30.05.1994

KirchePastor von St. Gayorg

In Hamburg hat der erste evangelische Aids-Pfarrer seine Arbeit aufgenommen.
Behutsam führt der Pastor den weinenden Mittvierziger in der Lederjacke zur ersten Reihe der Trauerhalle, spricht ihm sein Beileid aus, nimmt ihn tröstend in den Arm.
In seiner Trauerrede würdigt der Pfarrer die liebevolle Beziehung, die nun, nach Gottes Willen, zu Ende gegangen sei. Eine solche Partnerschaft behalte ihren Wert auch über den Tod hinaus.
Die Trauer gilt nicht der Ehefrau, sondern einem Mann: dem Freund des Hinterbliebenen, der plötzlich verstorben ist. Das homosexuelle Paar hatte 20 Jahre zusammengelebt.
Der Geistliche, der die Zeremonie zelebriert, hat erst vor kurzem einen ungewöhnlichen Posten angetreten: Die Nordelbische Kirche hat Rainer Jarchow, 52, als Seelsorger für HIV-Infizierte und Aids-Kranke im Sprengel Hamburg eingestellt. Jarchow ist der erste evangelische Aids-Pastor, die Beerdigung auf dem Hamburger Hauptfriedhof gehört zu seinen ersten Amtshandlungen.
Gemessen am moralischen Anspruch konservativer Christen ist der Mann untragbar: Jarchow, bekennender Homosexueller, bezeichnet sich selbst als "schwul". In der schillernden Großstadtszene kennt er sich ebenso aus wie auf dem Straßenstrich.
Um die Verbreitung von Aids zu verhindern, vertritt Pastor Jarchow Standpunkte, die in der Kirche kaum mehrheitsfähig sind: Er predigt weder Enthaltsamkeit noch strenge Sexualmoral, sondern rät dringend zum Gebrauch von Kondomen.
Sein Lebenslauf ist für einen Theologen ungewöhnlich abwechslungsreich: Nach Jobs als Urlaubsseelsorger in Heiligenhafen und als Schulpastor in Oberhausen quittierte Jarchow den Kirchendienst, den er als einengend und eintönig empfand. Statt dessen schloß er sich Aussteigern an, hütete Ziegen in Griechenland und pflanzte dort Olivenbäume. Wieder in Deutschland, eröffnete der gelernte Theologe in Köln eine psychotherapeutische Praxis und versuchte, seelische Leiden mittels Meditation und Gesprächstherapie zu kurieren.
Daß die Kirche einen solchen Exoten heimholte, dokumentiert den Zwang, offensiver als bisher auf die durch Sexualkontakte übertragbare Immunschwäche Aids zu reagieren. Lange hatten sich auch viele evangelische Kirchenobere hinter dem gnadenlosen Urteil fundamentalistischer katholischer Bischöfe versteckt, Aids sei "eine Strafe Gottes".
In Hamburg, wo 1992 Maria Jepsen zur ersten deutschen Bischöfin gewählt wurde, sind die Würdenträger durch Verluste in den eigenen Reihen aufgerüttelt worden: Zwei evangelische Geistliche starben an Aids, mehrere sind HIV-positiv.
Alarmierend sind auch die Hamburger Aids-Daten. In Jarchows Wirkungsbereich leben mehr als 6000 Infizierte, über 1000 davon weisen Krankheitssymptome auf. 624 Hamburger sind bisher an Aids gestorben.
Um Trauernden beizustehen und Infizierten Mut zu machen, verfügt der neue Aids-Pastor über ausreichend Erfahrungen: Bis 1992 hat er als Bediensteter des Kölner Gesundheitsamtes vom Aids-Virus befallene Menschen beraten und betreut. Um die Aids-Stiftung "positiv leben" gründen zu können, opferte Jarchow eine Million Mark aus seinem ererbten Privatvermögen.
Ob der Einsatz des Aids-Pastors in Hamburg akzeptiert wird, hängt weitgehend von den Reaktionen in der Gemeinde St. Georg ab, von der aus Jarchow sein Amt ausübt. In dem von Drogensucht und Straßenstrich geprägten Problem-Stadtteil leben viele Homosexuelle. Reisebüros offerieren "Holigays", Gastronomen werben mit Slogans wie "Gay in May". Die Zahl der Infizierten ist in "St. Gayorg"(Volksmund) höher als anderswo. Die einschlägigen Kneipen sind jeden Abend überfüllt.
Damit die Kirche sonntags nicht so leer bleibt wie bisher, will Jarchow alle vier Wochen einen Gottesdienst zum Thema Aids abhalten. Den sollen Infizierte mitgestalten, die sonst um die Kirche einen Bogen machen: Strichjungen, Prostituierte, Drogenabhängige.
Beginn ist abends um 18 Uhr, der traditionelle Zehn-Uhr-Gottesdienst fällt dafür aus. "Morgens", sagt der Aids-Pastor, "liegen die noch kaputt im Bett."
Kritiker fürchten, Jarchow könnte wegen seiner persönlichen Nähe zur homosexuellen Klientel die Betreuung anderer Betroffener vernachlässigen, die ebenfalls kirchlichen Beistand brauchen können: infizierte Heterosexuelle oder Bluter, die durch verseuchte Plasma-Präparate angesteckt worden sind.
Bei einer Diskussion mit Schülerinnen und Schülern der Hamburger Erich-Kästner-Schule beteuert der Aids-Pastor, er sei "für alle da", nicht nur für die Gays, sondern natürlich auch für die "Stinos", die "Stinknormalen".
Als eine Schülerin von "Risikogruppen" spricht, reagiert er gereizt: "Den Begriff müßt ihr ganz schnell aus eurem Wortschatz streichen. Es gibt keine Risikogruppen, nur riskantes Verhalten."
Neugierig fragt ihn ein Schüler, ob er selber auch zum Test gegangen sei. Antwort: "Ja." Der Junge will weiter wissen, ob der Pastor vor dem Ergebnis Angst gehabt habe. Antwort: "Ja."
Die Frage nach dem Testergebnis traut sich der Schüler dann doch nicht zu stellen. "Ich hätte auch keine Antwort gegeben", sagt der Aids-Pastor. Y

DER SPIEGEL 22/1994
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