06.01.1992

HandelUnterschrift genügt

Der bargeldlose Einkauf hat sich bisher nicht durchgesetzt, ein neues System soll Abhilfe schaffen.
Im Frankfurter toom-Markt am Nidacorso hat die Zukunft des Handels begonnen - doch kaum ein Kunde hat es bemerkt.
Nur gelegentlich nimmt jemand von dem kleinen Kästchen Notiz, das an einem schwenkbaren Arm über den 21 Rollbändern hängt. Der Kunde steckt seine Scheckkarte in einen Schlitz und tippt seine Geheimnummer ein. Die Rechnung wird dann sofort vom Konto abgebucht.
So unscheinbar beginnt, was einmal als Revolution des Handels gedacht war. Im bargeldlosen Einkauf sahen die Strategen der Branche schon vor vielen Jahren die nahe Zukunft.
Es kam anders. Bis heute hat sich Electronic cash, in Anlehnung an den Eurocheque ec-cash genannt, nicht durchgesetzt.
Auch die Zukunft der kleinen Kästchen bei toom ist keineswegs sicher. "Es ist nur ein Versuch", sagt Eberhard Buchholz vorsichtig. Der Geschäftsführer des Handelsriesen Rewe, zu dem auch die toom-Kette gehört, will den ersten Versuch in einem deutschen Warenhaus sofort stoppen, wenn der Test mißlingt.
Das scheint durchaus möglich. Denn so richtig zufrieden sind die Beteiligten mit dem modernen System nicht, weder die Banken noch die Händler, und die meisten Kunden auch nicht.
Vielen Verbrauchern ist das Gerät noch zu kompliziert, ein großer Teil von ihnen hat zudem die persönliche Geheimnummer längst vergessen. Und Banken und Handel streiten sich erbittert über die Kosten des bargeldlosen Zahlens - und darüber, wer diese zu tragen hat.
Ein neues und vor allem billigeres System müsse her, fordern deshalb die Kritiker des Verfahrens. Die Vertreter der Branchen-Verbände einigten sich auf einen Kompromiß, der eine Fortsetzung des Streits garantiert.
Ec-cash soll, so der Doppel-Beschluß, modifiziert und durch eine Alternative ergänzt werden. Beim sogenannten Lastschrift-Verfahren muß der Kunde keine Geheimnummer eingeben, die Unterschrift genügt.
Nun wird wieder getestet, wie schon so oft in den vergangenen zehn Jahren. So lange haben Händler und Banken Konzepte entwickelt und wieder verworfen. Es gab Feldversuche und Pilotprojekte mit Magnetkarten und Chipkarten.
Viele Experten können das endlose Gezänk nicht verstehen. Ec-cash wird bei Tankstellen seit einem Jahr im Masseneinsatz erprobt. Das Konzept scheint überzeugend, sehr sicher und zudem bequem.
Beinahe jeder erwachsene Bundesbürger könnte es nutzen. Über 30 Millionen Eurocheque-Karten wurden bisher verteilt. Hinzu kommen mehr als 15 Millionen Kundenkarten der Kreditinstitute, etwa die Bankcard der Volksbanken und die S-Card der Sparkassen.
Zum Schlüssel für die Kasse wird, ganz ähnlich wie beim Geldautomaten, der Magnetstreifen auf der Rückseite. Er speichert alle wichtigen Angaben über Inhaber, Konto, Bankleitzahl und die persönliche Identitätsnummer, kurz PIN genannt. Diese vierstellige Geheimzahl kennt nur der Kontobesitzer.
Die Bezahlung ist simpel. Das kleine Kästchen kann lesen, prüfen und zugleich Daten übertragen. So wird telefonisch in Sekunden überprüft, ob das Konto überhaupt gedeckt ist.
"Ab sofort können Sie mit Ihrer ec-Karte schnell, einfach und sicher bezahlen", so wirbt die Geldbranche auf Handzetteln für ec-cash. Auch der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) hat eine "ganze Reihe von Vorzügen" entdeckt.
Electronic cash sei das modernste und sicherste Zahlungssystem, weiß der HDE-Experte Hans Weyhenmeyer, sogar sicherer als Bargeld. Und es hat für den Handel einen ganz besonderen Vorteil: Der Boom der Kreditkarten könnte gebremst werden. Die Händler ärgern sich über Gebühren der Kartenkonzerne zwischen drei und fünf Prozent vom Umsatz.
Auch einige Bankmanager halten eccash für "nützlich und erstrebenswert", wie Jürgen Terrahe von der Commerzbank. Bargeld und Scheck seien doch längst überholt, das Verfahren sei zeitraubend und kostspielig. Die Banken möchten zudem die Bargeldwirtschaft eindämmen. Der Zahlungsverkehr, klagt Terrahe, sei defizitär.
Doch das bargeldlose Zahlen kostet ebenfalls Geld. Und das macht das System so umstritten.
Jeder Einkauf löst eine Buchung aus, dafür wird auf den Kundenkonten zumeist eine Gebühr fällig. Nur bei wenigen Geldhäusern werden die Kontokosten pauschal abgegolten.
Etlichen Einzelhändlern ist das System ebenfalls zu teuer. Sie müssen Terminals kaufen oder mieten, Leitungskosten und Buchungsgebühren tragen. Die Banken berechnen den Händlern 0,3 Prozent vom Umsatz, wenigstens aber 15 Pfennig pro Buchung. Alle Kosten zusammen, haben die Händler berechnet, verschlingen 0,8 bis 1,3 Prozent des Geschäfts.
Beim Einzelhandel mit Lebensmitteln etwa, weiß HDE-Experte Weyhenmeyer, "ist ein Prozentpunkt nicht drin". Die Gewinnspanne dort ist viel zu gering. Auch Warenhäuser mit vielen dezentralen Kassen wollen sich nicht mit ec-cash anfreunden.
Manche Händler bevorzugen deshalb das sogenannte Lastschrift-Verfahren. Diese Methode ist etwas billiger. Die Bonität wird nicht überprüft, das spart Leitungskosten. Über eine Datei wird lediglich abgefragt, ob die Karte gesperrt ist. Ganz ähnlich wie bei Kreditkarten muß der Kunde nur unterschreiben.
Das Verfahren ist freilich nicht ungefährlich. Gauner können mit einer gestohlenen oder gefundenen ec-Karte bequem einkaufen gehen. Die Unterschrift ist von der Rückseite schnell ablesbar.
Plastikkarten können außerdem leicht gefälscht werden. Betrüger könnten sogar ohne Bank und ohne Konto einkaufen gehen. Kaum eine Kassiererin würde bemerken, daß es zum Beispiel eine Müllerbank überhaupt nicht gibt.
Das neue, mühsam ausgetüftelte System werde sich deshalb nicht durchsetzen, glauben die Kritiker. Sie setzen weiter auf ec-cash pur.
HDE-Mann Weyhenmeyer ist den Streit inzwischen leid. "Prüft beides", rät er seinen Händlern, "ihr müßt selbst entscheiden." o

DER SPIEGEL 2/1992
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