14.03.1994

FilmEin Sohn aus Belfast

„Im Namen des Vaters“. Spielfilm von Jim Sheridan. Großbritannien 1993.
Wer die "Guildford Four" sind, braucht einem Briten oder Iren keiner mehr zu erklären. Spätestens seit 1989 kennt jeder Gerry Conlon, Paul Hill, Paddy Armstrong und Carole Richardson.
Nach zwei mörderischen IRA-Bombenanschlägen auf Pubs bei London verhaftet, von hysterischen, brutalen Polizeibeamten dank eines eben erst verabschiedeten Antiterror-Gesetzes zu Geständnissen gepreßt, war das Quartett 1974 samt einigen Bekannten und Angehörigen, angeblichen Komplizen, zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Eingekerkert wie Schwerverbrecher, mußten die harmlosen Hippies, die nichts mit den Anschlägen zu tun hatten, 15 Jahre auf ihre Entlassung warten; noch immer beschäftigen Rehabilitationsprozesse die Gerichte.
Diesen wohl übelsten Justizskandal der britischen Nachkriegsgeschichte auf Spielfilmlänge zu bringen ist schon tollkühn. Aber Regisseur Jim Sheridan wagt noch mehr. Er erzählt aus der Sicht von Gerry Conlon, und so wird sein temporeicher Polit-Thriller, der wahrlich genug Quälerei, Verhörterror und schiere Panik enthält, abseits aller Action zu einem subtilen Drama zwischen Vater und Sohn.
Giuseppe Conlon, der kleine Angestellte aus Belfast, kommt nach England, um seinen Sohn Gerry aus der Untersuchungshaft zu holen. Prompt wird er selbst, als Mitwisser, eingesperrt, Tür an Tür, schließlich in einer Zelle mit dem verbitterten Jungen. Lange dauert es, bis Gerry - meisterlich verkörpert von Daniel Day-Lewis - seinen frommen alten Herrn verstehen lernt.
Spätestens aber nachdem ein echter, unbelehrbarer IRA-Mann, den beide Conlons inzwischen als wahren Urheber der Anschläge kennen, in sinnloser Rache einen britischen Gefängnisaufseher umgebracht hat, ist Gerry klar: Sein zum Haß unfähiger Vater, den er stets für seine eigene trübe Existenz verantwortlich gemacht hatte, ist mehr als bloß ein feiger Dulder.
"Ich wollte den Teufelskreis der Schuldzuweisungen brechen", sagt der Regisseur - und muß sich nun selbst verteidigen. Empört erklären viele Beteiligte des Falles, sie würden auf der Leinwand ein zweites Mal betrogen: Aussöhnungsstory und Gerichtsverfahren, ja sogar die Beweisführung der rührend emsigen Anwältin, die die unschuldigen Opfer schließlich aus ihrer Haft freikämpft (Emma Thompson), entsprächen nicht den historischen Tatsachen.
Gelegen kam der Protest einigen britischen Konservativen, denen ihr Rechtssystem noch immer heilig ist. Zumindest teilweise, schrieb die Sunday Times, sei das Werk "ein Haufen Blödsinn". Ausgerechnet dieser Film, der offizielle Vertuschungsmanöver anprangern wolle, beuge selbst die Wahrheit. Nicht minder dubios sei es, den Nordirlandkonflikt auf das Generationenproblem zurechtzustutzen, ergänzten andere. So werde ein tragisches Ereignis cineastisch gekidnappt. Doch wie weit immer Sheridans erklärte Nicht-Dokumentation, die auf den Memoiren des realen Gerry Conlon basiert, unter dem Druck von Hollywoods Kommerzregeln die Fakten kappen und verzerren mag: Seine aufrüttelnd direkten Bilder sprechen einfach für sich - mit ihrer Präzision, vor allem aber durch die Kunst der Darsteller.
Ergreifend verhalten und nie larmoyant spielt Pete Postlethwaite den biederen Giuseppe, der kurz vor seiner Entlassung stirbt. Extremrollenspezialist Daniel Day-Lewis, der mit Sheridan schon in dessen gefeiertem Kinoerstling "Mein linker Fuß" gearbeitet hatte, spricht gar perfektes Belfaster Irisch (das durch die deutsche Synchronisation leider ausgelöscht wird).
Publikumsovationen wie in Irland oder den USA wird die "ätzend brillante" Anklage (The New York Times) hierzulande zwar kaum ernten. Zu bequem fernab liegen Wut und Verzweiflung der Nordiren. Aber selbst jene, die der weiter schwelende Haß auf beiden Seiten ungerührt läßt, sollten diesen Film ansehen, und sei es nur, um zu staunen, daß so kurz nach "Schindlers Liste" wiederum ein Film dem Unheil, das Menschen einander antun, durch pures Erzählen bewundernswert nahe kommt. Y

DER SPIEGEL 11/1994
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DER SPIEGEL 11/1994
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