05.09.1994

FernsehenRad ab

Stefan Raab, Moderator im Musickanal Viva, ist Deutschlands jüngster Medienstar - wie konnte das geschehen?
Stumpfsinn & Frohsinn gehören zusammen wie Rock & Roll, Dick & Doof oder Neigung & Pflicht. Oft schon hat sich das Publikum gefragt, ob die Hervorbringer von Lustigkeiten sich mit ihrem zermürbenden Humor noch steigern können.
Es gab Heinz Schenk, der im "Blauen Bock" dafür sorgte, daß Äppelwoi bis heute im Ruf steht, ein Verdummungstrunk zu sein. Es gab Gottlieb Wendehals und seine "Polonäse Blankenese" - seitdem ist der Schreittanz so gesellschaftsfähig wie der Veitstanz. Und es gab Mike Krüger.
Jetzt gibt es Stefan Raab. Dreimal pro Woche läuft ab 20 Uhr seine Sendung "Vivasion" auf dem Fernsehkanal Viva, der - wie das britische Vorbild MTV - dazu da ist, Musikvideos abzunudeln. Für viele Zuschauer ist Raab, 27, bereits ein Götze, da er in einem Lied den Fußballtrainer Berti Vogts verspottet.
Dabei hat der sich während der Weltmeisterschaft im Sommer jeden Tag selbst erledigt und tut es immer noch jeden zweiten Tag. Raabs Rap, "Böörti Böörti Vogts", ist hoch in den Hitparaden notiert und stellt allerletzte Fragen: "Wer ist der schönste Trainer der Stadt? Und wer schleppt die geilsten Weiber ab?" Zum Ende plärrt Raab ohne Grund und in der Unart eines Versöhnlers, Vogts sei "eig'ntlich doch ganz nett".
Gut möglich, daß auch der reale Raab ein netter Mensch ist, vor allem ist er ein höchst gerissener. Als TV-Kunstgeschöpf aber will er nicht nett sein und clever schon gar nicht. Er bemüht sich um Dreistigkeit und volle Lautstärke. Das scheint den Erfolg beim Publikum zu garantieren. Er macht Krach mit einer Hupe und pflegt den Herrenwitz anhand einer Gummipuppe. Abwechselnd empfängt er Gäste, zeigt Videoclips und quatscht Bürger auf der Straße an.
Er überwältigt sie mit Wortspielen. Einen Fahrradmechaniker fragt Raab: "Haben Sie 'n Rad ab?" - seine bisher beste Leistung in über 100 Ausgaben von "Vivasion". Raab scheut sich nicht, Kinder zu interviewen: Niedlischkeit kennt keine Grenzen.
Im Umgang mit Prominenten gewinnt Raab sekundenlang an Format, indem er die Musikanten singen läßt und sie auf der Ukulele begleitet. Seine Gags, für die er sich selbst den Applaus vom Band abruft, sind wiederum ein Muster an Trostlosigkeit.
Zu Dieter Bohlen, schon lange im Showgeschäft, sagt Raab: "Du bist ja schon lange im Schuhgeschäft." Wegen seines Vortragsstils gilt Raab als Original. Manche Zeitungen rücken ihn mit der Auszeichnung "Der Wilde" in die Nähe Marlon Brandos. Doch Raab macht andere Kasper nach: Er ist, und darin verbirgt sich sein Geheimnis, der erste geklonte Star im deutschen Showgeschäft.
Die Manie, seine Gesprächspartner zu unterbrechen, zu ignorieren oder gar zu beleidigen, hat er von Karl Dall. Den Tick, in eine wackelnde und taumelnde Kamera zu gucken, während er mit dem Studiopersonal scherzt, hat er von dem Engländer Ray Cokes. Die Unsitte, dauernd ein von Sarkasmus erfülltes "Ja?!" zu brüllen, hat er von Harald Schmidt.
Die Siegessicherheit und das antrainierte Grinsen hat vor ihm Thomas Gottschalk gepflegt, und in seiner Intonation kopiert Raab Rolf Töpperwien, den ZDF-Sportreporter.
Sein schönster Vorzug in der Kunst, die niedrigsten Lachbedürfnisse zu bedienen: Raab sieht einigermaßen eigen aus. Er läßt sich gern aus der Froschperspektive aufnehmen, aber auch wenn er nicht aus der Froschperspektive aufgenommen wird, scheint sein Gesicht aus der Froschperspektive aufgenommen zu sein.
Um komisch zu wirken, zieht Raab nahezu alle Register: Er bemüht sich, ungewaschen zu wirken. Seine Brille trägt er wie eine Pappnase. Das Kopfhaar trieft. Schweiß oder doch Frisiercreme? Raabs Halsschlagader tritt hervor und pulsiert in Großaufnahme. Falls der Mann so weitermacht, steht zu befürchten, daß er bald eine Samstagabendshow bekommt, vielleicht sogar im ersten oder zweiten Programm.
Raab ist ein Mann fürs Grobe, und für seine Grobheit bewundern ihn die Fans. Um so weit zu kommen, hat er allerlei durchgemacht. Erzogen wurde Raab von Jesuiten, danach erlernte er das Schlachterhandwerk. Ordnungsgemäß diente er bei der Bundeswehr.
Wer jedoch heute den Bildschirmhelden Raab bei der Arbeit sieht, der muß sich fragen: Wer kann sich noch zur Meditation aus der Welt ins Kloster retten, wenn die Gefahr besteht, bei den Mönchen einem wie Raab zu begegnen.
Bei allem Respekt vor der Leistung des Moderators, noch die untersten Humorschubladen aufzustemmen: An sein größtes Vorbild kommt er nicht heran. Denn Raab bewundert Helge Schneider, Deutschlands begnadetsten Primitivkomiker, und er eifert ihm nach. Doch von Schneider hat er nur den Sprachfehler. Y
Raab ist der erste geklonte Star im deutschen TV-Geschäft

DER SPIEGEL 36/1994
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