13.06.1994

AffärenHeiße Luft

Schon wieder ein Bankenskandal: Manager der Balsam AG in Steinhagen erschwindelten Kredite in Milliardenhöhe.
Ein Mann wie Friedel Balsam läßt sich nicht so leicht irritieren. Während Kriminalbeamte und Lokaljournalisten hinter die seltsamen Geschäfte der Balsam AG zu kommen versuchten, feierte der Firmeninhaber unterhalb der Ravensburg am Hang des Teutoburger Waldes ungeniert ein rauschendes Fest.
Balsam hatte etwa 250 Freunde auf sein Anwesen im westfälischen Borgholzhausen, zu dem eine Reitanlage und ein Hubschrauber-Landeplatz gehören, geladen. Freundlich und kumpelhaft wie immer, berichten Teilnehmer des Festes, plauderte der Hausherr mit seinen Gästen.
Die Fete vor Fronleichnam war der vorerst wohl letzte gesellschaftliche Auftritt des Aufsteigers aus Steinhagen. Am Montagabend vergangener Woche wurde Balsam, 52, in seinem Büro festgenommen und in Untersuchungshaft gesetzt.
Mit ihm wurden seine Vorstandskollegen Dietmar Ortlieb, Klaus Schlienkamp und Horst Bert Schultes verhaftet. Drei Tage später durchsuchten Fahnder der Staatsanwaltschaft Bielefeld die Büros und nahmen eine ganze Lastwagenladung an Unterlagen mit.
Die neue Affäre, gerade zwei Monate nach der Flucht des Königsteiner Baulöwen Jürgen Schneider, kann die Banken nicht heiter stimmen. Urkundenfälschung, Steuerhinterziehung und Kreditbetrug in Milliardenhöhe lauten diesmal die Vorwürfe des Staatsanwalts. Und wieder einmal wollen die Geldgeber von alledem nichts bemerkt haben.
Überzeugend klingt das nicht. Die Deutsche Bank, die Westdeutsche Landesbank und die Dresdner Bank sind, über Tochterfirmen, seit Jahren stille Gesellschafter der Balsam-Gruppe.
Die Deutsche Bank ist zudem über die Finanzierungsgesellschaft WFG an der Balsam AG beteiligt und stellt mit Karl-Heinz Fanselow ein Mitglied des nur dreiköpfigen Aufsichtsrats. Doch auch der gibt sich unwissend: "Mögliche kriminelle Handlungen waren nicht erkennbar", teilte der Aufsichtsrat der Balsam-Belegschaft nach der Verhaftung ihrer vier Chefs mit.
Unter der erdrückenden Last der Beweise hatte Balsam-Finanzchef Schlienkamp, 41, bereits am Montag ein umfassendes schriftliches Geständnis vorgelegt: Seit Jahren schon sei die westfälische Firmengruppe, die Sportstadien, Tennisplätze und Turnhallen in aller Welt mit Kunststoffböden und Kunstrasen auslegte, praktisch pleite gewesen, gab Schlienkamp zu. Mit finanztechnischen Tricks und gefälschten Unterlagen seien immer größere Kredite erschwindelt worden. Insgesamt raffte der Balsam-Vorstand nach den Vermutungen der Staatsanwaltschaft rund zwei Milliarden Mark zusammen, um die konkursreife Firma am Leben zu halten.
Friedel Balsams Verhaftung markiert das Ende einer ungewöhnlichen Unternehmerkarriere. Mit einem Lastwagen, einer Schreibmaschine und geliehenen 7000 Mark wagte der Angestellte einer Baustoff-Großhandlung 1965 den Sprung in die Selbständigkeit. Seine Idee, die Laufbahnen von Sportplätzen mit roter Schlacke von den Zechenhalden zu belegen, erwies sich als richtig; nach 20 Jahren war Balsam weltweit der führende Ausrüster von Sportarenen.
Schon Anfang der siebziger Jahre hatte die aufstrebende Firma erste Kunststoffbeläge für Laufbahnen und Sporthallen entwickelt. Zehn Jahre später kamen verschiedene Arten von Kunstrasen für die Spielfelder hinzu.
Bald war Balsam überall im Geschäft. Ob bei den Olympischen Spielen in Barcelona, bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Stuttgart oder den Baseball-Turnieren im amerikanischen Houston - stets traten die Sportler auf Böden an, die von Balsam entwickelt und produziert worden waren. Stolz verkündete Balsam: "Wir bereiten dem Sport den Boden."
Doch der hemdsärmelige Unternehmer aus der westfälischen Provinz wollte mehr, er strebte eine Art Monopol im Sportstättenbau an. Um sein Ziel zu erreichen, profilierte er sich bei den Ausschreibungen stets mit Tiefstpreisen, die seine Mitbewerber zum Verzweifeln brachten.
Reihenweise gaben die Konkurrenten auf, viele wurden von Balsam übernommen, etwa die Becker GmbH in Taunusstein, die Conica AG im schweizerischen Zug oder die Astroturf Inc. im US-Staat Georgia.
Der knallharte Wettbewerb brachte aber schließlich den Herausforderer selbst in Bedrängnis. Die Gewinne schmolzen dahin, schließlich erwirtschaftete die Firma nur noch Verluste.
Da traf es sich gut, daß Balsam-Buchhalter Schlienkamp dank der Vermittlung des Frankfurter Wirtschaftsprüfers Rolf Muscat, der die Bilanzen der Balsam-Gruppe testierte, eine Verbindung zu der Wiesbadener Finanzierungsgesellschaft Procedo aufgebaut hatte. Procedo-Gründer Dieter Klindworth hatte sich dem Factoring, einer in den USA entwickelten Methode der Absatzfinanzierung, verschrieben.
Dabei übernimmt die Factoring-Gesellschaft von einem Lieferanten dessen Forderungen gegenüber seinen Kunden. Der Lieferant bekommt von der Factoring-Gesellschaft sofort das ihm zustehende Geld, abzüglich einer Provision, branchenüblich sind 1,5 Prozent vom Umsatz. Anschließend treibt die Factoring-Firma die Rechnungen bei den Kunden ein.
Der Sportausrüster wurde bald der mit Abstand größte Kunde der Procedo. Friedel Balsam und sein Finanzchef Schlienkamp erwarben sogar eine Beteiligung an der Procedo, deren größter Gesellschafter die zur Allianz-Gruppe zählende Allgemeine Kreditversicherung (AKV) in Mainz ist.
Auch persönlich kamen sich die Firmenchefs näher. Zudem sind Balsam, Schlienkamp und Ursula Beuter, die Ehefrau des AKV-Chefs Hubert Beuter, Mitinhaber des Procedo-Verwaltungsgebäudes in Wiesbaden.
Mitte der Achtziger muß Schlienkamp dann erkannt haben, daß sich die immer drückender werdenden Finanzprobleme bei Balsam mit Hilfe der Procedo mildern ließen. Zunächst vermutlich ohne Wissen seiner Vorstandskollegen reichte er gefälschte Rechnungen mit überhöhten Summen bei der Procedo ein.
Zu kontrollieren war das kaum. Die Partner hatten ein sogenanntes stilles Factoring vereinbart. Dabei überweist die Factoring-Firma zwar ihrem Partner sofort die ausstehende Summe. Die Eintreibung der Rechnungen aber überläßt sie dem Lieferanten.
Nach 90 bis 120 Tagen, je nach Vereinbarung, zahlt der Lieferant das Geld, das er vorher gleichsam als Darlehen bekommen hat, an die Factoring-Firma zurück. Woher das Geld kommt, ist für die Factoring-Gesellschaft dann nicht mehr ersichtlich.
So konnte Schlienkamp offensichtlich immer wieder zu Geld kommen, das Balsam gar nicht zustand. Mit dem Luftgeld aus Wiesbaden betrieb er gewaltige Devisenspekulationen. Meist konnte er dann aus deren Gewinn die Procedo-Darlehen zurückzahlen.
Mitte der Achtziger stiegen die Umsätze, die Balsam über Procedo abrechnete, steil an. So rechnete Balsam zum Beispiel 1988 ein Mehrzweckfeld aus Astroturf hinter dem Hauptstadion von Lille mit 3,7 Millionen Mark ab. In Wahrheit, so gaben Zeugen im April dieses Jahres bei der Kripo Bielefeld zu Protokoll, lag der Auftragswert für Balsam bei etwa 800 000 Mark.
Bald entfernten sich die Mondpreise, mit denen sich Balsam die Procedo-Darlehen besorgte, immer mehr von der Realität. Für Arbeiten in den französischen Kleinstädten Porto-Vecchio und Vierzon gaukelte Balsam zum Beispiel Aufträge von 14,2 Millionen Mark vor. In Wirklichkeit, so die Zeugen, waren die beiden Aufträge gerade gut eine halbe Million Mark wert.
Ein Auftrag aus dem französischen Richwiller, der den Steinhagenern etwa 50 000 Mark einbrachte, wurde gar mit 3,4 Millionen in Wiesbaden abgerechnet. In Einzelfällen sollen die Balsam-Manager sogar Phantasieaufträge bei Procedo fakturiert haben. Ihre Existenz wurde offenbar zum Teil mit Testaten auf gefälschten Briefbögen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen belegt.
Dabei hätten die Wiesbadener die immer größer werdende Kluft zwischen Schein und Wirklichkeit durchaus bemerken können. So rechnete Balsam etwa im Jahr 1985 fast 204 Millionen Mark über Procedo ab. Die testierten Bilanzen von Balsam wiesen im vergleichbaren Zeitraum aber nur einen Umsatz von etwa 78 Millionen Mark aus.
Zwei Jahre später waren die Balsam-Umsätze mit der Procedo schon auf fast 541 Millionen angewachsen. Ein wenig besorgt registrierte die Klindworth-Firma in einem internen Papier zwar "eine gewisse Abhängigkeit" von Balsam, die nun fast zwei Drittel des gesamten Procedo-Geschäfts ausmachte. Daß die Steinhagener in ihrer Bilanz für das Geschäftsjahr 1986/87 nur gut 140 Millionen Mark Umsatz auswiesen, irritierte aber offensichtlich nicht.
Als der Fall jetzt aufflog, stand Balsam mit aktuellen Rechnungen in Höhe von zwei Milliarden Mark bei Procedo im Obligo. Wieviel daran einzutreiben ist, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen, wenn Procedo die Rechnungen geprüft hat.
Für Procedo ist es dann eventuell zu spät. Hauptgesellschafter AKV ist bislang nur bereit, zehn Millionen der drohenden Procedo-Verluste zu übernehmen. Die Banken verlangen jedoch, daß die AKV 680 Millionen abdecken soll.
Daß es soweit kommen konnte, ist erstaunlich. Immerhin lag der Staatsanwaltschaft in Bielefeld seit Ende 1992 eine umfangreiche Strafanzeige gegen Balsam vor. Darin hatte ein ehemaliger Mitarbeiter, zunächst anonym, sehr detaillierte Vorwürfe erhoben.
Doch Oberstaatsanwalt Jost Schmiedeskamp tat sich schwer. Die Vorwürfe seien nicht beweiskräftig genug und zum Teil verjährt. Dennoch nahmen Kriminalbeamte auf eigene Faust die Ermittlungen auf.
Ins Rollen kam die Affäre aber erst vor wenigen Wochen. Da wurde bekannt, daß Schlienkamp bei einer Druckerei in Bielefeld Blankobögen mit dem Briefkopf von Arthur Andersen und anderer Wirtschaftsprüfer in Auftrag gegeben hatte.
Als daraufhin Schlienkamp für Montag vergangener Woche zum Verhör geladen wurde, knickte der Finanzjongleur ein. Telefonisch kündigte er vorab an, ein Geständnis ablegen zu wollen.
Während der Balsam-Vorstand in Untersuchungshaft sitzt, zittern die Mitarbeiter in Steinhagen um ihren Arbeitsplatz. Der von einem Gericht eingesetzte Notvorstand, der nun die Firma führt, meldete am vergangenen Freitag Konkurs an.
Die einzige Hoffnung der Belegschaft ruht nun auf den noch nicht ausgeführten Aufträgen. In den Büchern der Firma, die 1993 einen Umsatz von 460 Millionen Mark ausgewiesen hatte, warten noch Aufträge im Wert von 40 Millionen Mark auf ihre Erledigung. Und die, so beteuert Notvorstand Wolfram Gaedt, sind echt. Y

DER SPIEGEL 24/1994
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