05.09.1994

KanadaMangel an Leidenschaft

Gefahr für die staatliche Einheit: In der frankophonen Provinz Quebec stehen die Separatisten vor einem Wahlsieg.
Der Favorit führt im Wahlkampf einen Eiertanz auf. Einerseits ist Jacques Parizeau, 64, Chef des Parti quebecois (PQ) - einer Partei, deren Ziel der Auszug der französischsprachigen Provinz Quebec aus der 127 Jahre alten kanadischen Föderation ist.
Alle Umfragen bestätigen, daß Parizeau, Nachfolger des legendären PQ-Chefs Rene Levesque, bei den Wahlen zum Provinzparlament in der nächsten Woche in Führung liegt. Fein säuberlich zählt sein Wahlprogramm jeden der Schritte auf, die nach dem Sieg innerhalb eines Jahres zur Souveränität der frankophonen Kanadier führen sollen.
Aber wenn andererseits jemand den bulligen Wahlkämpfer bedrängt, ob er denn wirklich die kanadische Einheit aufkündigen und den nach Rußland zweitgrößten Staat der Erde zersprengen will, wird der Separatistenchef fuchsteufelswild.
Dann schimpft er, eine solche Frage könne nur der englischsprachigen Presse einfallen oder Journalisten aus dem großen Nachbarland im Süden, denen alles Französische verdächtig erscheint. Ob Quebec nun bei Kanada verbleibe oder nicht, sei allenfalls ein "Nebenkriegsschauplatz" in diesem Wahlkampf.
Die Zurückhaltung ist rein taktisch bedingt. Zwar wollen die Quebecer Wähler die amtierende Provinzregierung unter Ministerpräsident Daniel Johnson ablösen, weil die neunjährige Amtszeit seiner Liberalen ihnen eine schwere Rezession und zweistellige Arbeitslosenquoten bescherte. Aber vor der totalen Souveränität schrecken sie womöglich zurück.
Doch genau die möchte Parizeau durchsetzen. "Innerhalb von acht bis zehn Monaten" nach der Machtübernahme will er in einer Volksabstimmung die Frage stellen, die schon in der Formulierung das gewünschte Ergebnis nahelegt: "Stimmen Sie zu, daß Quebec ein souveränes Land werden soll?" Eine einfache Mehrheit würde ihm genügen, Quebec von Kanada loszulösen. Noch vor dem Plebiszit soll eine provisorische Verfassung für den neuen Staat fertig sein.
Sofort nach dem erwarteten Wahlsieg will Parizeau Verhandlungen mit der Bundesregierung aufnehmen. In gönnerhafter Vorfreude fühlt er bereits "die moralische Verpflichtung", mit Ottawa über die Aufteilung der kanadischen Staatsschulden zu reden.
Bis in Einzelheiten hat Parizeau sein Konzept für ein unabhängiges Quebec fertiggestellt. Als Landeswährung soll auch künftig der kanadische Dollar gelten, dafür müßten aber eigenständige Sicherheitskräfte her.
Mit den USA soll ein Beitritt zur Nordamerikanischen Freihandelszone ausgehandelt werden. Von Ottawa erwartet er die Einhaltung der finanziellen Zusagen, die für den Fall gegeben wurden, daß Quebec den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2002 erhält.
Im Gegenzug weist Ministerpräsident Johnson auf die "schrecklichen Kosten" hin, die ein Zerfall Kanadas verursachen würde. Es herrsche ein "Mangel an Leidenschaft" in der Auseinandersetzung um Kanadas Schicksalsfrage, konstatiert die Tageszeitung The Globe and Mail aus Quebecs Nachbarprovinz Ontario.
Der Premierminister der Bundesregierung, Jean Chretien, selbst ein liberaler Frankokanadier, hielt sich aus dem Wahlkampfgetümmel vollständig heraus. Er sei Kanadier, erklärte er, und "habe kein Mandat, über eine Abspaltung zu verhandeln".
Am entschiedensten kämpfen die Ureinwohner Quebecs gegen die Separatisten. Vor allem die Cree-Indianer im Norden der Provinz, deren Flüsse die staatliche Quebecer Elektrizitätsgesellschaft durch gigantische Wasserkraftwerke verschandelt hat, mißtrauen den frankophonen Nationalisten.
Die Stammeschefs der 12 000 Cree beschlossen vorsorglich, ein eigenes Referendum abzuhalten. Darin werden nicht nur die Souveränität Quebecs oder der Verbleib bei Kanada als Optionen angeboten, sondern auch ein unabhängiger Cree-Staat.
Historisch ließe sich ein Alleingang der Cree vertreten. Denn das Indianerland umfaßt nicht nur große Teile im Nordwesten der Provinz, es lag auch bei der Staatsgründung Kanadas 1867 außerhalb der Grenzen des damals viel kleineren Quebec. Erst in diesem Jahrhundert bekam Quebec das Land der Cree zugeschlagen - als Teil Kanadas.
Die Mohawk, die 1990 mit Waffengewalt gegen die Provinzregierung rebellierten, weigern sich beharrlich, an der Wahl überhaupt teilzunehmen. Mohawk-Häuptling Joe Norton verbot das Aufstellen von Wahlurnen in seinem Reservat Kahnawake. Sein Land gehöre "weder zu Quebec noch zu Kanada".
Die Angst vor einem Solo der frankophonen Provinz, die mit dem Satz "Je me souviens" (Ich erinnere mich) auf allen Auto-Nummernschildern ihres französischen Ursprungs gedenkt, ist auch bei Wirtschafts- und Finanzexperten weit verbreitet. Sie sind uneins, ob beide Teile nach einem Zerfall des Landes wirtschaftlich noch prosperieren könnten. Wegen der drohenden politischen Instabilität sackte der Wechselkurs des kanadischen Dollar bereits weg.
Deswegen stößt auch Herausforderer Parizeau zuweilen auf eiskalte Ablehnung - etwa beim Besuch einer Badewannenfabrik in St. Georges de Beauce. Firmenchef Placide Poulin fürchtete, seine Kunden in Rest-Kanada könnten eine Souveränitätserklärung der Provinz mit einem Auftragsboykott beantworten.
Der Abfall von Kanada werde nicht mit einem Embargo vergolten, versuchte Parizeau daraufhin zu beruhigen: Den Firmenprodukten sei schließlich nicht anzusehen, ob es sich um "föderalistische oder separatistische Badewannen" handle. Y
Zuweilen stößt der Herausforderer auf eiskalte Ablehnung
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_169_ Kanada, Provinz Quebec, Kartenausschnitte
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DER SPIEGEL 36/1994
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