21.11.1994

ArchäologieWALLFAHRT INS WATT

Wissenschaftler haben im nordfriesischen Wattenmeer einen sensationellen Fund gemacht: Der Bremer Ethnologe Hans Peter Duerr stieß im Schlick auf Keramikscherben, Kirchenfundamente und Spuren eines mittelalterlichen Bauernhauses. Sind es Überreste der sagenumwobenen Stadt Rungholt, des friesischen Atlantis?
"Heut bin ich über Rungholt gefahren, Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren"
Es war recht stürmisch in jener Winternacht des 16. Januar 1362. Von West fauchte die Windsbraut über die flachen Marschen Nordfrieslands. Regen prasselte auf strohgedeckte Bauernhäuser. Immer ungestümer rollten die Wellen gegen die Küste und bedrohten die prächtige Handelsmetropole Rungholt.
Der Dichter Detlev von Liliencron (1844 bis 1909) hat die Szene nachempfunden: "Lärmende Leute, betrunkene Massen" seien abends auf die Deiche getorkelt und hätten dem Blanken Hans, in feuchtfröhlicher Hybris, die Fäuste gezeigt: "Wir trotzen dir!"
Ein vermessener Anspruch bei nur drei Meter hohen Schutzwällen. Volle "vier Ellen", also 2,7 Meter, vermeldet eine alte Chronik, sei die aufgewühlte See an jenem denkwürdigen "Tag Marcelli Pontificis" über die höchsten grasbewachsenen Deiche geschwappt.
Eine Sturmflut desaströsen Ausmaßes. Dutzende von Quadratkilometer Küstenland wurden von den Fluten der "Groten Mandränke" verschlungen. Die Edomsharde, einst ein torfiges Marschland zwischen Pellworm und Nordstrand, versank mitsamt sieben Ortschaften unter einer Lawine aus Wasser und Schlamm. Alten Quellen zufolge ertranken 7600 Menschen, die meisten von ihnen Bürger Rungholts.
Seit jener mittelalterlichen Katastrophe sind die Gerüchte über das friesische Atlantis nicht verstummt. Ein Sonntagskind, weiß die Sage, werde die Stadt dermaleinst erlösen. Geographen rekonstruierten im 17. Jahrhundert die Lage der Siedlung - sie zeichneten Fabelkarten. Die Spökenkiekerei nahm derart überhand, daß die Fachwelt im 20. Jahrhundert zweifelte, ob der Ort überhaupt je existiert hat.
Dann trat der Nordstrander Bauer Andreas Busch auf den Plan, um Mär und Wahrheit zu scheiden. 1921 stieß der Eigenbrötler und Heimatforscher südlich der Hallig Südfall auf Schleusenpfähle, die aus dem Schlick ragten. Nachfolgende Wattsucher gruben Brunnen und Keramikreste aus. 70 Jahre lang lagerten diese spärlichen Funde in norddeutschen Museen - bestaunt als Reliquien des einst mächtigen "al-Sila", wie die Mauren vermutlich die friesische Handelsmetropole Rungholt nannten.
Doch Bauer Busch war offenbar in die falsche Richtung gestiefelt, wie jetzt der Bremer Professor Hans Peter Duerr, 51, herausfand. Duerr, renommierter Kulturhistoriker und Autor zahlreicher Bücher, stieß im Juni 1994 im Nordseewatt auf Spuren einer versunkenen Großsiedlung - das wahre Rungholt?
Zum Zeitpunkt ihres Untergangs hatten an dem legendären Ort wohl an die 4000 Menschen gelebt. Rungholt war die größte Hafenstadt an der sumpfig-mäandernden nordfriesischen Küste.
Urkunden beweisen, daß die Friesen Handel mit Flandern und bis ins maurische Spanien trieben. Ihren Reichtum erzielten die Bürger mit der Salzproduktion. Dabei wurde meernasser Torf getrocknet und verbrannt; aus der salzigen Asche ließ sich das kostbare Mineral heraussieden.
Vergleichbar einem tropischen Mangrovensumpf ragte die flußreiche Küstenzone weit in die Nordsee. Entwässerungskanäle durchzogen das flache Grasland. Über Bohlenwege und kleine Holzbrücken bahnten sich die Friesen trockenen Fußes den Weg.
Heute liegt dieses einst mit Windmühlen gespickte Kulturland fast komplett unter Wasser - Folge zahlreicher Sturmfluten, die den Marschboden zum Skelett abnagten (siehe Grafik). Noch im Jahre 1711 hatte die Hallig Südfall einen Dorfkrug. 1876 war die Insel schon auf 119 Hektar Größe geschrumpft. 1881 floh der letzte Einwohner. Heute wird das Inselchen nur noch von Vögeln belebt. Seine Fläche: 56 Hektar.
Zweifel an der bisher gültigen Rungholt-Forschung waren dem Bremer Ethnologen Duerr vor zwei Jahren gekommen. Auf alten Landkarten ist die Sagenstadt nördlich der Hallig Südfall eingezeichnet und nicht südlich, wo Bauer Busch seine Schleuse ausgrub. Nach drei Uni-Seminaren zu dem Thema kam der langhaarige Professor weiteren Ungereimtheiten auf die Spur. Abgelegenen Annalen der Provinzforschung war zu entnehmen, daß einige der Rungholt-Reliquien in Wahrheit aus dem 16. Jahrhundert stammen.
Auch die im Husumer Nissenhaus ausgestellte Holzschleuse, Kernstück der bisherigen Rungholt-Forschung, erwies sich als Schwindelobjekt. Bereits 1981 hatte der damalige Museumsleiter Erich Wohlenberg das Alter des Fundes nach der C-14-Methode bestimmen lassen. Ergebnis: Die Schleusenreste sind keine 300 Jahre alt.
Doch Wohlenberg verschwieg die wissenschaftlichen Resultate, wohl aus Angst, eines seiner attraktivsten Ausstellungsstücke zu verlieren. Weiterhin pilgerten Scharen von Besuchern an den vermeintlichen Rungholt-Vitrinen vorbei.
Irritiert von dem Gemauschel, begab sich Ethnologie-Professor Duerr höchstselbst auf Wallfahrt ins Watt. Beim Schleswiger Landesamt für Vor- und Frühgeschichte wurde der Trip ordnungsgemäß als Exkursionsreise angemeldet. Im Juni fuhren Duerr und ein Troß Studenten mit einem Ewer, einem Flachbauchschiff, ins Hallig-Archipel. Bei Südfall ließ die Mannschaft den Ewer bei Ebbe trockenfallen.
Kaum waren sie ausgestiegen, fühlten sich die Wattgänger in ein wundersames Ruinenreich versetzt. In einem Priel lagen Pferdeschädel in großer Zahl sowie Keramikscherben. Reste von Pfosten und aufrecht stehenden Flechtwänden ragten aus dem nassen Grund. "Wir waren auf ein mittelalterliches Langhaus gestoßen", sagt Duerr, "auf der Feuerstelle lagen noch Fischgräten."
Damit nicht genug. In 2000 Schritt Entfernung hob sich ein Fundament aus behauenen Findlingen aus dem Schlamm - typisch für mittelalterliche Kirchen. Rungholt besaß eine "Ecclesia cum collegio", eine Stiftskirche mit Priesterunterkünften.
Die Kulturgüter waren offensichtlich erst kurz zuvor von einem Wattenstrom freigespült worden. Nun trudelten einige der Schätze frei in der Strömung umher. Was tun? Die Flut stieg wieder. Duerr entschloß sich zur Notbergung.
Kistenweise schleppten die Studenten rheinische Krüge, Reste von Holzfässern und Kuhschädeln an Bord ihres Ewers. Das Material, katalogisiert und vermessen, lieferte der Professor einige Tage später beim zuständigen Landesamt in Schleswig ab.
Doch der glückliche Finder sah sich alsbald hart gestraft. Statt mit Begeisterung über den erstaunlichen Fund reagierten die Grabungsbürokraten verdrossen. Sie behandelten Duerr wie einen Outlaw. Seine Funde wurden ignoriert, Brief- und Telefonkontakte abgebrochen. Schließlich erstattete der Landesarchäologe Joachim Reichstein Anzeige gegen den Bremer wegen Raubgrabens (Bußgeld bis zu 50 000 Mark).
Die Husumer Staatsanwaltschaft sah keine Veranlassung, gegen den Professor zu ermitteln. Doch Reichstein will Widerspruch einlegen und den Rechtskampf weiterführen.
Wollen die Behörden (Duerr: "Fischköppe") von eigenen Versäumnissen ablenken und den Bremer Entdecker diskreditieren? Duerr erhielt ein Watt-Zutrittsverbot. Ein Sammelausweis wurde ihm verweigert.
Die Aussperr-Taktik wird keinen Erfolg haben. Die neuen Rungholt-Artefakte sind zu gewichtig, als daß sie sich, wie im Fall der Schleusen-Datierung, unterm Deckel halten ließen. Noch nie ist im Wattenmeer ein komplettes mittelalterliches Haus aufgespürt worden.
Zudem hat Duerr einen Trumpf im Ärmel. Bevor er seine Schätze in Schleswig ablieferte, ließ er einige Keramikscherben mit Hilfe der Thermolumineszenz-Technik analysieren. Alle Artefakte stammen tatsächlich aus der Zeit vor der großen Mandränke von 1362.
Mit dieser Datierung eröffnen sich den Archäologen glänzende Perspektiven: Eine ganze mittelalterliche Stadt, bestehend aus bis zu 50 Meter messenden friesischen Langhäusern, liegt womöglich unterm Schlick.
Für die Forscher wären die Grabungsbedingungen gut. Die Schlammlawine, die sich mit der Sturmflut von 1362 über die Flachbodensiedlung Rungholt ergoß, schloß die Stätte nahezu luftdicht ab. Duerrs Studenten stießen auf ein Holzfaß, das noch unverrückt auf einem Podest stand - gleichsam im Matsch erstarrt und gut konserviert.
Doch die Zeit drängt. "Der Wattenstrom Dwarsloch könnte quer durch die Fundstätte brechen", sagt Duerr. Ständig würde der Strudel die etwa 50 Zentimeter tief im Watt verborgenen Kulturgüter freilegen und sogleich wegspülen.
Duerr, zur Untätigkeit in Bremen verurteilt: "Rungholt droht erneut unterzugehen - diesmal in einer Papierflut und durch behördliche Ignoranz." Y
Geht Rungholt ein zweites Mal unter - diesmal im Papier?
[Grafiktext]
_215_ Nordfries. Wattenmeer um 1240 u. heute (Kartenausschnitt)
_____ / Versunkene Stadt Rungholt, Lage
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 47/1994
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