07.03.1994

GroßbritannienReicher Bengel

Die Einmischung des amerikanischen Kennedy-Clans in einen Justizskandal empört die Briten.
Für einen Jungen aus dem katholischen Arbeiterviertel an der Falls Road in Belfast hat es Paul Hill in seinem turbulenten Leben zu beträchtlichem Ruhm gebracht. Mit 14 ging er von der Schule ab, jobbte in der nordirischen Hauptstadt als Hilfsarbeiter auf Baustellen und suchte schließlich, auf der Flucht vor Langeweile und wirtschaftlicher Hoffnungslosigkeit, sein Glück in London.
Mit 20 saß Hill im Gefängnis - zusammen mit zwei Nordiren und einer Engländerin war er als blutrünstiger IRA-Terrorist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die vier, so befand ein Londoner Gericht, seien verantwortlich für Bombenanschläge auf Pubs in Guildford und Woolwich, bei denen 1974 sieben Kneipenbesucher umkamen.
Doch 1989 verließ Paul Hill nach 15 Jahren den Hochsicherheitstrakt als freier Mann. Er und seine Mitverurteilten, so stellte sich heraus, waren Opfer eines beispiellosen Justizskandals geworden, der weltweit das Vertrauen in die Unbestechlichkeit und Fairneß des britischen Rechtssystems erschütterte.
Polizisten, die unter enormem Fahndungsdruck standen, hatten Geständnisse der "Guildford Four" erzwungen, nach Dauerverhören und Psychofolter, wozu im Fall Hill sogar eine Scheinexekution gehörte. Solche Praktiken hatte die schockierte britische Öffentlichkeit allenfalls in kommunistischen Kerkern oder lateinamerikanischen Diktaturen für möglich gehalten, nicht aber in den eigenen Polizeirevieren, galt doch das Justizwesen als unantastbare Säule der britischen Demokratie.
Jetzt beschäftigt Hill, 39, wieder ein britisches Gericht - ausgerechnet zum europaweiten Kinostart des Films "Im Namen des Vaters". Der Streifen, vergangenen Monat bei der Berlinale prämiert, zeichnet die Knast-Odyssee der "Guildford Four" und das Versagen der britischen Justiz packend nach. In dem Verfahren vor dem Berufungsgericht von Belfast will das Justizopfer endgültig seinen "Namen reinwaschen und die düsteren Schatten der Vergangenheit vertreiben".
Neben dem Bombenanschlag, so hatte Hill vor 20 Jahren gestanden, sei er auch noch am Mord des Ex-Soldaten Brian Shaw beteiligt gewesen. Shaw, 21, gerade zwei Wochen verheiratet, war im Juli 1974 von einem IRA-Kommando aus einer Belfaster Kneipe entführt, gefoltert und erschossen worden - eines der frühen Opfer des Bürgerkriegs, den sich protestantische und katholische Fanatiker seit einem Vierteljahrhundert in Nordirland liefern.
Auch dieses schriftliche Geständnis, behauptet Hill nun, sei ihm unter "gnadenlosem Druck und Terror" abgepreßt worden. Davon versucht sein prominenter Anwalt Lord Anthony Gifford seit zwei Wochen das Gericht zu überzeugen. Nur wenn dieser "furchtbare Mißbrauch" abgestellt werde, so der Lord, könne der Glaube in die Wahrhaftigkeit der britischen Justiz wiederhergestellt werden.
Doch statt endgültig einen der schlimmsten Mißgriffe britischer Strafverfolgung in diesem Jahrhundert zu korrigieren, ist das Berufungsverfahren zu einer Affäre geworden, die Londons Beziehungen zum transatlantischen Verbündeten Amerika belastet.
Denn Hill hat mächtige Verbündete: Seit seiner Hochzeit mit einer Tochter des 1968 ermordeten amerikanischen Präsidentenbruders und Justizministers Robert Kennedy gehört der Langzeithäftling dem legendenumwobenen, irischstämmigen Ostküstenclan an.
Jeden Morgen kurz vor halb elf betreten Hill und seine Entourage, verfolgt von Fotografen und TV-Teams, das Gerichtsgebäude in der Belfaster Innenstadt. Mit seinem schulterlangen Haar, dem sonnengebräunten Teint und den dezent-teuren Anzügen wirkt der Arbeiterjunge aus dem Katholikenslum wie ein saturierter Popstar. An seiner Seite schreiten Frau und Schwiegermutter, dahinter mehrere Verwandte.
Hill hatte 1990 Ethel Kennedy bei einer Menschenrechtskonferenz kennengelernt. Auf ihre Bitte besuchte er deren Tochter Mary Courtney, die damals mit einem Rückenleiden seit längerer Zeit in einem New Yorker Krankenhaus lag. Bald darauf reichte Courtney die Scheidung von ihrem ersten Mann ein. Die Hochzeit mit Hill fand vergangenes Jahr auf einer Yacht in griechischen Gewässern statt.
Neben Courtney, 37, und Schwiegermutter Ethel, 64, ist zur moralischen Unterstützung auch noch Schwager Joseph (Joe) Kennedy, 41, nach Nordirland gekommen. Täglich hocken sie regungslos in der ersten Besucherreihe des Gerichtssaals, gleich dahinter verfolgen die Angehörigen des IRA-Opfers Shaw die Verhandlung.
Der Aufmarsch der Kennedys, vom Daily Telegraph als "peinliche Familienaffäre und Seifenoper" verspottet, verletzte britischen Stolz. Denn es ist nicht das erste Mal, daß die berühmte Familie im britisch-irischen Konflikt mitredet.
Vor kurzem erst hatte Clanchef Edward Kennedy, Anführer der mächtigen irischen Lobby in Washington, London düpiert. Sein Einfluß im Weißen Haus verhalf Gerry Adams, dem Präsidenten der antibritischen Wiedervereinigungspartei _(* Von links: Ethel Kennedy, Tochter ) _(Courtney, Hill, Joe Kennedy. ) Sinn Fein, Anfang Februar zu einer spektakulären Propagandatournee durch die USA. Vergeblich drängte Premier John Major bei US-Präsident Bill Clinton darauf, dem in Großbritannien verfemten Katholikenführer das Einreisevisum zu verweigern.
Als "dreiste Einmischung in unsere Angelegenheiten" (ein Londoner Diplomat) empfindet die britische Regierung gelegentliche Ausflüge der US-Botschafterin in Irland über die Grenze nach Ulster. Die umstrittene Diplomatin, die sich mit Sinn-Fein-Vertretern trifft und die Sache der Katholiken verteidigt, ist Jean Kennedy Smith, eine Schwester von Edward.
Und nun versuche auch noch Joe Kennedy, das Verfahren seines Schwagers für eine Abrechnung mit der britischen Herrschaft in Ulster zu nutzen. "Die Augen der Welt" seien auf das "hiesige Rechtssystem gerichtet", verkündete er vor dem Belfaster Gerichtsgebäude und verwies auf die Anwesenheit internationaler Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International.
Als sei die katholische Bevölkerungsminderheit rechtlos und vogelfrei, tönte der Kongreßabgeordnete aus Boston: "Ich hoffe, daß auch ein irischer Katholik in Nordirland eine Chance hat, Gerechtigkeit zu erfahren."
Wie meistens, wenn die ungezogenen amerikanischen Vettern Kritik an geheiligten britischen Institutionen üben, keilte Britanniens Presse sogleich grob zurück.
Der Londoner Observer zählte noch einmal Drogen- und Sexskandale der verzweigten Sippe auf und fragte, was die Kennedy-Abordnung in Belfast "überhaupt verloren" habe. Sie könne "wohl mit ihrer vielen freien Zeit nichts Sinnvolles anfangen".
Joe, diesem "sich einmischenden kleinen reichen Bengel" (The Independent), sprach Kommentator Simon Hoggart die nötige Intelligenz ab, britische Angelegenheiten überhaupt beurteilen zu können: Ihm fehle es "einfach an Hirn".
Für Joes Schwester Courtney, die in den Verhandlungspausen nervös und kettenrauchend vor dem Sitzungssaal steht, ist die "Häme über meine Familie" nur der Beweis für britisches Unrecht: "Benimmt man sich so, wenn man nichts zu verbergen hat?" Y
* Von links: Ethel Kennedy, Tochter Courtney, Hill, Joe Kennedy.

DER SPIEGEL 10/1994
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