07.11.1994

ZeichentrickHamlet in Afrika

Die finstere Fabel „Der König der Löwen“ ist der erfolgreichste Disney-Film aller Zeiten.
In seinem erfolgreichsten Auftritt ist Hamlet ein Löwe. Deshalb lebt er auch nicht in Dänemark, sondern in der Serengeti. Und weil dort Hamlet ein ganz und gar unpassender Name wäre, heißt der tragische Held Simba.
Aber auch in der afrikanischen Steppe, über die sein Vater als König herrscht, trifft Hamlet-Simba die ganze Shakespearesche Tragödienwucht: Simbas Onkel ermordet Simbas Vater, um selbst an die Macht zu gelangen. Und Prinz Simba vertrödelt die Zeit, anstatt seinen Vater zu rächen.
Der Zeichentrickfilm mit dem düsteren Thema, von den Walt-Disney-Studios produziert, ist der erfolgreichste seiner Art und die Nummer sechs der ertragreichsten Kinofilme aller Zeiten: Mehr als 250 Millionen Dollar spielte "Der König der Löwen" in zehn Wochen in den USA ein. Kommende Woche läuft er in Deutschland an.
Drei Hauptautoren und 16 weitere Schreiber brauchten vier Jahre, um eine halbwegs überzeugende Geschichte auszuarbeiten, die in die gleichen tiefen Ebenen des Bewußtseins hinabdringt wie die Marlboro-Werbung. Erst sollte der Film "König des Dschungels" heißen; dann, nach gründlicher Recherche, fanden die Disney-Leute heraus, daß Löwen in der Steppe leben. Kurze Zeit später wurde der Regisseur gefeuert.
Auch bei der Musik gab es Schwierigkeiten: Elton John komponierte die Songs - eindrucksvoller Pop, schöner Rock'n'Roll -, die aber leider alles andere als afrikanisch klangen. Und allmählich wurde klar, daß sich das ganze Löwen-Team nicht so recht für Afrika interessierte. Die Disney-Leute hielten den Kontinent für braun, trocken und ziemlich öde.
Also schickte der damalige Studio-Chef Jeffrey Katzenberg die Löwen-Leute, darunter den neuen Regisseur Roger Allers, auf eine zweiwöchige Campingtour nach Ostafrika; der Rest des Teams besuchte Löwen im Zoo oder lud sie sich ins Studio ein. Das brachte, knapp zwei Jahre nach der ersten Idee, den Durchbruch. Auf die Schnulze "Die Schöne und das Biest" und die Komödie "Aladdin" folgt eine Tragödie.
In der Schlüsselszene lockt der körperlich schwache, geistig aber starke und bösartige Onkel Scar den jungen und naiven Prinzen Simba in eine Schlucht, durch die plötzlich eine gigantische Gnu-Herde flüchtet; zwei Jahre arbeiteten Techniker an dieser zweieinhalb Minuten kurzen Computeranimation, die in ihrer Symmetrie an Bilder des Malers Maurits Cornelis Escher erinnert. Simbas Vater rettet seinen Sohn, aber dem Onkel gelingt es in dem Chaos, den geplanten Königsmord endlich auszuführen - und Simba für den Tod des Vaters verantwortlich zu machen.
Der Plot ist so teuflisch, weil er mit dem Ödipus-Mythos spielt, dem Wunsch des Sohnes, den Vater zu töten - schließlich hatte Simba bereits singend verkündet, er könne es gar nicht erwarten, König zu werden. Zudem vermittelt die Geschichte Kindern die Vorstellung, ihre Naivität sei für Eltern eine tödliche Gefahr. Die kitschige Ästhetik wirkt allenfalls wie ein Weichzeichner - noch nie war ein Disney-Film so finster, noch nie ein Zeichentrickfilm auch ein Psychotrickfilm. Simba flieht vor seinen Schuldgefühlen in den Urwald - der erste Löwe, der einen Psychiater braucht.
Dort trifft er auf zwei kuriose Freunde, ein Warzenschwein und ein Erdhörnchen, das erste schwule Paar in einem Disney-Film. Die beiden, in der Nahrungskette deutlich unterhalb des Löwen, überzeugen Simba von der Schmackhaftigkeit bunter Käfer und zeigen ihm mit einem Lied eine ganz neue Perspektive für sein Leben: "Hakuna Matata", singen sie, die Kisuaheli-Version von "Don't worry, be happy".
Die Stimmen der beiden stammen von zwei New Yorker Komikern. Weil bei Zeichentrickfilmen die Sprache aufgenommen wird, bevor der Film fertig gezeichnet ist, übernahmen die Produzenten außerdem die Körpersprache der Schauspieler, die sie auf Video aufgenommen hatten. Auch die Blähungen des Warzenschweins haben ihren Ursprung in einem Ereignis während dieser Sprachaufnahmen.
Bekrittelt wurde in den USA vor allem eines am Löwenkönig: Weil ein freches und bösartiges Hyänenpack, das ganz Löwen-Land verwüstet, wie eine Straßengang schwarzer Jugendlicher auftritt, warfen Kritiker dem Film mangelnde politische Korrektheit vor. Daß sich Zebras lieber von guten Löwen als von bösen Hyänen fressen lassen, störte Moralisten ebenfalls.
Dabei ist die Moral der Geschichte über Zweifel erhaben: Schluß mit dem Lustprinzip, Erwachsenwerden heißt, die Pflicht zu erfüllen und nach dem Realitätsprinzip zu leben.
Soviel Ernst wäre kaum erträglich ohne den heimlichen Star des Films: Onkel Scar (in der Originalversion gesprochen von Jeremy Irons), der langsam und schleppend geht, aber schnell denkt. Nichts ist interessanter als ein intelligenter Schurke und nichts unterhaltsamer als kleine, spitze Bosheiten wie die, mit denen Scar den Löwenprinzen quält.
Als Simba die Hyänen mit seinem lächerlichen Quäken einschüchtern will, blickt der Onkel aus den Winkeln seiner schmalen, grünen Augen herab: "Oh, ganz unter uns", sagt er, und die ganze Serengeti scheint einzufrieren, "du solltest vielleicht ein wenig an deinem kleinen Knurren arbeiten, hmm?" Y

DER SPIEGEL 45/1994
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