06.06.1994

Schwimmen„Wir waren Versuchskaninchen“

SPIEGEL: Frau Reinisch, Frau Menschner, wie geht es Ihnen?
Reinisch: Nicht besonders. Ich muß in wenigen Tagen wegen einer Zyste ins Krankenhaus. Sie muß so schnell wie möglich entfernt werden, weil sie auf sechs Zentimeter angewachsen ist.
Menschner: Erst heute habe ich eine komplizierte Untersuchung hinter mich gebracht. Dabei wurde festgestellt, daß die Lungenflügel übermäßig vergrößert sind. Ich habe bis jetzt sieben Lungenentzündungen gehabt und ich muß mit weiteren rechnen. Außerdem ist vor ein paar Wochen mein Immunsystem zum zweitenmal zusammengebrochen.
SPIEGEL: Vermuten Sie einen Zusammenhang mit Ihrem Hochleistungstraining?
Reinisch: Unbedingt. Mit 14 Jahren litt ich unter chronischen Eierstockentzündungen. Die wurden mit Antibiotika behandelt, damit ich fix wieder trainieren konnte. Schon ein Jahr zuvor hatte ich die Anti-Baby-Pille schlucken müssen, damit sich die Menstruation regelmäßig einstellte. Frauenärzte, die ich heute aufsuche, sehen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den damaligen Maßnahmen und meinen heutigen Problemen.
Menschner: Meine Lungenprobleme begannen noch früher. Schon mit zwölf Jahren hatte ich akute Erstickungsanfälle. Ursächlich dafür war, daß ich meinen übertrainierten Körper nach einem Zusammenbruch im Schwimmbad nicht abtrainieren konnte.
SPIEGEL: Sie sind am Beckenrand zur Sportinvalidin geworden?
Menschner: Genauer: im Becken. Ich bin ins Wasser gesprungen und konnte plötzlich meine Arme nicht mehr bewegen, ich wäre fast abgesoffen. In der Halle habe ich sofort eine Spritze in den Rücken bekommen. Ich erinnere mich, daß sie höllisch schmerzte. Anschließend bin ich bestimmt 30mal gespritzt worden, doch die Lähmung ließ erst nach einem Dreivierteljahr nach. Noch über fünf Jahre lang mußte ich ein Stützkorsett tragen.
SPIEGEL: Haben die Ärzte den Grund für die Lähmung finden können?
Menschner: Ich weiß nicht, jedenfalls wurde er mir nie mitgeteilt. Vermutlich war es eine Nerveneinklemmung im Bereich der Halswirbel. Die Trainer haben meinen Eltern nur gesagt, daß mein Körper total ausgebrannt sei. Mehrmals habe ich meine Krankenunterlagen angefordert. Erhalten habe ich sie bis heute nicht.
SPIEGEL: Warum haben die Sportmediziner so ein Geheimnis aus den Akten gemacht?
Menschner: Wir waren in Dresden eine Art Experimentierklasse. Mit uns hat man allerhand Sachen angestellt, um zu testen, wie hoch Kinder belastet werden können. Ich habe mit acht Jahren beim Krafttraining Gewichte gestemmt, die ich heute nicht mehr hochbekäme. Das alles durfte wohl nicht an die Öffentlichkeit dringen.
SPIEGEL: Waren Sie auch Testperson für Doping?
Menschner: Jeder von uns hatte sein namentlich gekennzeichnetes Tablettenkästchen. Da waren jeden Tag bis zu acht Tabletten drin. Irgendwann kamen auch die bekannten blauen dazu, das DDR-Hausmittel Oral-Turinabol. Ich vermute, daß man an uns ausprobieren wollte, wie früh Mädchen mit Anabolika angefüttert werden können, ähnliche Tests sind auch aus der Leichtathletik bekannt. Die Folgen des Kinderdopings sind massiv: Ich habe fünf Fehlgeburten gehabt. Und ich bin sicher, daß die Manipulation meines Hormonhaushaltes dafür verantwortlich ist.
Reinisch: Du warst Versuchskaninchen, damit ich Olympiasiegerin werden konnte - wie eine Vorkosterin im alten Rom. Ich kann mich genau erinnern, daß ich 14 Jahre alt war, als mein Trainer Uwe Neumann mir erstmals Oral-Turinabol verabreichte.
SPIEGEL: Waren Sie nicht über die Einnahme der vielen Tabletten besorgt?
Reinisch: Kurz vor den Olympischen Spielen in Moskau bin ich stutzig geworden. Ich habe damals ältere Schwimmerinnen wie Andrea Pollack oder Barbara Krause darauf angesprochen. Ich vermute, daß sie wußten, was wir schluckten. Aufgeregt hat das keine.
SPIEGEL: Haben Sie damals schon Veränderungen an sich festgestellt?
Reinisch: Zunächst bekam ich nur einige Pickel. Doch nach den Spielen bin ich körperlich nicht mehr auf die Beine gekommen. Ich hatte einen grippalen Infekt nach dem anderen. Aber mein Trainer Neumann wollte mich sogar wieder ins Wasser schicken, wenn ich geradewegs vom Arzt kam, der mir verboten hatte, weiter zu trainieren. Ich bin schließlich in eine andere Gruppe gekommen, doch da war es nicht anders. Selbst als zweite Garnitur mußten wir das Zeug nehmen.
SPIEGEL: Was hat Sie mißtrauisch gemacht?
Reinisch: Als meine Eierstockentzündungen im Krankenhaus behandelt wurden, stellten die Ärzte einen Überschuß an männlichen Hormonen fest. Um mich heilen zu können, spritzten sie mir auch Östrogene. Durch diese Kur bin ich aufgegangen wie ein Hefekuchen. Bestärkt in meinem Mißtrauen wurde ich durch die Heimlichtuerei. Da habe ich gesagt, nun ist Schluß.
SPIEGEL: Und damit haben sich die Betreuer zufriedengegeben?
Reinisch: In diesem Moment blieb ihnen nichts mehr übrig. Zuvor, bei den Spielen in Moskau, war das noch anders. Da wollte ich mich weigern, vor dem Start gespritzt zu werden. Mein Trainer schnauzte mich an: "Mädel, entweder du nimmst das jetzt, oder du hast vier Jahre umsonst trainiert."
Menschner: Die Trainer waren psychologisch bestens ausgebildet. Sie haben unheimlichen Druck ausgeübt, oft haben wir Kinder das gar nicht so verspürt. Das war eine perfekte Manipulationsmaschinerie. Uns wurde gesagt, du bist hier auf einer besonderen Schule, das kostet den Staat viel Geld, jetzt tu' mal was dafür. Zurückgestuft zu werden, war für uns Kinder eine Schmach.
SPIEGEL: Frau Reinisch, Sie haben 1991 ein Comeback versucht. Sollte das eine nachträgliche Rechtfertigung Ihrer Olympiasiege werden?
Reinisch: Nein, ich wollte sehen, wie weit ich ohne Doping komme. An Rechtfertigung habe ich nie gedacht. Dafür gibt es für mich auch keinen Grund, wir haben ja tatsächlich täglich bis an die Grenze der körperlichen Belastbarkeit gearbeitet. Deshalb kann ich nicht nachvollziehen, wenn andere Olympiasiegerinnen durch permanentes Abstreiten ihre Lebenslüge aufrechthalten wollen. Es ist absolut lächerlich, wenn sie behaupten, sie hätten von ihrem eigenen Doping auch mit über 20 Jahren nichts gewußt.
SPIEGEL: Denken Sie dabei an Kristin Otto, die sechsmalige Olympiasiegerin von Seoul?
Reinisch: Unter anderen auch. Gerade bei ihr kann ich mir nicht vorstellen, daß sie als intelligente Frau nicht einmal Zweifel hegte. Mich erstaunt, wie wenig ausgeprägt die Fähigkeit ist, sich mit der Vergangenheit ehrlich auseinanderzusetzen.
SPIEGEL: Wie begegnen Sie denn heute Ihren ehemaligen Zuchtmeistern?
Reinisch: Vor zwei Jahren traf ich bei Olympia in Barcelona den ehemaligen DDR-Cheftrainer Wolfgang Richter, der heute als Nachwuchstrainer in Katalonien arbeitet. Der kam ganz freundlich auf mich zu. Aber ich konnte nicht mit dem reden. Ich mußte mich umdrehen und weggehen. Ich hoffe, daß es solchen Menschen irgendwann einmal an den Kragen geht.
Menschner: Auf Ricas Hochzeit war auch unsere gemeinsame Trainerin Karla Heitmann - ekelig und scheinheilig, da geht einem schon die Galle über.
Reinisch: Eigentlich müßten die doch ein furchtbar schlechtes Gewissen haben.
Wenn ich öffentlich über die damalige Dopingpraxis spreche, behauptet der Neumann frech, ich würde unter Gedächtnisschwund leiden. Wirke ich so? Neumann hatte vor mir andere Olympiasiegerinnen hingetrimmt. Glauben Sie, das kommt alles von ungefähr?
SPIEGEL: Welche Reaktionen haben Sie nach Ihren Doping-Geständnissen erfahren?
Reinisch: Viele Ost-Journalisten sagen, ich sei eine Verräterin. Einige Trainer schimpften, ich würde durch meine Aussagen ihre Existenz gefährden. Auch die Frau meines Trainers Neumann hat schon angerufen.
Menschner: Aber was ist mit unserer Existenz? Für mich ist es auch nicht lustig, wenn ich mich in regelmäßigen Abständen krankschreiben lassen muß.
SPIEGEL: Warum gehen die Sportopfer der Ex-DDR nicht gemeinsam gegen ihre ehemaligen Peiniger vor?
Reinisch: Es gibt einfach keine Solidarität. Ob bei Kristin Otto oder Daniela Hunger, die heute sogar Aktivensprecherin ist - überall nur Schweigen im Walde.
Menschner: Viele ehemalige Sportler werden heute noch von ihren Klubs unterstützt. Das Geld ist schon ein wunderbares Druckmittel für dauerhaftes Schweigen.
Reinisch: Dabei weiß ich von zahlreichen Athleten mit angeschlagener Gesundheit. Schon zur aktiven Zeit hatten Auswahl-Schwimmerinnen Nierenkoliken, Asthmaanfälle oder wie ich Eierstockentzündungen. Andere haben Kinder mit Klumpfüßen oder gestörter Motorik zur Welt gebracht.
Menschner: Um einen konkreteren Überblick über Schäden zu bekommen, versuche ich zur Zeit, unsere alte Dresdener Versuchsklasse an einen Tisch zu bekommen. Ich verspreche mir mit einer größeren Gruppe von Sportopfern mehr Durchschlagskraft.
SPIEGEL: Was wollen Sie damit erreichen?
Menschner: Neben lückenloser Aufklärung meiner persönlichen Geschichte hoffe ich, daß Eltern, wenn sie von unseren Erfahrungen hören, ihre Kinder nicht mehr zum Hochleistungssport anhalten.
Reinisch: Die alten DDR-Trainer werden überall wieder mit Kußhand genommen. Garantie für einen sauberen Sport bietet das nicht. Sobald ich handfeste Beweise habe, überlege ich mir, juristisch gegen die Clique der Berufs-Doper vorzugehen. Y

DER SPIEGEL 23/1994
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