache mit Randy. Armer Hund." Weiter will er sich dazu nicht auslassen. "Da fragt mal Karen Hall vom Vergewaltigungsbüro."
Karen Hall sitzt in einem Therapieraum im Hauptgebäude. Bunte Kissen und Teddybären auf dem Boden. An der Wand ein Plakat, das 100 Möglichkeiten für Frauen aufzählt, das "Patriarchat zu beenden". Eine davon ist: "Liebe eine Frau." Lächelnd und milde im selbstgestrickten Flauschpullover erläutert sie die Sexpolitik, die Antioch im ganzen Lande berühmt gemacht hat.
Jeder Schritt während eines Flirts muß verbalisiert werden. Laut und deutlich. Etwa: "Darf ich meine Hand auf deine Schulter legen?" "Ja, du darfst deine Hand auf meine Schulter legen." Oder: "Ja, du darfst mich auf die Lippen küssen." Die jeweilige Erlaubnis muß laut und präzise geäußert werden. Eine Erlaubnis unter Alkoholeinfluß ist wertlos. Sollte es dennoch zu Intimitäten kommen, ist der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt.
Neulinge in Antioch können leicht in Panik geraten. An der Tanne gegenüber der Kantine hängen gelbe Bänder, die an die Opfer sexueller Gewalt erinnern. Täglich treffen sich Gruppen von "Überlebenden". Männer haben solche Gruppen, Frauen haben sie, und die "Angehörigen von Überlebenden" haben eine eigene. In Einführungskursen werden Mädchen beschworen, unters Auto zu schauen, bevor sie einsteigen. Eine Trillerpfeife muß am Schlüsselbund getragen werden. Weitere Trillerpfeifen hängen in den Duschen der Mädchen. Antioch - belagert von rohen Horden sexwütiger Football-Teams? Keine Spur, Sport wird in Antioch noch nicht mal unterrichtet.
Rund 70 Prozent der Antioch-Studierenden sind Frauen. Unter den verbleibenden Männern ist der Anteil der bekennenden Schwulen beträchtlich. Wie soll hier das Tier, das sich die Feministinnen unter dem Mann vorstellen, zum Täter werden?
Doch allein im letzten Jahr will Karen Hall 20 Vergewaltigungen gezählt haben. Warum die Polizei nicht längst ermittelt? "Weil die Opfer Angst haben, noch einmal öffentlich gedemütigt zu werden." Ausgerechnet in Antioch? "Na ja, es kommt darauf an, was man als Vergewaltigung bezeichnet."
Tatsächlich ist nun, vier Jahre nach Einrichtung der "Politik", der erste Fall aktenkundig geworden. Der Fall. Über den genauen Tathergang gibt es verschiedene Versionen. Die einen wollen gesehen haben, wie der Täter beim Samstagstanz in der Kantine sein Opfer geküßt hat. Die anderen haben beobachtet, daß er "zu eng getanzt" hat.
Karen Halls Lächeln federt erstaunte Einwände ab wie bedauerliche Rückfälle in eine überwundene Bewußtseinsstufe. Die "Politik" hat gesiegt, ein wichtiger Schritt hin zur befreiten Gesellschaft, zum Neuen Menschen, ist getan.
Der Delinquent Randy Riess liegt auf seiner dunklen Schlafstube wie ein Gefangener. Er starrt auf die griesige Mattscheibe seines TV. Auf einem Bücherbord steht eine kleine Lenin-Büste neben der Fahne von Estland. Riess hat dort eine Weile studiert.
Er durfte mittlerweile wieder auf den Campus zurückkehren. Tanzsaal und Mädchenunterkünfte allerdings sind für ihn tabu. Zur Zeit absolviert er eine Pflichttherapie für Sextäter. In der Campuszeitung hat er seine Selbstkritik veröffentlicht: "Ich, Randy Riess, bin schuldig geworden . . . Das Vergehen ereignete sich beim Tanzen gegen ein Uhr morgens am Sonntag."
Mildernde Umstände läßt er für sich nicht gelten: "Es geschah ohne ihre ausdrückliche verbale Zustimmung. Ich fühle mich schrecklich." In stets neuen Wendungen wird der Selbstbezichtigungssuada Farbe gegeben. Andere mögen versuchen, ihm zu vergeben, endet der Brief: "Ich arbeite noch daran, mir selbst zu vergeben." Das alles wegen eines Party-Kusses?
In diesem Sommer macht Randy sein Examen - eine Relegation wegen "sexuellen Angriffs" so kurz vor dem Abschluß würde seine Karriere ruinieren. Mit versteinertem Gesicht beteuert er, wie dankbar er "der Behörde" sei, daß sie ihn so glimpflich habe davonkommen lassen. "Das Verrückte ist - ich habe die Politik selber unterstützt", sagt er zum Abschied.
Randys Professor Robert Fogarty, der gleichzeitig die geachtete Literaturzeitschrift Antioch Review herausbringt, äußert sich deutlicher: "Randys Selbstentleibung hat den Charme der Moskauer Schauprozesse."
Fogarty arbeitet über utopische Kommunen des vorigen Jahrhunderts. Er kam 1968 ans College. In den letzten Jahren, meint er, sei die Campus-Gesellschaft tribalisiert und trivialisiert. Das akademische Niveau sei gesunken. Keiner lese mehr. "Früher war der Diskurs politischer, intelligenter. Heute geht es nur noch darum, den jeweils eigenen Totem zu umtanzen."
Auf dem College habe sich eine neue "Studentenbürokratie" entwickelt. "Es gibt mittlerweile mehr Therapie- und Unterstützergruppen als Studenten."
Jede Interessengruppe hat ihre Spezialagenda. Aus Angst vor dem Diskriminierungsvorwurf durch die Schwulengruppen werden in Stellenausschreibungen schwule Professoren ausdrücklich bevorzugt. Schwarze Studenten protestierten gegen einen Professor der afro-amerikanischen Studien. Er ist Weißer. Er wurde jetzt gefeuert.
Wenn auch das intellektuelle Niveau gesunken ist und die Bibliothek vorwiegend überalterte Bestände aufweist - das Esperanto der "political correctness" beherrscht jeder. An diesem Nachmittag etwa trifft sich die Gruppe "Frauen mit dem Privileg weißer Hautfarbe kämpfen gegen Rassismus".
Wer aber befolgt denn eigentlich die Keuschheitsregeln des Frauenbüros? Fogarty zuckt mit den Achseln. "Ich weiß es wirklich nicht."
Fogartys Verwirrung wird auf dem Campus geteilt. "Hoffentlich keiner", sagt Sarah, die damit beschäftigt ist, ihren Bauchnabelring zu reinigen. Als sie kürzlich gefragt wurde: "Wollen wir die Politik vollziehen?", hat sie einen Lachanfall bekommen. Dorte, eine Austauschstudentin aus Tübingen, fände es "entwürdigend, einem Jungen dauernd zu erklären, was er zu tun hat".
Dennis dagegen ist vorsichtiger. Randys Beispiel hat ihn alarmiert: "Ich lasse jetzt die Frau die ersten 15 Schritte machen. Einfach, um auf Nummer Sicher zu gehen."
Alan hält sich raus aus dem Affentanz der Geschlechter. Am Abend sitzt er in Jim Malartys Anthropologie-Klasse, eine Groucho-Marx-Maske über den Kopf gestülpt, vor sich das Minutenglas.
Die Aufgabe der Klasse war, eine Religion zu erfinden. "Antioch ist eine Religion", lacht ein Mädchen. "Quatsch, ein Kult", sagt eine andere. Alan starrt auf die Sanduhr. Er wartet auf den Bewußtseinssprung. Im Jahr 2012, hat er errechnet, ist es soweit.
Irgendwann am späten Abend hakt sich die Diskussion über einem Text der Bahai-Sekte fest. Dort wird auf Gott Bezug genommen, und er wird "ER" genannt. Die Frauen protestieren gegen das maskuline Pronomen. Für eine Weile reden sie im Kreis herum. Schließlich wird der Disput von einer mörderischen Überfallsirene zerrissen. Alan hat sie in Gang gesetzt. Der Unterricht springt weiter, wie eine Plattennadel, die sich aus einem Kratzer befreit hat.
Und später wird tatsächlich getanzt, mit Bären-, Clowns- und Politikermasken. Alan ist in Fahrt. Das hier ist nicht mehr Unterricht, das ist die Verwandlung, die Entgrenzung. Und wer weiß, vielleicht der Anfang zum Neuen Menschen. Ein Wesen mit höherem Bewußtsein - und garantiert geschlechtslos.
Nicht nur Universitäten und Colleges - auch Oberschulen und Grundschulen sind vom Harassment-Fieber gepackt. In einer landesweiten Erhebung unter Schülern der Klassen 8 bis 11 gaben 85 Prozent der Mädchen und 76 Prozent der Jungen an, sexuell belästigt worden zu sein. Die Knuffereien auf dem Schulhof werden in der Amtssprache "Geschlechter-Terrorismus" genannt.
"Wir müssen diesen Schmutz stoppen, bevor er auf die nächste Generation übergeht", sagt Sue Sattel in ihrem kleinen Büro in Minnesotas Hauptstadt St. Paul, gleich gegenüber vom Kapitol. Sie wirkt sanft, aber entschlossen. Wenn sie über den "Schmutz" spricht, erinnert sie an jene konservativen Propagandisten, die mit ihren "Sex Respect"-Programmen derzeit die Schulen des Landes durchkämmen. Deren frohe Aufklärungsbotschaft: Sex ist Sünde.
Sue Sattel, eine christliche Fundamentalistin? I wo. Sie ist seit '68 Feministin, lebte in einer Kommune und versuchte, als alternative Pädagogin das "System von innen zu verändern". Jetzt führt sie "Sexual Harassment Workshops" durch und ermuntert dazu, Harassment-Fälle anzuzeigen.
Ihre Arbeit trägt Früchte. Da ist die 18jährige Katie Lyle, die ihren Schuldistrikt verklagte, weil sie in einem obszönen Graffito auftauchte. Schadensersatz: 20 000 Dollar.
Über die Summe für Chelsea Hentz, ein siebenjähriges Mädchen, das im Schulbus dreckige Witze von gleichaltrigen Jungen anhören mußte, wird noch verhandelt. Insgesamt ist ein Damm gebrochen. "Wir brauchen mehr Kräfte", seufzt Sue Sattel befriedigt. In einer soeben abgeschlossenen Untersuchung über die Grundschulen eines einzigen Distrikts hat sie 600 neue Fälle gezählt.
Doch nun klagt zum erstenmal ein Junge, Jonathan Harms aus dem Flecken Rice. Die Frauenrechtlerinnen des "National Women's Law Center" sind empört. Sie finden, daß der Harassment-Paragraph nur für Mädchen gelten sollte. "Unsinn", sagt Sue Sattel, "Schmutz gibt es überall."
Rice liegt am Oberlauf des Mississippi. Eine gottesfürchtige Gegend. Düstere Billboards am Highway weisen darauf hin, daß "Abtreibung die Todesursache Nummer 1" ist. Hinter Maisfeldern ein paar Kramläden, eine Kirche und ein Transparent über der Hauptstraße. Rote Herzen sind darauf und der Spruch "Rice liebt seine Kinder".
Sam Harms, der Vater von Jonathan, ist ein dickschädeliger Bursche, ein Baptist, der am liebsten den Rechtsaußen Pat Buchanan als Präsident hätte. Homosexualität hält er für eine krankhafte Verirrung. Und die Feministinnen? "Zur Hölle mit ihnen."
Doch die Feministin Sue Sattel ist derzeit seine wichtigste Verbündete. "Schwanzlecker haben sie Jonathan genannt", zischt Judi, seine Frau, durch die spärlich besuchte Fernfahrerkneipe. Sie säbelt an ihrem Hamburger. "Und er würde Sex mit mir haben." Sam trinkt seine Cola und starrt vor sich hin. "Laß uns nach Hause gehen", sagt er irgendwann, "das ist kein Gespräch für eine öffentliche Kneipe."
Kurz darauf sitzen sie auf dem grünen Veloursteppich vor dem Fernsehgerät und spielen Videobänder vor, News und Talkshows, die aus ihrem Sohn eine Berühmtheit gemacht haben.
Aus Fernsehberichten, Erinnerungen und amtlichen Schriftstücken komplettiert sich allmählich das Bild eines Jungen, der im Pädagogenjargon "Problemkind" genannt wird. Er ist unbeweglich, ein wenig dicklich und schwabbelig am Oberkörper, so daß es aussieht, als hätte er kleine Brüste.
Ein gewisser Dennis führt das Kesseltreiben gegen ihn an. Er stammt aus gutem Hause, ist intelligent, der geborene Gruppenführer, und er kennt die meisten Schmutzwörter. Jeder will sein Freund sein. Und jeder haßt Jonathan.
Jonathan erledigt seine Hausaufgaben nicht mehr und wird dafür von den Lehrern getadelt. Er ist zunehmend unkonzentriert. "Wenn er doch wenigstens mal zugeschlagen hätte", sagt Sam Harms. "Dann hätten wir uns den ganzen Kram ersparen können."
Der Schuldirektor will nicht eingreifen. Er sagt, ihm fehlten die Beweise. Da kauft Sam Harms seinem Sohn ein Tonbandgerät. "Wir haben zu Hause geübt, wie man es heimlich anschaltet", sagt er. Judi Harms läßt das Band laufen. Auf einem Transskript hat sie die anstößigen Stellen gelb markiert.
Das Tonband ist ein Horrordokument. Nicht, weil es obszön ist, sondern weil es die infantile Lust von Pennälern dokumentiert, ein Opfer auszusuchen und zu quälen.
"Warum hast du mich gerade geschlagen, Dennis?" hört man Jonathans Stimme. "Weil ich Lust dazu hatte, du Knalltüte." Jonathan weiß, daß so was zwar weh tut, aber unbrauchbar ist. Unter Tränen fragt er: "Wie hast du mich vorher genannt?" "Pißloch", hört man eine höhnische Jungenstimme. "Nein, davor." Wieder die Stimme: "Altes Pißloch. Schwanzlecker."
Eine Woche lang sammelt Jonathan Schmutz. Dabei läßt er sich schlagen, treten, mit Stöcken bearbeiten. Nebenprodukte, für die sich keine Eltern, keine Lehrer, keine Richter interessieren. Er läßt sich verhöhnen, von Mädchen und Jungen beschimpfen, um jene Worte zu sammeln, die in der Erwachsenenwelt juristisch eine Rolle spielen. Gegen Baseballschläger, Waffen und Drogen haben die Schulbürokratien den Kampf verloren. Doch gegen Schmutzwörter sind sie, seit neuestem, zum Durchgreifen entschlossen.
Erst Sue Sattel hat die Harms darauf hingewiesen, daß sie bei der Menschenrechtsbehörde gegen die alte Schule klagen können. Seitdem korrespondieren die Harms mit Staatsanwälten und Senatoren. Jonathan hat selbst Präsident Clinton einen Brief geschrieben.
Während die Mutter in Dokumenten wühlt, trampelt Jonathan ins Haus, ein blonder, sommersprossiger zwölfjähriger Junge, der Eishockey spielt und über die Hausaufgaben stöhnt - mittlerweile ist er auf einer anderen Schule, wo er keine Probleme hat.
Ob er unter den sexuellen Wörtern mehr gelitten habe als unter den Prügeln? "Keine Ahnung", sagt er. Was er später einmal werden möchte? "Psychologe", kommt die überraschende Antwort. Warum? "Weil die nur dasitzen, ,aha' sagen und damit einen Haufen Geld verdienen." Fünf Besuche mußte er wegen möglicher "Traumatisierung" absolvieren.
Der Distrikt und die Eltern der beschuldigten Kinder haben sich Anwälte genommen. Auch die Harms wurden von großen Kanzleien bis aus New York umworben. Harms winkte ab. "Ich brauche keinen dieser Typen, der mir sagt, was ich tun soll", sagt er. Im übrigen hat er einen tüchtigen Bündnispartner - die Feministin Sue Sattel.
Die prominente Kanzlei Knutson, Flynn und Partner residiert in einem der oberen Stockwerke des mondänen World Trade Center in Minneapolis-St. Paul. Die Anwälte haben das Paragraphenwerk der schulischen Harassment-Politik in Minnesota entworfen. Nun vertreten sie die Interessen des Schuldistrikts gegen die Harms.
Holztäfelung, indirektes Licht, moderne Kunst an der Wand. Hinter den Panoramascheiben funkelt die Stadt. Jetzt, da die Büros leer sind, ist der Jurist Flynn zum Philosophieren aufgelegt. "Die Harassment-Branche ist eine Goldmine für Anwälte", sinniert er. "Wir haben Tonnen von Fällen."
Genauer: über 700. Meistens sind es Frauen, die klagen. Doch auch Männer entdecken allmählich die Harassment-Klage - als Karrierewerkzeug, Rachemittel, Geldmaschine.
Flynn erzählt von den letzten, prominenten Fällen aus Minneapolis. Da war Paula Mackabee vom Stadtrat, die einen männlichen Angestellten feuerte. Der verklagte sie daraufhin wegen sexueller Diskriminierung in Tateinheit mit Belästigung. "Die Anwälte haben an dem Prozeß eine halbe Million verdient", sagt Flynn lächelnd. "Man hat sich schließlich bei 150 000 Dollar verglichen."
Mit besonderem Vergnügen berichtet er vom Fall des Richters Alberto Miera, der seinen jungen Stenografen küßte und dafür 150 000 Dollar Schmerzensgeld bezahlen mußte. "Dafür würde ich mich auch küssen lassen", sagt Flynn lächelnd. Nach einer kurzen Pause: "Na ja, kommt drauf an, wie intensiv."
"Falls Sie mal klagen wollen", sagt Flynn zum Abschluß, "lassen Sie es mich wissen - hier ist meine Karte."
Die Möglichkeiten dazu sind in der gegenwärtigen amerikanischen Harassment-Hysterie reichlich. Auf dem Flughafen von Minneapolis erklärt der Sicherheitsbeamte hinter der Schleuse förmlich: "Ich informiere Sie hiermit, daß ich Sie abtaste." Aber das, erwidert der Fluggast verdutzt, gehöre doch wohl zu seinem Job. Der Beamte zuckt resigniert mit den Schultern. Es ist eine neue Verordnung. Gerade fünf Stunden alt. "Es kommt von ganz oben."
Was geschehen war? Eine Frau habe sich über die Routineuntersuchung beschwert. Sie war "schockiert" und "traumatisiert" durch die "unerwartete" Körperberührung. Die Frau war eine Stewardess. Y
"Ich habe nie auf meine Mutter gehört - später war ich klüger"
"Man kann doch Liebe nicht mit Gesetzen regulieren"
"Im Jahr 2012 ein neues Bewußtsein"
"Ja, du darfst deine Hand auf meine Schulter legen"
"Das Niveau ist weg, jede Gruppe umtanzt den eigenen Totem"
"Tanz und Ekstase als Vorbereitung auf ein neues Geschlecht"
"Wir müssen den Schmutz stoppen, bevor es zu spät ist"
"Hätte er doch nur zugeschlagen, wäre alles in Ordnung"
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 20/1994
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Vereinigte Staaten:
Hexenjagd auf dem Campus

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