23.05.1994

„ICH BIN FEINDLICH“

SPIEGEL: Herr Feuerstein, was machen Sie eigentlich in der Sendung "Schmidteinander", wenn Sie an Ihrem Katzentisch sitzen.
Feuerstein: Ich habe einen Monitor auf dem Tisch stehen und gucke mir darauf Karl Dall an.
SPIEGEL: Finden Sie Dall witziger als Schmidt?
Feuerstein: Nein. Der Monitor ist meine Zuflucht, um nicht hinhören zu müssen, was Schmidt sagt.
SPIEGEL: Noch einmal: Was tun Sie an Ihrem Katzentisch?
Feuerstein: Ich fürchte nichts mehr als Nachfragen. Man setzt eine geniale, stimmige Phrase irgendwohin, und dann kommt jemand und fragt nach, und dann merkt man, daß es eine Seifenblase war, was man eben gesagt hat.
SPIEGEL: So ist das nun mal in Gesprächen.
Feuerstein: Lassen Sie doch bitte meine Seifenblasen so stehen, und zerlöchern Sie nur die, die es dringend nötig haben. Die anderen platzen ohnehin von selber.
SPIEGEL: Na gut, Sie mögen Schmidt nicht?
Feuerstein: Das Grundthema der Sendung ist, wie mich Schmidt quält. Wir haben da so eine intellektuelle, manchmal auch körperliche Sadomaso-Geschichte.
SPIEGEL: Was heißt das?
Feuerstein: Zum Beispiel, daß er mich mitten in der Sendung an den Beinen hochnimmt und schubkarrenmäßig durchs Studio fährt. Oder mir ständig meine wenigen Gags vermasselt - gegen jede Verabredung. An Verabredungen hält sich Schmidt sowieso nie. Als Antwort bleiben mir nur meine Phantasien. Zum Beispiel, wie _(Das Gespräch führten die ) _(SPIEGEL-Redakteure Nikolaus von ) _(Festenberg und Thomas Hüetlin. ) ich ihn auspeitsche. Oder wie er aussieht, wenn er tot ist.
SPIEGEL: Feuerstein der Täter, Feuerstein das Opfer. Was denn nun?
Feuerstein: Schmidt ist ein erbarmungsloser Entdecker von Schwächen. Und ein Ausnützer. Ich habe ihn nur ein einziges Mal voll erwischt, wie er einmal einen Migräneanfall hatte. Kurz vor einem Dreh, da bin ich sehr stolz drauf. Ich habe Bilder gemacht, wie er völlig fertig nach dem Kotzen am Tisch sitzt und halb ohnmächtig ist. Alle anderen haben versucht, ihn zu ermuntern und aufzurichten. Ich habe nur gelacht und ihn mit einer Polaroid geknipst. Die Bilder sehe ich mir an, wenn es mir schlecht geht.
SPIEGEL: Kollegiale Verachtung als Grundplot für "Schmidteinander", das haben wir begriffen. Aber wenn Sie und Schmidt ohne Kamera zusammen sind, dann lachen Sie sich doch eins.
Feuerstein: Wir haben keinerlei privaten Kontakt. Wir sehen uns zur Sendung. Ich faxe ihm den Ablaufplan. Wenn keine Reaktion erfolgt, weiß ich, daß er ihm gefällt. Oder daß er ihm nicht gefällt. Oder daß Schmidt gar nicht da ist. Oder daß er da ist, aber mein Fax nicht liest. In der Sendung macht er aber trotzdem meistens, was ich vorgeschlagen habe.
SPIEGEL: Sind in Ihrem Fax alle Gags festgelegt?
Feuerstein: Nein. Es ist ja sehr, sehr viel live. Viel mehr live, als die Leute glauben.
SPIEGEL: Das sagen alle.
Feuerstein: Nein, nein. Schmidt ist der Unprobierteste aller Unterhaltungsleute. Und Schmidt ist um so besser, je weniger geprobt wird. Was verbal zwischen uns läuft, ist immer offen. Ich habe immer ein bißchen Munition dabei, Sachen, mit denen ich ihn herausfordern kann.
SPIEGEL: Der Gequälte wehrt sich.
Feuerstein: Alle, die mit Schmidt arbeiten müssen, zittern vor ihm. Der Mann hält doch mit seiner Unberechenbarkeit ganze Sendeanstalten in Geiselhaft. Neulich, als ich mal verreist war, sah ich beim Rückflug riesige Schlagzeilen über Schmidt. Ich rechnete mit allem möglichen und hoffte auf Selbstmord, schwere Krankheit, Verkrüppelung. Statt dessen hatte er sich nur die Haare kurz geschnitten. Mir war das egal, weil ich Schmidt nur bis zum Adamsapfel wahrnehme. Höher guck'' ich nicht.
SPIEGEL: Gibt es außer Harald Schmidt noch ein anderes Thema, das Sie interessiert. Denken Sie über Humor nach?
Feuerstein: Ich sehe das Prinzip der Schadenfreude als den Motor des Humors. Es gibt nur den einen Primärwitz: Zwei Neandertaler sitzen nebeneinander. Einem fällt eine Kokosnuß auf den Kopf. Da lachte der andere zum ersten Mal.
SPIEGEL: Welcher der beiden sind Sie?
Feuerstein: Ich bin der Loser. Ich bin der Mann, der immer den kürzeren zieht. Eine klassische Rolle im Entertainment.
SPIEGEL: Der Berti Vogts der deutschen Fernsehunterhaltung.
Feuerstein: Ich bin eine Sympathiefigur, mit der sich die Leute deswegen identifizieren, weil sie geprügelt wird. In jedem kleinen Mann steckt der Verlierer. Schmidt und ich vertreten das Konzept der totalen Lächerlichkeit. Und das bedeutet, sich in erster Linie selber lächerlich zu machen. Ich mag es nicht, wenn mit dem Zeigefinger auf Moralrezepte gewiesen wird. Ich halte die Leute - unsere Zuschauer zumindest - für klug genug, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.
SPIEGEL: Aber es gibt Tabus für den Humor. Bleiben Ihnen Ausländerwitze nicht im Halse stecken?
Feuerstein: Mir sind Leute suspekt, die ihre Moral als Serviette umgebunden haben, um sich nicht selber schmutzig zu machen. Bei uns setzt sich keiner ans Klavier und singt dazu ein Lied für die Freiheit und gibt dem Türken die Hand. Auch der Behinderte hat bei uns ein Recht auf Verarschung.
SPIEGEL: Sie haben also was gegen politische Korrektheit?
Feuerstein: Ich habe was gegen Ausgrenzung. In dem Augenblick, da man irgendeine Minorität ausnimmt aus der Verarschung, macht man sie erst richtig zur Minorität. Deshalb machen wir Schwulenwitze, Frauenwitze, Türkenwitze - aber nicht als Selbstzweck, sondern als Teil des Ganzen.
SPIEGEL: Fürchten Sie nicht das Etikett ausländerfeindlich, frauenfeindlich, schwulenfeindlich?
Feuerstein: Überhaupt nicht. Ich bin feindlich. Aus. Vor allem gegen mich selber.
SPIEGEL: Feuerstein - der Mann ohne Normen?
Feuerstein: Die Anti-Norm. Jedenfalls würde ich das gerne sein. In Wirklichkeit bin ich wahrscheinlich ein Anarcho-Spießer. Sartre als Gartenzwerg.
SPIEGEL: Die Seifenblase bewunderten wir schon. Wer ist die Person Herbert Feuerstein?
Feuerstein: Ich komme aus dem Katholizismus. Ich wurde, glaube ich, von irgendwelchen Wandfresken gezeugt, in irgendwelchen Kirchen. Ich nehme an, die müssen da herabgestiegen sein.
SPIEGEL: Der Heilige Geist kommt jetzt über Herbert Feuerstein.
Feuerstein: Als Kind habe ich mir immer so Tischdecken umgehängt und eine Klobürste in die Hand genommen und war dann wirklich Priester, sehr überzeugter Priester. Und mit meinem kleinen Bruder hab'' ich immer ein gräßliches Spiel gespielt, zum Entsetzen der Eltern. Ich hab'' ihn im Nebenzimmer auf einem Tisch aufgebahrt und die Tür geöffnet, zur Sichtung für die Trauergäste. Er mußte ganz stumm liegen, wenn er gelacht hat, hab'' ich ihm eine gescheuert, damit er wieder still ist. Dazu sang ich ein Requiem.
SPIEGEL: Sie sind aber nicht Priester geworden, sondern haben am Salzburger Mozarteum Musik studiert, sind für zehn Jahre nach Amerika gegangen und haben dann die deutsche Ausgabe der Zeitschrift Mad gemacht.
Feuerstein: Es ist wahr, ich habe in Salzburg einen Notenschlüssel von einer Kloschüssel zu unterscheiden gelernt . . .
SPIEGEL: Bravo Feuerstein.
Feuerstein: . . . ein Gag, der schon Mozart immer einen garantierten Lacher brachte. Und ich kann Klavier spielen. Ich bin mit 21 von Salzburg mit einem Einwegticket nach New York. Das hat mir mein Vater gekauft. Zur Finanzierung der Rückreise war er nicht mehr bereit.
SPIEGEL: Sie wurden verstoßen?
Feuerstein: Ich bin da einer Austauschstudentin nachgerannt, die ich später geheiratet habe. Ich wollte von New York aus für österreichische Zeitungen berichten. Aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich hatte mir dann nach kürzester Zeit eine leere Baustelle zum Verkommen ausgesucht.
SPIEGEL: Aber dann fanden Sie Arbeit erst bei der deutschsprachigen New Yorker Staats-Zeitung und später beim österreichischen Konsulat.
Feuerstein: Ich war für Nachrufe zuständig und für eine Schiffskolumne. Die Pressearbeit beim Konsulat, die nebenbei lief, war mein Einstieg in die Satire.
SPIEGEL: Wie haben Sie das ausgehalten?
Feuerstein: Schlecht. Ich war ein sehr starker Hypochonder. Mit allem Drum und Dran, bis zum Psychiater hin.
SPIEGEL: Was für Leiden hatten Sie befallen?
Feuerstein: Eigentlich alle. Aber vor allem Phobien, Ängste, wirkliche Schwierigkeiten vom Über-die-Brücke-Fahren bis zum U-Bahn-Benutzen. Ich stand im Supermarkt, konnte aber nur für Minuten drinbleiben, denn plötzlich packte es mich, und ich meinte, ich falle in die Registrierkasse.
SPIEGEL: Haben Sie die Ängste abgelegt?
Feuerstein: Ich habe das damals nur durchgestanden, indem ich mich mit Ärzten anfreundete. So mußte ich sie nicht bezahlen - es gab ja keine Krankenkasse dort. Mit einem habe ich ein halbes Jahr lang getischlert. Es war ein herrliches Gefühl, in der Werkstatt jederzeit ohnmächtig werden zu dürfen, weil der Notarzt direkt daneben stand. Ich baute damals aus Angst ein Klavichord, das habe ich heute noch.
SPIEGEL: Von Psychotherapien halten Sie nichts?
Feuerstein: Schauen Sie sich Woody Allen an. Der ist schon 35 Jahre in Therapie. Der ist noch _(* Oben: beim Überreichen eines ) _(Ulkpreises an Reinhold Messner 1978; ) _(unten: während seiner Ausbildung im ) _(Salzburger Mozarteum 1956. ) eine Stufe weiter als ich. Das ist die totale Hingabe zur Lächerlichkeit.
SPIEGEL: Dann haben Sie im Alleingang die deutsche Ausgabe der amerikanischen Blödel-Zeitschrift Mad gemacht.
Feuerstein: Ich habe mich zu Hause eingemauert und hatte die wunderbare Freiheit, alles alleine machen zu können. So eine Zeitschrift funktioniert ja nicht, indem man sich von neun bis fünf über die Schulter guckt und sagt, das ist lustig. Da greift man früher oder später zur Handgranate. Ähnlich unmöglich wäre es, mit Schmidt eine Sendung vorzubereiten . . .
SPIEGEL: Sie sind schon wieder bei Ihrem Lieblingsfeind.
Feuerstein: Herr Schmidt ist jemand, der Leute relativ schnell aufsaugt. Er ist ein sehr bedeckter, eingemauerter Mensch, viel mehr noch als ich. Mit viel größeren Berührungsängsten. Also an ihn heranzukommen, glaube ich, schafft niemand.
SPIEGEL: Sind Sie 24 Stunden am Tag Entertainer?
Feuerstein: Ich sehe die private und die Fernsehperson nicht als zwei verschiedene an. Ich bin ein bekennender Exhibitionist und habe in "Schmidteinander" gut 200 Figuren dargestellt, von "Superstein, Retter der Hausfrau" über die Zwergbrillenratte bis zu Hillary Clinton, aber letzten Endes waren das alles peinliche Feuersteine.
SPIEGEL: Gibt es keinen privaten Feuerstein?
Feuerstein: Ich würde es Ihnen ja sagen, wenn ich es wüßte. Wahrscheinlich bin ich eine Zwiebel: Man zieht eine Haut nach der andern runter, und plötzlich ist nichts mehr da.
SPIEGEL: Sie wohnen in einer Kölner Vorstadt in einem Dachgeschoß, unter Ihnen sind nur Arztpraxen und Geschäfte. Das Leben findet für Sie nur im Fernsehen statt.
Feuerstein: Ich möchte so antworten. Für Schmidt ist die Vorstellung von Glück, ein Wochenende allein mit 20 Dosen Gulaschsuppe zu verbringen. Das trifft auch für mich zu, nur müßten es 20 Büchsen Kaviar sein.
SPIEGEL: Sie sollen auch Japanisch sprechen.
Feuerstein: Ja, ein Wort: "shitsurei".
SPIEGEL: Das heißt?
Feuerstein: Mein Lebensinhalt: "Verzeihen Sie mir, daß ich Sie beleidige." Das sagt der höfliche Japaner ständig als Entschuldigung, daß er überhaupt auf der Welt ist.
SPIEGEL: Herr Feuerstein, shitsurei, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y
Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Nikolaus von Festenberg und Thomas Hüetlin. * Oben: beim Überreichen eines Ulkpreises an Reinhold Messner 1978; unten: während seiner Ausbildung im Salzburger Mozarteum 1956.
Von N. v. Festenberg und T. Hüetlin

DER SPIEGEL 21/1994
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